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Die neue Welt · 1930-08-01 · Heft 150 (1.8.1930) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 150 (1.8.1930)
Date
1930-08-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Spfte 2 DIE NEUE WELT Nr. 150 tillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllU |oie Wiener weltbekannten SYNAGOGEN ORNATE ■[ für Rabbiner und Kantoren| Chor- und Dlenerbekleldung s Lieferant vieler in- und auss ländischer Kultusgemeinden £ Vtriantl nach allen Landern! s Illustr. Preiskataloge gratis! 5 Alles Unlfformierungen und Sportausrüstung s für Vereine and Verbände S Maßschneiderei für _ elegante Herrengarderobe 5 Billigste Preise Zahlung» erleichterung | 1 Rudolf Goldstein | Wien, Bl., Taborstrafte Nr. Telephon R-49*0-48 | Gegründet 1866 Achtung aul die Hausnummer! Tlllllllllllllllllllllllllllllllllliiiiiilllllllllllllllllllllllllllllllii; Dozenten jüdischenBekenntnisses überbesetzt i st?" Uebrigens ein köstlicher Ausr druck: „überbesetzt"! Daraufhin gerieten wieder die Israeliten deutscher Nation am schönen Rhein in schmerzliche Aufregung, und der Kölner Verband des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" richtete einen Beschwerdebrief an die „Kölnische Volkszeitung", in welchem es heifit: „Wir verkennen Ihre Absicht nicht, katholischen Gelehrten das Wort zu reden, aber wir glauben, daß diese Bemühungen nicht in einer Form betätigt zu werden brauchen, die Angehörige einer anderen Konfession kränken muß. Wohin soll es führen, wenn die Bewertung Gelehrter von Standpunkt der Religionszugehörigkeit erfolgen würde? Wir. glauben, daß der Förderung der Wissenschaft nur dadurch gedient werden kann, daß nur die Besten ihr dienstbar gemacht werden, und wir müssen' eine Auffassung ablehnen, nach-"welcher das religiöse Bekenntnis ein ausschlaggebender Faktor sein könnte; Kelsen ist zwar Jude, aber er ist ein deutscher' Rechtslehrer,: ebenso iwie die in Köln wirkenden Dozenten jüdischen Glaubens deutsche Gelehrte sind." Da streiten sich die Leut* herum ... Dabei ohne jeden Grund. Kelsen hieß früher Kohn. Wie alle charaktervollen Juden, welche an die Krippe wollen, ließ er sich zur Zeit der Monarchie taufen und wurde ein Kelsen. Nach dem Umsturz drehte er den Mantel nach dem Winde von links. Da warfen ihn die Wiener Klerikalen hinaus, was durchaus nicht erstaunlich ist. Kein Grund für Juden, aufgeregt zu sein. Aber auch die Herren Katholiken sollten sich beruhigen. Kohn-Kelsen ist ja gut katholisch. Er paßt ihnen trotzdem nicht? Das ist ja unerlaubter Zweifel an der Kraft der heiligen Taufe! Daß sich Kelsen ruhig als Jude verteidigen läßt? Das kommt eben daher, daß er ein sehr charaktervoller Mann ist. Wie jeder, der vom Judentum wegläuft. * Thomas Mahn als Gast. Das Wiener Studentenrecht wird zwar praktisch schon gehandhabt, will aber theoretisch nicht zur Rube kommen. Die jüdischen Deutschen sind aufgeregt. Sie schlagen wild um sich und rufen sogar den Verfassungsgerichtshof an, um sich von ihm bestätigen zu lassen, daß sie rechte und echte Deutsche sind. Deutsche arischen Geblüts? Nicht ganz. Denn, diesen Kowed lassen sie sich nicht nehmen, der berühmte Professor X war in erster Ehe mit einer Jüdin verheiratet, der namhafte Dozent Y hatte einen jüdischen Oheim, der Enkel des bedeutenden Gelehrten Z hatte eine jüdische Stiefschwester. Also nieder mit dem engherzigen, verfälschten Rassenstandpunkt! Deutsche, Deutsche sind wir alle. Diesen blühenden Assimilantenunsinn, der aus der Furcht geboren ist, jüdische Söhne könnten — Gott behüte! — in die jüdische Studentennation eingereiht und so aller Welt als Juden sichtbar werden, läßt sich ein Wiener Montagsblatt, Vertreter deutschisraelitischer Belange mit dem damit korrespondierenden Niveau, von einem Spässen sonst abgeneigten Manne garnieren, von Thomas Mann, dem Dichter, in dem sich das Wesen der deutschen Geistigkeit heute verkörpert. Thomas Mann war, als er' die „Bekenntnisse eines Unpolitischen" schrieb, zwar konservativ gesinnt, aber mit der Tugend begabt, sich von der Pseudokultur fernzuhalten. Der an und für sich sympathische Umschwung in seiner politischen Gesinnung hat ihn leider dazu verführt, tausenderlei minderwertige Erscheinungen zu bejahen, ja, ihnen Vorschub Zu leisten. Diesmal ziert er mit einem rassentheoretischeu d Bekenntnis die erste Seite eines Wiener Montagsblattes, das in der Saure-Gurken-Zeit — die Bebenkatastrophen haben aufgehört — mit israelitischen Angel egenheitefi aufwarten muß. Der tön solche» Örganen geführte „Kampf legen den Antisemitismus" verdirbt alles* Er verschiebt das jüdische Problem auf eine falsche Ebene. Er korrumpiert auch geistig starke Naturen. * Eine Verirrung der Habima? Durch die Presse ging die Nachricht, daß Habima ein Stück des jiddischen Dichters David Bergelson aufführen wolle. Habima spielt bekanntlich auch fremde, nichtjüdische Autoren. Und das ist gut. Habimas hebräische Mission hat nicht nur die künstlerische Wiedergabe der jüdischen realen und metaphysischen Formen zu sein. Habima hat auch die Aufgabe, Werke der Weltkultur in hebräischem Gewände dem jüdischen Volke zu vermitteln. So kann sie Kunst, die an sich international ist, durch das Prisma des Nationalen in Sprache und spezifischer Auffassung verwirklichen. Habima ist aber ein hebräisches Theater, somit Untertan dem jüdischen Renaissanceged ank en. Steht die Aufführung eines Bergelsonschen Stückes („Der Taube") mit Habimas Mission in Einklang? David .Bergelson ist ein intransigenter Hasser der hebräischen Neukultur, hat sich der „Jewsekzia" verschrieben und in dieser Eigenschaft jüdische Kolonisten in Sowjetrußland publizistisch denunziert, weil sie Zionisten waren, ist im Gegensatz zu den jiddischen Dichtern H. Leiwik, A. Reisen u. a. nicht aus der New Yorker jiddischen Tageszeitung „Freiheit" ausgetreten, als sie während der Augustmetzeleien in Palästina die arabischen Mörder verherrlichte, hat jüngst in Bei Essig wirkt Huber-Reklame süß, Imitierte Idee macht aber miefi. Bringt jemand schon Schärfe nicht in die Witze, Wie brächte er sie in des Schwertes Spitze? Warschau in einem Vortrag alte, ehrwürdige jüdische Traditionswerte mit Gift und Galle bespien. Steht es mit Habimas Würde und nationalem Stolz in Einklang, einen solchen Namen mit ihrem Wirken zu verknüpfen? * „Nationen" spielen Schach. In Hamburg wurde soeben ein Schachwettkampf ausgetragen, an welchem aethzehn Nationen teilnahmen. Achtzehn Nationen stritten in dieser Schacholympiade um die Ehre des Sieges: Polen, Ungarn, Deutschland, Tschechoslowakei, England, Frankreich, Rumänien, die Randstaaten, die nordischen Staaten, Amerika und sagar — Indien. Hier gab es keine Protektion, keine Bevorzugung, keine Behinderung der Kräfte und — siehe I — an zweiter Stelle landeten die Ungarn, an erster die Polen! Die Ungarn und Polen also sind die genialsten Schachnationen. Das ist der Eindruck, den die am Schach interessierte Welt von der Hamburger Olympiade erhalten hat. Nur hat man vergessen mitzuteilen, daß die Polen keine Polen und die Ungarn keine Ungarn waren, sondern — Juden. Als Polen erschienen die jüdischen Schachmeister rtubinstein, Tartakower, Przepiorka, Fry dmann; als Ungarn das jüdische Schachquartett Takacs, Havasi, Vajda und Steiner. In ihrer Heimat werden zwar die Juden Polens mit allen Mitteln des wirtschaftlichen Boykotts und terroristischer Willkür eingeschnürt und zur Verelendung getrieben; werden die Juden Ungarns als Menschen minderer Klasse behandelt und hinter das Gitter des Numerus clausus gepreßt. Aber als Verfechter der Schachehre sind sie Vertreter der Nation. Wir wollen das edle Schachspiel gewiß nicht in den Bereich einer nationalen Politik ziehen. Immerhin ist die Frage zu erwägen, ob nicht die Teilnahme jüdischer Schachmeister an Wettspielen als Repräsentanten der jüdischen Nation natürlicher wäre. Copyright by „Die Neue.Welt", Wien. Nachdruckend Uebersetzung nur mit Erlaubnis des Herausgebers. Theodor Herzls tragischer Kampf um den politischen Zionismus* ■"i; ...ni. w, '..■/...,...' /; (Siehe Nr. 148 . und 149.) Das Geplänkel um den Kongreß geht weiter. Zwischen der in den Tagebüchern vermerkten Zustimmungserklärung Dr. A. Kaminkas vom 23. Jänner 1896 bis zu dem von Herzl an Kaminka gerichteten Schreiben vom 13. März 1897 liegt ein Zeitraum von rund 14 Monaten. Diese 14 Monate bilden die erste Epoche, in welcher Herzl mit der jüdischen Welt in Kontakt zu kommen beginnt und das Anziehungs- und Gegenströmungsmoment immer schärfer sich herausbildet. Naturnotwendig mußte die Chowewe Z i o n, deren Organisationsform und Ideologie wir bereits gezeichnet haben, auf Herzls politische Tendenzen teils als geschlossene Körperschaft, teils durch einzelne Repräsentanten reagieren. Dr. A. Kamin ka war, wie erwähnt, einer der ersten, die sich an Herzl gewendet hatten. Herzl konnte ein Mann vom Range Dr. A. Kaminkas in seiner Eigenschaft als Rabbiner osteuropäischer Herkunft, falls er sich seinen politischen Ideen zugänglich erweisen sollte, als Briidte und Mittelsperson zum Ost Judentum erscheinen. Sinxi doch die Anstrengungen Herzls und seiner Freunde, die Chowewe Zion zur Anteilnahme am I. Kongreß zu bewegen, bekannt! Es haben zwischen Herzl und Dr. Kaminka Begegnungen stattgefunden, die allerdings kein positives Resultat zeitigten. Man kann ruhig annehmen, daß eine starke Enttäuschung platzgriff. Dr. A. Kaminka tritt aus dem Aktionskreis Herzls heraus. Späteren Tagebuch-Eintragungen Herzls ist sogar zu entnehmen, daß Dr. Kaminka im Sinne der Chowewe Zion seine eigenen Wege ging, die dem Herzischen Organisationsgedanken zeitweise diametral entgegengesetzt waren. So lesen wir vom 25. April 1896: „Gestern war Schnirer und Kokesch bei mir. Sie klagten, der kleine Dr. K. '. . . .wolle sich los-r reißen'. Er agitiere auf eigene Faust in Mähren usw. und es solle .iunerpolitisch* gewirkt werden. Beide erklärten K. ... für einen Streber, dem es nur um die Ergatterurig einer persönlichen Situation zu tun sei. Schnirer sprach davon, sich zurückzuziehen. Kokesch wollte tK. . . . durch Zugeständnisse wieder kriegen. Ich sagte diesen beiden, die zu den besten der hiesigen Zionisten gehören: .Weder das eine noch das andere, sondern arbeiten! Beginnen Sie endlich das oft besprochene Organisationswerk, so entziehen Sie diesen Separatisten den Boden.' Schnirer sagte, er habe K. . . . aufgefordert, ie Resultate seiner Agitation ,uns\ d. h. dem Zionsverband, zu überlassen. K. . .. . lehnte das ab, das habe er nicht für ,uns' getan. Ich höre aber aus Mähren, daß die jungen Leute mit meinem Namen agitieren — und doch .nicht für uns'? Heute war der Rabbiner Dr. L:... G____aus Mießlitz bei mir und bat mich um Unterstützung, da er in Floridsdorf Rabbiner werden möchte. Er ist Zionist. Er teilte mir bei dieser Gelegenheit mit, daß die jungen Leute in Mähren den Rabbinern schreiben, sie mögen Anteilscheine ä 50 fl. zur Gründung einer jüdischen Zeitung aufbringen.' „Das ist offenbar K. . . . s Idee." Wir sehen, daß in dieser Periode sowohl seitens der Chowere-Zionisten als auch seitens der politischen Zionisten parallellaufende Bemühungen zur organisatorischen Formierung am Werke sind. Inzwischen gestalten -sich im Mutterland der Chowewe Zion, in Rußland, die Dinge derart, daß dort der Widerstand gegen Herzls organisatorische Maßnahmen an Schärfe verliert. Als die Propaganda der politischen Zionisten zur Einberufung des I. Kongresses einsetzte, bemühte sich die russische Chowewe Zion, Herzl von der.ihn,en gefährlich erseheiuenden Idee abzubringen, vornehmlich aus der Angst, daß eine solche Kundgebung die russische Regierung zu Judenfeindlichen Maßnahmen bewegen könnte. Hatte doch Dr. Max N o r d a u auf dem Kongreß ein Referat über „Die.Lage der Juden i n d e n einzelnen Länder n", also auch in Rußland, halten sollen! Die Bemühungen der Chowewe Zion gingen sogar so weit, daß sie ihren Sekretär Grünberg nach Wien sandten, damit er Herzl umstimme, Grünberg gab aber unter dem machtvollen Eindruck von Herzls Persönlichkeit sein Vorhaben auf und kehrte nach Rußland zurück. Die Kongreßidee war nicht mehr aufzuhalten. Zu weit war die Einflußsphäre gezogen. In dieser Stimmung entschloß sich die Chowewe Ziort dazu, wenigstens den Gang der Kongreßverhandlungen mitzubestimmen. Auch Dr. Kaminka kam wieder. Er schrieb Herzl einen Brief, in welchem er allerlei Vorschläge zur Tagesordnung des Kongresses machte und auch sonstige Ratschläge gab. Die Antwort Herzls auf diesen Brief, die am 13. März 1897 erfolgte, haben wir in der vorigen Nummer im Original und im Faksimile wiedergegeben. Der Brief ist, wie der Leser bemerkt haben wird, geradezu sensationell im Punkt f) Rabbi n e r f r a g e n. Wtu* die Einstellung Herzls kennt, seine bange Sorge, es durch Aufrollung

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