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Die neue Welt · 1930-07-04 · Heft 146 (4.7.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 146 (4.7.1930)
Date
1930-07-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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tff. 146 DIE NEUE WELT Seite 5 Pogrom in der polmsdien Sladl Pjasky« Warschau, 28. Juni. Der Rabbiner von^p» Pjasky, Kreis Lublin, und mehrere andere angesehene Persönlichkeiten der Stadt sandten ein Sclireiben an den j ü d i- 3 c h e n Nationalrat Polens, in dem die antisemitischen Ausschreitungen der polnischen Turner in Pjasky, bei welchen eine ältere jüdische Frau, Rebekka Halpern, getötet, 20 jüdische Männer und Frauen schwer und eine Anzahl leicht verwundet wurden, geschildert werden. Die Ausschreitungen wiederholten eich mehrere Tage hintereinander, ohne daß die Polizei eingegriffen hat. Die antisemitische Presse schildert die Exzesse so, dafl unter den Massen der Glaube erweckt wird, dafl die Juden die Angreifer gewesen waren, und fordert die christliche Bevölkerung zu Vergeltungsakten gegen die Juden auf. Die Polizei aber machte ri i c h t d e n g e r i n g s t e n Versuch, die wirklichen Schuldigen zu fassen und einer gerechten Bestrafung zuzuführen. Die jüdischen Bürget von Pjasky wenden sich an den Nationalrat und an den jüdischen Klub mit der Bitte, die maßgebenden Behörden aufzufordern, die jüdische Bevölkerung zu schützen und die Schuldigen zu bestrafen. Zum Schluß wird noch mitgeteilt, daß zwei jüdische Bürger, Chaskel Friedmann und Bdnem Hirschhorn, als angebliche Schuldige an den Ausschreitungen verhaftet worden sind. Der Vorsitzende Jüdischen Parlamcntsklubs, J. Grünbaum, hat dem Innenminister eine genaue Schilderung der Geschehnisse übermittelt. 1 \ Eilt flUtel* Rat S Verlange ausdrücklich fBERNA'-Käse Goebbels droht mit Pogromen. Berlin, 28. Juni. In der Zeitschrift „D e r A ngvii f" des Reichstagsabgeordueten Dr. Goebbels wird gegen das Uniformverbot, das die preußische Regierung erlassen hat, - polemisiert. Der „Kampf Aller gegen Alle" wird als bevorstehend angekündigt. Dann heißt es wörtlidi weiter: „Wenn es dabei zu von uns nicht gewünschten und bisher verhinderten Judenpogromen kommen sollte, so hat uns die Regierung selbst die Möglichkeiten geraubt, die Disziplin unserer Anhänger zu gewährleisten;" Dazu bemerkt das -„Berliner Tageblatt": „Wir schrieben.' >scliön, kü^zlichfe der >yon denNationalsozialisten geübtenoder Terror sei keine politi-, sehe, sondern .eine Angelegenheit der Polizei. Für die , zitierte Auslassung . wird sich wohl auch der Staats-; anwalt interessieren." Ein Schmuckbrunnen zerstört, weil der Stifter ein Jude war. Berlin, 30. Juni. (J. T. A.) Die Polizei in K ö t h e n verhaftete einen Studierenden des 8. Semesters der G e werbe h o c h s c h ü le,' der die wasserspeienden Löwenköpfe des Schmuckbrunnens am Bahnhofsvorplatz zu Kothen zerschlägen'jhatte, weil der Stifter des Brunnens ein Jude war/Der Täter gehört der Nationalsozialistischen Partei an. m BAD ISCHL Pension, fWanka 44 an der Esplanade und Kaltenbachstraße 19 2 Minuten zum Kurkoiizert. Ruhige, staubfreie Lage, beste Küche Leitung und Aufsicht: Adolf dlatter, Wien, VI., Schmalzhofgasse 12. Die jüdische Abstammung der Habsburger. Wie erinnerlich, hat vor einigen Monaten der Präsident der tschechoslowakischen Republik M n s aryk in einem Gespräch mit dem Chefredakteur der „Vossisdien Zeitung", Prof. Georg Bernhard, die Andeutung gemacht, duß seinerzeit das österreichische Kaiserhaus den größten Teil einer Auflage von Meyers Konversations-Lexikon habe aufkaufen und vernichten lassen, weil d*irin auf die j ü d i s c h e Herkunft der Habsburger hingewiesen war. Wiener Familien sind noch im Besitze von Exemplaren der 188? erschienenen vierten Auflage von Meyers Konversations-Lexikon, in deren siebentem Bande, Seite 98", es heißt, daß Gesdiidttsdi reibetdes Hauses Habsburg im 15. und 14. Jahrhundert die Abstimmung der Habsburger von der römischen Fnmilie Pier Leoni herleiten, aus welcher im 12. Jahrhundert auch ein Papst, Anaclet II. hervorging; die Pier-Leoni waren unzweifelhaft jüdischer Herkunft. Dieser Hinweis fehlt in weiteren Auflagen von Meyers Lexikon. Auf eine Anfrage der Jüdisdien Telegraphen- Agentur beim Bibliographisch en Institut dn Leipzig, in dessen Verlag Meyers Lexikon erscheint, ob tatsächlich die vierte Auflage des Lexikons auf Veranlassung der Habsburger aus dem Verkehr gezogen worden sei, wurde ei widert: „In unserem Hause erinnert sich niemand, daß eine Auflage unseres Lexikons aus dem Verkehr gezogen ist... Unserem Haushistoriographen ist bei seinen Studium für die Geschichte des Bibliographischen Instituts, die er 1926 geschrieben hat, nichts begegnet. Auch ist hier niemandem bekannt, warum in der. fünften Auflage die betreffende Textstelle n i c h t wieder gebracht worden i s t. Von der Redaktion lebt niemand mehr, auch die in Frage kommenden Autoren sind tot." Dem Bibliographischen Institut, das sich an die Kanzlei des Präsidenten Masaryk mit einer Anfrage gewandt hat, ist von dort die Antwort zugegangen, daß sich Präsident Masaryk in dem betreffenden Gespräch dahin geäußert hat, er habe in Wien gehört, daß einmal eine ganze Auflage von Meyers Lexikon durch Aufkauf dem Verkehr entzogen, worden sei, weil'darin die jüdische Abkunft des Hauses Habsburg behauptet worden 6ei. Von wem er diese Behauptung gehört hat, kann er sich nicht mehr erinnern. Jedenfalls gibt das Bibliographische Institut zu, daß der in der vierten Auflage des Lexikons enthalten gewesene Hinweis auf die jüdische Abstammung der Habsburger in der fünften Auflage und in den w e iteren Auflagen fehlt. Ein Jude Bürgermeisterkandidat in Chikago. Anläßlich der bevorstehenden Wahlen in Chikago wurde der populäre Richter Josef S a b b a t h auf demokratischem Programm als Kandidat für die Bürger- Toni Perl Simon OUKfettZ ii. XX. Verlobte Wien, Juni 1930 jüdischen Massen kann der Regierung keinesfalls gleichgültig bleiben. Leider aber bringt die Regierung dieser Situation, die nicht zum geringen Teil durch ihre eigene Politik gesdiaffen worden ist, keinerlei Verständnis entgegen; sie gibt sich über den Ernst dieser Situation keine Rechenschaft und ignoriert ganz und gar den Katastrophenzustand eines großen Bevölkerungsteiles. Das 3 Milliarden Zloty-Budget des Staates wird zu einem großen Teil aus der f a s t . a u s s c h 1 i e ß- Iichvonder jüdischen Bevölkerung zu tragenden Umsatzsteuer gedeckt. (50 Prozent des Etats sollen durch die Umsatzsteuer bestritten werden.) Ungeachtet der hohen Besteuerung des jüdischen Elements wird den Juden keinerlei Aequivalent bewilligt. Am besten gibt sich die Verstnndnislosigkeit der Regierung gegenüber der jüdischen Not darin kund, daß für die religiösen Bedürfnisse der Juden in ganz Polen — also für 3 Millionen Seelen — 120.000 Zloty in das Budget eingesetzt sind. Das jüdische Schulwesen — das allgemeine wie das berufstedinische — muß selbst für seinen Unterhalt sorgen; das müssen auch die jüdischen Institutionen der sozialen Fürsorge. Wo jüdische soziale und kulturelle Institutionen Staatshilfe erhalten, ist diese Hilfe eine so minimale, daß sie für die Arbeit nidit ins Gewicht fällt. Nach der gleidien Richtung bewegt sich die Kommunalpolitik der Regierung. Die Regierung hat als Aufsiditsorgan der Stadtgemeinden diesen Gemeinden verboten, in ihre Budgets Posten für jüdische soziale oder erzieherische Zwecke einzustellen, oder sie hat solche Posten auf ein Minimum reduziert. Nun ging die Regierung audi dazu über, Budgetposten jüdischer Gemeinden für jüdische Schulen mit hebräischer oder jiddischer Unterrichtssprache, ebenso Posten für soziale Fürsorge und insbesondere für jüdische Auswanderung nach Palästina, zu streichen. Die Regierung, die von sidi aus nidits tut, um die spezifischen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung zu befriedigen, hemmt sogar die Initiative der Stadtgemeinden wie der jüdischen Gemeindeni die die lokalen sozialen und erzieherischen Institutionen der jüdischen Bevölkerung zu unterstützen bereit wären. Die jüdischen Selbsthilfe-Organisationen erhalten von der Regierung keinerlei Stütze, in vielen Fällen stört die Regierung die Arbeit dieser Institutionen. Das Memorandum schließt: Als die gewühlten Vertreter der jüdischen Bevölkerung Polens halten wir es für unsere Pflicht, der Regierung den ganzen Ernst der Lage der jüdischen Bevölkerung darzulegen und ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß es unabwendbar und unaufschiebbar ist, daß die Regierung eine entschlossene Initiative entwickelt und ein klares Programm ausarbeitet, die darauf gerichtet sind, die Ursachen des jetzigen katastrophalen Zustandes der jüdischen Bevölkerung Polens zu beseitigen. stets aufregende Kampf mit den Vojkowitzern wurden im Laufe der Zeit seine einzige Leidenschaft. Mendl hatte nicht wenig Arbeit. Was hatte er nur in Sachen der Chewre nach Königgrätz zu fahren, zu Gerichten und verschiedenen Behörden! Die Streitigkeiten zwischen den Vojkowitzern und den „Draußigen" wurden nämlich nicht immer auf parlamentarische Weise erledigt. Es gab auch Beleidigungen und noch ärgere Dinge. D.er Somyschler Hahn, dieser allergrößte Kampfhahn der „Draußigen", kam mit dem Vojkowitzer Rabbiner übers Kreuz und mußte dafür zwei Tage absitzen, und das Gericht in Königgrätz hatte alle Hände voll zu tun, um Zänkereien der beiden Parteien zu richten und zu schlichten. Die Herren vom Gericht kannten alle Mitglieder der Chewre persönlich, sowohl die Vojkowitzer wie die „Neustaatler". Gleich nach jener denkwürdigen Chewre-Sude, an welcher die Vojkowitzer von den Auswärtigen &ufs Haupt geschlagen wurden, klagte Lichtepstern den Mendl, daß er ihm den Hund erschlagen habe. Alle „Auswärtigen" erschienen bei Gericht und legten Zeugenschaft ab, daß Lichtenstern den Hund gegen Mendt gehetzt habe und so wurde Mendl freigesprochen. Lichtenstern unterlag, mußte die Gerichtskosten zahlen und die Auswärtigen jauchzten. Ein anderes Mal verspielten wieder die Auwärttgen. Lichtenstern stellte der Mutter einen Grabstein. Obwohl nun der Totengräber Vykysal den strengen Befehl von Mendl hatte, ohne Mendls Genehmigung keinerlei Grabsteine aufstellen zu lassen, dachte er, daß, er bei dem ehemaligen Vorsteher doch eine Ausnahme machen müsse, und als Mendl eines schönen Tages auf den Friedhof kam, stand der Stein bereits auf dem Grab. Was Stein — aber die Aufschrift auf dem Stein! Lichtensterns Mutter war nämlich voriges Jahr plötzlich gestorben, als sie gerade zum Mittagmahl Zwetschken-, knödel aß. Und diese Begebenheit war in der Grabschrift: deutlich mitgeteilt. Mendl ereiferte sich nicht wenig über diese gottlose Inschrift. Das, war doch eine Beleidigung : Gottes! Ohne Verzug ließ er den Grabstein entfernen . und mit der Inschrift gegen die Mauer stellen. Lichten-; stern klagte natürlich wiederum Mendl ohne Aufschub; und zur Tagsatzung führte er den Stein mit der anstpß- : erregenden Aufschrift auf einem Wagen mit sich. Die Herren vom Gericht kletterten auf den Wagen, prüften die Inschrift und erkannten zu Recht, daß die Erwähnung; der Knödel keineswegs eine Beleidigung Gottes sei. Und diesmal hinwieder nun mußte Mendl nicht nur die Gerichtskosten zahlen und den Spott der Vojkowitzer ertragen, sondern er mußte auch auf eigene Kosten den Stein wieder auf das Grab 'von Lichtensterns Mutter stellen lassen. Diese Grabschrift konnte man lange hindurch, solange sie der Regen nicht verwischt hatte, lesen. Sie lautete: Hier ruht Frau Eva Lichtenstern, Zwetschkenknödel aß sie gern, Dies war auch ihr letztes Los, Jetzt ruht sie in Abrahams Schoß. r Ein Prozeß folgte dem anderen. Die Vojkowitzer rächten sich für die Niederlage, die sie durch die Aus-: wärtigen erlitten hatten, bei jeder Gelegenheit. Dem Somyschler Hahn war die Schwiegermutter gestorben^ Sie war schon sehr alt gewesen und Hahn hatte sie volle 27 Jahre bei sich beherbergt, und gar arge Klage führte er darüber, daß er während ihres Erdenwallens keine ruhige Stunde zu Hause habe verbringen können. Doch als sie starb, da konnte er, ganz besonders beim Begräbnis, sich nicht genugtun in der Schilderung, was das für eine heilige Frau gewesen sei und was für einen Engel an Güte ihm der Tod in ihr geraubt habe. Als die Auswärtigen nach dem Begräbnis die übliche Andacht im Tempel Herrichten wpllten, da fanden sie den Tempel verschlossen und der anwesende Schames verkündete, daß er von Lichtenstern den Befehl erhalten habe, den „Draußigen" den Tempel nicht zu öffnen. Aufs höchste erregt, hoben die Auswärtigen dann die Tür mit Gewalt aus den Angeln, drangen in den Tempel ein und sprachen daselbst für die selige Schwiegermutter des Hahn die üblichen Gebete. Daraus entstanden wieder endlöse Prozesse und nicht nur, daß die Gerichtskosten und Strafen zu zahlen waren, der Hauptschuldige, der Somyschler Hahn, mußte wieder einmal zwei Tage sitzen. Hahn beklagte sich bitter darüber, daß ihn die selige Mutter noch im Tode verfolge und daß es wohl genügt hätte, daß seine Frau, so wie .es sich gebührt, „gesessen" ist und daß nicht auch er noch hätte sitzen müssen. Mendl beklagte nicht die verlorene Schlacht, Mendl handelte nur. Schon früher einmal ließ er um deu Friedhof statt der alten, geborstenen Mauer eine neue, hohe Mauer aufrichten, die leeren Plätze mit Bäumen bepflanzen, so daß der Friedhof bald wie ein Garten aussah; alte, unbekannte Gräber, um die sich schon längst niemand mehr bekümmerte, ließ er neu herrichten, eingesunkene Grabsteine wieder aufrichten und die kaum mehr leserliche Schrift auf ihnen wieder erneuern . . . Der alte Friedhof bekam ein neues, frisches und freundliches Aussehen, Er war ganz verjüngt. Und jetzt nach der so stürmisch verlaufenen Begebenheit anläßlich des Begräbnisses von Hahns Schwiegermutter rüstete er sich zu einem neuen Unternehmen. Er ließ aus seinem Steinbruch Steine herbeiführen, Hahn lieferte Sand und Kalk und ehe noch ein paar Wochen vergangen waren, ragte zum nicht geringen Erstaunen der Vojkowitzer in der Ecke des Friedhofes, gerade beim Eingang, ein kleines, aber ganz ansehnliches Häuschen empor, das zwei Zimmer umfaßte. Eines hatte Mendl als Gebetzimmer bestimmt, das andere sollte dem Totengräber als Wohnung dienen. (Portsetzung folgt.)

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