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Die neue Welt · 1930-07-18 · Heft 148 (18.7.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 148 (18.7.1930)
Date
1930-07-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 148 DIE NEUE WELT Seite f ihrer Lösung in den Hintergrund treten ließ, hat keine Begründung mehr, sei es in der Haltung cl erenglischen Regierung, sei es in der seelischen Einstellung des jüdischen V o 1 k e s. Dies bedeutet nicht, daß die zionistische Politik a n t i en g I i s c h werden soll. Die leidenschaftliche Protestbewegung des jüdischen Volkes, die in dauernder Steigerung bis zur Durchsetzung unserer Nichtigsten politischen Forderungen fortgeführt werden muß, richtet sich nicht gegen das englische Volk, sondern gegen die palästinensische Administration und die Politik der englischen Regierung. Gleichzeitig mit dieser Protestbewegung aber will das jüdische. Volk bis zum letzten Moment nicht die Hoffnung aufgeben, daß das englische Volk in seiner. Gesamtheit der feierlichen internationalen Verpflichtungen,. die es im Mandat übernommen hat, treu bleiben* wird, und zwar/nicht nur durch theoretische Deklarationen, die in dieser Situation wertlos sind, sondern durch praktische Maßnahmen zur Verwirklichung des Mandats. Aber wie immer die definitive Gestaltung der englischen Politik in Palästina sein wird, die zionistische Politik muß aus den Lehren der letzten Monate die Konsequenz einer fälligen Neuorientierung ziehen: Neuorientierung im Sinne einer erneuten Darlegung der großen und letzten Ziele des Zionismus vor der gesamten Oeffentlichkeit, einer Stärkung und Intensivierung des politischen KampfwiJlens des jüdischen Volkes, einer Internationaiisierung unserer Politik, auf der Erkenntnis basierend, daß die Judenfrage international ist, der Zionismus als Lösung der Judenfrage international ist, das Mandat eine internationale Verpflichtung ist, und England als Mandatarmacht nur Vollstrecker dieser internationalen Verpflichtung ist. Diese Neuorientierung bedeutet, wenn sie konsequent und mit Aussicht auf Erfolg vorgenommen werden soll, einen völligen Kurswechsel der zionistischen Politik der letzten Jahre. Ein solcher Kurswechsel muß auch darin zum Ausdruck kommen, daß Dr. Weizmann und die von ihm geführte Exekutive als die Träger der zionistischen Politik, zu denen wir uach wie vor auf Grund ihres politischen Systems in all diesen Jahren kein Vertrauen haben können, und die vor der gesamten jüdischen und internationalen Oeffentlichkeit als die verantwortliehen Repräsentanten des bisherigen Kurses dastehen, ihre Mandate niederlegen und so dem baldigst einzuberufenden ordentlichen zionistischen Kongreß die Möglichkeit geben, durch die Wahl einer neuen Leitung auch in dieser Form den Willen zur Neuorientierung unserer Politik zu dokumentieren. * V. In dieser schweren Situation sieht sich die Vereinigung radikaler Zionisten, die seit ihrer Gründung den Kampf für die Wahrung der großen Prinzipien und der Ziele des Zionismus als ihre wichtigste Aufgabe betrachtet hat, genötigt, an die gesamte zionistische Bewegung zu j appellieren und sie aufzufordern, j Unzufriedenheit. Lehrer und Rabbiner waren nicht imstande, zu ihrem Geld zu kommen und Liditenstern hielt nur mit Anspannung aller Kräfte die rebellische Gemeinde beisammen. Zwischen den Vojkowitzern und den „Auswärtigen" herrschte zwar noch immer die alte Feindschaft, aber in der letzten Zeit war schlecht und recht ein Waffenstillstand zwischen den beiden kämpfenden Lagern eingetreten. Die Vojkowitzer hatten mit ihrem eigenen Elend genug zu tun. Bis Mendl eines schönen Tages eine gerichtliche Vorladung aus Königgrätz erhielt. „Sie geben noch immer keine Ruh", sagte Mendl, ließ einspanneil und fuhr nach Königgrätz. Er fuhr an einem sonnigen Frühlingsmorgen gesund und guter Dinge fort und kehrte am Abend niedergeschmettert, an Geist und Leib gebrochen, zurück. Er war .nicht zum Erkennen und nur schwer und unzusammenhängend erfuhren die bestürzten Hausangehörigen, was sich in Königgrätz ereignet hatte. Die Herren von der Obrigkeit hatten ihn dort kurzerhand wissen lassen, daß hart um den Vojkowitzer Friedhof herum bereits eine solche Menge von Häusern aufgeschossen seien und daß überdies der Friedhof bald überfüllt sein werde und daß daher Gründe genug vorhanden seien, um den Friedhof aus sanitären Gründen so schnell als möglich aufzulassen. Die Vojkowitzer hätten sich schon verpflichtet, innerhalb von drei Monaten einen neuen Friedhof zu errichten und in ihre Verwaltung zu übernehmen. Wer innerhalb der nächsten drei Monate sterben werde, sollte noch auf dem alten Friedhof begraben werden, nach Ablauf dieser Frist werde man alle Leichenbegängnisse auf dem neuen Friedhof abhalten müssen. Mendl war halb ohnmächtig nach Hause gefahren. Dies war der letzte, aber wohlgezielte Faustschlag derdoppelt stark zu sein in dieser Situation, stark im Festhalten an den politischenEndzielenderBewegung, stark in der Protestbewegung gegen die jetzige Politik der englischen Regierung und den Appell an die Völker der Welt, stark in dem entschlossenen Kampfe gegen alle Widerstände auf dem Wege der Ver w i rklichung des Zionismusund in dem Glauben andie Möglichkeit dieser Verwirklichung. Aufruf! Zionisten! Die Zionistische Exekutive in London hat mit Rücksicht auf den im heurigen Jahre in Aussicht genommenen ordentlichen Zionistenkongreß den Endtermin der Schekelabrechnung für den 1. September 1930 festgesetzt. Es muß nunmehr mit einer großzügigen Schekelaktion in unseren Reihen eingesetzt werden, damit wir gerade im jetzigen Zeitpunkte den Beweis erbringen, daß die Massen des jüdischen Volkes hinter uns stehen und mit uns für den Aufbau des nationalen Heimes in Erez Israel arbeiten. Wir fordern daher alle Grupppen und Gesinnungsgenossen auf, sich intensivst in den Dienst der Schekel- Wertlose Beziehungen. Die Einwanderungssperre hat bekantlich zum Abbruch der offiziellen Beziehungen zwischen der Zionisti sehen, Exekutive und dem britischen Kolonialamt geführt. Nun liegt aus London die Nachricht vor, daß die Beziehungen wieder aufgenommen wurden, Verhandlungen über schwebende Fragen im Gange seien, daß diese jedoch bisher kein Ergebnis hatten, da der Bericht S i ra p s o n s noch nicht vorliege. Der Bericht soll Ende Juli fertiggestellt sein. Warnung vor dem Simpson-Bericht. Daß die englische Regierung nicht geneigt ist, vor der Fertigstellung des Simpson-Berichtes eine Verlange ausdrücklich den feinen iB ER NA'-Käse Entscheidung zu treffen, geht aus dem Umstand hervor, daß die angekündigte Palästina-Debatte im Unterhaus mehrfach verschoben wurde. Auf eine Anfrage des Labour-Abgeordneten Michael M a rcus, wann die Regierung eine Aussprache über den Shaw-Bericht ansetzen werde und ob dies noch in der gegenwärtigen Session der Fall sein werde, antwortete MacDonald, daß es schwer sei, diesbezüglich einen Termin festzusetzen. Dem Mitglied der Arbeiterpartei B r o w n, der fragte, ob der Premierminister die Suspendierung des Einwanderungsverbotes erwägen wolle, falls für die Palästina-Debatte vor Schluß der Parlamentssession kein Raum sein sollte, erwiderte MacDonald: Vojkowitzer. Wenn sie den Auswärtigen den Friedhof nehmen — so haben sie ihnen alles genommen. Die ganze Arbeit Mendls, die fieberhafte Tätigkeit von zehn Jahren, war vernichtet. Er wird nicht neben seinen Knaben begraben werden und sie werden auf dem aufgelassenen Friedhof in Ewigkeit allein schlafen. Die alten, längst vernarbten Wunden brachen wieder auf. Wieder sah er die Leichen seiner Kinder, in weißes Leinen gehüllt, auf dem Boden liegen, und in sein glühendes Gehirin fraß sich eine einzige Sehnsucht: Sterben, sterben, damit er noch auf dem alten Friedhof begraben werden könne, und seine fahlen Lippen lispelten während der ganzen Fahrt: Sterben, Sterben! In der Macht nach Mendls Rückkehr tat in seinem Hause niemand ein Auge zu, Mendl mußte sofort das Lager aufsuchen und es dauerte nicht lange, daß er in Bewußtlosigkeit fiel und niemand mehr kannte. Zeitlich früh, noch in der Dunkelheit, rasten schon Mendls Pferde nach Königgrätz um den Arzt. Aber er kam zu spät. Als der Wagen auf den Hof gerattert kam, betete schon die ganze Chewre um Mendls Sterbebett. Und als sich der Arzt durch den Haufen der Betenden den Weg gebahnt hatte, war der Spomyschler Hahn, welchem erbsengroße Tränen über die Wangen rannen, schon damit beschäftigt, dem Mendl ein Flaumfederchen unter die Nase zu legen. Das Federchen regte sich nicht . , , » „Schlaganfall . . nickte der Arzt. Mendl hatte sich vergebens einen Teil seines Lebens der Chewre gewidmet. Für seine Arbeit empfing er seinen Lohn und das Ziel seines Lebens war erreicht. Als man den Sarg ins Grab hinunterließ, da sahen jene, welche näher beim Grab standen, daß sein Sarg sich eng an den Sarg seines älteren Knaben schmiegte. Mendls Grab war das letzte, weiches Isaacek auf Jüdische Eltern! Kauft Schulbücher für Eure Kinder nur in der jüdischen Buchhandlung Hermann TllCllllGF Qr.*Stadtgutg. 7 (tcke Taborstraße 52) Tel. R-41-4-20 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen i ff Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßij B gen Preisen. Verzeichnisse kostenlos! ] ImiiiiMiitmiiiniiim Propaganda zu stellen und sofort mit dem Sdiekelverkauf zu beginnen. Zionistisches Landeskomitee für Oesterreich. Schekelblocks sind im Zionistischen Büro, I„ Kärntnerstraße 28, Tel. R-27-4-86, erhältlich. Hebräisches Pädagogiuni/ Wien Schriftliche Voranmeldungen für die Aufnahme ins ■ Hebräische Pädagogium für das Wintersemester 1930-31 sind an das Sekretariat, Wien, I., Drahtgasse 4, bis spätestens 25. September d. J. zu richten. Die Vorlesungen beginnen am 21. Oktober. „Solange der Bericht von Sir John Hope Simpson nicht vorliegt, können wir in dieser Frage nichts unternehmen." Es liegen zwar Gerüchte vor, wonach sich Simpson für die Rückerstattung der zurückgezogenen Einwanderungszertifikate ausgesprochen hätte, aber der Unterstaatssekretär für Kolonien, S h i e 1 s, erklärte auf die Anfrage eines liberalen Unterhausmitgliedes, daß ein solcher Vorschlag Simpsons nicht vorliege. Die informierte jüdische Presse stellt schon jetzt fest, daß der Bericht Simpsons womöglich noch feindlicher .gehalten sein werde als der berüchtigte Shaw-Bericht; daß weitere Niederlagen zu gewärtigen sein werden» so "die starke Einschränkung des Bodenkaufes. Etwas günstiger hören sich die bisherigen Mitteilungen über den Palästina-Bericht der permanenten Mandatskommission an. Per Londoner „Daily Telegraph" will Genaues aus dem Bericht wissen. Er vertritt die Meinung, daß die geringe englische Truppenanzahl xind die; unzureichenden Polizeikräfte in erster Linie an der Ausbreitung der arabischen Unruhen . schuld seien, die keineswegs spontan ausgebrochen seien. Es war ihnen eine Reihe warnender Zwischenfälle vorangegangen. Eine Vorsätzlichkeit der Unruhen könne man nicht als ausgeschlossen bezeichnen. Die nachsichtige Haltung gegenüber den arabischen. Führern, die von der Majorität der britischen. Untersuchungskpmmission eingenommen werde, sei nicht gerechtfertigt. dem alten Vojkowitzer Friedhof gegraben hatte. Drei Monate später weihten die Vojkowitzer unter großem Gepränge den neuen Friedhof ein, welcher auf halbem Wege zwischen Vojkowitz und Kozojed gelegen ist. Und die Chewre? Der Zankapfel der langjährigen Kämpfe war verschwunden — der alte Friedhof —, die Auswärtigen verloren den Kopf und gerieten kurz darauf wie eine führerlose Herde wieder unter die Botmäßigkeit der Vojkowitzer. Es ging die Schule in Kozojed ein, es verschwand der Tempel -— der ehemalige Bocher wurde ein rechter Bauer und erfolgreicher Geschäftsmann — und Vojkowitz, diese alte Judengemeinde, gewann wieder den alten Glanz. Die gegenseitigen Gehässigkeiten und Anrempelungen zwischen den Vojkowitzern und den Auswärtigen dauerten zwar weiter, aber zu einem ausgesprochenen Unabhängigkeitskampf kam es nicht mehr. Auf dem neuen Friedhof schlafen einträchtig und versöhnt, alle jene, welche damals in hartnäckigster Fehde gegeneinander gestanden waren. Es ruht hier auch Mendels Frau, welche hochbejahrt gestorben war, nachdem sie eine ganze Schar von Enkeln erzogen, es ruht hier der Totengräber Isaacek in der nächsten Nachbarschaft der drei Ancicky und verträgt sich mit ihnen recht gut. Wenn aber Isaacek heute aufstünde, wie entsetzt wäre er, wenn er den alten Friedhof, seine frühere Wohnstätte, in seinem jetzigen Zustand erblickte. Die Umfriedungsmauer und das Häuschen liegen in Trümmern, den ganzen Friedhof bedeckt ein unabsehbares Meer üppigsten, nie abgemähten Grases, Gräber und Grabsteine sinken immer tiefer in die Erde und von den Lebenden weiß wohl kaum einer noch, daß auf der Stelle, welche vom vermoderten, im hohen Grase verborgenen Gitter umfriedet ist, neben seinen zwei Knaben der erste und letzte Chewre-Gabe aus den Reihen der „Auswärtigen" seine letzte Ruhe hält. Ende. Neue Gefahren in Sicht*

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