Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 149 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711767--1958-2715212- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 149 DIE NEUE WELT Theodor Herzl wurde verständigt, daß er entlassen war. Den Antrag, antisemitisch zu werden, stellte ein Jude, der sich bald darauf erschoß, einen Brief an unsere Burschenschaft zurücklassend, worin es hieß, zu leben lohne sich als Dentscher, in den sich aber kein Jude, mag er sich auch noch so redlich bemühen, jemals verwandeln kann. Theodor Herzl gestand mir viele Jahre später, daß jenes Erlebnis in unserer Burschenschaft den ersten Stein zu seinem Zionismus legte. In mir hielt der Antisemit de rigueur nicht lange vor, unter meinen besten Freunden ist eine Reihe von Juden. Einer von ihnen sagte mir allerdings einst gelegentlich: „ Du bildest dir nur ein, kein Antisemit zu sein, aber wenn morgen einer deiner jüdischen Freunde sich gemein gegen didi benimmt» wirst du sagen, man soll sich eben doch mit Juden nicht einlassenl Die Gemeinheit eines einzelnen Ariers aber wirst du niemals der Gemeinschaft sämtlicher Arier ankreiden!" Ich muß gestehen, daß es mir schwer fiel, zu widerspredien; idi verstummte." „Leute wie Abraham, Isaak und Jakob." Berlin, 18. Juli. (J. T. A.) „Der Reichsbote", Tageszeitung für das evangelische Deutschland, berichtet mit einem gewissen Wohlwollen über eine Dis putation, die im Kreise Pyritz stattgefunden hat und deren Gegenstand die Deutschkirche war. Pastor Falck, Berlin-Treptow, erklärte: Für uns Germanen erhebe sich die Frage, was für uns artgemäße Religion sei. Unsere vorchristlichen Eltern leben in unserem Blut weiter. Der Germane wird immer beten: „Gott, ^gib mir Feinde, Feinde geben Kräfte!" Mit brausenden Liedern auf den Lippen sind die deutschen Soldaten in den Tod gegangen — das ist germanische Art. Das ist das Ziel, zu dem wir die deutschen Menschen hinführen möchten, das ist das Wunschbild, das uns vorschwebt. Die Mittel und Wege dazu 6ind, daß wir eine Emanzipierung der Schuljugend von dem Judentum vornehmen. Leute wie Abraham, Isaak und Jakob sind keine Vorbilder für unseren Glauben, sie müssen aus unserem Religionsunterricht ausgemerzt werden. Die Vollbibel gehört nicht in die Hand des Volkes. Uns ist Jesus Held und Herzog! Und zwar Jesus, geschaut mit deutschen Augen. Professor D. Dr. Bau mgärtel, Greifswald, Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Greifswald, trat den Ausführungen Falcks mit folgenden Argumenten entgegen. Religion sei nicht blutmäßig, bestimmt Es sei richtig, daß das Judentum unsere Sittlichkeit zerstöre, aber es sei doch auch nicht zu übersehen, daß z. B. der Amerikanismus sein gut Teil Schuld daran hätte. Jesus gehörte nicht dem deutschen Volke an. Einen deutschen Christus im Sinne Mathilde Ludendorffs gebe es nicht. Der Fehler 6ei der, daß die Deutschkirche mit Gewalt einen arischen Chris,t;us hab|n wollte. Es sei fernerhin falsch, wenn die Deutschkirche altgertnanisches Wesen dem Wesen modernen Judentums entgegensetzte. Es sei doch sehr zu bedenken, daß die Juden vom Kurfürstendamm nicht diejenigen seien, wie die von einst. Wir hätten unser Augenmerk auf die alten Israeliten zu richten, und dann würden wir sehr bald erkennen, wie tapfer sie fttr'ihr Volk gekämpft hätten. Besonders vorbildlich seien in dieser Beziehung die Makkabäer gewesen, die so sich für ihr Volk geopfert hätten, daß, wenn wir das gleichegetan.häjtten^.^^'ldlQ nicht -ab?, gebaut hätten! Man sollte eioh ':$iiz*inteiiato-iazii'--den^ prophetischen Schriften befassen. Die Propheten seien auch in den Tod gegangen für reine Ideale, eben ihre Vom jüdischen Komödianten* ' Zum Tode Rudolf Schildkrauts. Der Puriraspieier geht durch die krummen Gaß« eben des mittelalterlichen Ghettos. Er bringt die frohe Botschaft von Esther, der Helferin, und Mordechaj, dem Klugen, die dem Bösewicht Haman das Handwerk gelegt haben. An einem Tag im Jahr, an der im mittelalterlichen Judentum so fremd anmutenden Fastnachtsimitation, die ihm Maske und Scherz gestattet! Der Tag geht weiter in die Jahrhunderte. Andere Spiele folgen: Illustrationen der Bibel, Josef und seine Brüder, David und Goliath, Jakob und der Engel, Moses vor Pharao, bis dann im europäischen Osten von den Brodyer Sängern das Schenkenpodium erobert wird, »Ich tum Bühnenrahmen Goldfadens weitet und so Ideale. Dagegen können wir ruhig zugeben, daß auch wir im Schulunterricht gern auf die Geschichte von Abraham, Isaak und Jakob verzichten können. Der neue Chefsekretär der Palästina-Regierung. London, 19. Juli. (J. T. A.) Das englische Kolonialamt teilt mit, daß Mark Aitchison Yo u n g, Colonial Secretary in Sierra Leone, als Nachfolger von II. C. Luke zum Chefsekretär der Palästina-Regierung ernannt worden ist. Die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt dazu aus Jerusalem, daß diese Ernennung für das Sekretariat der Palästina-Regierung eine vollkommene Ueberraschung bedeutete. Der Name Young war in Berichten der J. T. A. schon genannt worden, wurde aber auf den Regierungsbeamten im Irak, Hubert Young bezogen. Der antijüdische Kurs im Budapester Stadthaus. Budapest, 18. Juli. (J. T. A.) Der Führer der christlichen Konvmunalpartci Abg. Karl W o 1 f f von Wolfenau, eine führende Persönlichkeit unter den ungarischen Rassenschüizlern, rühmte sich vor einigen Tagen in einer Volksversammlung, daß es ihm im Verlaufe von 10 Jahren gelungen ist, das offizielle Antlitz der Hauptstadt zu verändern. Heute sei alles christlich. In der letzten Nummer des „Egyenlöseg" richtet der jüdische Abgeordnete Dr. Eugen Gal an Karl Wolff die Frage, was das heißen solle, daß das Stadthaus nunmehr „c h r i s 11 i c h" sei. Ist es „christlich", daß man den jüdischen Vizebürgermeister davongejagt, die jüdischen Stadtrepräsentanten aus. allen Ausschüssen hinausgedrängt, die Juden aus den Markthallen, wo sie ihr Brot verdienten, vertrieben, daß man den Juden die Kino- und Trafiklizenzen entzogen und alles aufgeboten hat, damit ein Staatsbürger jüdischer Konfession in Budapest keine Niederlassungsbe willigung erhalte? Dr. Gal gibt der Hoffnung Ausdruck, daß nach den im November stattfindenden Neuwahlen das zehnjährige Wolff-Regime bloß eine traurige Erinnerung sein wird. Warum gerade .BERNA'-Käse? Wall der feinste I Die Sowjetregierung gestattet einer Anzahl von Chaluzim die Ausreise nach Palästina. Moskau, 19. Juli. (J. T. A.) Die Sowjetregieruug hat 36 Chaluzim die Ausreiseerlaubnis nach Palästina erteilt. Die Chaluzim sind Mitglieder der beiden Hechaluz-Organisationen (der linken und der rechten), in Rußland. 18 von ihnen werden gleich nach Palästina einreisen können, weil für sie die Einreiseerlaubnis xbereits vorliegt. Für die übrigen 18 Chaluzim, die durchwegs dem rechten Hechalu z angehören, sind Einreisevisa nach Palästina nicht vorhanden, so daß sie Rußland trotz der erteilten Ausreiseerlaubnis* noch nicht verlassen können. Antisemitische Note bei den Ausschreitungen im Rheinland. Berlin, 18. Juli. Die befreiten Gebiete im Rheinland sind sofort nach dem Abzug der feindlichen Besa^ung Schauplatz von , Ausschreitungen meist. rechts« rädilcäler/Kreise gegen Separati sie n und a n g e bliche Separatisten geworden. Der „Jüdischen Rundschau" wird mitgeteilt, daß sich unter den Geschädigten den Schauspieler gebiert, den jüdischen Komödianten. Der jüdische Komödiant! Kommt er, wie die Schauspieler der anderen Völkern aus einer Einheit, die allein den Nährboden geben kann für die Kontinuität: des Wachstums, für den organischen Trieb zu Freude, Landschaft, Volkerlebnis, Gesellschaft? Nein. Ihn schufen nicht die tausendfältigen Begebenheiten des Lebens, ihn schuf der abstrakte Zusammenhang mit nun schon Unwirklichem, das seine Emotionen sublimierte. Er gestaltet retrospektiv. Derart mußte der jüdische Komödiant dem Lyrismus verfallen: der lachende Clown mit der Träne im Aug', der weinende Spaßmacher. » Der weinende Spaßmacher geht weiter in die Jahrhunderte, in die Länder. Ueberall gibt es Juden, die ihn empfangen, ihn erzeugen: in Bessarabien, in Rumänien, in Polen, in Rußland, in den Siedlungen von New York, Buenos Aires, Johannesburg, in London, Paris, Wien — hier wird er geboren, hieher kommt er, hier wirkt er, eine sonderbare Erscheinung in Gesicht und Geste und in der magischen Geistigkeit des Orients. Der weinende Spaßmacher wird zu einer Weltfigur. Mit seinem semitischen Habitus bricht er ein in den künstlerischen Bereich Europas. Man staunt ihn an, man analysiert ihn, man feiert ihn, man scheidet ihn aus. Denn 6r muß Shylock und Rabbi Akiba sein, auch als Lear, Faust und Hamlet — unentrinnbar seiner Gemeinschaft verhaftet, dem Judentum in der Zerstreuung. Alle diese Züge trägt Rudolf Schildkraut, der große jüdische Komödiant, der lachende Clown, der »!!nilll!l!lll!!l!lllllli!!ll!!l!l!!l!!|l!lll^ 1 VORNEHME FAMILIENPENSION | | vormais Dr. O RUN BERG | IAH SEMMERINGl § HOCHSTRASH Nr. 43 (BEI HOT II PANHANS) | § Mäßige Preise / Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im i 1 Hause / Besitzer: ICKST1IN / Tel Semmering Nr. 11 | i micBtndftt Warm* u. Kaltwastar § | In jedem Zimmer j lllllllllilülllllllll!illillllilllilll!!llllilllllll!llllllllll!lll!ll!lill viele jüdische Firmen befinden, obwohl sich die Juden nach übereinstimmender Ansicht aller Kreise im besetzten Gebiete, wie es nur selbstverständlich ist. außerordentlich loyal und taktvoll verhalten haben. Nach der Räumung veranstalteten alle jüdiischeu Gemeinden im besetzten Gebiete besondere Feiern, in denen die Juden ihrer Freude über die Beendigung der Besetzung Ausdruck gaben. Trotzdem befinden sich — wie der „J. R." weiter mitgeteilt wird — unter den vom „Wolkszorn" der Rechtsradikalen „Bestraften" viele jüdische Familien. Die „J. R." schließt: „Es ist nun einmal so, daß sich jede Unruhe, einerlei wo der Ausgangspunkt für sie lag, fast automatisch gegen Juden richtet. Es muß festgestellt werden, daß in der rheinlündischeu Presse die Empörung darüber groß ist, daß die Rechtsradikalen ihre gegenwärtige Aktion immer stärker ins antisemitische Fahrwasser drängen, denn während der Besatzungszeit haben sich gerade die Juden ängstlich davor gehütet, irgend welche Beziehungen zur B e 6 n t z u n g s a r m e e zu unterhalte n." Der Rabbiner von Kowel über die Geschehnisse in Kowel. Warschau, 20. Juli. Der Rabbiner von Kowel, Nachum Mosdic Twerski, veröffentlicht in der Warschauer jiddischen Presse folgende Erklärung: Man hat sidi von vielen Orten an mich mit der Bitte um Informationen über die Art der letzten Geschehnisse in Kowel gewandt, die sich nach manchen Zeitungsberichten als untijüdischc Exzesse von großem Ausmaß darstellten. Daher erkläre ich, daß alle die Berichte über feindliche Akte gegen Juden, die einen spezifisch antijüdischen Charakter gelragen haben sollen, unrichtig sind. Idi bemerke bei dieser Gelegenheit, daß die öffentliche Gewalt ihre Pflicht in angemessener Weise erfüllt hat und daß ihr dafür Anerkennung gebührt. . Von den jüdischen Mädchenliändler n* Aus einem Briefe aus Buenos Aires. — 425 Mädchenhändler verhaftet. — Kampf der Juden gegen die jüdischen Mädchenliändler. — Eigene Synagogen und Friedhöfe für Mädchenliändler. — Die Rolle der Polizei. — Rubinstein, der König der Bande. In der letzten Zeit erregte die energische Aktion der argentinischen Regierung gegen die i n t e r n a t i o* n a 1 c n F r a u e n h ä n d l c r, soferne Argentinien als Absatzgebiet des Frauenhandcls in Betracht kommt, in der ganzen Welt ungeheures Aufsehen. Als erster Ertrag dieser Aktion wird der Auftrag an die Polizei, die Ver* haftung von 425 jüdischen Fraucnhändlern und Bordcllbcsitzern in Buenos Aires durch« zuführen, als großer Erfolg der öffentlichen Moral ,ge« bucht. Es wird besonders in; Argentinien darauf hinge« wiesen, daß bei diesen Maßregeln keine Rücksicht auf die weinende Spaßmacher. Der beleibte Mann mit den väterlich-schelmischen, dunkel blitzenden Augen, in dem graugelben, gedunsenen Gesicht, mit dem massiven Schädel, der den breiten Rücken drückt, mit den klobigen und doch zu nuancenreichem - Spiel befähigten Händen, stellt unseren Typus in Reinkultur dar. In S t a m b u 1 geboren, durch die österreichischen Kasperischmieren geschleift, von der Hand Mitter wurzers kurze Zeit geleitet, von Freiherrn von Berger Aufgaben deutscher Schauspielkunst zugeführt, schließlich einer Theaterwelt preisgegeben, welche die Marke Reinhardt, also pseudogeistigen Deutschtums trägt, ist Rudolf Schildkrou t — herrliche Zähigkeit jüdischen Blutes — das geblieben, wozu er prädestiniert war: jüdischer Komödiant! Schildkraut hat in der geistigen Sphäre des österreichischen Provinzialismus begonnen. Aus dem Munde des jüdischen Jünglings kamen Wort und Ton des Wiener Operettenschundes, aus dem Munde des Mannes die Rebellentexte des westeuropäischen Naturalismus, bis der fast zusammenbrechende Jude seine Erlösung fand in dem Augenblick, da er jüdische Menschen in jüdischer Dichtung gestalten und interpretieren, Shakespeares Giganten verkörpern durfte* Aus der Geschichte des Theater«, des jüdischen Theaters, ist Rudolf Schildkraut nicht wegzudenken. Im brodelnden Kessel des jüdischen Amerika stand er an der Spitze jener, die sich berufen fühlen, den Bau eines jüdischen Kunsttheaters zu vollenden. Vom Brodyer Sänger zum Schauspieler Rudolf Schildkraut — ein Stück jüdischer Theatergeschichte, jüdfc> scher Kulturgeschichte!