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Die neue Welt · 1930-07-11 · Heft 147 (11.7.1930) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 147 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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r Seite 9 DIE NEUE WELT Nr. 14T WIEN •••-:„ v-:., VII.. KAISERSTRASSE «123 IX., ALS E R STR ASS E d V FERNSPRECHER 6-38-Q-4ä Auf Seite 106: ". ' \.; \7,j „Bei den Revolutioneil in Rußland, Bayern und Ungarn ging .es nicht gegen denHe^tzVdaiiEigen tum im allgemeinen, sondern nur gegen die Be, sitzenden arischen Blutes. Das jüdische Kapital* das jüdische Eigentum blieb unangetastet, so wird es auch sein, wenn die Weltrevolution tatsächlich über Europa hereinbricht." Die Wiener „Arbeiter-Zeitung" berichtet, dafl dieses" im Jahre 1923 erschienene Buch noch heute in den Unteroffiziersschulen der Bundesgendarmerie verwendet wird. Milde Richter. Milde Richter galten nie als eine Spezialität Deutschlands. Im Gegenteil. Deutsche Richter genossen und genießen den nicht gerade sehr schmeichelhaften Ruf, mit zehn- und mehrjährigen Kerkerstrafen, Strick und Beil rasch bei der Hand zu sein. Und da kann man wieder sehen, wie der Schein trügt, wie sehr die Welt geneigt ist, hart und ungerecht zu urteilen. Es gibt in Deutschland milde, sehr milde Richter. Wer's nicht glaubt, der höre: In der Vorwoche hatte das Schöffengericht in Mainz den 28jährigen Techniker R e b h a h n abzuurteilen. Rebhahn hatte den jüdischen Kaufmann Richard Kahn in einem Gasthause in Alzey antisemitisch beschimpft. Kahn wies ihn zurecht und verließ das Lokal. Rebhahn folgte ihm, griff ihn tätlich an. Als Kahn sich wehrte, zog Rebhahn einen Revolver und tötete Kahn durch drei Schüsse und ging ruhig fort. Das Zeugenverhör ergab, daß sich Rebhahn am nächsten Tage unter Beschimpfungen gegen die Juden gerühmt hatte, daß er den Revolver eigentlich nicht nötig gehabt habe. Er hätte. ,d.en Juden auch, niederboxen können. Aber besser, ist.besser. Leid; tue; ihm die Sache nur, weil ( er seine ptelle, verlieren dürfte. Das. Urteil: Vier. Wocnen Gefängnis! Als mildernden Umstand gaben die Richter an, daß Rebhahn „in einer gewissen Aufregung" gehandelt habe. Das ist ja richtig. Warum soll ein deutscher Mann nicht aufgeregt 6ein,.wenn ein Jude so frech ist: erstens, auf der Welt zu sein, zweitens, im Gasthaus zu sitzen, und drittens, ein Glas Bier zu trinken. Und da soll man nicht aufgeregt sein! Voreilige Leser werden sagen, so was könne nur bei antisemitischen Richtern vorkommen. Gemach! In derselben Woche stand in Berlin der Natonalsozialist Franz K i r s c h vor dem jüdischen Amtsrichter Rosenthal. Im Verlaufe einer Ver-? Sammlung hatte Kirsch einem intervenierenden Polizeileutnant „Jnda verrecke" zugerufen und ihn mit einem Knüppel niedergeschlagen und schwer verletzt. Der jüdische Richter verurteilte Kirsch zu drei Wochen Gefängnis mit Bewährungsfrist. Also braucht Herr Kirsch nicht zu sitzen. Alle Zeitungen fanden dieses Urteil nur dadurch erklärlich, daß der Jude Rosenthal, aus Furcht, man könnte ihn für parteiisch halten, Hakenkreuzlern grundsätzlich nichts tut. — So sehen die milden Richter in Deutschland aus. Die einen sind mild, weil sie Antisemiten, die anderen sind mild, weil sie Juden sind. Und die Hakenkreuzmörder machen das beste Geschäft. Unlängst hat ein angeklagter Hakenkreuzler einen jüdischen Richter als „befangen" abgelehnt. Esel! Ein mießes politisch-religöseg Tauschgeschäft. Wir haben vor kurzem über einen ganz unappetitlichen politisch-religiösen Tauschhandel berichtet, welcher in Palästina vollzogen wurde. Nach der Sperre der Einwanderung jüdischer Arbeiter beschloß die palästinensische Judenschaft, in Form eines Generalstreiks zu protestieren. Alles erklärte sich bereit, nur die A g u d a h, die Organisation der Buchstaben-Orthodoxen, wollte nicht mittun. Nach langen Verhandlungen ließ sie sich aber gegen das Versprechen, daß die j ü.d ischen Jungens am Samstag nicht mehr Fußball spielen werden, schließlich dazu herbei, mitzustreiken. Also sperrten auch die Agudisten am 20. Mai ihre Geschäfte zu. Was tut man nicht alles dem Sabbat zuliebe? Man wird auch patriotisch. Wir hatten der Ansicht Ausdruck gegeben, daß beide Teile auf diesen Kuhhandel nicht stolz sein dürfen, und das Geschäft als höchst unsolid bezeichnet. Das hat sich jetzt erwiesen. Acht Tage nach dem Stzeik, an dem eie mittaten, schrieb die Zeitung „Kol Jisroel", das Organ der frommen Wortsmänner der Aguda, die Sperre der Einwanderung bedeute zwar eine ge wisse Zurücksetzung der Jüdischen Retht6, aber dann wcMKc&m ,*Von eineitt .höher eStandpunkte aus mtiäse man allerdings sagen, Üafi G o t t den englische!* Staatsmännern d i 6 s e V e rf ü g u n g # i ft g e g e b e n JräBe, däffift nicht länger Chaluzim nacK Palästina kämen welche nicht fromm sind und die Heiligtümer Israels nichl Äii«*kennenf * Akö iwdbett die irdiamen Herrschaften a» 20. Mai gegen eine göttliche Verfügung protestiert! Bas fitft j& feine ä^hÖÄe Bescherling* Das koinmt ctäVöri, wenn man nilt Fußbällen tlnd Seelenheil (jeschäftchett macht. Ein jlidfschnatfonale* Erfolg. Gesetzliche Anerkennung der jüdischen Nationalität in der Tschechoslowakei. ■— Eine Lehre auch für die österreichischen Assimilationsjaden. — Der „Antisemit* Masaryk. P r a g, 4. Juli, Gestern , erschien in der Sammlung der Gesetze und Verordnungen die vom letzten Ministerrat genehmigte Regierungsverordnung über die zweite Volkszählung in der Tschechoslowakei. Diese findet laut Verordnung am 1. Dezember dieses Jahres statt. Die wichtigste Bestimmung betrifft die Vor Schriften über die Erhebung der Nationalität der Bevölkerung in der tschechoslowakischen Republik; Wie bereits gemeldet* wurde, enthielt der Vorschlag des statistischen Staatsrates an das Ministerkollegdüm eine Spitze gegen die jüdische Nationalität. Es sollten sidi ihm zufolge diesmal nur jene zur jüdischen Nationalität bekennen dürfen, die Jiddisch und Hebr äis ch zur M u11ersprache haben, eine Bestimmung, die den Juden von Böhmen, Mähren und Schlesien und auch eines Teiles der Slowakei es u n m ö glich gemacht hätte, sich zur jüdischen Nationalität zu bekennen. Den Bemühungen deszionistischen Abgeordneten Dr. Ludwig S i n g.ev.r -js^fc-; es $un gelungen,, den, Ministerrat umzustimmen und 'allen judenj'phne Rücksicht auf ihre Muttersprache, das,Reicht zu erkämpfen, sich zur jüdischen Nationalität ^Icpnnjen^,^' .dürfen. Die dies- Man würde nicht jubeln .ums ^Rheinland /.noch,. Denn ohne Stres'emaiin war'snoeih im Joch! . , Es,.würde/un^' .auch nicht,ifchmecl^en,^,, T;a^' EsSig v^ E bezügliche Stelle der Regierungsverordnung hat folgenden Wortlaut: „Die Nationalität wird in der Regel nach der M u1t eusp r a.eh e verzeichnet. . Eine andere Nationalität als diejenige, iauf s welche die Muttersprache hinweist, kann nur dann eingetragen werden, wenn die betreffende Persori die Mutterspräche weder in der Familie noch'zu Hause spricht, und vollkommen die Sprache jener Nationalität beherrscht. Die Juden jedoch können sich stets zur jüdischen Nationalität bekennen." Es ist das erstemal, daß die jüdische Nationalität in e i n e m : G e s'e t z e anerkannt wird. Bisher war dies mir im M o t i v c n b e r i c h t zur Verfassungsurkunde der Fall und vor zejm Jahren anläßlich der, ersten, Volkszählung, in. einer Instruktion an, die Zählkommissäre. Die Regierungsverordnung wird in. den breitesten Kreisen 'der t 's c h e c h o s 1 o w a k i-, sehen J u den hei t mit* der größten Gen u«g-! tuung aufgenomme n.! * ' . : .7- ' Die erste Verordnung, welche, es den Juden fast unmöglich gemadit hatte, , sidi ehrlich zum jüdischen Volke zu bekennen, hatte 'bei .den tsdiechischen und deutschen Assimilationsjuden in . der Tsdiechoslowakei hellen Jubel ausgelöst. Sie freuten sich darüber, daß nunmehr die tschedioslowakischen Nationaljuden gezwungen seien, sich gegen ihr Empfinden als Deutsche, Tschechen oder Ungarn zu bekennen. Auch in Oesterreich frohlockten einmal jene Juden, die sich nicht zu erkennen geben wollen, bei dem gleichen Anlasse, tm Jahre 1920 brachte der damalige jüdische Abgordnete Robert Stricker den Antrag ein, in den Volkszählungsbogcn die Rubrik „Nationalität" aufzunehmen, damit es Juden, weicht? die deutsche Sprache sprechen, möglich gemacht werde, sidi zu ihrem Volke, zum jüdischen, zu bekennen. Gegen diesen Antrag sprach sich der sozialdemokratische Staatskanzler Doktor Renner aus, mit der gewundenen Erklärung, daß die Frage der „jiidisdien Nation" „noch nicht geklärt sei". Er strafte damit seine e i g e n e Vergangenheit Lügen, denn als einfacher Abgeordneter war er im Verein „Nationale Autonomie" zusammen mit seinen zionistisdien Vereinskollegen immer für die Anerkennung der jüdischen Nationalität in Oesterreich eingetreten, aber als Staatskanzler fügte er sich, gegen seine U e b c r z e u g ü n g, dem Drängen seiner getauften und halbgetauften jüdischen Klubkoüegen, Welche sidi, um alles in der Welt, nicht als Juden bekennen wollen, dem Drängen seiner Freunde Aüsterlitz, ^naeberg, Ellenbogen, Pipk u, a, Gegen den Antrag Stricker stimmten damals also die Sozialdemokraten, für den Antrag die Chfistlichsoeialen unter Führung Kunschaks. Dfts gab den Assimilanlenjuden von der „Union" und der sozialdemokratischen Partei Anlaß für die demagogische Behauptung, daß der Zionist Stricker mit dem Antisemiten Kunschak „zusammenarbeite", daß die Anerkennung der „jüdischen Nation" feine „antisemitische Sa c h e" sei. Der Fall der Tschechoslowakei zeigt, wie albern dieses Geschwätz Ist» wie unklug jene Juden sind, die daran! hereinfallen, daß ehrliches Bekenntnis zur jüdischen Nation „antisemitisch" ist. In der Tschechoslowakei hat eine freie!nnige Majorität für die Anerkennung der jüdischen Nation gestimmt. Vor allem aber ist immer Präsident Masaryk für die Anerkennung der jüdischen Nation eingetreten. Audi er war mit Renner Und den Z i o n i s t e n Mitglied des österreichischen Vereines „Nationale Autonomie", aber er ist seiner Vergangenheit treu geblieben, hat sie nicht verleugnet wie Dr. Renner. Nach der Theorie der Wiener Assimilationsjuden, der roten und der weißen, ist nun Masaryk, der verehrte niditjüdisdie Vorkämpfer der jüdischen Sache, der wahre Demokrat, ein „Antisemit". Denn e r hätte gewiß mit Stricker und Kunschak gestimmt. Er hat ja jetzt die „jüdische Nation" anerkannt. Die Entdeckung der Weltpolftik* Von Dr. Oskar Karbach (Wien). Ob die palästinensischen Augustunruhen des Vorjahres von vornherein als ballon d'essai inszeniert worden waren, ist eine Frage sekundärer Bedeutung; daß sie aber, nachdem sie sich einmal abgespielt hatten; als solcher benützt wurden, war nicht zu vermeiden. Jüdische Ansiedler, darunter zahlreiche Personen ausländischer, auch amerikanischer Staatsbürgerschaft, waren getötet, namhafte Sachwerte vernichtet worden. Mit vollem Rechte konnte daher der Protest, der sich allerorten da« gegen erhob, als das Maximum aller j ü d ischen und n.ichtjüdischen Kräfte gewertet werden, die der Zionismus für seine Ziele zu mobilisieren imstande war. Aus den Ereignissen seither geht, deutlich hervor, daß das Resultat dieser Prüfung ein h e,g a t i v e s ge« wesen ist, derart, daß die Mandatsmacht die Brüskierung des zionistischen Faktors als politisch mögl i c h und zweckentsprechend erachtete und sohin den Weg frei sah für eine Drosselung des Aufbauwerkes, die zweifelsohne schon lange vorher in den Kreis der Möglichkeiten gezogen worden war. Es ist auch nachträglich wenig wichtig, ob die zio« nistische Exekutive und die Jewish A'gericy tätsächlich, wie die offizielle Lesart lautet, von dem entscheidenden Stimmungsumschwung in London überrascht würden oder ob sie ihn :— vielleicht seit Jahren — herannahen fühlten. Eher ist letzteres anzunehmen, wenn man be> denkt, daß es sich um Männer von Geschick und poli« tischer Routine handelt, die auch Imponderabilien zu deuten wissen mußten, und wenn man sich ihrer Taktik in den letzten Jahren heute erinnert. Keinesfalls aber hätte eine frühe Erkenntnis dieser Entwicklung an der Praxis des Aufbauwerkes und der Propaganda für das« selbe irgend etwas während dieses Zeitraumes ändern können und dürfendes wäre vollkommen falsch gewesen, die Möglichkeit, ja selbst die Gewißheit einer irgend einmal bevorstehenden entschiedenen oder entscheiden« den Kursänderung der Mandatsmacht etwa durch eine vorweggenommene Selbstbeschränk u n g zu eskömptieren oder aber gar die Kolonisation unter Berufung auf diese/Eventualität zu forcieren. . Ebenso« wenig wäre es angezeigt gewesen, allzu früh die am Auf« bauwerk interessierten Schichten zu beunruhigen. Jeder Monat, der ihnen, die Erkenntnis ersparte, daß auch lebenswichtige Teile des Mandatsinhaltes vor einer ge* fahrdrohenden Interpretation nicht geschützt wären, be« deutete einen Gewinn, der erfaßt werden mußte, selbst auf die Gefahr hin,, daß die Erschütterung dann um so größer wäre. Ganz anders war die Situation nach den Augustunruhen: Längstens acht Tage später war es klar, daß den am Aufbauwerk interessierten Kreisen die volle Erkenntnis des Kurswechsels auf die Dauer nicht erspart bleiben würde und die Exekutive sich und sie für diesen Moment vorzubereiten habe, wo« für ihr drei Vierteljahre gegönnt gewesen wären. Statt dessen verging der Winter 1929/30 in wenig verständlicher Untätigkeit auf diesem Gebiete mit übertrieben intensiver Beschäftigung mit den Arbeiten der Shaw* Kommission und man hätte diese dominierende Rolle in der Diskussion wohl auch auf die Mission des Sir Sirop» son weiter übertragen, wenn nun nicht endlich durch die Einwanderungssperre diese Methode ihr jähes Ende gefunden hätte. Jetzt auf einmal rauschen die Vorhänge zur Seite, die so lange das Blickfeld der ganzen zionistischen Be* wegung künstlich auf das kleine Territorium von Palästina eingeengt hatten, und mit einem Schlag« ergießt sich eine Hochflut weltpolitisch tuender ■ Ge« dankengänge in die zionistische Presse — und nicht nur n sie allein — und bis über die letzte, zionistisch inter« essierte Gemeinschaft. Dieser Tag mußte einmal kommen; diese Erkenntnis, rechtzeitig gefaßt, hätte, vor allem die interne Diskussion pazißziert, d§ durch, sig allq

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