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Die neue Welt · 1930-07-04 · Heft 146 (4.7.1930) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 146 (4.7.1930)
Date
1930-07-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 1 Ott fätifc Welt Nr. 146 ^iiiuitiiiiiiniiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiimiiiniiiti E Ol« Wiener wetibeltaniif an Chor- und Dienerbekleidung Lieferant vieler in- und ausländischer Kultusgemeinden / Versand nach allttfi Hindern! / Illustr. Preiskataloge auf Verlangen franko / Alta Unllormlerungen und Sportausrüstung für V et eine und Verbände ' MaAschneldere» für efeg. Herrenpat detobe/ Bitil^Hie Prtlie Zahlungs erleichter uns Wien II, Taboratraße Telephon R-43-6-29 Achtung auf dl« §. Gegründet 186(5 . Hausnummer!)! s =rfiiiiiiiiiiiiiriiiriiiiiiiiiiiiitiifiriiiriiiifiiiiiiiiiiiiiiiifniiiiiiii? daß die ökonomische Widerstandskraft der Juden wesentlich geschwächt wurde durch den Verlust des russischen Marktes, auf welchem der jüdische Kaufmann, Handwerker und •Industrielle dank seinem Unternehmungsgeist eine so wichtige Rolle gespielt hatte. Die Einführung von Staatsraonopole.a für gewisse Produktions- und Handelszweige hat zehntausende jüdische Arbeiter und Angestellte, die seit vielen Jähren in diesem Zweige beschäftigt waren, ihres Lebensunterhaltes beraubt; sie wurden ohne viel Federlesens auf die ^Straße geworfen, all ihre Stelle traten christliche Arbeiter. Die gleichen Wege ging die Politik r der Regierungen hinsichtlich der K o n'z e s 's i o n. Die Spiritus- und Tabakkonzessionen wurden von ihren bisherigen Inhabern, die sie geuerationeninng von ihren Vätern geerbt haben, genommen lind Invaliden und anderen, privilegierten Bevölkcrurigskategorien gegeben. Auf diese Weise zwang man einzig und allein die jüdische Bevölkerung zu Opfern für eine Kategorie Bürger, deren Versorgung P f 1 i c Ii t ' cl e s G e s a m ts t a a. tes ist. ' 1 ' Die Kartelllind Syiidiiihtspolitil^'der Reg^örung, die auf A u s s c h a 11 u n g Ü e s''Z^v f s ch e n h a n tl ols gerichtet ist, hat die Existenz von' Ilünderttausenden wirtschaftlich schwacher 1 jüdischer Kleinhändler; Vermittler und Handwerker untergraben. Die' Protegierung des „e c h t p ö l n i sfhen"Händler- und' -Handwerk ertums, die sidi u< a. auch in der . Gewährung billiger Kredite aus staatlichen und kommunalen Fonds ausdrückt, hat die Exisfenzmüglichkeif vieler Tausender, jüdischer Händler und Kleinindustrieller, die einen solchen Schutz seitens des Staates und der Kommunen n i c h b g e n i e ß e n, unterbunden.' ' Der „Etatismus", der den Staat zu einem über unbegrenzte Mittel -verfügenden Großindustrie 11 e n und Grollka u f ra a n n macht, der keine Steuerjf-&u leisten braöcht, mfniert In erster Reihe dfc* jüdische Element, dem die Einkattfsqitellen gesperrt werden, wobei den an« ihf^rt Positionen hinausgedrängten Juden keinerlei Möglichkeit gegeben wird, bei diesen Staatsunternehmungen als Angestellte ihr Brot zu verdienen» Die polnischen Berufsgen-ofttenschaft e n erfreuen sich des besonderen Sdtutzes der Staats* fomls, Staatsbank, der kommunalen Körperschaften usw», während die jüdischen Bernfsgenossensdiaften keinerlei staatliche öder kommunale Stütze erhatten und auch sonst mit Schwierigkeiten, die ihnen in den Weg gelegt werden, att kämpfen habeh. Das Steuersystem ist so aufgebaut, daß. die Dorfbevölkerung fast gänzlich von der Leistung indirekter Steuern — die Bodensteuer ist eine minimale — befreit, ist. und die gesamte Steuerlast, in erster Reihe die Umsatzsteuer, der städtischen, h a u p.t 8 ä c h- 1 i c h j U d i s c h c n, Bevölkerung., aufgehalst ist, wobei auf die finanziellen Mittel und die Zahlungskraft dieser jüdischen Bevölkerung nicht im geringsten RÜ c k s i c Ii t genommen wir d. Die. neueingefülwten. i, w u n g s t e c Ii n i s c Iiie n Fortschritte in Produktion und Handel (Mechanisierung der Bückereien, Standardisierung usw.) wirken sidi in der Praxis g e g e n. d 1 e, j ü d i s c h e n II a n.dwerker und K 1 ei n iji d u s tr.jie 11 e n< die keine Staats- und öffentlichen Kredite . ■ zur Umstell ii n g ihrer betriebe er h aj t e n, schwerwiegend aus? Ueberhaupt bringt die Regierung dem Schicksal der immer mehr verarmenden drei Millionen starken jüdischen Bevölkerung kein Interesse entgegen; diese Bevölkerung wird unterdrüi^t'Tund ihrer. Arbeits-UU^, ExiStcn'z'gruüdlage bera'tfbt.'*' v ' ' ' V. : ' ',s In dem Zeitpunkt;zWisfch£n 'untf 192,9 hat das a u slftn^li.^|Jude.nXtj|i^f^R^^^ .dft.»...auterikanische,' eine auf breile Grundlage gestellte Hilfsaktion für das. osteuropäische, insbesondere für das durch den Krieg und die Kriegsfolgeh ruinierte polnische Judentum durchgeführt. Das Joint Distribution Cömriilttce hat fliv schnelle''und konstruktive Hilfe an das* Mu*lkhaiis EXCELS IOR . Inhaber RICHARD HERZOG I., Adlernaase 8 Tel. R-a3.4-80 Modell 100 DAS BESTE xu dem billigsten Preise kiMwi S 20 und 12 Moßotsraien äS 11.80 & as idealste und einzig^)er läßliche für 3hre gesamte Wäsche ist "ö » ll »o' i1! Ii*- Ii 'M!/! DOKTOR BALTHASARS PURIN i lascht I allein lasche ■ blendend leiss GRO"65/CHEN GratUproben erllegen für jedermann beMhrem Kaulmann oder direkt au bestehen durch die Fe. A, WAILNER, Wien II, OroBe Sperlgaese 37 a ■ polnische Judentum mehr als 27 Millionen Dollar (rund 240 Millionen Zloty) ausgegeben. Nidit eingerechnet sind in diese Summe die Geldüberweisungen amerikanischer Juden an ihre Angehörigen in Polen durch Vermittlung des Joint, die allein in den Jahren 1919 bis 1921 9 Millionen Dollar betragen haben. Seit 1922 ist das Joint Distribution Committee mit dem Ausbau des jüdisdien Genossensdiaftswesens beschäftigt und hat gemeinsam mit der Jewish Colonisation Association (loa). unter dem Namen „Fpundation" eine Institution begründet, die in den Jahnen 1922 bis 1929 Kredite in Höhe yon 2,800.000.(25 Millionen Zloty) gewährt hat. U ngeheure S u m m e n ,\yurden durch die amerikanische Em i g r a tions gese 11 schaf t Hias und andere jüdische Organisationen verschiedener westeuropäischer Länder für das polnische Judentum ausgegeben. Millionen Dollar haben amerikanische Juden ihren Angehörigen in Pole^n ^uecJi Hias zukommen lassen, je mehr, aber der polnische Staat konsolidiert wird,. um so geringer wird die Hi^fe des amerikanischen Judentums; der Zeitpunkt ist. nicht 'weit, an dem diese Hilfe 'überbau p t aufhören ,w i r d; die ökonomische Krisis in Amerika wirkt si'di'n^ach dieser Kiditu.ng sehr stark aus. ...Dieser .Zustand^madit es notwendig, daß die'Regieruhg -dem polnfechen Judentum, welches im^ner. räehY «*.*** .:• \ ,.1/.):? «.i,^«.hS\ »'•Wx-Vlfr-«»!! iLi&ü •aus .seinen bisherigen ökonomischen ProaUKtionen 'hinausgedrängt wird ühd in einen Zustand der £ätä-' strophe hineingeht, mit der g e b o t e n e u E ri e r g i'e's ü ,H il f e k ö m m t. Die Frage der R e t t u n g d e s p o 1n i s c h e n J u d 6 n t ti m s ist eine Frage äußerster' Wichtigkeit, nicht allein1 für die jüdische; Gesellschaft, sondern, und in nicht geringerem Maße, für den polnischen Staat. Die unablässigen Bitten der jüdischen Bevölkerung'um Hilfe'seitens des ausländischen Judentums- - im Ausland' ist man über die Not der Juden in Polen zuV Genüge unterrichtet — sdiadet dem Prestige des Staates' und' vermindert seihen Kredit aüf den ämeri- •kaiVischen, englisdiert ' und' änderen Geldmärkten. Die sich tüglidi steigernde Verzweiflungder Frau Mendl war, obwohl ihre Liebe zu den Knaben nicht geringer gewesen war, doch weniger sentimental, und da sie die absolute Gottverlassenheit ihres Mannes sah, bemächtigte sie sich selbst 'der Herrschaft, und niemals entglitt das Zepter der Herrschaft ihrer Hähd. Mendl pflegte, aum der Frühling gekommen war, täglich nach Yojkowitz zu gehen, das eine gute Stunde entfernt lag, und dumpf brütend' bei den Gräbern seiner Knaben ganze Tage lang dort zu verharren. Arbeiten? Sich sorgen,? Für wen? Es war richtig, er hatte noch ein Kind — sein ältestes — die fünfzehnjährige, wie eine Rose hold erblühte Cilka. Aber das war — eine Tochter. Er hatte sie auch gern, aber sie bot' ihm keinen Anlaß, kühnen Zukunftsträumen nachzuhängen. Eine ungesunde, krankhafte Trauer beherrschte ihn. Sein .einziger Trost war der freie Platz neben , den Gräbern seiner Knaben. Dieser Raum bat ihm die Sicherheit, daß er nach dem Tode nebeu ihnen schlafen und daß sie dann niemand mehr trennen werde. Und siehe da, man wollte ihn auch nach dem Tode von seinen Knaben trennen, und dies für ewig. Er gebärdete sich wie. ein Wahnsinniger, als sich die Kunde verbreitete, die Vojkowitzer würden die Bestattung der Auswärtigen auf dem Vojkowitzer Friedhof nicht mehr zulassen., Verzweiflung, bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken, daß er auch nach dqm Tode mit seinen Knaben nicht beisammen sein werde und daß ihre Grüber. auf ewig einsam bjejbqn. werden. Und es war dieser verzweifelte Schmerz, welcher ihm, dem sonst schüchternen. Manne; Mut gab, einem solchen Riesenmenschen wie Lichtenstern .die Spitze zu bieten und welcher seine stockbewaffnete Hand gegen Lichtensterns berü.chtigteu Hund,geführ,t'Jjatte. Und in.it diesem Stocke hätte er, ohne sich zu. besinnen, auch Lichtenstern. selbst niedergeschmettert, weil. er in. ihm das einzige Hindernis, seiner leidenschrftlichen, krankhaften Sehnsucht sah. . ■ r ■ ■ .Nur sehr langsam wuchte Mendl aus seinen Träumen auf. Die Teilnehmer der Chevvr.e-Sude beteten noch immer. Mendls begann sich ein ihm bis dahin unbekannter Schauer des Triumphes und Stolzeszu bemächtigen. Er blickte wiederum um sich. Siehe, dieses Stückchen teurer Erde, vdn(lhall>zerfallenei.' Mauer begrenzt, diese* Stückchen Erdti, das ihm seit dem'Töde seiner Knaben die ganze Welt war, wird von: nun an sein Königreich sein; über''" welches er unbeschränkt regieren wild. Wie wird er hier alles in Ordnung bringen, wird eih'c neue Mailer aufl'ichteii, neho Bäume pflanzen, alte, eingefallenö'Giilber herrichten . Wird dies doch alles für die Wöthisiüttü seiner Knaben' geschehen ... ' ' ' Mendl war es, als wachte er aus einem schweren, langjährigen Traum auf. Angenehme Wärme durchrieselte seinen Körper, das Blut begann schneller in seinen Adern zu kreisen und sein Blick wurde schärfer und heller. Und Unrecht wollteer niemandem Inn,, wollte nicht Böses mit Bösem vergelten. So viele Jahrhunderte wurde hier begroben und noch ist Platz genug hier für die Vojkowitzer und die Auswärtigen. Das Beten war vorbei und alles watete durch den Schnee zurück in Churouseks Gasthaus. Dort waren schon alle Spuren des Schlachtgetümmels weggeräumt, und der Vojkowitzer Pick wertete mit seinen heißen. Wursteln. Mendl kaufte ihm den ganzeu : Vqrrafc ab, ließ aus dem Keller einen Eimer Bier herauf schaffen und es begann ein Festmahl. Die Stimmung war vorzüglich und jedermann schwur, die Chewre dürfe ihr- Lebtag nie mehr in die Hand der Vojkowitzer kommen. •. „Und wenn sie uns beider nächstjährigen Chewre*' Sude überfallen sollten, werden' wir sie Wieder au« snmmendveschen", drohte der Somyschler Hahn „Und käme der.-Lichtenstern auch mit zehn tollen 'Hunden; Unsor sind dreimal so viele, und für unser Geld haben wir lange genug hogetanzt* wie uns die'Vojkowitzer vor» gepfiffen haben. Jetzt Böllen wieder sie tanzen, wie wiv ihnen; vorpfeifen werden." ■ "» „Und übers Jahr, so Gott will, daß wi* eä in Gesundheit erleben"; 'fügte Mendl hinzu, „wollen wir' die Chewre-Sude bei'mir* in- Kozojed veranstalten. Wozu .brauchen.wir nach Yojkowitz zu laufen? Die Vojkowitzer sollen sich jetzt einmal v& uns nach Kozojed bequemen 1" ' Freudige Zustimmung begleitete die Rede des .neuen Vorstehers. Ans Kartenspiel dachte heute niemand, sie saßen in freundnachbarlichem Beisammensein, bis sie das'Morgengrauen Überraschtet Erst dann zerstreuten sie sich nach? allen Richtungen und strebten ihren heimatlichen Dörfern zu, alle frohbewegt und leichten Herzehs. Seit dieser denkwürdigen Chewre-Sude brach für di6 Voj'kbwitzer Chewre eine neue Zeit herein, die Zeit der großen und hartnäckigen Kämpfe der' Vojkowitzer uud der Auswärtigen, aber durch das Verdienst des .Vorstehers Mendl auch einige Zeit unerhörter Blüte und großen Ruhmes. Hatten die Vojkowitzer ihren Lichtenstern gehabt, so gewannen die Auswärtigen In Mendl einen Führer, welcher sein ganzes Leben de.r. Chewre widmete. Und in dieser rastlosen Rührigkeit fand Mendl wieder sein besseres Selbst» Das Leid über den Verlust der Knaben verlor seinen krankhaften Stachel, er wurde besonnener und menschlioher und in der heranwachsen« den Cilka, die an Schönheit dem Morgenrot glich, sali' er nicht mehr bloß eine Tochter, sondern vor allem ein Kind; sein einziges Kind, aüf welches er seine ganze laebe vereinigte. In dieser Verjüngung seines Geistes •hätte er trotz seiher großen Tätigkeit in der Chewre auch die Arbeit iit Geschäft und Wirtschaft mit der alten Tatkraft wieder in Angriff1 genommen, aber Frau Mendl schwang das Herrschaftszepter so fest, daß Mendl es gar nicht versuchte* seine frühere Stellung wiederzugewinnen. Und'so konnte er seine ganze Zeit und sein ganzes ■/Sein der Chewre widmen, und er tat gerne so. Was er zu Beginn seiner Vorsteherlaufbahn nur aus Liebe zu seinen verstorbenen Söhnten und ihrer letzten Wohnstätte tun wolltet diese Wirksamkeit fn der Chewre Und der

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