Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 150 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 flbnfdMn V.b.b. BEZUGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—. vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc.15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—. vierteljährig Dinar 40.— : Rumänien monatlich Lei 40.- vierteljährig Lei 120.—.' R EVU E BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—: Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweber Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon; A25-2-82 ~ Erscheint jeden Freitag Jahrgang 4 Freitag, den 7. August 1930 Nr. ISO Orth, ups Ii sowie diverse Käsesorten in feinster Qualität, streng verläßlich, liefert Stauffer & Söhne, Käsefabriken Sopron - Ungarn Vertretung: Ludwig Schischa, Wien II, Praterstrafle SO Telephon R 43-7-27 Die politischen Vorgänge um Palästina* London, 26. Juli. Ueber die politische Lage im Zu* sammenhang mit den Problemen Palästinas, wie sie sich in London darstellt, erfährt die Jüdische Telegraphen« Agentur: Die zionistische politische Situation ist seit der Suspendierung der Einwanderurig im wesentlichen u n« v e r ä n d e r t geblieben. Die nach sechswöchiger Unter» brechung stattgefundene Zusammenkunft zwischen dem Präsidenten der Jewish Agency Chaim Weizmann und dem britischen. Kolonienminister Lord' P a s s f i c 1 d hat, wie sich herausstellt, kc in A e ti-d er un g der Lag e .e r g e b e n.. Die jüdische Protestbewegung in aller Welt und auch die Tatsache, daß der Bericlit der PerV manenten Mandatskommission dem britischen Gesichts« punkt weniger günstig ist, als von der Regierung angenommen worden war, hat ohne Frage auf das Kolonialamt Eindruck gemacht. Die Verhandlungen zwischen Kolonialamt und zionistischen Führern setzen sich fort. Entscheidungen von Bedeutung sind nicht zu erwarten, solange der Bericht Sir John Simpsons nicht erstattet ist. Dieser Bericht wird, obwohl Simpson im Laufe der nächsten 14 Tage in London zurückerwartet wird, wie man annimmt, nicht vor Oktober beendet sein. In Anwesenheit von Colonel Kisch, der als Mitglied der Palästina*Exekutive der Jewish Agency das politische Ressort verwaltet Und vor einigen Tagen in London ein» getroffen ist, fand eine wichtige Sitzung der Zionistischen Exekutive in London statt. Am 22. Juli trafen sich Pro« fessor Weizmann, Felix M. Warburg, der soeben aus Amerika eingetroffen ist, und Colonel Kisch zu einer Be* sprechüng in Paris. Die P a 1 ä s t i n a « D e b a 11 e im Unterhaus wird aller Wahrscheinlichkeit nach in der nächsten Woche stattfinden. Der gegenwärtig in London auf Urlaub weilende; High Commissioner für Palästina, Sir John Chancellor, verweigert U n te r* redwngen, Die in London eintreffenden Berichte über eine, wenn auch geringe Steigerung der A r b e i t s 1 o s i g« keit in Palästina, erregen Sorge. Die Steigerung der Arbeitslosigkeit ist zu einem Teil auf die wirtschaftliche Krisis in der ganzen Welt zurückzuführen, von der auch Palästina berührt wird, zum anderen Teil auf den ents m u t i g e n d e n Einfluß, den die Suspendierung der Einwanderung auf die Juden in Palästina und im Aus* land ausgeübt hat. __ Viele Personen und Unternehmungen in Palästina haben eine abwartende Haltung eingenommen und zeigen Widerstrehen, sich in . neue Pläne oder Investitionen einzulassen, solange die Absichten der britischen. Regierung in der Frage des jüdischen Nationalheims nicht klar geworden sind. Die Haltung der Regierung beeinträchtigt ferner in ernster Weise die Geldaufbringung für Palästina und die Bereit» schaft der Juden außerhalb Palästinas, weiter Kapital in Palästina zu investieren. In dieser Weise ist eine Situation geschaffen, die dem Zirkelschluß gleicht: Die Regierung hat die jüdische Einwanderung suspendiert wegen der Befürchtung, daß die jüdische Einwanderung die wirtschaftliche Auf* nahmefähigkeit des Landes übersteigen könnte, und diese Maßnahme hat die jüdischen Investitionen und Unter* nchmungen in einem solchen Ausmaß beeinträchtigt, daß dadurch die wirtschaftlichen Bedingungen Palästinas schwieriger geworden sind. Da* mit ist der Regierung ein Grund mehr für eine ein* schränkende EinwanderuTlgspolitik gegeben, Ohne luden ♦♦ Wie die für den September angesetzten Reiehstagswahlen in Deutschland ausfallen werden, ist ungewiß. Sicherlich werden die radikalen Rechten und Linken energisch an die Sache herangehen. Die Hitler-Leute, denen die letzten Wahlen in Deutschland große Erfolge gebracht haben, werden, mit schwerindustriellem und agrarischem Gelde verseilen, im Vordergründe der Wahlagitation stehen. Und auch Moskau wird sich die Sache etwas kosten lassen, auch die Kommunisten werden auf dem Platze seint, Die politische Zerrüttung in Deutschland, verbunden mit einer noch nie dagewesenen Steigerung der Arbeitslosigkeit gibt ihnen gute Chancen. Trotz alledem ist der Ausgang ungewiß. Gewiß ist nur eines: Die Wahlen werden im Zeichen, der J u d e n f r a g e stattfinden! Die verschiedenen Parteien werden an die Wähler die verschiedensten Fragen stellen. Aber von allen Seiten her wird die Frage ertönen: „Wie stellst du dich zu den Juden?" Kampf gegen die jüdische Herrschaft, gegen das jüdische Kapital, gegen die jüdische Presse, gegen das Eindringen jüdischen Einflusses ins deutsche' f Küfttirlebcn wird den Hauptgegenstand der VersprechungenbiklenV-welchip die Kandidaten den "Wählern geben, denn Antisemitismus ist eine politische Ware, für welche jetzt in Deutschland höchste Preise gezahlt werden. Dafür haben die Hitler-Leute, die Hakenkreuzler geschickt gesorgt. Vielleicht auch die etwas geräuschvoll sprechenden und schreibenden jüdischen Journalisten und Politiker, vielleicht auch der Kurfürstendamm, der sich allzu sehr und allzu laut damit beschäftigt, das „geistige Antlitz" Deutschlands nach seinen Ideen zu formen; Deutschland mit neuer Literatur, neuem Theater, neuer Erotik und sonstigen Segnungen allzu reichlich beschenkt. Daß in diesem Wahlkampf die Belastung mit jüdischem Anhang wenig vorteilhaft sein wird, haben auch diejenigen Parteien erkannt, welche jüdische Unterstützung, jüdische Stimmen und jüdisches Geld in hohem Maße bekommen und gern genommen haben, die Sozialdemokraten und die Demokraten. Sie rücken von den Juden ab, äußerlich sogar sehr entschlossen. Siehe den Fall des Bernd Mayer, der sich vor wenigen Wochen abspielte, der Fall jenes Juden und Genossen Bernd Mayer, welcher sich eine Kugel in den Kopf jagte, weil die Sozialdemokraten ihn fallen ließen. Die Sozialdemokraten hatten eine Bankleiterstelle bei der Gemeinde Berlin zu besetzen. Sie präsentierten Bernd Mayer. Ein Herr » von der deutschen Volkspartei fragte höflich: „Muß es gerade ein Jude sein?" Rasch und höflich erwiderten die Sozialdemokraten: „Gewiß nicht! Wir bitten den Fehlgriff zu entschuldigen!" Und schon ließen sie ihren Schützling Bernd Mayer fallen und präsentierten einen guten Christen. Noch eindringlicher und anschaulicher haben jetzt die Demokraten ihre Absicht bekundet, auf jüdische Gesellschaft und jüdische Mitgänger zu verzichten, wenn höhere Zwecke, das heißt Wahlerfolge auf dem Spiele stehen. Sie wollen im Rennen bleiben. Also weg mit dem Judenballast! Vor einigen Tagen hat sich in Deutschland eine neue Partei gebildet, die Staatspartei. Die demokratische Partei ist beigetreten, ihr Obmann KochrWeser hat den Auf ruf. gefertigt* . Vorher aber war eine Kleinigkeit zu bereinigeni Die neuen Gesellschafter, die Herren V,o.l:l£;sV. n a t i 6 n a 1 e 11 und die Herren vom J u n gd e u (sehen Or d e n, sprächen den Wunsch aus, die neue Partei nicht mit den jüdischen Führern der Demokraten zu belasten. Kaum war der Wunsch ausgesprochen, so war er auch schon erfüllt! Die Demokraten zogen alle jüdischen Unterschriften unter dem Aufruf der neuen Partei zurück und verzichteten gerne darauf, einen ihrer jüdischen Parteiführer in die Leitung der Staatspartei zu entsenden. Auch einer ihrer ersten jüdischen Macher, der Führer der demokratischen Fraktion im Reichstag, Dr. Oskar Meyer, ist in der neuen Parteileitung nicht drin. Meyer! Ein fataler Name. Schon wieder ein Meyer. Erst war's der Bernd, jetzt ist es der Oskar. Hoffentlich hat Oskar keinen geladenen Revolver bei der Hand ... „Verehrte Freunde und Demokraten! Könnten Sie nicht so gut sein, Ihre Herren Juden ein bißchen hinauszuschmeißen?" — „Bitte sehr! Bitte gleich!" RUNDSCHAU Wenn die Regierung nicht will . . . Cusistische Studenten zogen prügelnd, verwüstend, plündernd durch jüdische Geissen. Der nationalzaranistische Unterrichtsminister nahm sie in Schutz, ja belobte sie. Durch Bessarabien und Altrumänien raste eine Pogromwelle. „Die Ruhe im Lande ist nirgends gestört", gab die Regierung von sich. Cusa und seine Freunde hielten blutrünstige Reden im Parlament. Die Regierung hatte Baumwolle in den Ohren. Danila Totu, Codreauu . führten die südbukowinischen Bauernbanden an, überall Panik verbreitend. Gendarmerie und Militär kampierten in den Kasernen. Das jüdische Städtchen Borsa brannte. „Eine zufällige Katastrophe", meldet die Regierug ins Ausland. . Da krachte ein Schuß über, den Kopf der Juden — er galt dem Innenminister Anghe- 1 e s c u. Die Regierung hat endlich ihre Sprache gefunden. Sie gibt Kommuniques aus, die von Kraftausdrücken gegen die Antisemiten nur so strotzen. Wunder, Avas alles sie zu unternehmen verspricht! Ja mehr noch, sie sperrt ihren Codreanu ein. Die Gesandten im Ausland fabrizieren Interviews und „ntetivieren" die Lage. Die Pogrome haben vorläufig aufgehört. Aufgehört, weil die Regierung sie nicht mehr braucht, Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet! weil sie. sieht, daß man mit Judenmord die verelendeten Bauernmassen nicht mehr beruhigen kann. Das zaristische System bewährt sich nicht lange. Es geht der Regierung an den Kragen, und — siehe da — die Pogrome haben vorläufig aufgehört. Es gibt keine Pogrome, wenn eine Regierung nicht will. Wird sie bald wieder welche brauchen? * Israelitische und katholische Schmerzen. Der Fall des Professors Dr. Hans Kelsen, welcher von Wien weg nach Köln ging, hat die Israeliten deutscher Nation mächtig aufgeregt, mehr als die Pogrome in Rumänien und die Vorfälle in Palästina. Das alles sind Kleinigkeiten gegen den Fall Kelsen. In Wiener und Berliner Blättern, merkwürdigerweise aber auch in gewissen zionistischen, wurde darüber geklagt, daß dieser ganz hervorragende Gelehrte, diese Zierde deutscher Wissenschaft von den Antisemiten der Wiener Universität fortgeekelt wurde*, ein „Opfer der reaktionären Unduldsamkeit", ein Opfer des Judenhasses. Dann haben sich wieder die Kölner Katholiken aufgeregt, wenn auch nach etwas anderer Richtung hin. Die „Kölnische Volks^eitung", das Organ des rheinischen Zentrums, machte die Bemerkung: „Ist dem Oberbürgermeister nicht bekannt, «daß die Universität Köln bereit* mit