Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 147 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711765--1935-2715187- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite m tiivt Nr. 147 jM^^a^ _ nachQemfildenberühmter \jOD«llnSiadU«ll«rM<l«r HERZL-Oobtllns erzeugt Atellar Zshradltfk Wien. V„ Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon IM0-9-1* politischer Bedeutung und kritischer Span» nung befindet. Jeder Zionist, welcher Partei er auch immer angehört, ist sich heute darüber klar, daß die ge« samte politische Lage der Bewegung nicht nur im hoch« sten Maße unbefriedigend ist, sondern daß der Zio* nismus in Konsequenz dieser Lage vor den schwer« wiegendsten Entscheidungen steht. Jede zionistische Gruppe sucht in diesen Monaten nach einer neuen For« mulierung ihrer politischen Haltung, nach einer Antwort auf die brennenden Fragen der außenpolitischen Situation. Von einer ganz besonderen und spezifischen Bedeutung ist jedoch die jetzt geschaffene Lage vom Standpunkt der oppositionellen Gruppen und insbesondere unserer radikalen Gruppe aus betrachtet. Selten wohl hat sich die politische Kritik und die politische Voraussage einer Gruppe in so vollem Maße erfüllt, wie es der Fall gewesen ist bei der jahrelang durch unsere Gruppe geübten Kritik an dem früheren offiziellen Kurs der zionistischen Politik. Sogar die schärfsten Anklagen gegen die britische Administration in Palästina und gegen die englische Zentralregierung, die die an-:Voi istische Politik nicscr Administration geduldet na:, sind durch das. was die letzten Monate uns gebracht haben, üb er troffen worden. Und damit erwies sich auch die Kritik, die wir all die Jahre hindurch an der Politik der Exekutive geübt haben, der wir vorgeworfen haben, sich Illusionen über die politische Lage hingegeben und den Kurs der englischen Politik allzu sehr gedeckt und ver» teidigt zu haben, als durchaus berechtigt. Nirgends zeigt sich die Berechtigung dieser unserer jahrelangen Kritik und unserer politischen Forderungen stärker als in der Tatsache, daß die offizielle Politik der Zionistischen Om ganisation seit den Augustereignissen eine politische Wandlung erfahren hat, und zWär. im. Sinne der von uns — und den Revisionisten — gestellten Forderungen. Alle Resolutionen der zionistischen leitenden Körper» Schäften seit den Augustereignissen sind von dem Geist des politischen Programms getragen, das wir jahrelang als Minorität vertreten haben; und das vor einigen Wochen von der Exekutive der; englischen Regierung überreichte Memorandum, in dem die gesamten zionisti« sehen Forderungen für die Gestaltung der weiteren Politik in Palästina systematisch dargelegt werden, ent* hält beinahe alles, was jahrelang außer uns und den Revisionisten keine'ajncjere < zionistische Gruppe anerkennen wollte.' Dieses Memoran* dum wäre noch vor einem Jahre als ein Programm der Oppositionsparteien erschienen^ die Tatsache, daß heute die Exekutive dieses Programm iu dem ihrigen gemacht hat, ist wohl das deutlichste Zeichen für den Sieg unseres außenpolitischen Programms. - - Allerdings bezieht sich diese« Wandlung wohl mehr zunächst auf die einzelnen inhaltlosen Forderungen als auf die gesamte Orientierung der zionisti* sehen Politik..In dieser Hinsicht ist noch keine wirk* liehe Aenderung erreicht worden und konnte viel» leicht auch mit Rücksicht auf die ungemein chaotische und komplizierte außenpolitische ' Situation keine volle Klärung noch erzielt werden. Der Kongreß, der im Du* zember zusammentreten wird, wird in erster Reihe vor der Aufgabe stehen, die Liquidation der Epoche zionistischer Politik, die mit den Augustunruhen vorigen Jahres geendet hat, vorzunehmen und eine Neu« Orientierung zionistischer Politik durchzuführen. Bei dieser Neuorientierung wird gerade die radikale Gruppe entscheidende Funktionen zu erfüllen haben. Unsere Warnung, die zionistische Politik, nicht allzu sehr als eine rein und ausschließlich auf England orientierte zu ge* stalton, sondern vielmehr den internationalen Charakter der Judenfrage und des Man* d a t e s zu betonen, hat sich — das' werden wohl alle heute zugeben — als hundertprozentig berechtigt erwiesen. Gerade die Entwicklung der letzten Monate zeigt, welche Chancen unsere Politik auf dem Gebiete der internationalen politischen Arena hat. Das einzig er* freuliche Kapitel in der politischen Entwicklung der letzten Monate, in der wir auf der, englischen Front eine N i e d c r 1 a g e n a c h der anderen erlitten haben, ist die Tagung der Mandatskommission des Völkerbundes, deren Bericht zwar noch nicht vorliegt, von dem man aber bereits "heilte weiß, daß er im wesent» liehen eine Kritik der englischen Politik, des Berichtes der Shaw*Kommlssion und eine Bestätigung unserer poli* tischen Forderungen und Konzeptionen darstellt. Hier liegt ein richtungweisendes Exempej für die künftige Ge» staltung unserer Politik vor, die viel mehr als bisher sich von der rein englischen Orientierung zu einer mehr international eingestellten wird wandeln müssen, Pas bedeutet nicht, daß wir einen Bruch mit England vollziehen, auch die scharfe Protestbewegung der letzten Monate richtete sich nicht gegen England, sondern gegen die Maßnahmen der jetzigen Regierung. Aber gerade in dieser Protestbewegung hat sich eine psychologische Loslösung des jüdischen Volkes von Eng* land vollzogen, die nicht so schnell wieder zu überwinden sein wird. Das unbedingte Vertrauen auf England, der Glaube, der letzten Endes unserer ganzen zehnjährigen Politik zugrunde lag, daß wir mit England und fast aus« schließlich nur mit England Palästina werden bauen können, ist in diesem letzten Jahre verlorengegangen und das jüdische Volk fühlt sich heute seelisch un* abhängig von England, wird naturgemäß stets bereit sein, mit England zusammen zu kooperieren, rechnet aber auch mit der Eventualität, mit anderen Fak« toren und vor allem auf, seine eigenen Kräfte gestützt, seih Ziel in Palästina zu erreichen. Im Sinne dieser wichtigen psychologischen Wand Iung des letzten Jahres wird die Neuorientierung unserer Politik erfolgen müssen und — wie gesagt — wird bei die sem Prozeß gerade die radikale Gruppe, die von jeher den internationalen Charakter unserer Ziele und unserer Politik unterstrichen hat und die innerlich viel weniger als beispielsweise auch die Revisionisten sich an England gebunden fühlt, eine wichtige Rolle zu spielen habeta. Auch in der arabischen Frage, diesem viel erörterten Problem, hat sich die politische Linie, die wir vertreten haben, als richtig erwiesen. Wir haben von jeher gesagt, wirtschaftliche und soziale Ko* Operation mit der arabischen Bevölkerung Palästinas ist zu erstreben und ein modus vivendi mit ihr herbei* zuführen. Aber wir haben gleichzeitig vor politischen Verhandlungen über die letzten staatsrechtlichen Formen Palästinas, die mit den jetzigen Führern der arabischen Bewegung in Palästina, dem Mufti und seinem Anhang, zu führen wären, gewarnt. Diese Linie hat sich als richtig erwiesen, sowohl gegenüber denjenigen, die unter Preisgabe der wichtigsten politi* sehen Ziele des Zionismus eine solche rein politische Verständigung mit den arabischen Effendis herbeiführen wollen, wie auch gegenüber jenen anderen, die glauben, daß man das arabische Problem mehr oder minder aus* schalten kann und durch eine völlige Solidarisierung mit England den arabischen Widerstand würde niederschlagen können. Alle Versuche, die in den letzten Monaten in der Richtung auf eine Lösung des arabischen Problems ge* macht werden, bewegen sich in der Richtung der von uns von Anfang an als nötwendig empfohlenen politischen Linien. Schon dieser kurze Hinweis auf die wichtigsten politischen Fragen der gegenwärtigen zionistischen Situation, mit denen sich unsere Konferenz zu beschäf« tigen haben wird, zeugen'von» der Existenzberechtigung und von den großen Aufgaben, die gerade in dieser Situation die radikale Gruppe zu erfüllen hat. Das meiste von dem, was wir in jahrelanger Kritik gefordert und empfohlen haben, hat sich als richtig erwiesen, die poli* tischen Richtlinien, die «ir in dieser schwierigen Zeit ver* treten haben, haben sich als die zweckmäßigsten durch« gesetzt. Es wird Aufgabe der Konfetenz sein, auf der Basis unseres prinzipiellen Programms, das wir im vorigen Jahre in Warschau aufgestellt haben, und auf der Basis dessen, was wir seit Jahren als unseren politischen Stand* punkt vertreten haben, die Haltung der Gruppe in allen einzelnen außenpolitischen und innerzionistischen Fragen der jeztigen Situation festzusetzen. Daß Meinungsdifferenzen — vorwiegend taktischer Natur — bestehen, ist nur natürlich bei einer Gruppe, deren Mitglieder so viele Kreise und Länder umfaßt. Aber ich bin überzeugt, daß es der Konferenz ohne allzu er* hebliche Schwierigkeiten möglich sein wird, ühär all diese taktischen Meinungsdifferenzen hinweg zu einer gemein* samein und einmütigen Haltung in den entscheidenden Fragen der Stunde zu gelangen und auf Grund der von der Konferenz festzusetzenden Richtlinien in einen er* folgreichen Wahlkampf für den Kongreß zu gehen und auf dem Kongreß selbst eine wesentliche und fruchtbare Rolle in der großen Aufgabe der Neuorientierung der zionistischen Politik zu spielen. •III. ABBAZIA LAURANA Orthod. koscti. Pension WEISS neu eröffnet Erstklassige Kttcht Mäßige Preise Auf Wunsch Prospekte ... Wiener Kinderheim, in Grado. In Grado, dem Eldorado für Kinder, wurde unter der administrativen Leitung der Frau Berta Taubes, Wien, ein erstklassiges Kinderheim in herrlichster Lage eröffnet- Bei mäßigen Preisen wird beste Verköstig ung und individuelle Pflege geboten. Gemeinsame Hin- und Rückreise unter Aufsicht. bewährter Pflegerinnen. Aerztliche Leitung: Dr. Erna Spitzer. Nächster Turnus 4. A u g u s t. ' Auskünfte und Prospekte* Wien, VI., Webgasse 25, Tel. B-29-705 von 10 bis 13 und 2 bis 5 Uhr. Eine traurige Bilanz. Die Verwüstungen, welche das Sowjetsystem unter der russischen Jndenschaft angerichet hat, beleuchtet eine Zuschrift, welche das „Hamburger Isr. Familienblatt" aus Jerusalem erhalten hat: Genau zwölf Jahre ist es jetzt her, da wurde in Petersburg eine Aktiengesellschaft für den Bau von Hotels und Sanatorien in Palästina gegründet. Es war au einem Juniabend. Hundert Menschen hatten sich auf Einladung zu der Zusammenkunft eingefunden. Hundert Aktien wurden gezeichnet. Seither hat sich all das ereignet, worunter Rußland und, mehr noch als dieses, die russische Judenheit seufzt. Es kamen Revolutionen und Gegenrevolutionen, Umstürze und Diktatoren, Vertreibungen und Hungerblockaden, Pogrome und wieder Pogrome. Es ist ein altes, trauriges und sattsam bekanntes Lied. Es lohnt sich eigentlich gar nicht, seinen Refrain zu wiederholen, der ja doch nur ein Seufzer sein kann. Aber eine Bekanntmachung, die in diesen Tagen in Jerusalemer Blättern erschien, verdeutlicht so stark, was alles in diesem eintönigen Klagelied der russischen Judenheit mitschwingt an Not des einzelnen, dafl es eigentlich jede Erklärung überflüssig macht. In der vergangenen Woche hat nämlich die Aktiengesellschaft für den Bau von Hotels und Sanatorien in Palästina ihre Bilanz veröffentlicht. Nicht ihre Kapitalsbilanz, sondern die der Menschen, der Aktionäre, die sich an ihr beteiligt hatten. Nachdem vor Monaten öffentlich die Auflösung der Gesellschaft angezeigt worden war und die Aktienbesitzer, deren Aufenthalt damals unbekannt war, auffefordeft wurden, sich zu melden und ihre Anteile in mpfang zu nehmen, konnte jetzt diese Fahndungsaktion abgeschlossen und ihr Ergebnis bekanntgegeben werden. Man hat geforscht und gefunden: Von den hundert reichsten Juden der russischen Hauptstadt, die noch vor zwölf Jahren an einem Abend für eine jüdische Sache leicht und gern ein größeres Kapital zur Verfügung stellten, sind 40 im Gefängnis gestorben, 20 nach Sibirien verbannt, 26 bei Pogromen ums Leben gekommen, 8 leben noch als Bettler in Rußland und 6 sind in Palästina von Verwandten aufgenommen worden . . . Hundert Führer der russischen Judenheit saJien vor zwölf Jahren als Philanthropen beisammen. Und wenn man dieselben Männer heute ruft, geben 66 von ihnen keine Antwort, sind erschlagen, 20 sind in Ketten geschmiedet wie Verbrecher in Sibirien und 14 heben schweigend dürre Bettlerhähde ... 24 junge Zionisten aus Moskau und Leningrad nach Sibirien deportiert. Moskau, 6. Juli., Unter der Beschuldigung, eine illegale zionistische Tätigkeit entwickelt zu haben, wurden 24 Mitglieder der Organisation Zeire Zion der Sowjetunion, unter ihnen sieben Mädchen, nach Sibirien deportiert. Die aus Moskau Verbahnten sind: Israel Glusman, Maibl Wischnewski, JLipa Rojsman,, Mosche Belfer, Jizchak Kaznelsoh, Abraham Selman, Janjcel Lipschitz, Baruch. Beilin, Abraham Beilin, Abraham Barski, Babzi Levitat und Mendel Gerwiz. Die aus Leningrad Ver» bahnten sind: Abraham Raduzki, Boris Lerer, Manja Wo» loWer, Panje Juchtman, Frume Lerer, Chinja Kaplan, Saul Leikin, Jizchak Chutorski, Leiser Goldstein, Sara Kantetman, Salman Weißberg und Jakob Wosinski. Der Sabbat-Weltkongreß. Der Weltverband Schomre Schabbos, dessen Welt« zentrale ihren Sitz in B e r 1 i n hat, . hat seinen ersten ordentlichen Weltkongreß nach Berlin für den 2 4., 2 5. und 2 6. August einberufen. Die Vorarbeit für den Kongreß ist in vollem Gange. Aus den meisten Ländern jüdischer Siedlung (Amerika, Südafrika, England, Frahkteich, Belgien, Holland, Italien, Schweiz, Norwegen, Schweden, Dänen1 "rk,. Litauen, Lettland, Polen, Rumänien, Ungarn, Tschechoslowakei, Palästina usw.) sind zahlreiche Delegationen abgemeldet. Die Arbeiten des Kongresses* werden sich insbesondere mit der Notlage der Sab« battreuen in der ganzen Welt, die. unter dem Drucke der allgemeinen Wirtschaftskrise katastrophale Formen angenommen hat, zu befassen haben. Wirtschaftskenner von Rang und Namen werden sich mit den zu behandeln« den Wirtschaftsfragen auseinandersetzen, und die repräsentativsten Geister der mit der Sabbatidee unlös* lieh, verbundenen Judenheit aller Richtungen werden Anlaß nehmen, auch auf die kulturelle Sabbatkrise einzu* gehen. Die Frag« der drohenden Kalender« reform, die alle gläubigen Schichten Deutschlands und der Welt mit ernsthafter Besorgnis erfüllt und die Sabbat« idee in ihrem Wesenskern bedroht, soll besonders be« handelt werden. Die jüdische Öffentlichkeit sieht mit Spannung dieser Tagung entgegen und erhofft von ihr heilende Rückwirkungen auch für die allgemeine kul* turelle und soziale Krise, in die das Sabbatproblem schicksalhaft eingebettet ist, . * Einer bei ihm erschienenen Delegation des litaui« eben - Rabbinerverbandeß versprach Außenmi» nister Dr. Zainius, innerhalb des Völkerbundes dahin zu wirken, daß bei einer eventuellen Kalender« reform die Stabilität des Sabbat innerhalb der Woche nicht angetastet werde. Brasilien als jüdisches Einwanderungpland. New York, 3. Juli. Der neugewählte Präsident von Brasilien,, Dt, Julio Pres des, erklärte der Jüdischen Telegrapheß'Agentur in New York vor seiner Abreise nach London: Die Regierung von Brasilien legt europäi« •«heu Juden, die nach Brasilien auszuwandern wünschen,