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Die neue Welt · 1930-07-18 · Heft 148 (18.7.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 148 (18.7.1930)
Date
1930-07-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. m Dlfi NEUE WELT Seif« 9 sonlich mit Dr. Teich in der Präfektur Suc2awa vor« gesprochen und mitgeteilt, daß die Juden von Balaceanu für diese Nacht Ueberfälle befürchten, habe verlangt, daß sofort Gendarmerie detachiert werde, und es wurde uns versprochen, daß unverzüglich sechs Gendarmen nach Balaceanu Innausgeschickt werden. Ich konstatiere, daß alle Warnungen, Bitten, Forderungen vergebens waren. Die Gefahr wächst von Tag zu Tag und wir weiden ge* zwungen sein, das öffentliche Gewissen der ganzen Welt aufzurufen, nachdem unsere eigenen Staatsbehörden den vollen Ernst der Situation nicht sehen oder nicht sehen wollen." Blüten des deutschen Antisemitismus» „Kulturpropaganda" im befreiten Rheinland. Berlin, 13. Juli. (J. T. A>) Die befreiten Gebiete im Rheinland sind sofort nach dem Abzug der feind* liehen Besatzung Schauplatz von Ausschreitungen meist rechtsradikaler Kreise gegen Separatisten und angebliche Separatisten geworden. Der „Jüdischen Rundschau" wird mitgeteilt, daß sich unter den Geschädigten viele jüdische Firmen befinden, obwohl sich die Juden nach übereinstinu raender Ansicht aller Kreise im besetzten Gebiet, wie es nur selbstverständlich ist, außerordentlich loyal und takt* voll verhalten haben. Nach der Räumung veranstalteten alle jüdischen Gemeinden im besetzten Gebiete besondere Feiern, in denen die Juden ihrer Freude über die Beendigung der Besetzung Ausdruck gaben. Trotzdem befinden sich — wie der „J. R." weiter mitgeteilt wird — unter den vom „Volkszorn" der Rechtsradikalen „Bestraf* ten" viele jüdische Familien. (Es muß festgestellt werden, daß in der rheinländischen Presse die Empörung darüber groß ist, daß die Rechtsradikalen ihre gegenwärtige Aktion immer stärker ins antisemitische Fahrwasser drängen, denn während der Besatzungszeit haben sich gerade die Juden ängstlich davor gehütet, irgendwelche Beziehungen zur Be* satzungsarmee zu unterhalten.) Das Fricksche Judenhaß-Gebet. Aus Leipzig wird uns gemeldet: Am 11. Juli fand hier vor dem Staatsgerichtshof die Verhandlung über die Schulgebete statt, die der berüchtigte nationalsozialistische Kultus» und Innenminister Fr ick (Thüringen) erlassen hat Der Staätsgerichtshof entschied dahin, daß die Ge< bete verfassungswidrig seien, weil sie die Empfindungen Andersdenkender durch das in ihnen enthaltene Bekennt* nis zum Antisemitismus verletzen., .Juden und Sozialisten werden nämlich als Volksbetrüger und Landesverräter gebrandmarkt. Ein Jude Vorsitzender des staatlichen Exportinstituts in Polen. Warschau, 13. Juli. (J. T. A.) Bei der allgemeinen Versammlung des Verwaltunksrates des polnischen Staat» liehen Exortinstituts, die dieser Tage stattfand, wurde zum Vorsitzenden des Rates der Jude H. Minkowski gewählt. Minkowski war im Kabinett Grabski Vize« minister im Kriegsministerium, mußte dann aber der nationaldemokratischen Hetze weichen und demissio» nieren. Eine 200 Jahre alte Chronik der jüdischen Gemeinde Wilna entdeckt. Warschau, 13. Juli. Bei Nachforschungen in Archiven fand ein lett ländischer Rabbiner einen „Pinax" (Gemeindechronik) der jüdischen Ge* meinde Wilna, der 200 Jahre alt ist. Nachprüfungen haben ergeben, daß der Pinax große historische B e« d e u t u n g hat und wichtiges Material enthält. Er ent* hält die Statuten der damaligen jüdischen Gemeinde Wilna, die Gerichtsentscheidungen des dortigen Bcth Din und Mitteilungen über jüdische Größen der damaligen Zeit auch außerhalb Wilnas. Die jüdische Gemeinde in Wilna hat einen besonderen Bevollmächtigten nach Lett* land geschickt, um die wertvolle Handschrift in Empfang zu nehmen und sie nach Wilna zu bringen. Amerikanische Judenprobleme. — Unterschiedliche Behandlung von Juden in der Wirtschaft. — Kämpfe zwischen religiösen Richtungen. New York, 12. Juli. (J. T. A.) Bei zwei Tagungen von amerikanischen Bnei«Brith»Distrikten, die in diesen Tagen stattfanden, wurde auf die Schwierigkeiten hin« gewiesen, die den amerikanischen Juden durch die Ver« schärfunig ihrer wirtschaftlichen Ausnahme* Stellung erwachsen. International Secrctary des Bnei* BrithsOrdens sagte in einer Aussprache in der Conven* tion eines Distriktes: Die unterschiedliche Behandlung von Juden in wirtschaftlichen Fragen in Amerika sei das schwerste Problem, das heute den amerikanischen Juden aufgegeben ist. In der Convention eines anderen BneiaBrith* Distriktes sagte Judgc J. M. Golden, daß sich in den letzten zehn Jahren in wachsendem Maße Boykott gegen die in großen Bank* und Handelshäusern Beschäftigung suchenden Juden bemerkbar macht. Judge Golden schlägt vor, daß die neugegründete Abwehrkommission der Bnei Brith wissenschaftliche Untersuchungen über die Ent* wicklung dieser Frage in allen ihren Phasen unternehmen solle, und ruft andere jüdische Körperschaften auf, mit Bnei Brith an diesen Untersuchungen zusammenzu» arbeiten. In der gleichen BncuBritluConvention schilderte H. L. Cohen die inneren Schwierigkeiten des amerikani* sehen Judentums. Er führte aus, daß das amerikanische Judentum nun die wichtigste Kraftquelle für das Juden* tum der ganzen Welt geworden sei, und bedauerte in diesem Zusammenhang die starken Gegensätze zwischen den drei jüdisch*religiösen Lagern in Amerika, dem orthodoxen, l konservativen und dem Reform*Judentum. Es müsse etwas | Sind Sie mit Ihren vorjährigen Reise- und Erinnerungsbildern ganz zu* frieden? Auf alleMlle werden Sie es aber sein, wenn Sie In diesem Jahre mit SstsszFÜm dem Film mit dem lila Streifen photographieren Satrap-Katalog Nr. 32 kostenlos durch; SCHERIHO-KAHLBAUH A.O. Repräsentanz: Wien, VI., Webgasi« Nr* 3a unternommen werden, um diese Lager trotz Anschauungs« Verschiedenheit zu gemeinsamer Arbeit zu bringen. Wir kömicn nicht länger für die Fortentwicklung des reli« giösen Judentums auf Rußland oder Polen warten. Wir müssen in unseren eigenen Reihen vorwärtskommen, und um dieses zu erreichen, müssen wir den scharfen Kampf unter uns abstellen. Cohen schlug die Einsetzung einer Kommission vor, mit der Aufgabe, diese Frage zu studieren und die Grundlagen dafür zu schaffen, daß drei Zentralkörperschaften der entsprechenden religiösen An« schauungsgruppen gebildet werden, deren jede die ihr untergeordneten Gemeinden zu führen und zu kontrollieren hätte. Der Vorschlag wurde angenommen. Die Weltkonferenz radikaler Ziomsfen* Gegen den Wortbrueh der Mandatarmacht. — Gegen die Verkleinerung des Zionismus. — Für den integralen Zionismus. — Schärfstes Mißtrauen gegen Weizmann und seine Politik. — Zurück zum großen Herzl-Zionismus. Den Bericht über die meritorischen Verhandlungen auf der Weltkonferenz werden wir in der nächsten Nummer der. „Neuen Welt" bringen. Heute veröffentlichen wir die gefaßten Resolutionen, welche den ganzen Komplex der behandelten Fragen umfassen. Den Hauptgegenstand der Diskussion bildete die Stellungnahme zur Politik Weizmann's und der E x c k u-. tive. Die von der österreichischen und rumänischen Delegation gestellte Forderung, Weizmann und der Exekutive das schärfste Mißtrauen auszusprechen, drang nach hartem Kampfe durch. Die nachstehenden Resolutionen wurden sodann einstimmig angenommen. fiwmp* Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke •Die Resolutionen lauten; I. Die zweite Weltkonferenz der Vereinigung radikaler Zionisten tritt in einer Stunde schicksalsschwerer Bedeutung für die zionistische Bewegung zusammen. Die gegenwärtige politische Situation stellt eine Bedrohung der gesamten Aufbauarbeit in Palästina und der Verwirklichung des Zionismus dar. Die Politik der b r i t i s c h e n Regierung seit den Augustunruhen 1929 wird charakterisiert durch ein schrittweises Zurückweichen vor dem Terror und den brutalen Gewaltmitteln der arabischen Politiker und eine dauernde Preisgabe der wichtigsten Inhalte' des Mandats; sie hat ihren Höhepunkt gefunden in der Suspendierung der Chaluziramigration nach Palästina aus rein politischen Gründen, was eine flagrante Verletzung des Mandats darstellt. Der Charakter der Mission von Sir John Hope-Simpson, der auf Grund einer Untersuchung der gegenwärtigen Lage in Palästina ohne die Möglichkeit der Berücksichtigung der schöpf e- Die Gestalten in Herzls „Alt* neuland"* Unter dem 30. August notiert Herzl in den Tagebüchern: „Heute auf dem rüttelnden Omnibus beim Herausfahren nach Währing fiel mir der Titel meines Zionsromanes ..eirf: Alt neu land. Anlehnung an den Namen der Präger Altneuschul. Das-wird ein berühmtes Wort werden." Das Wort wurde berühmt. Altneuland wandelte sich gar bald zu einer Bezeichnung für das werdende und zukünftige jüdische Palästina. Sogleidi nach Erscheinen dieses Werkes setzte bekanntlich die heftige Kritik Achad-Haams ein. Nach dreißig Jahren können wir beurteilen, daß Herzl keinesfalls die einzig mögliche Form des zukünftigen Palästina zeichnen wollte, wie Achad-Haam meinte. Herzl schrieb seinen Roman, um sich eines ihn quälenden Gefühls?u entledigen. Die Idee, einen Judenroman zu schreiben, faßte Herzl schon viel früher, damals, als er die Nachricht vom tragischen Ende seines Jugendfreundes Heinrich Kanas erhalten hatte. Nun kamen auch äußerliche Momente dazu und Herzl sdirieb sidi, wie schon öfters, „von der Seele". Auf diese > Weise entstand Altneuland Eine Vision! Visionen können aber keinesfalls mit Gründen der Vernunft erfaßt werden — nur mit Begeisterung. Herz] setzte in seiner Vision vielen seiner Freunde ein Denkmal, wie überhaupt Altneuland viele autobiographisdie Hinweise enthält. Wenn wir hier die Anonymität der Gestalten des Romans lüften, muß besonders unterstrichen werden, daß die Frage, ob der Dichter die Personen aus seinem Umkreise riditig beurteilte, offen bleiben muß. Wir finden in dem Roman Herzls einen generösen Spender, der sein ganzes Vermögen der neuen Gesellschaft schenkte. Es ist unschwer, in dieser Gestalt jenen merkwürdigen russischen Juden Herz Taubin zu erkennen, der Herzl ein Legat von 500.000 Gulden für die zionistische Bewegung anbieten ließ, das Herzl aus gewissen Gründen ablehnte. Den berühmten Maler Israels, den Herzl einmal in dessen Atelier besuchte, finden wir im Roman als den gefeierten Künstler Isaacs. In Friedridi Löwenberg erkennen wir die Gestalt Heinrich Kanas, den Herzl im Roman nicht sterben, nur für zwanzig Jahre die Einsamkeit aufsudien läßt. In David Littwak ist unschwer David Wolffs o h n zu erkennen, der ja aus Litauen stammte. David wird im Roman der Nachfolger des Präsidenten Professor Eichenstamm, in »dem wir den Professor Mandelstamm erkennen. Interessant, daß Herzl überaus stark die Führereigenscbaften Davids betont, der ja bekanntlidi sein eigener Nachfolger in der Bewegung geworden ist. Im ersten Teil der Erzählung erscheint einigemal als Freund des Helden Löwenberg-Kanas, Oswald $0 hieß tatsächlich der gemeinsame Freund Herzls und Kanas, Oswald Boxer, ein seinerzeit bekannter Wiener Schriftsteller und Journalist, der im Dienste der jüdischen Kolonisation in Brasilien dem gelben Fieber erlegen ist. In Leonkin und Wellner, den Sekretären Joe Levys, erkennen wir L e v 0 n t i n und Kellner. Joe Levy ist Joseph Co wen, dessen Fähigkeiten Herzl sehr hoch einschätzte. In der ehrwürdigen Gestalt des Rabbiners Samuel aus Neudorf führt uns Herzl Rabbi Samuel M 0 h i- 1 e w e r vor. In dessen Kampf mit Dr. Geier klingen Reminiszenzen an Herzls Kampf mit Dr, Güdemanu nach. Der Kolouistenführer Mendel aus Neudorf hat einige Züge von Menachem Mendel Ussischkin. Der Forstfachmann Hamburger ist Warburg, Die Brüder Marmorek finden wir als den Architekten und den Bakteriologen Steineck wieder. Reverend William Hechler, der seither iu einem einsamen Stift in England lebt, unterschreibt seit dem Erscheinen Altneulands seinen Namen nach der Figur, in der ihn Herzl darstellte, Hopkins-Hechler. Eiuen überaus verantwortungsvollen Posten weist Herzl seinem Freunde, dem Maschineningenieur Kremen e z k y - Warschawski, zu, Altneuland wurde in unzählige Sprachen übersetzt. Die letzte Uebersetzung erschien jüngst in polnischer Sprache aus der Feder des bekannten Publizisten Henryk Adler. Die erste Uebersetzung erschien noch zu Lebzeiten Herzls in hebräischer Sprache aus der Feder Nahum Sokolows, der sinnvoll den Titel mit Tel" Awiw übersetzte. Die erste jüdische Stadt, die sich Tel-Awiw nannte, wäre also das in Miniatur auferstandene Altneuland. Dr. J. Nusseablatt.

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