Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 147 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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' Nr. '14? Dlfi NEUE WELT Seite $ 1 Vorgeblichen oder faktischen Irrtümer, Unterlassungen und Fehlgriffe zionistischer Organe und Fraktionen in der Propaganda, in Wirtschaft und Politik Palästinas recht sehr verblassen und es ziemlich gewagt wird, allen Ernstes zu behaupten, daß durch weltpolitische Kräfte* Verschiebungen größten Ausmaßes hervorgerufene Situationsänderungen auf die Dauer im Lande selbst durch taktische Maßregeln, größere Energie oder größere Nachgiebigkeit zu paralysieren gewesen wären. Auch die Brith*Schalom«Bcwegung steht von vorn« herein auf wenig tragfähigem Boden, weil auch sie dio Augustunruhen als den Beginn einer neuen, nicht als den Abschluß einer zu Ende gehenden Periode betrachtet hat. Auf diese Weise hätte man es aber auch ver* mieden, den Tenor der öffentlichen Auseinandersetzung peinlich rasch und allzu unvermittelt aus der Betonung entschlossenster Verteidigung aller durch das Mandat verbrieften Positionen in die nicht ganz verständliche demonstrative Hervorhebung hilfsbedürftiger M a c h 11 o s i g k c i t umzuinstrumentieren, eine Taktik, bei welcher es, nebenbei bemerkt, unklar bleibt, ob ihre allzu starke Dosierung wirklich von Wert ist, und die es jedenfalls bewirken muß, daß im Urteil der Welt der sachliche Ernst und die politische Reife der zio* nistisch orientierten Schichten in wenig s ehmei cheU haftem Lichte erscheinen werden. Es rächt sich jetzt, daß durch all die Jahre die Exekutive so großen Wert darauf gelegt hat, — auch nach außen hin — im Vollbesitz des Monopols nicht nur außenpolitischer Wirksamkeit, sondern selbst aller Urteilsfähigkeit auf diesem Gebiet zu erscheinen. Die Aktivität der hinter ihr stehenden Organisationen hat dadurch zweifellos an Seriosität verloren. Zu* gegeben, daß die politische Reife der Juden und insbe* sondere ihr Verständnis für weltpolitische Zusammen* hänge infolge der ganzen historischen Entwicklung viel zu wünschen übrig läßt und jedenfalls in einem starken Mißverhältnis zu dem ihnen sonst eigentümlichen geisti» gen Niveau steht; da wäre es eben eine notwendige und durchführbare Aufgabe der Führung im abgelaufenen Jahrzehnt gewesen, allmählich in geschickter und unauf« dringlicher Weise — ohne gleich aus dieser Aufklärungs* arbeit einen neuen Programmpunkt mit dem dann un« vermeidlichen rhetorischen Hin und Her, Debatten und Kontroversen zu machen — das Verständnis für diese ganze Gedankenwelt, der sich zumindest die praktische Durchführung des Zionismus doch einzuordnen hat, den jüdischen Massen näherzubringen. Keine Handbreit Boden wäre weniger in unserem Besitze, kein Mann weniger im Lande, wenn man das Papierblatt des Mandats nicht gar so zum Fetisch erhoben und den je« weiligen englischen Kolonialminister nicht zum m y t h u sehen Vollstrecker einer überirdischen Gerechtigkeit umstilisiert, sondern Anschauungen verbreitet hätte, die es gestatteten, so lange wie möglich das Vertrauen zu England zu bewahren, aber nach dessen Erschütterung eine unbefangene und ruhigere Beurtei* hing zu ermöglichen. Jetzt ist das nieht mehr notwendig. Der einzige Gewinn aus den letzten Ereignissen — allerdings kein kleiner — besteht in der begründeten Hoffnung, daß sie mit der Lcgcndenbildung aufgeräumt haben. Die Hemmungen werden wegfallen, die es bisher verhindert haben, daß man die Welt so sah, wie sie wirklich ist. Eine Organisation, deren Weltbild einen derart primi» tiven, engen und starren Rahmen hatte, war für jede Führung ein Bleigewicht, das eine elastische Behandlung der Dinge verhindert hat. Zweifellos wird hier jetzt tüchtig aufgeholt werden, ja es ist in den letzten Wochen schon manches ge» schehen. Zum ersten Male hat jeder einzelne die Dyna» mik der weltbeherrschendcn Kräfte gleichsam am c i g e* n e n Leib verspürt und man wird von nun an nicht mehr aufhören, sich mit ihnen zu beschäftigen. Das einzige geistige Gebiet, auf welchem die Juden bis heute Analphabeten waren, ist entdeckt worden und es wird jetzt auch hier rasch Licht werden: ein Er« eignis, das vielleicht in der Geschichte eine tiefere Cäsur hinterlassen wird als die von Feenhänden herbeige* zauberte Balfour*Deklaration! Hoffnung auf König Carol? Marius Schwache« — Die Regierung hat Sympathie für die antisemitischen Studenten« —• Ein Memorandum des jüdischen Pavlamentsklubs» — Was wird Carol tunf — Trotx der königlichen Erklärung antisemitischer Terror! Bukarest, Anfang Juli. Die Hoffnung, die Regierung M a n i u mit ihrer großen Popularität und Autorität werde fähig sein, den antisemitischen Exzessen ein Ende zu machen, hat sich nicht erfüllt — obwohl gerade dieser Regierung, die sich fortschrittlich nennt, zum Teil jüdische Beihilfe bei ihrer Etablierung zugeflossen ist. Fast ein Jahr lang war Ruhe im Lande. Aber sie war nicht der Regierung Maniu zu verdanken, sondern dem Umstände, daß durch die Vorfälle in O v ad i a M a r e der Kulminationspunkt der Exzesse bereits überschritten war. Bis zum August 1929, also fast zwei Jahre lang, hatten die antisemitischen Hetzer keinen Mut gehabt, neue Ausschreitungen zu inszenieren, und von dieser Haltung konnte auch die gegenwärtige Regierung profitieren. Im Augenblick aber, da die antisemitischen Grup-. pen spürten, dafl in einem Teil der Regierung selbst antisemitische Tendenzen vorhanden seien, setzten sie mit einer neuen Serie brutalster Exzesse ein. Hätte die Regierung eine feste, energische Haltung gezeigt, dann hätten nach der allgemeinen, wohlbegründeten Ueberzeugung die antisemitischen Ausschreitungen für lange Zeit beseitigt werden können. Die Regierung aber hat statt Eenrgie und Unnachgiebigkeit Schwäche und Haltlosigkeit gezeigt, so daß die kleinen sporadischen Exzesse sich bis zum berüchtigten Kongreß der antisemitischen Studenten in Crajowa (1. bis 3. Dezember 1929) verdichteten, wobei die Regierung den Kongreßteilnehmern alle Erleichterungen gewährte und, indem sie sich offiziell durch Vertreter an dem Kongreß beteiligte, dieser Gruppe Mut zu neuen Attacken einflößte. Man bedenke nur, daß der antisemitische Kongreß vom Crajowaer Präfekten .und vom, Kommandanten des ersten Armeekorps offiziell begrüßt wurde. sjiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiimini | Di© Wiener weltbekannten 1 SYNAGOGEN! 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Die Interpellation des jüdischen Parlamentsklubs beinhaltete eine Warnung an die Regierung vor den Folgen solcher offizieller Kundgebungen, und leider war auch die Voraussicht der jüdischen Abgeordneten zutreffend. Tatsächlich kam es unmittelbar nach dem Studentenkongrefi zu Ausschreitungen in verschiedenen Teilen des Landes, in Kischenew, Jassy, Bukarest, Targu Frumos, Timileutz, Beltz, Borscha usw. Diese Ausschreitungen gingen nach einer systematischen Vorbereitung vor sich, die der R egierung unbedingt bekannt sein mußte. Keine Abwehr geschah. Und auch nachher fanden die Juden keinerlei richterliche Sühne. Hätte die Regierung eine negative Beziehung zu derlei barbarischen Erscheinungen, dann könnte sie mit ihren Machtmitteln jede antisemitische Bewegung vermeiden oder ersticken. Was den zurückgekehrten König Carol anlangt, jubelten die Juden ihm zu. Ihre Haltung dem König gegenüber war unbelastet, da sie sich niemals in das Problem der Krone einmischten, und. im übrigen sind sie der Ueberzeugung, daß kein Souverän Ausschreitungen gegen einen Teil der Bürger seines Landes billigen kann. Man weiß zwar, daß der König seine Erziehung bei Prof. J o r g a genossen hat, als dieser noch aktiver Antisemit war, aber man hat das Gefühl, daß die fünf Jahre des Auslandsaufenthaltes ihre gute Wirkung auf den König nicht verfehlt haben. In seiner Thronrede richtete König Carol einen Appell an alle Bürger seines Landes ohne Ansehung Die Judengemeinde von Vojkowitz* Von Vojta Rakous. Aus dem Tschechischen übersetzt von Emil Saudek. (Fortsetzung.) Die Wohnung für den Totengräber stand wohl be* reit, allein es fehlte der Totengräber. Nur um den „Draußigen" neue Unannehmlichkeiten zu bereiten, hatte Lichtenstern dem alten Vykysal einen einträglicheren Posten verschaff und dieser kündigte den Dienst. Mendl suchte also eineF neuen Totengräber und der Zufall kam ihm zu Hilfe. In Kozojed lebte schon seit langen Jahren in Frie* den und Gottesfucht der schon ältliche Junggeselle Isaak. Seiner kleinen, unscheinbaren Gestalt halber nannte man ihn nur Isaacek. Er besaß in Kozojed, gerade neben Mendls Haus, ein kleines Häuschen und hausierte mit Schnittware. Er stand so verlassen in der Welt da, wie der Strauch in der Heide. Er war schon ziemlich weit über die Vierzig und er hätte für sein Leben gern geheiratet, aber niemals noch hatte ihm das Glück gewinkt. Der Voj» kowitzer Schames war zwar schon mit ihm bei allen in Betracht kommenden Bräuten der ganzen Umgebung ge» wesen, da er aber blatternarbig und rothaarig war, wollte ihn keine von ihnen. Und so wirtschaftete denn Isaacek mutterseelenallein in seinem Häuschen. J*den Samstag» abend, immer nach „Havdalah", begann Isaacek Knödel zu kochen und kochte derer so viele, daß,er gleich genug für die ganze Woche hatte, und jeden Abend, wenn er dann vom Hausieren nach Hause kam, aß er mit gutem Appetit die aufgewärmten Knödel. Am darauffolgenden Samstag kochte er sich wieder frische. Schon hatte sich Isaacek längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, bis zu seinem seligen Ende aufge* wärmte Knödel essen zu müssen, als ihm plötzlich ein rettender Engel in Gestalt der Krenetzer Ancicka er« schien. Im benachbarten Krenek lebten nämlich drei schon ziemlich bejahrte Schwestern. Der Aeltesten fehlte nicht viel auf fünfzig, die Jüngste war ziemlich über die Vierzig hinaus. Man nannte ihre Behausung „zu den drei Ancicky". Es hieß zwar nur die Aelteste Ancicka, aber da eine ohne die andere niemals heiraten wollte, sie un» zertrennlich waren und sich überaus liebten, so nannte man sie im ganzen Umkreis nicht anders wie „die drei Ancicky". Die drei Ancicky hatten in Krenek ein Häus« chen und brachten sich redlich fort. Die Aelteste hau» sierte mit Schnittwaren und war Isaaccks Konkurrentin; infolge ihrer Geschwätzigkeit war sie weit und breit als lebendige Chronik bekannt. Die Mittlere buk zu Hause Brot und die Jüngste trug es dann in einem Buckelkorb in die umliegenden Dörfer. Da kam eines schönen Samstagnachmittags der Vojkowitzer Schames zu Isaacek und meldete ihm, daß ihm "die älteste Ancicka sagen lasse, er möge nach Kre* nek zu den drei Ancicky einheiraten und eine von ihnen — gleichgültig, welche — möge er sich zur Frau nehmen. Schon den darauffolgenden Samstag ging Isaacek mit dem Vojkowitzer Schames nach Krenek zur Brautschau, den» selben Tag noch zerbrachen sje eine altertümliche, bunt» bemalte Schale und vier Wochen darauf war die Hoch» zeit. Isaacek nahm die älteste Ancicka zur Frau, seine Konkurrentin, und es wurde vereinbart, daß sie zwar ge* meinsam hausieren gehen sollten, jeder aber seine Kunden für sich behalten werde. Isaacek verkaufte sein Häuschen und übersiedelte ganz überglücklich zu den drei Ancicky. Zwei Monate darnach — es war gerade um die Zeit, da Mendl einen Totengräber suchte und keinen finden konnte — da kam Isaacek mit großem Jammer* geschrei und ganz verfallen aussehend zu Mendl; er. sei von den drei Ancicky davongelaufen und wolle lieber einen Selbstmord begehen, ehe er wieder zu ihnen zu* rückkehrc. „Glaubens Sie mir, Herr Mendl", und er rang 'die Hände, „das sind keine Weibsbilder, das sind vom Teufel besessene Hexen. Sie können mir gar nicht glauben, was ich bei ihnen erlitten habe. Alle drei halten zusammen wie eine Mauer und ich war unter ihnen wie verkauft. Ich tat ihnen, was ich ihnen nur immer von den Augen ablesen konnte, dafür mußte ich noch Höllenqualen erdulden. Aber am ärgsten von den dreien war die meine, die Ancicka. Den Buckelkorb mußte ich ihr tragen, aufs Wort mußte ich ihr folgen und zum Dank dafür hat sie mich noch um alle meine Kunden gebracht. Jetzt habe ich gar nichts mehr: weder Ware, noch Geld, noch Kunden — nichts! Was soll ich nur beginnen, Herr Mendl?" „Sieh da, ein Totengräber," durchblitzte es Mendl. „Wissen Sie, Isaacek, ich möchte nicht gerne ciiic Ehe auseinanderbringen," sagte er vorsichtig, „aber wenn Sie schon durchaus nicht mehr zu den Ancicky zurück* wollen — ich nehme es Ihnen weiter nicht übel, Isaacek, Gott bewahrel — da wüßte ich Ihnen eine Stelle — möchten Sie nach Vojkowitz als Totengräber gehen? Wir haben dort ein Häuschen wie ein Schmuckkästchen, Sic werden dort ein Zimmer für sich allein haben, die not* wendigen Möbel werden wir Ihnen auftreiben, also — was wird Ihnen dort fehlen?" Ein Wunder, daß Isaacek dem Mendl nicht die Hand küßte. „Vergelfs Ihnen Gott, Herr Mendl. daß Sie mir zu dieser Stelle verhelfen" bedankte sich Isaacek