Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 146 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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r Nr. m DIE NEUE WELT Seile 3 Schiedsgericht im Haag überwiesen werden würde. Minister Henderson erwiderte, der französische Botschafter sei vor kurzem auf die Angelegenheit zu sprechen gekommen. Die britische Regierung erwäge ernstlich, die Angelegenheit einem Schiedsgericht zu unterbreiten; eine endgültige Antwort könne er aber noch nicht geben. * Mit Befriedigung hatte die jüdische Welt erfahren, daß die Konzession für die Ausbeutung der chemischen Produkte des Toten Meeres endgültig an eine Gesellschaft erteilt wurde, in welcher jüdischem Kapital und jüdischer Arbeit der entsprechende Einfluß gewahrt ist. Nun meldet sich der Todfeind des Zionismus und de£ Juden, Howard B u r y, zu Worte und Henderson antwortet in einer Art, weldie wie verabredet klingt. Es besteht die Gefahr, daß durch diese Antwort, welche die ganze Angelegenheit unsicher macht, jede großzügige Arbeit am Toten Meer behindert wird, da es fraglich erscheint, ob auf so unsicherer Sachlage Geld und Arbeit investiert werden können. Revolution in Liechtenstein* Die Wiener Zeitung „Sport am Montag" meldet, daß das Fürstentum Liechtenstein gegenwärtig eine schwere Regierungskrise durchmacht, die ihren Ausgang nahm von der Heirat des regierenden Fürsten von und zu Liechtenstein mit einer Jüdin, der Tochter des Wiener Barons G u t m a n n. Die katholische Bevölkerung von Liechtenstein äußert Unzufriedenheit über diese Heirat und politische Agitatoren stacheln die Be* völkerung gegen die Dynastie auf. Die Zustände sind jetzt solche, daß der Ausbruch einer Revolution in dem Fürstentum nicht ausgeschlossen scheint. Also sind wir Juden wieder in eine kriegerische Ver* Wicklung geraten. In eine ganz neue. Mit dem Fürstentum Liechtenstein, von dem bisher die jüdische Geschichte nichts zu melden wußte. Ein kleines Fürstentum. Nur Briefmarkensammlern und Leuten, welche vor den hohen deutschen und österreichischen Steuern dorthin flüch» ten, interessant. Aber immerhin ein Fürstentum. Das haben wir nötig gehabt. Die LiechtensteinschenChristen scheinen zu fürchten, daß die regierende Dame aus dem Hause des seligen David Gutmann den jüdischen Einfluß im Fürstentume stärken, es vielleicht mit Juden überschwemmen wird. Sie können unbesorgt sein! Im Hause derer von Gutmann herrscht, keine solche Tradition. Die meisten Angehörigen des edlen Stammes sind bereits getauft. Die erlauchte Fürstin auch. Mit Juden wollten die Gutmanns, natürlich nach erlangtem Reichtume, nie viel zu tun haben. Zur Bes ruhigung der aufgeregten Liechtensteiner sei eine Episode in Erinnerung gebracht. Als zu Anfang des Jahrhunderts einige hundert jüdische Bergarbeiter aus den B o r y* slawer Gruben von antisemitischen Beamten ver« trieben wurden, sprach eine Deputation beim Kohlen« und Eisenbaron Gutmann vor und bat ihn, diese tüchtigen Ar« beiter in seinen Bergwerken einzustellen. Der damals frisch baronisierte alte Herr zog einige Banknotenfetzen heraus und reichte sie der Deputation mit folgenden Worten: „Geld kann ich für die Arbeiter geben. Aber Juden kann ich nicht anstellen. Meine Beamten sind Antisemiten und dulden keine jüdischen Arbeiterl" Von der getauften Enkelin eines solchen Juden haben die wackeren Liechtensteiner wirklich keine jüdische Umwälzung in ihrem Lande zu befürchten. Daß sie sie hinauswerfen wollen, ist ja nicht ganz unbegreiflich. Aber vor der Jüdischkeit dieser Landesmutter brauchten sie wirklich keine Angst zu haben! Ein Engländer, der für die jüdische Sache starb. London, 29. Juni. Im Hause des Herrn Cyril R o s s fand der feierliche Akt der Ueberreichung der Urkunde für die Eintragung des bei der Verteidigung der angegriffenen Juden am 23. August 1929 in Jerusalem gefallenen Beamten des palästinensischen Einwanderungsamtes Edward Best in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds statt. Der alte Herr B e s t, der im Kriege vier Söhne verloren hat, brach während der Veranstaltung vor Erschütterung zusammen. Den Vorsitz während der Gedenkfeier für Best führte Herr O. E. d'Avigdor Goldsmid. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation Dr. Chaim W e i zmann hielt eine Ansprache, in der er ausführte: Tiefbewegt überreiche ich die Urkunde, die die große und tapfere Tat eines Mannes verewigt, der Palästina im Leben und durch seinen Tod gedient hat. Ich kannte Edward Best seit vielen Jahren; erst im Frühling 1929 erzählte er mir von seinen Plänen und Hoffnungen, es war für mich ein furchtbares Erlebnis, als ich hörte, daß eine arabische Kugel diesem verheißungsvollen Leben ein Ende gesetzt hat. Die Unruhen sind noch immer eine Angelegenheit der Kontroverse und hier ist nicht der Platz, einen Streit auszufechtenaber wie immer auch das Urteil der Geschichte über die Unruhen '[ögal rasch und sicher wirkend bei Rheumatischen Gichtischen und nervösen Schmerzen, Kopfschmerzen, Erkältungskrankheiten. Scheidet die Harn* säure aus! Ober 6000 Arzte «Gutachten! Absolut unschädlich. Fragen Sie Ihren Arzt. in Palästina im August 1929 ausfallen möge, über die Rolle, die verschiedene Faktoren bei diesen Unruhen gespielt haben — über die Tat Edward Best4* wird es Hinein Urteil geben: er ließ tapfer sein Leben bei der Verteidigung der Angegriffenen. Wir Juden werden stets seiner und jener anderen jungen Engländer gedenken, die in jenen kritischen Tagen uns zu Hilfe kamen, aber wir werden Bests noch in einer besonderen Art gedenken, weil er Palästina auch im Leben gedient hat. In der jüdischen Geschichte wird sein Name immer lebendig bleiben und wenn das englische. Volk seiner großen Söhne gedenkt wird es auch Edward Bests gedenken. Lord M eich et t sandte eine Kundgebung, in der es heißt: Ich kannte Edward Best, kannte seine Hingabe für Palästina und genoß den Charme, mit dem er Besucher Palästinas zu begrüßen pflegte. Juden in der ganzen Welt werden seiner in Dankbarkeit und Liebe gedenken. Die Leiden der polnischen Judensdiaft Katastrophale Wirtschaftslage. — Zehntausende jüdischer Arbeiter und Angestellter aus den Staatsbetrieben hinausgeworfen, — Schank- und Tabak konzessionen werden den Juden entzogen. — Gegen die jüdischen Genossenschaften. —• Uebersteuerung der Juden. — 120.000 Zloty für die religiösen Bedürfnisse von 3 Millionen Juden! — Unterdrückung des jüdischen Schulwesens. Der Jüdische National rat in Polen hat im Hinblick auf die bis zur Uncrträglichkeit gesteigerte Not unter den Juden in Polen, von der alle Klassen und Schichten betroffen sind, durch den Jüdischen Parlamentsklub ein Memorandum dem polnischen Ministerpräsidenten Slaweck überreichen lassen. Das von den Sejmdeputierten J. Grünbau m und A. II a r tglas und den Senatoren Dr. J. Davidsohn und M. Körner unterzeichnete Memorandum lautet: An den Herrn Vorsitzenden des Ministerrates! Die jüdische Bevölkerung in Polen ist in den letzten Jahren von einer außergewöhnlich schweren wirtschaftlichen Katastrophe heimgesudit worden. Diese Katastrophe ist nur bis zu einem ge- Nur diese fß Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke wissen Maße in der in Polen herrschenden a 11 gemeinen Wirtschaftskrise begründet; ihre Ursachen liegen viel tiefer. Sic hat ihre spezifischen Merkmale, die nicht aus rein objektiven Bedingungen, sondern aus den Bedingungen der i n nerc n P o 1 i t i k herzuleiten siud. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung Polens befaßt sidi mit Handel, hauptsächlich Kleinhandel, Handwerk und Klein Industrie; von Landwirtschaft wurden die Juden bis auf geringe Ausnahmen ferngehalten. Die spezifische Wirtschaftspolitik der polnischen Regierung seit dem Wiederaufleben des polnischen Staates war fortwährend darauf gerichtet, das p o In i s c h c Element -wirtschaftlich z u stärken, und zwar auf Kosten der Lebenskraft der nationalen Minderheiten; in erster Reihe wurde die jüdische Bevölkerung aus verschiedenen wirtschaftlichen Positionen, in denen sie historisch verwurzelt war, h i u a u s g o s t o fi c n. Diese Politik hat die Wirtschaftskrisis der Juden, die sdion in den objektiven Umständen der Nachkriegszeit bedingt war, zur Katastrophe gesteigert. Dabei ist zu bemerken, Die Judengemeinde von Vojkowftz* Von Vojta Rakous. Aus dem Tschechischen übersetzt von Emil Saudek. (Fortsetzung.) Der Held des Tages war Mendl aus Kozojed. Nodi nach Jahren erzählten die Väter ihren Kindern von seiner Heldentat. „Was war das für ein sanfter, stiller Mensch! Wer hätte das in ihm vermutet?" erzählten sie von ihm voll Bewunderung. Sie sahen zu ihm wie zu einem wundertätigen Menschen auf, der sie alle durch seine Tat aus der jahrelangen Knechtschaft der hochmütigen Vojkowitzer befreit hatte. Gleich am Orte der Tat erwiesen sie ihm die ihm gebührende Ehre. „Sie werden von heute an unser Chewre-Gabe sein, Herr Mendl", sagte feierlich der Spomyschler Hahn. „Sie haben den Hund erschlagen, so gebührt Ihnen auch das Amt und die Würde." Und so wurde denn der Kozojeder Mendl zum Vorstand der Vojkowitzer Chewre gewählt •— der erste Chewre-Gabe aus der Reihe der Auswärtigen seit dem Bestände der Gewehre — und er nahm sich auch gleich ganz energisch der Regierung an. Zu allererst berief er den Totengräber Vykysal zu sich —• der neutraler Zuschauer des Kampfes der Auswärtigen mit den Vojkowitzern gewesen war '■— und erteilte diesem alten Inventarstück der Chewre gleich die nötigen Instruktionen. Er erklärte ihm kurz, daß er nun die Herrschaft antrete und daß er von heute an der alleinige Herr über den Friedhof sei, er, Mendl aus Kozojed, und daß ohne sein* Mendls, Wissen und Willen nichts auf dem Friedhof angerührt werden dürfe. Dann gelobte Vykysal der neuen Regierung ganz kleinlaut Gehorsam. Hierauf begaben sich alle Teilnehmer der Chewre-Sude, mit dem neue« Ssjrstand an der Spitze, auf den Friedhof. Die Vojkowitzer waren wie vom Erdboden verschwunden, keine Spur war von ihnen zu sehen . . . Der Vojkowitzer Friedhof liegt hart am Städtchen und die letzten Häuschen grenzen an die Friedhofsmauer. Dieses so leidenschaftlich geliebte Stückchen geweihten Bodens, um welches soeben ein so erbitterter Kampf geführt worden war, zog sich einer sanften Anhöhe entlang. Heute war es ganz und gar mit Schnee bedeckt und nur die Häupter der zahlreichen Grabsteine ragten aus dem weißen Totentuch hervor. Bis unter die Knie mußten die Teilnehmer der Chewre-Sude im Schnee waten, bis sie in die Mitte des Friedhofes gelangten. Hier zog jeder ein Gebetbuch aus der Tasche und begann leise zu beten. Alle beteten mit gläubigem Sinn, nur dem neuen Vorsteher gelang es nicht, seine Gedanken vollständig Gott zuzuwenden, obwohl er von den Anwesenden der Frömmsten einer war. Er war durch die vorhergegangenen Ereignisse ganz aufgewühlt. Sein Blick überflog den Friedhof und blieb immer wieder auf den zwei nebeneinander befindlichen Kindergräbern in der letzten Reihe der Toten haften. Neben den Kindergräbern war ein leerer Platz und das Ganze samt dem leereu Platze war von einem geschmackvollen Holzgitter umgeben. Der leere Platz war als letzte Ruhestätte für ihn und seine Frau bestimmt, denn diese beiden Gräber bargen seine ganze Vergangenheit und Zukunft — seine beiden Knaben. Seine Knaben ... Er sieht sie leibhaftig vor sich, hört ihre Stimmen, sieht das Lächeln auf ihren Wangen. So hat er sie zum letztenmal gesehen und so wird er sie bis an sein Lebensende sehen i . . Der altere war zwölf Jahre alt, der andere um zwei Jahre jünger, und es gab im ganzen Umkreise keine schöneren und klügeren Knaben. Welche kühnen Pläne und Träume hatte er bezüglich ihrer Zukunft! Und was ist von seinen Knaben übriggeblieben, wohin schwanden seine Absichten und Wünsche? Im Sommer werden es zwei Jahre sein, daß sie beide an einem heißen Tage im Fluß badeten. Der jüngere hatte sich etwas weiter vom Ufer gewagt, der ältere eilte ihm zu Hilfe und in enger brüderlicher Umschlingung fanden sie beide den Tod. Mendl war an jenem Tage nicht zu Hause, und als er am Abend, nichts ahnend, zurückkehrte, fand er im Wohnzimmer viele Leute, und am Boden lagen, in weißes Linnen eingehüllt, die entseelten Körper seiner Kinder. Dann begann in Seinem Gedächtnis eine lange Lücke zu klaffen. Er hatte ihren toten Mund nicht mehr geküßt, war nicht dabei gewesen, als man ihre Leiber bestattete. Zu jener Zeit war er bewußtlos im Bette gelegen und hatte zwischen Tot und Leben geschwebt. Und als man ihn nach sehr langer Zeitspanne zum erstenmal — es war dies soin erster Weg und zu Fuß konnte er sich noch nicht fortbewegen — auf den Vojkowitzer Friedhof hinausfuhr, war schon der Herbst da und auf den Gräbern seiner Knaben grünte schon Gras und wuchsen Herbstblumen. Sein erstes war es, daß er zwei freie Plätze neben den Gräbern, für sein Weib und sich, kaufte und das Ganze mit einem anmutigen Gitter einfrieden ließ. Dies war nach seiner Krankheit seine erste und für geraume Zeit audi die letzte Tat. Mendl war nicht nur ein wohlhabender, sondern für damalige Verhältnisse sogar ein reicher Mann. Nicht umsonst nannte man ihn den Kozojeder Rothschild, er wurde allgemein für den reichsten Juden der ganzen Gegend gehalten. In Kozojed besaß er ein ansehnliches Anwesen und einen einträgliehen Kaufladen. Er verkaufte zwar nur in einer unscheinbaren Kammer, aber man pflegte zu sagen, diese Kammer sei eine Goldgrube, Mendl arbeitete unermüdlich vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und er mühte sich gerne — tat er dies doch alles um seiner Knaben willen, Seit ihrem Tode war aber seine Lebenskraft völlig gebrochen. Er kümmerte sich nicht mehr um das Geschäft und die Wirtschaft, und wenn die energische und rechtschaffene Frau Mendl nicht da gewesen wäre, wäre beides, sowohl das Geschäft wie die Landwirtschaft, zugrunde gegangen,