Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1930-07-11 · Heft 147 (11.7.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 147 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711736-2711765--1934-2715186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Kr. rtr _ wurde auf freien Fuß gesetzt und begab sich sofort nach dem Kurort Dorna-Vatra in der Südbukowina, um in einer Volksversammlung als Redner aufzutreten. Die Cnzfeten wollen Bessarabien standrechtlich besetzen. Bukarest, 6. Juli. Die antisemitische Organisation „Eiserne Garde", deren Führer der bekannte Antisemit und Prüf ektenmörder Celea C o d r e a n u ist, hat eine Proklamation herausgegeben, in der die Garde aufgefordert wird, sich für den großen Einzug in Bessarabien vorzubereiten. Diese Provinz soll einen Monat lang standrechtlich besetzt bleiben, um den Grund für die nationale Idee in Bessarabien zu legen. Die Organisation hofft, daß v o tn M i 1 i t ä r die nötigen Krieg6ausr/üstungen zur Verfügung gestellt werden. Die Proklamation erweckte in der rumänischen Oeffentlichkeit peinliches Aufsehen, die demokratische Presse ermahnt die Regierung, energische Maßnahmen zur Verhinderung von Judenpogromen zu ergreifen. Für Brfth Sdialom! Die zionistische Parteileitung Deutschlands spricht. Auf der letzten Sitzung des Landesvorstandes der Zionisten Deutschlands wurde folgende Entschließung angenommen: „Der Landesvorstand mißbilligt aufs schärfste alle Versuche, die Mitglieder des „Brith Schalom" wegen ihrer Gesinnung zu d i f f a m i e r e n." Der Brith Schalom (Friedensbund) ist eine Vereini« gung, welche ursprünglich dem schönen Zwecke diente, eine Verständigung zwischen den Juden und den Arabern in Palästina anzubahnen. Seine Gründung wurde seiner* zeit in zionistischen Kreisen sympathisch begrüßt. Heute stehen fast alle Zionisten dem Brith Schalom feindlich gegenüber. Warum? Weil aus Brith Schalom eine Gesells schaft zur Liquidierung des Zionismus . ge* wor'de n ist. Ganz nach Art der Assimilationsjuden in Europa sind die Leute' vom Brith Schalom dazu überge* gangen, alles, was die Araber und die antizionistischen englischen Beamten tun, gutzuheißen; alles, was Zionisten, was jüdische Patrioten tun, als „Hetze gegen die Araber" zu verurteilen. Als in den Augusttagen 1929 120 schmählich gemordete Juden dalagen, hatte einer der Führer des Bundes, der Universitätsbibliothekar in Jeru* salem Dr. Bergmann, den traurigen Mut, von natio* naler Hetze im zionistischen Lager zu sprechen, Zionisten einen Teil der Schuld an den gräßlichen Morden anzu* lasten. Ein anderer, der .Universitätsrektor Magnes, hat in direkter Verbindung mit notorischen Antizionisten auf Preisgabe der zionistischen Ziele hingearbeitet. Wäh* rend der zionistische Landesvorstand tagte, hat ein ande« rer Führer, Dr. Ernst Simon, in Berlin einen Vortrag über die Ziele des Brith Schalom gehalten. Auch er kon» statiert einen Haß gegen die Araber. Er verlangt die Preisgabe der Idee des Nationalheimes. Ex spricht von binationalem Staate und stellt fest, daß den Juden nur das Recht auf ein Palästina zusteht, das den Charakter eines Kulturzentrums hat. Er mißbraucht dabei den Namen des Kulturzionisten Achad Haam. Sind das noch Zionisten? Kann es wundernehmen, wenn dieser Brith Schalom die Ent* rüstung aller ehrlichen Zionisten entfesselt? Wenn der Berliner Landesvorstand von einer Dif* famierung der Anhänger des Brith Schalom wegen Hände abhauen lassen, ehe sie auch nur mit einem Schritt die. Schwelle des Tempels überschritten hätten. Mendl' konnte zufrieden sein. Die praktische Frau Mendl berechnete zwar fortwährend, wie hoch sie die' Chewre zu stehen käme, doch war sie selber auch ge* nügend ehrgeizig, und Mehdls Ruhm, der auch auf sie feine Strahlen warf, schmeichelte ihr nicht wenig. „Der jüdische Papst aus Kozojedy" nannten die Anders« gläubigen Mendl. Unter seinem Dache war alles ver* einigt: die Schule, der Tempel, die Chewre, und nur eines bedauerte Mendl, daß er nicht auch den Vojko* witzer Friedhof nach Kozojedy herüberbringen konnte. In der ganzen Umgebung fand man keinen zweiten solchen Vorstand der Chewre, wie er einer war. In solch mustergültiger Ordnung, mit so viel Frömmigkeit und so streng nach ritueller Vorschrift waren noch nie Ver* storbene in der Vojkowitzer Chewre zu Grabe gelegt worden wie damals, als Mendl Vorsteher war. Von dem Augenblick des Ablebens an bis zu dem Augenblick der Grablegung rührte sich Mendl auch nicht eine Sekunde von dem Toten. Zum Waschen und Bekleiden der Toten ließ er nur Leute von unbescholtenem Rufe zu. Als in Zalezly der altehrwürdige Geiger gestorben war, kam am Tage des Begräbnisses mit den übrigen auch der Zalezler Maisl, der sich geschäftlich —- ansonsten ein frommer Mann, der sehr viel betete — keines einwandfreien Rufes erfreute, um den Toten zu bekleiden; den schob Mendl ohne viel Umstände zur Türe hinaus, indem er ihm vor allen sagte: „Wissen Sie, Herr Maisl, Sie dürfen sich nicht be* leidigen, Sie können zwar Lebende gut ausziehen, aber Tote anziehen — das kommt Ihnen nicht zu." Verstorbene Kinder pflegte Mendl eigenhändig in den Sarg zu betten. Er tat dies mit unsäglicher. Zärtlich» _DteNEÜfeWELt _ ihrer Gesinnung spricht, so sagt er Unwahres. Die Männer des Brith Schalom werden von den Zionisten diffamiert, nicht weil sie ihre wahre Gesinnung enthüllt, sondern weil sie ihre wahre Gesinnung ver« hüllt haben. Als Zionisten sind sie in die Bewegung eingetreten, sind vielfach in den Besitz der wichtigsten nationalen und zionistischen Stellen gekommen. Nun, da sie an der Macht und bei Einfluß sind, jetzt zeigen sie ihr wahres Gesicht, ihr antizionistisches. Nicht ihre un* zionistische Gesinnung, ihre kalte Hinterhältigkeit ist es, welche die Zionisten zur Notwehr gegen sie zwingt. Daß gerade die deutsche Parteileitung für den Brith Schalom eine Lanze bricht, ist nicht verwunderlich. Der Brith Schalom dankt diesen Kreisen seine Macht, von dieser Seite her hat er immer liebevollste Förderung erfahren. Die Weltkonferenz der Zionisten-Revisionisten. London, 4. Juli. Das Executive Committee der Weltunion der Zionisten-Revisionisten hat im Hinblick darauf, daß durch die bisherige Ungewißheit hinsichtlidi des Datums des 17. Zionistcnkongresscs die Vorbereitungen zur Weltkonferenz der Zionisten-Revisionisten in den meisten Ländern nicht mit der nötigen Intensität durchgeführt worden sind, beschlossen, die Eröffnung der Weltkonferenz um eine Woche zu verschieben. Die Weltkonferenz der Zionisten-Revisionisten findet in der Zeit vom 10. bis 14. August in den Räumen des Bctii Haam zu Prag statt. Zum Einreiseverbot für Jabotinsky. Jerusalem, 1. Juli. Dr. Wolfgang Weisl erklärt in einem im „Doar Hayom" veröffentlichten Leitartikel: „Wir erwarten von der Zionistischen Exekutive, daß sie uns eine Kraftprobe zeigt und es durchsetzt, daß der Beschluß der Regierung, Jabotinsky die Wiedereinreise nach Palästina nidit zu erlauben, annulliert wird. Aus der Fernhaltung Jabotinskys aus Palästina können weder die Engländer noch die Araber, sondern einzig und allein die zionistischen Gegner Jabotinskys Nutzen ziehen." Mutti kauf« ,BERNAC-Käse der schmeckt so gut! Ein Wiener — Präsident der belgischen Zionisten. An Stelle des zu früh verstorbenen Jean Fischer wurde Herr Nachum Torczyner zum Präsidenten der zionistischen Föderation Belgiens gewählt. Herr Torczyner ist Chefredakteur der „Hatikwah", des belgischen Zio* nistenblattes. Er ist außerdem zionistischer Delegierter für Belgien in der Jewish Agehcy. •' ■*' " Nachum Torczyner flammt aus Wien, wo er seiäe zionistischen Lehrjahre, absolviert hat. Er ist der Sohn des Herrn Eisig Torczyner,, eines der bewährtesten Vorkämpfer der zionistischen Sache in Wien und ver* dientesten Mitarbeiters Theodor Herzls. Eine Jüdin Generaldirektor' der Mailänder Scala. Rom, 6. Juli. Zum Nachfolger des vor einigen Tagen verstorbenen , Generaldirektors des berühmten Scala*Theaters zu Mailand, Angelo Scandiani, der bekanntlich Jude war, wurde Frl. Anita Colombo ernannt. Anjta Colombo ist .Jüdin und Tochter eines verstorbenen jüdischen Bankiers, in dessen Hause von jeher Musiker und Musikfreunde, unter ihnen Toscanini, freundschaftlich verkehrten. £rl., Colombo, eine G eige* r i h und Musiktheoretikerin von Ruf, war eine Zeit lang Sekretärin Toscaninis. kei.t und berührte ihren toten Körper mit fast heiliger Scheu. Dabei führte er mit ihnen leise, traurige Gespräche: „Was Schönes hast du da dem Vater und der Mutter angetan", nickte er^mit dem Kopfe. „Etwas Schönes hast du da angestellt 1 So laß dich schön zum letztenmal waschen, wir . werden, dich schön anziehen, jetzt werden wir schön die Haare kämmen,, und da hast du auch schon aufgebettet. Nichts wird dich drücken,, es wird sein, wie wenn du in deinem Bettchen lägest. So, jetzt werden "wi* noch das Köpfchen richten und decken es zu... So, nun kannst du schlafen." I Uiid weil Mendl mit den toten Kindern so überaus zärtlich sprach, behaupteten die Leute, daß er dabei immer an seine! töten Knaben denke, deren tote Körper ejp niemfils . gesehen hatte.; . Ööcfc nicht nur um Tote, in erhöhtem Maße, noch bekümmerte er sich um die Lebenden. In armen Familien, yp man einen Kranken oder ebnen eben Verstorbenen hatte, verscheuchte die. Ankunft" Mendts Not und Elend und Mendts Haus war das Stelldichein aller Betteljuden aus allen Weltrichtungen. Um Familiensorgen der Aus* wältigen. kümmerte sieh Mendl wie um die eigenen , und die Auswärtigen wären für ihren Vorsteher durchs Feuer gegangen und standen an seiner Seite wie Mauer und Wall, Auf die Chewre*Sude freuten sie sich das ganze liebe Jahr hindurch. Die waren aber auch Chewre*Suden -— selbst die Aeltesten könnten, sich solcher nicht erin« nern. Von den Vojkowitzern kam nicht eine Seele — alle Chewre*Suden wurden in Kozojedy in Mendls Behausung abgehalten und auch der Würstelkäufer Pick wurde hiebe» überflüssig. Für jede Ghewre*Sude schlachtete Mendl ein eigens zu diesem Behufe aufgespartes Kalb und von den Gelagen, welche bei jeder Sude stattfanden, sprach man dann immer noch viele Wochen. Alles ging dem Mendl nach Wunsch, nur der Seite J Jtidische Eltern! Kauft SchulbUcher für Eure Klmier nur in der iüdlichtn Buchhandlung Hermen* YtlCtlltel* Or.'stadtguta. 7 (ecke' Tab6f'straB6 82) Tel. R-41-4-20 Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos l ^«iniBimniiiimni Eine Straße in Großwardcin nach einem Rabbiner benannt. Der .Gemeiriderat von O r a d e a Mare (Groß* wardein) hat in einer .seiner , letzten Sitzungen über An* trag des gewesenen Justizministers Dr. Aurel L a z a r einhellig beschlossen, anläßlich der 19. Jahrzeit des ver« storbenen Oberrabbiners von Großwardcin, Moritz Fuchs, die K1 o s t e r g a s s e, in welcher sich die Synagoge der orthodoxen Gemeinde befindet und nahezu sämtliche jüdischen Institutionen ihren Sitz haben und wo der verstorbene Oberrabbincr 30 Jahre wirkte, den Namen „M oritz«Fuchs* Straße" zu geben. Der ver* storbene Oberrabbiner Moritz Fuchs war während seiner Großwardeiner Amtstätigkeit nicht nur bei sämtlichen Juden der Stadt ohne Unterschied der Partei, sondern auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung wegen seiner Klugheit, hervorragenden Rednergabe und steten Hilfs« bereitschaft außerordentlich beliebt. , m Die Prozedur bei Aufhebung eines Mandats. Genf, 4. Juli. Die soeben zu Ende gegangene Sitzung der Permanenten Mandatskommission des Völker« bundes hat eine Subkommission zur Untersuchung der erforderlichen Bedingungen und Umstände bei Auf« hebung eines Mandats eingesetzt. Die Unter« suchung steht im Zusammenhang mit der Absicht der britischen Regierung, die vollkommene Unabhängigkeit Israels anzuerkennen, ihre Verpflichtungen als Mandatar« macht mit Inkrafttreten des Vertrages automatisch zu Ende gehen zu lassen und die Aufnahme von Irak in den Völkerbund zu befürworten, wie sich aus dem jüngst veröffentlichten Vertrag mit Irak ergibt. Die Un* tersuchung wird sich aber nicht auf Irak' beschränken, sich vielmehr auf die allgemeine Frage des Ab» laufs eines Mandats erstrecken. Da Palästina zur Klasse der A*Mandate gehört, wie Irak und Syrien, wird die Arbeit der Subkommission auch für Palästina von einer gewissen Bedeutung sein. Die Untersuchungskom« missiön ist beauftragt wprden, der Permanenten Mandats* kommission in deren Novembersitzung über die Ergebnisse ihrer Untersuchung Beficht zu erstatten. Die Aufgaben der II* Welt* konferenz der Radikalen Zionisten* >. Von Dr. Nahum Gold mann (Berlin). Alle Voraussagen der Zionistischen Opposition einge« troffen. — Die bisherige offizielle zionistische Politik hat versagt und muß liquidiert werden. Die zweite Weltkonferenz der Radikalen Zionisten,. die am 13. Juli in Lemberg zusammentritt, findet, in einem Moment statt, in dem die gesamte zionistische Bewegung sich in einer Situation von außerordentlicher Bocher Koperl gab in der letzten Zeit Anlaß zu nicht geringen Sorgen. Unaufhörlich gab er dem Mendl zu ver« stehen, wie die Jahre vergehen — der Bocher war bereits seit fünf Jahren in Kozojdy — und es werde allmählich an der Zeit sein, daß er in sein kleines polnisches Städt« chen zurückkehre, wo sein. Vater Rabbiner war und wo der Bocher sein Nachfolger werden sollte. Mendl hätte ihn nicht gerne verloren, in all den Jahren hatte er sich so an ihn gewöhnt, als wäre der Bocher sein eigener Sohn. Nicht nur, daß er in der Schule die Kinder gut unter* richtete und auch im Tempel zu aller Zufriedenheit betete, er schaute sich in freien Augenblicken auch tüchtig in der Wirtschaft um und stellte sich dabei so klug und anstellig an, als ob er in Mendls Haus geboren wprden wäre und nicht im Ghetto einer kleinen polni» sehen Stadt. Niemand hätte in ihm mehr den jungen, schlanken, polnischen Bocher mit Kaftan und Schläfen? locken vermutet. Den Kaftan hatte er schon längst ab* gelegt und die Locken abgeworfen, er war auch bedeutend stärker und männlicher geworden. Nur eine gewisse Schüchternheit und Zaghaftigkeit gemahnte an den frühe« ren Bocher. „Vielleicht möchte er gerne zu Hause heiraten", dachte Mendl, als sich der Bocher immer öfter vernehmen ließ, daß er nach Hause müsse, und Mendl nahm sich vor, sich in der Sache Klarheit zu verschaffen. „Sagen Sie mir, Herr Koperl", führte er eines schönen Tages ganz unerwartet einen Hieb gegen den Bocher, als sie gerade nach beendetem Schulunterricht allein im Schulzimmer anwesend waren, „was reden Sie da immer von Ihrem Polen? Ist es denn gar so ein Honig* schlecken, bei Euch Rabbiner zu sein?" Der Bocher war ganz befangen. „Honig ist es gerade nicht", bekannte er zögernd. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.