Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 145 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 145 DIE NEUE WELT Seite? LAURANA abbaziä Orthod. kosch. Pension WEISS neu eröffnet Erstklassige Küche Mäßige Preise Auf Wunsch Prospekte Ideologien der Welt die schönsten Rosinen heraussucht, zusammenbraut, mit dem Etikett „] ü d i s c h" versieht und dann der Welt als den eigentlichen, den wnkre n, den moralischen Zionismus vorsetzt. Es ist eine fromme Lüge. Hier fehlt beim Denken noch die erste Tugend: Sauberkeit. Diesem Spuk machen wir den Krieg. Wir setzen ihm einen klaren Begriff entgegen, den des jüdischen Sozialstaates. Das ist keine alberne Phrase mehr, das ist ein greifbares Programm. Das heifit heute Tarifverträge, morgen Schiedsgerichte, d. h. ein festgelegter Arbeitstag, das heißt Kranken-, Unfall- und Invalidenversicherung; das sind Arbeitsgerichte, Altersversorgung und Industriesichcrung. Das ist Verbot von Kinder- und Beschränkung von Frauenarbeit. Das heißt ein vorbildliches Justizwesen, ein humaner Strafvollzug, ein modernes Ehe- und Erbrecht. Das heißt ein sozialer Lastenaus gleich, das heißt eine progressive Besteuerung. Das ist Mutter- und Kinderschutz; das ist allgemeiner unentgeltlicher Schulbesuch, das sind Arbeits- und Begabtenschulen, das sind Stipendien für Tüchtige, Volkshochschulen und Universitäten. Dazu gehört Erziehung zur gegenseitigen Hilfe, zu Toleranz und Fairneß, Erziehung zu hochstehender Geschäftsmoral, ebenso wie zum Völker-, Klassen- und Rassenfrieden. Das heißt Jugendpflege und Kindergärten, Waisenhäuser; Blindenanstalten, Arbeiterküchen. Das ist assistance par le travail; Tierschutz und Gartenkultur. Das heißt vor allem einmal die staatliche Garantie völliger Ruhe und Ordnung. Das ist die Gewähr jeder Gewissensfreiheit. Das ist Freiheit der Arbeit. Das ist fortschrittliche Kommunal-, Verkehrs- und Zollpolitik, öffentlicher Städte- und Wegebau. Das ist die Pflege und Förderung der Altertümer, der Wissenschaft, Kunst und Literatur, besonders der jüdischen Kulturgüter und der hebräischen Sprache: Hebräische Akademien, Sprach- und Buchvereine, Literawird jüdische Erzieherin oder Erzieher zu 9jährigen Zwillingsbuben. Verlangt wird: perfekt Klavier, Deutsch, Hebräisch, Französisch. Bewerber, die hierin nachweisbar Unterricht erteilen können, wollen Offerte mit den nötigen Angaben, Gehaltsansprüchen u. Lichtbild an die Verwaltung d. Blattes unter Kennwort: „Slowakei 52" einsenden. Eintritt mit Schulanfang. tur- und Historische Gesellschaften, Dichter- und Literaturpreise usw. usw. Kurz, es ist die Anwendung aller Errungenschaften, die der menschliche Geist — mit gewaltigem jüdischen Anteil — auf materiellem, geistigem und sozialethischem Gebiete in jahrtausendelanger Entwicklung erarbeitet hat. Da ist nichts Nebelhaftes mehr. Da ist alles zu messen und zu zählen, nach Meter oder Mark, nach Tonnen oder Stunden. Da regiert die Moralstatistik, nicht das Pathos. Es handelt sich um die Verbesserung dieser Erde. Den Himmel überlassen wir — Herrn Weltsch*) und den Spatzen! Hier ist die eigentliche und einzige Aufgabe „Jüdischer Kultur". Sozialer Volksstaat — das ist, wenn es überhaupt so etwas gibt, ein essentieller Ausdruck jüdischen Wesens, jüdischer Moral. Und wenn dieses Staatsleben noch von den besonderen Merkmalen der jüdischen Rasse, vom spezifischen Rhythmus jüdschen Blutes, von jüdischer Sitte und Sprache, von jüdischem Volksleben also, seine eigentümliche Prägung erhält, so kann uns dieses Ziel jüdischer Volksgemeinschaft vollauf genügen. „Dieser Traum ist groß genug." SeineVoraussetzungistderStaatsbau. Sollte einst im jüdischen Reich auf der Grundlage eines lebendiggewordenen sozialen Ausgleichs wirklich eine jüdische Humanität oder gar ein jüdischer Humanismus entstehen, so werden wir das gewiß begrüßen. Aber essentiell hat das mit dem Zionismus nichts zu tun, genau so wenig wie — nun, der Brith Schalom etwa. Zionismus, das ist klar und eindeutig der Judenstaat, die jüdische res publica. Daß es kein Albanien werde, dafür werden wir schon sorgen. *) Anmerkung der Red.: Gemeint ist der Redakteur der „Jüdischen Rundschau" in Berlin, welche die vom Verfasser bekämpfte Richtung vertritt, Ein Sozialist über den Vewwat Mac Donalds* Leon Blum stellt den Bruch des Mandats fest und spricht den jüdischen Arbeitern Mut zu. Der einflußreiche Führer der französischen Sozialisten, bekanntlich auch Vertreter des französischen Judentums in der erweiterten Jcwish Agency, der in der öffentlichen Meinung und Politik Frankreichs eine bedeutende Rolle spielt, hatte miit dem Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft in der zweiten Internationale, M. M. Jnrblunn, ein Gespräch über die von der englischen Arbeiterregierung verfügte jüdische Einwanderungssperre nach Palästina. Seine Verurteilung des Attentats auf das jüdische Nntionallieim ist umso bedeutsamer, als Blums Stellung in der französischen Politik durch seinen Sieg auf dem jüngst abgehaltenen französischen Sozialistcnkongreß fester ist denn je. Wir geben seine AcuRevungen nachstehend im Wesentlichen wieder : „Wissen Sie, Herr Deputierter, daß die englische Regierung die jüdische Einwanderung nach Palästina provisorisch gesperrt hat? Was ist Ihre Meinung darüber?" „Ja, ich weiß davon und muß offen gestehen, daß ich sehr erstaunt bin. Ich suche vergeblich nach Gründen, die gerade die Ar b e i t e r r egierung dazu bestimmt haben mögen, zumal wir doch die Sympathien der Führer der englischen Arbeiterpartei für das jüdische Kolonisationswerk in Palästina kennen. Ganz besonders erstaunt bin ich über Mac Donald und Henderson. Der erstere hat das Land bereist und in einer Reihe glänzender, von Begeisterung überströmender Artikel seine Eindrücke von der Arbeit des Zionismus und besonders der jüdischen Ar- Der, die das dem lieben Kinde, Was es verspeist, auch herrlich finde, Kann man ganz ruhig anempfehlen: Als Essig mußt Du „Huber" wählen. E beiterschaft, der heroischen Chaluzim niedergelegt: der letztere hat zusammen mit Vandervelde, mir und B e r n s t e i n die Einladung zu jener Konferenz unterschrieben, die 1928 in Brüssel stattfand und auf der das sozialistische Komitee für das arbeitendePalästina geschaffen wurde, dem unser Freund Emil Vandervelde mit seiner ganzen Autorität vorsteht. Vier führende Persönlichkeiten der Labour Party, darunter zwei Minister der gegenwärtigen Labour-Regierung, sind Mitglieder dieses Komitees." „Man konnte diese Maßnahme", äußerte sich Leon Blum weiter," um so weniger erwarten, als ja die häufigen Deklarationen aller englischen Regierungen, die Labour-Regierung eingeschlossen, kein Motiv zur Beunruhigung wegen der Haltung zum Zionismus lieferten. Kein Sich-Ausreden auf wirtschaftliche Gründe kann gelten. Das Land arbeitet, Arbeitslosigkeit gibt es nicht. Die zweitausend zurückgezogenen Zertifikate sind nach gründlicher Erforschung der ökonomischen Verhältnisse des Landes mit Erlaubnis der britischen Administration in Palästina erteilt worden." „Was mögen also doch die Gründe dieser Maßnahme sein?" „Es ist schwer, das herauszufinden", erwiderte der Sozialistenführer, „ich glaube, es ist vielleicht ein Akt der Bürokraten im Kolonialamt, die den Drohungen der arabischen Effendis nachgegeben haben." „Wissen Sie, Herr Deputierter, daß die jüdische Oeffentlichkeit, diese Handlungsweise als einen Bruch der M a n d a t s b e s t i m m u ngen, die England im Auftrag des Völkerbundes übernommen hat, betrachtet, und daß der Sekretär der jüdischen Arbeiterorganisation Palästinas Ben- Gurion in diesem Sinne ein Telegramm an Mac Donald geschickt hat?" „Ohne Zweifel stimmt diese Maßnahme mit dem Mandat nicht überein, das der Völkerbund England übergeben und das England mit der klaren, unzweideutigen Verpflichtung übernommen hat zum Zwecke der Errichtung des jüdischen Nationalheimes durch Unterstützung der Einwanderung und der Kolonisation, Aufhebung der jüdischen Einwanderung ist das Gegenteil davon, ist gegen den Buchstaben und den Geist des Mandats.'1 Deshalb muß ich annehmen, daß ein Mißverständnis vorliegt, daß das Einwanderungsverbot zurückgezogen werden wird. Die Labour-Regierung kann ihre feierlichen Versicherungen nicht brechen, sie wird den Erklärungen ihrer Führer und der Führer der Partei treu bleiben, jener Führer, die — ich kann darüber Zeugenscbaft ablegen — ihre lebhaften Sympathien dem zionistischen Werk ausgedrückt haben." Aj^lu^lSaitfi nach Gemälden berühmter ViWD6llll5 JUdischer Mal«r HERZL-Gobelins erzeugt Atelier Zahradflik Wien, V,, Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U-40-9-17 „Was ist in Ihrem Namen den jüdischen Arbeitern Palästinas zu sagen?" „Den jüdischen Arbeitern", rief Blum aus, „ist zu sagen, daß sie mit demselben Mut und demselben Idealismus ihre Arbeit fortsetzen mögen, die die Begeisterung aller hervorgerufen haben; Mac Donalds, Vandervcldes und aller Sozialisten. Sie können mit der Sympathie und der Hilfe der Demokratie der Welt, rechnen. Sie mögen die Arbeit am Bau des jüdischen Heimes unbeirrt fortsetzen!" _ Die Juden in Persien. (Der bekannte hebräische Schriftsteller Jehuda Koppelowitz hat eine Reise durch Persien gemacht und seine Eindrücke über das persische Judentum im New Yorker „M e* norah Joarnal" niedergelegt. Wir geben die interessanten Schilderungen, die einen der am wenigsten bekannten Zweige des jüdi* sehen Volkes zum Gegenstand haben, aus* zugsweise wieder): Das jüdische Leben in Persien spielt sich immer noch in den alten Ghettis ab, in jenen Stätten, die für das jüdische Volk Erniedrigung und Leid bedeuteten. Das persische Judenghetto ist uralt, geht, wenn wir der Lieber» lieferung durch das Buch Esther folgen, bis auf die Tage des Königs Nebukadnezar zurück. Es steht geschrieben: „Die Juden versammelten sich in ihren Städten . . Wir haben davon Kenntnis, daß es eine ganze stattliche Anzahl von Dörfern und Städten in Persien gab, die in alter Zeit zur Gänze von Juden bewohnt waren.. Die Stadt Ispahan wird auch heute noch von den Persern „Ar al Yahut" genannt, die „Stadt der Juden". Es gibt eine Legende, die die Zahl der Juden von Ispahan für einen bestimmten Zeitabschnitt mit 50.000 beziffert; man schätzt für das zwölfte Jahrhundert die Zahl der jüdischen Einwohner sogar auf 150.000 Seelen. Sicher ist, daß sie auch damals in Ghettis lebten, wenn die historische För* schung sich auch darüber noch nicht schlüssig ist, ob das persische Ghetto eine aufgezwungene oder selbstgewählte jüdische Lebensform darstellt. Das Ghettoleben, jahrhundertelang beibehalten, mit primitive» Mitteln aufrechterhalten, hat ohne Zweifel den Geist der jüdischen Gemeinschaft in Persien arm und klein gemacht. Die Abgeschlossenheit von der Welt und allen andern jüdischen Zentren ließ keine neuere jüdische Lebensform aufkommen, nur armselige Reste des geistigen Lebens von einst blieben zurück. Die Seele ist entschwun* den, nur der kranke Körper zurückgeblieben. Krankheit und Armut — das ist das Wesen, des jüdischen Ghettolebens von heute in P e r s i e n. In acht großen Städten leben zwei Drittel der jüdi* sehen Bevölkerung Persiens; in Shiraz 9000, in Ispahan 8000, in Teheran 3000, in Emdan (dem alten Susan) 6000 jüdische Seelen, Jüdische Gemeinschaften von ein* bis zweitausend Köpfen sind in Kermanshah, Kashan, Yezd und Kerman zu finden. In allen diesen Städten leben nur einzelne, wenige jüdische Menschen außerhalb des Ghettos. Die überwältigende Mehrzahl, die im Ghetto konzentriert wohnt, leidet physisch an allerlei Krankheiten; die Sterblichkeitsziffer, junger Juden ist er* schreckend groß. Augen* und Hautkrank* h e i t e n sind allgemein. Oft verheeren Hunger und Seuche eine ganze Gemeinde oder raffen zumindest alljährlich eine Anzahl hinweg. Die Wohnungsverhältnisse sind von u n* vor stellbarer Primitivität, die Straßen im Ghetto schmutzig, die Luft ist verpestet. Hungrige Kinder treiben sich auf Gassen und Plätzen herum, ver* wahrlost, mit Hautkrankheiten behaftet; der Misthaufen ist ihr Spielplatz, ein vorüberziehender Stadtnarr, dem sie krei* Wochen-Kalender Juni 1930 non mn Tamus 5690 27 Freitag 1-a Sabbateingang 7.40 28 Samstag 2-3 Sabbatausgang 8.50 ^idic idwi mtDsn ,mp 29 Sonntag 3-5 30 Montag 4-1 1 Juli Dienstag 5-n . 2 Mittwoch 8-1 3 Donnerstag 7-t