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Die neue Welt · 1930-07-25 · Heft 149 (25.7.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 149 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. W Dlfi NEUE WELT Seite $ einem Wohnungswechsel die Garantie dieses als Mädchenhändler geführten Simon Rubinstein bei. Anderen höheren Polizei* beamten werden ähnliche Verbindungen mit den ,.R u f u anos" wie die Mädchenhändler hier genannt werden, nachgewiesen. Das Vertrauen zu der Polizei ist so sehr gesunken, daß man auch jetzt an den Ernst ihrer Aktion nicht glaubt, und der Ansicht huldigt, daß ein großer Teil der in Betracht kommenden Verbrecher von Mitgliedern der Polizei rechtzeitig gewarnt wird, damit sie sich der Verhaftung entziehen können. Tatsäch* lieh ist es auch dem am meisten belasteten Teil der Frauenhändler gelungen, rechtzeitig sich aus dem Staub zu machen. Nun zu der für uns wichtigen Frage: Gibt es in Argentinien nur Juden, die sich mit Frauenhandel und dem Bordellgewerbe en gros befassen? Die argentinische Presse nimmt gleichfalls zu dieser Frage Stellung und weist einmutig darauf hin, daß der Vertreter der argentinischen Regierung in der Völkerbunds kommission zur Bekämpfung des Mädchenhandels sich unter Berufung auf die Staatsnotwendigkeiten der Abwehr« kommission störend in den Weg gestellt habe. Der argentinische Vertreter erklärte damals, daß Argentinien als Land von Einwanderern ohne Prostitution nicht bestehen könne. Es wurde damals behauptet, daß Argentinien etwa zehntausend Prostituierte braucht, und da habe man sich nicht den Kopf darüber zu zer* brechen, auf welchen Wegen diese zehntausend Unglück» liehen Geschöpfe nach Argentinien gebracht werden. Das Wichtigste sei das „Wohl" des Landes. Das populäre Abendblatt „El T e 1 c g r a f o" nimmt in einer Artikel? serie zu der Frage Stellung, warum die ganze Frauen* händlerangelegenheit als eine jüdische dargestellt, und die Polizei jetzt mit eincmmal bloß gegen die Juden losgelassen wird, die sich, so »weit sie mit dem schänd* liehen Gewerbe nichts gemein haben, diese Parasiten ohne« dies mit allen Mitteln vom Leibe zu schütteln trachten, und fährt dann fort: „Es ist gerade jetzt wichtig und notwendig, daran zu erinnern, daß nicht nur die „R usso s" und „P o* 1 a k e n" (gemeint sind die Juden) sich in Buenos Aires mit diesem verwerflichen Handel abgaben. Ständig wächst die Zah/ 'er Franzosen, Italiener, Spanier und Angehqf en anderer Nationalitäten in diesem Gewerbe, die ab( geschickter und vorsichtiger sind als die Juden! Anstatt eigene Organisationen zu bilden, trachten sie sich in die allgemeine Gesellschaft einzuschmuggeln. Sie be* suchen dieselben Lokale wie die anständige Bevölkerung, werfen mit dem Geld um sich, gründen oft mächtige Unternehmungen, Hotels, Restaurants, Theater, ohne, dabei ihr ekelhaftes Gewerbe aufzugeben, und leben von den Frauen, die sie ausbeuten.^Kaufleute mit, Millionen* vermögen, mächtige, einflußreiche Fabrikanten, die Mit* glieder der verschiedenen nichtjüdischen Nationalitäten sind, gehören der Bande von Frauenhändlern an, welche unsere Hauptstadt zum Zentrum ihres ver« brecherischen Handelns gemacht haben. Es ist daher die dringende Pflicht der Justitz, gegen diese gefährlichen Dunkelmänner mit aller Energie vorzugehen und sie un* schädlich zu machen." Die größte Tageszeitung von Südamerika ,.L a Prensa" weist gleichfalls darauf hin. daß die Zahl der nichtjüdischen ^Fraucnhändler und Bordellmagnaten die der jüdischen bereits mehrfach übersteigt. Sie seien um so gefährlicher, als sie es verstehen, wenigstens nach außen hin, die Gentlemen zu spielen, obgleich auch sie von der Polizei als Frauenhändler in Evidenz geführt werden. Das Blatt fordert, daß sämtliche Mit« glieder der Frauenhändlcrgilde endlich zusammengefangen und entweder in Strafkolonien deportiert oder zu Zwangs* arbeiten verurteilt werden. Es ist sehr fraglich, ob Regierung und Polizei diesem Drängen zur radikalen Säuberung von Buenos Aires wird Folge leisten wollen. Vorläufig ist im Gefolge der Fahn; dung nach jüdischen Frauenhändlfcrn, die allerdings gleichfalls wenig Erfolg zeitigt, eine antisemitische Welle in Argentinien in Erscheinung getreten, die von nationalistischen Studenten in Buenos Aires ausgeht. Die anständige jüdische Bevölkerung, ganz besonders aber die jüdischen Kolonisten in Argentinien, welche, die erdrückende Mehrheit der jüdi* sehen Bevölkerung der argentinischen Republik bilden, setzen ihren Kampf gegen die „Runanos" mit Energie fort und erwarten die Unterstützung der Juden der ganzen Welt in ihrem Säuberungskampf. lllHIIMHIIJUIBjllilll^ll.lllUlllllillllfkHIllllitlUlljllimm |mn Jüdische Eltern! Kauft Schulbücher [ für Eure Kinder nur in der jüdischen Buchhandlung Hermann TtlCllllGl* Or^Stadtgufg. 7 (Icke Taboretraße 62) Tel. R-41-4-20 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen - auch Antiquarisch — 2u sehr mäßigen Preisen. * Verzeichnisse kostenlos! ru.mimniiumnuim^rii.m^ Antisemitische Propaganda in Argentinien. Buenos Aires, 18. Juli. (J. T. A.) Auf den Anschlagbrettern des von Juden bewohnten Stadtteiles von B u'enos A i r e s erschienen dieser Tage a n ti s cm it i s c h e Anschläge, in . denen die Verlreibung der Juden aus Argentinien gefordert wird und die Juden für die Existenz des M ii d c h e n h a u d c I s im Lande verantwortlich gemacht werden. „Die J u d e n h ab e n die E Ii r c d e t argentinischen Frauen verletzt; sie respektieren die argentinischen Gesetze nicht; die Juden sollten an unseren Schulen und Universitäten nicht geduklet und aus dem Lande vertrieben werden." Die Ansdilägc sind mit der Untcrsdirift „Söhne des Volkes" gezeidinet. Es handelt sich um eine mysteriöse Organisation, die mit einer antisemitischen Studentengruppc in Zusammenhang gebracht wird, welche vor einigen Wochen ein Plakat mit der Losung: „E r s clilägt, d i c Jude n" angebracht hat. Der unabhängige sozialistisdie Abgeordnete , B e z h i n s, k i, selbst ein J u d e, hat eine pqlizeiliche-^'Üntersudiung..;'äes; Ursprungs der Anschläge; ünd; Bestrafung der Sdmldigen gefordert. Das Lübecker Kindersterben ztt antisemitischer Hetze ausgenützt. Berlin, 19. Juli. (J. T. A.) Am 13. Juli abends Tand im .,11 h c i n g o l d" eine vom ..Arbeitsausschuß zur Verfolgung der' L ii b e c k er K. in d e rra o r d e" veranstaltete Versammlung statt, zu der außer Vertretern der betroffenen Lübecker Eltern (bekanntlidi sind in Lübeck bisher 55 Kinder infolge unzweckmäßiger Fütterung mit dem Ca Im eite-Präparat an Tuberkulose ge-v. sterben, während zahlreiche andere Kinder stark gefährdet sind) auch /ahlreiche Acrzte erschienen waren. In der "den Referaten sich nnsdilicßehden Aassprache kam es zu e r regten S z e n e n, als der sozialdemokratische Reidistngsabgeordnete Moses feststellte, daß der Vorsitzende des Elternausschusses, Dr. Steintal, in einem nationalsozialistischen Blatt ein Pamphlet gegen jüdische Aerztc geschrieben hat, in dem der Versuch gemacht wird, die Aufmerksamkeit von den wahren Schuldigen abzulenken und die Schuld j ii d i s c h e n Acrzten in die Schuhe zu sdiieben. In seiner' Erwiderung rückte das Mitglied des Elternausschusses, Dr. Meyer, von dem Artikel des Dr. Steintal ab und betonte die Notwendigkeit in dieser Angelegenheit parteipolitische Neutralität zu wahren. Der A. H. A. H.-Verband und die Aktiyitas der A. V. „Ka^tart'S Wien; .geben hietnit geziemend die traurige Nachricht vom plötzlichen Hinscheiden ihres v .? T; A. H. DR WALTER KOHN Ein treuer Bundesbruder, ein aufrechter Jude und ein" guter Zionist ist mit ihm dahingegangen. Fi d a c I 'tii ■ Für die. Aktiwitas: Für den A. H. A. H.-Verband Dr. J. Schallt m. p. Wien, iin Juin 9-30 pHII. Hans Welt dz. Fe a Im Zweien Weltk«&iatfererax der Am J3. und 14. Juli fand in Lemberg die 2. Weltkonfereuz der Radikalen Z i o n i s t e n statt, deren Beschlüsse und Resolutionen in der letzten Nummer der „Neuen Welt" bereits veröffentlicht wurden. Die Konferenz war aus Oesterreich, der Tschechoslowakei, Rumänien, Bessarabien. Bukowina, der Schweiz, Palästina, Deutschland, besonders stark aus Polen und Galizien beschickt. Den durchaus'öffentlichen Verhandlungen wohnten ein Vieltausendköpfiges Au.ütorium und Uber 40 Zeitungsberichtenstatter bei. Im Mittelpunkte der Verhandlungen stand das Verhältnis izu Präsidenten Weizmann und der jetzigen Zionistischen Exekutive. Deputierter Grünbaum trat als Führer jener Gruppe auf, welche den kämpf gegen die Weizmannsche Politik zurückstellen will. In diesem Sinne sprachen auch Dr. Gold mann (Berlin), Deputierter I n s 1 e r (Lemberg) u: a. Den 'Standpunkt, daß , mit dem derzeitigen politischen;System, durch; Dr., Weizmann repräsentiert, sofort und Entschieden gebrochen werden müsse, weil es den Zionismus in seiner Grundlage erschüttert, vertrat Ober- Ibaurat Robert Stricker (Wien). Ihm sehlqssen sich ■Dr. Wilcnsky (Palästina), Dr. Stern und Misrachi .(Rumänien), W echs I c r (Wien) u. a. an. Die Konferenz ^entschied sich schließlich einhellig für den von :'Strickcr und seiner Gruppe vertretenen Standpunkt und feindungen hat er, oft im Kreise engerer Kollegen, zu er* dulden! Der große Gelehrte, der beste deutsche Mann, den die Universität besitzt,, dessen Ideal sein Lieblings* dichter Friedrich Schiller ist, ist den deutschnationalen Studenten wegen seiner liberalen Gesinnung, wegen seines Gerechtigkeitssinns und seiner aufrechten Art verhaßt. Sie hassen ihn bis über den Tod hinaus, sie bleiben sogar dem Leichenbegängnis demonstrativ fern. Die jüdischen Studenten begleiten ihn korporativ zu Grabe, nachdem sie an seinem Sarge einen mächtigen Kranz mit blau*weißen Schleifen niedergelegt hatten, die die Inschrift trugen: „Dem unsterblichen Meister, dem tapferen Kämpfer für Menschenrechte — die dankbare jüdische Studentenschaft Wiens." Böse Erinnerungen tauchen auf, die in unserer raschlebigen Zeit im allgemeinen zu rasch vergessen werden. Als die d e u t s c h n a t i o n'a l e n Studenten, vom unduldsamen Geiste Schönerers ergriffen, den Be* Schluß faßten, Juden fortab keine Satisfaktion zu geben, denn nach ihrer Weltanschauung ist „eiti Jude der Ehre bar", da empört sich der Gerechtig* keitssinn Nothnagels, der an die Spitze des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus getreten war, und in einer Vorlesung — am 25. Juni' 1894 —• wendet er sich an die, Studenten mit einem mutigen Appell, bezeichnet den Antisemitismus als Kulturschande und fühlt sich beschämt von dem Beschlüsse der deutschnationalen Studentenschaft, Kommilitonen; die einen jüdischen Vater oder eine jüdische Mutter haben, das Höchste abzu* sprechen, was ein Mann besitzt: die Ehre, Ungeheurer Lärm, wüstes Schreien' und Trampeln, u n* beschreibliche Szenen folgen den Worten Noth* nagels und selbst die eindringlichen Bitten des Lehrers und der Assistenten, den Hörsal zu. respektieren, der von Krankensälen umgeben ist, in denen leidende Men* sehen Schmerzen und Aufregung zu erdulden haben, nützten nichts: der Hörsaal im Krankenhaus muß geräumt, die Vorlesung sistiert werden. Lange Zeit trug sich Nothnagel damals mit dem Gedanken, Wien den Rücken zu kehren und es bedurfte erst der Intervention höchster Kreise, ihn zu bestimmen, in, Wien zu bleiben, das er als seine zweite Heimat liebte. Welchen Angriffen und Hetzen war Nothnagel ausgesetzt, als an seine Klinik jener unglückliche Laboratoriums* diener, der sich mit Pestbazillen im Pathologischen Insti* tut infiziert hatte, eingebracht wurde, um von jenem un* vergeßlichen ärztlichen Helden, dem Assistenten Noth* nagels, Dr. Franz Müller, der selbst ein Opfer der schreck* liehen Krankheit geworden war, gepflegt zu werden! Obwohl die Klinik mit dem Falle ursächlich nichts zu tun hatte, wurde Nothnagel im Parlament und in der a n t U semitischen Presse mit haßerfüllten An* griffen überschüttet, ja man brachte es zuwege, ihn von Amts wegen acht Tage, nachdem der unglückliche^ Diener bereits bestattet war, zu isolieren und ihn so daran zu hindern, persönlich in der Gesellschaft der Aerzte seinem Assistenten, der ein weithin leuchtendes Beispiel von Heldentum gegeben hatte, den Nachruf zu; halten; Dieser Nachruf, von Nothnagel verfaßt und in?' der Trauersitzung der Gesellschaft der Aerzte vom Prä*/ sidenten zur Verlesung gebracht, war ein Kabinettstück deutscher Sprachkunst, von edelsten Gedanken und tiefster Empfindung durchweht, er bildet ein literarisches Denkmal von dauerndem Wert, das der Lehrer dem Schüler errichtet hat. Als Prüfer war Nothnagel gerecht und oft nach* sichtig, aber in einem Punkte war er unerbittlich: den Puls mußte der Kandidat untersuchen und beschreiben können. Nothnagel war ja bekanntlich der erste, der die Bedeutung des Blutdruckes für einzelne Krankheiten er* kannte, und so ist es verständlich, daß er darauf bestand, daß ein Kandidat den Puls fichtig fühle und entsprechend beurteile. Und noch in einem Punkte war er unerbittlich: Frauen blieben von seinen Vorlesungen ausgeschlossen. Als die Damen zur Medizin zugelassen worden waren, fand sich eines Tages eine Hörerin im Hörsaale ein. Als Nothnagel sie bemerkte, ersuchte er sie höflich, den Lehrsaal zu verlassen und hielt dann einen klassischen Vortrag, in dem er seine Stellung zum Frauenstudium im allgemeinen und zum Studium der Medizin im besonderen darlegte. Für die Frauen hatte er eine ans Romantische grenzende Verehrung, aber mit der modernen Bewegung, die dahin zielte, die . Frauen an der Arbeit, des Mannes teilnehmen zu . lassen, konnte er sich niemals befreunden. Seine Ansicht, die er in jener Vorlesung begründete, war, der schönste Zauber des Lebens ginge dahin, wenn die Frauen gleichfalls auf der staubigen Straße des Lebens den Karren ziehen müßten. Auf dem Matzleinsdorfer Friedhof wurde Nothnagel unter ungeheurer Beteiligung im Grabe seines Sohnes Walter zur ewigen Ruhe gebettet. In den Arkaden der Universität verherrlicht ein Denkmal Nothnagel als Lehrer und Arzt. Das Denkmal, ein Epitaph, zeigt im Giebel die. untergehende Sonne, auf einem Sockel erhebt sich die Büste, unterhalb dieser steht der berühmte Satz: „Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt s e i n." In den Herzen derer, die ihn gekannt und geliebt haben, ist die Erinnerung an ihn unvergänglich, in der Geschichte der Medizin wird sein Name Erz und Marmor» stein überdauern.

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