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Die neue Welt · 1930-06-27 · Heft 145 (27.6.1930) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 145 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seile 6 DIE NEUE WELT Nr. 145 SIEGM. KORN MEHL dltOSmitSCMItAUtllll Zentrale IX., BerggMsc 19. Telephon 17-3-99 tt. 16-9-34 Lieferant >ttr Heilanstalten JlbMiun^M anter Aufweht des £hrwürdig»n Rabblnati d»r Ist. Kaitas?«meiftae Wien Autoaasteilung k«»t«nlo« IX.. Bejrffl«ti« IS / XVIII.» WÄhfl«fl«r»tr. 97 **mfnrmmmtnmi(mmi«HiiHiitiiTmttmiifipii mummiiWHtumimnimmiiiitmHimiMittiiiuiitiimitHmttiiii; HHiitf Nüiwn 11 nttminnUftn inttt u i Min tue MMiHfl MtwmwawiiutHtiwin gegen die Religion nicht mehr durch Zwangsmittel, sondern durch „friedliche Propa jfflnda" zu wirken, wird nun auch die Leningrader Chorsynagoge den Juden zurückgegeben. Der gleichzeitig mit der Beschlagnahme der Synagoge verhaftete Vorsitzende der Synagogenverwaltung Advokat Gure witsch ist jedoch bisheute nicht aus der Haft befreit. Dagegen wird dem J. T. A.¬ Vertreter von maßgebender Stelle versichert, daß die Sowjetregierung beschlossen hat, dem nadi N a r i m in Sibirien, verbannten Leningrader Oberrabbiner L n s a r e w zu erlauben, in jedem Orte der Sowjetunion, außer in Leningrad, Moskau und vier anderen Großstädten, Aufenthalt zu nehmen. Rabbi Lasarew wurde vor einiger Zeit wegen angeblicher Unterhaltung von Beziehungen zu auslandischen Rabbinerorganisationen zu zehnjähriger Verbannung nach Narim verurteilt. 380.000 Juden in der Ukraine hilfsbedürftig. Moskau, 20. Juni. (J. T. A.) Der Generalsekretär der Regierungskommission Komzet in der Ukraine, J. Kantor, erklärt, daß etwa 380.000 Juden in der Ukraine ohne wirtschaftliche Existenzmöglichkeit und unterstützungsbedürftig sind. Unter diesen sind 72.000 frühere Händler, 50.000 Heimarbeiter, für die man kein Rohmaterial beschaffen kann, bei dem Reste handelt es sich teils um gegenwärtig Arbeitslose, teils um solche, die überhaupt keinen Beruf aufzuweisen haben. Auch nach Erleichterung des Loses der Deklassierten und der dadurch erfolgten wirtschaftlichen Besserstellung des jüdischen Elements in den Städten bleibt die Existenz dieser 580.000 Juden ein Problem. 900 jüdische Heimarbeiterwerkstätten infolge Steuerdrucks geschlossen. Moskau, 20. Juni. (J. T. A.) Laut einer soeben veröffentlichten Statistik über die Heimarbeiterproduktion in Weißrußland sind vou Oktober 1929 bis September 1930 mehr als 90 0 jüdische Heimarbeiterwerkstätten in Weißrußland infolge des unerträglichen Steuerdrucks und der Schikanen der Steuerinspektoren geschlossen worden. In einer halboffiziellen Mitteilung wird zugegeben, daß die jüdischen Heimarbeiter Weißrußlands das Vierfache an Steuern zahlen mußten, als ihnen nach den Gesetzen zukommt. Wo ein Heimarbeiter oder Kleinhandwerker zwei oder drei Tage mit der Steuerleistung im Rückstände war, wurden ihm Maschinen, Rohmaterial und Fertigwaren weggenommen. Das Finanzkommissariat Weißrußlands ergreift nun Maßnahmen, um die Heimarbeiter aus dieser unerträglichen Lage zu befreien. Die Moskauer Zeitung „Emess" bringt einen längeren Bericht über die u nmenschliqhen Verfolgungen, denen die jüdischen Heimarbeiter und die deklassierten Juden seitens der Steuerexekutoren in Weißrußland ausgesetzt sind. Vielen jüdischen Familien wurden die Häuser gepfändet; sogar in baufälligen Häusern wohnende arme Leute wurden mit je 3000 Rubel besteuert, eine Summe, die sie in ihrem Leben nicht zu sehen bekamen. „E m e s s" fordert die Zentralregierung auf, in diese Verhältnisse hineinzuleuchten. Für ein gesetzliches Verbot der Staatsprüfungen an Sabbattagen« New York, 22. Juni. (J. T. A.) Albert D. Schanzer aus Brooklyn, Mitglied der Repräsentanten Versammlung des Staates New York, hat Rabbi Louis D. Groß, Herausgeber eines jüdischen Wochenblattes in Brooklyn, mitgeteilt, er werde in der Sitzung der Repräsentantenversammhing einen Gesetzentwurf einbringen, wonach staatliche oder Munizipal-Prüfungen jeder Art an Sabbatr und jüdischen Feiertagen verboten sein sollen. Rabbi Groß hatte Scbanzers Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, daß die Prüfung fiir ein Stipendium des Staates New York an der Cornell-Uuiversität für einen Sabbat festgesetzt wurde, und daß viele andere Prüfungen an jüdischen religiösen Feiertagen abgehalten werden, so daß traditionstveue jüdische Studenten sich gezwungen sehen, den Prüfungen fernzubleiben. „Theodor He*al". — Ein neuer Lichtbildervortrag des Keren Kajemeth. Jerusalem, 20. Juni. (J. T. A.) Soeben wurde vom Hauptbüro des Keren Kajemeth in Jerusalem ein neuer Lichtbildervortrag „Theodor H e r z 1" veröffentlicht. Es ist dies die 12. Serie von Bildstreifen über den Zionismus und das neue Leben in Erez Israel. Der Bildstreifen kostet 2,06 sh., der Text wird in allen europäischen Sprachen gratis geliefert. Bestellungen sind an die Landessewimelstellen de« Keren Kajemeth zu richten. Der Vortrag eignet sich sehr für die Gedenkfeiern, die anläßlich des Todestages von Herzl im Juli überall veranstaltet werden. Ermanno Loevinson, Oberintendant des Staatsarchivs in Bologna. Rom, 20. Juni. (J. T. A.) Der Direktor des Staatsarchivs von Parma, Ermanno Loevinson, der auch über die Grenzen Italiens hinaus durch seine Forschungen auf dem Gebiete jüdischer Geschichte, vor allem durch sein Buch „Roma Israelitica" bekannt geworden ist, wurde zum Oberintendanten des Staatsarchivs in Bologna ernannt. Es ist dies eine außerordentliche Auszeichnung des jüdischen Gelehrten, der erst vor wenigen Jahren, nachdem er in Rom Stern tsnrchivar gewesen ist, zum Direktor des Archivs in Parma ernannt wurde. Ermanno Loevinson ist geborner Berliner. Abraham Podhsiewski gestorben* Am 17. Juni starb in Otwock bei Warschau in einem Sanatorium, 68 Jahr.e alt, Abraham PodIi« szewski, der Nestor des polnischen Zionis« m u s. * Durch seinen Tod verliert der Zionismus einen seiner reinsten, opferfreudigsten, ergebensten Vor* kämpfen Podliszewski verfügte über gründliches 3 ü d t* s c h e s und allgemeines Wissen. Seit seiner frühen Jugend zählte der Verstorbene zu den verläßlichsten Mitarbeitern auf nationalem und sozialem Gebiete. Er gehörte zu den ersten, welche dem Rufe Theodor H e r z 1 s in Rußland folgten und nahm seit damals an allen Kongressen und Tagungen des russischen, dann des polnischen Zionismus teil. Jahrzehntelang .war Podli* szewski Mitglied des Aktionskomitees der Zionistischen Weltorganisation. Vielseitig war seine Tätigkeit. Sie galt vornehm* lieh der nationalen Kulturarbeit, der Landes* Politik, dem Keren Kajemeth, dem Keren Hajessod, der jüdischen Wanderungsfrage. Er stand an der Spitze und war führendes Mitglied des Landeskomitees, des Nationalrates, des Fondskomitees, der Emigrationsgesell* Schäften. Im Gemeinderat Warschaus trat Podliszewski stets mannhaft für die Rechte der Juden p.m. Die Lei* tungen unzähliger nationaler und sozialer Vereine zählten ihn zu ihren bewährtesten Mitarbeitern. Im Zionismus und in seinem Berufe, er war Kauf* mann, galt er als Muster eines Ehrenmannes. In der Nachkriegszeit übersiedelte er nach Pa* lästina, doch nötigte ihn ein Unglücksfall in seiner Fa* milie, nach Warschau zurückzukehren und die Leitung seines angesehenen Handelshauses, die er schon seinen Kindern anvertraut hatte, wieder.' in seine Hände zu nehmen. Als der Zionismus auf den Weg der politischen Passivität, der national*politischen Resignation geführt wurde, trat Podliszewski in die Reihen der radikalen Zio nisten. Er war einer der aktiven Mitkämpfer der Radikalen, Mitglied des Zentralrates der Weltorganisa* tion der radikalen Zionisten. Am 20. Juni wurde Podliszewski in Warschau Unter Teilnahme vieler Tausender zu Grabe getragen. Der Name Abraham Podliszewski wird im Zionismus fortleben! Konferenz des Weifverbandes Radikaler Zionisten* Das Zentralbüro des Weltverbandes Radikaler Zionisten hat für den 13. und 14. Juli 1930 nach Lwöw (Lemberg) die Konferenz des Weltverbandes Radikaler Zionisten einberufen. Tagesordnung: 1. Eröffnung, Begrüßungen, Wahl des Präsidiums. 2. Die Lage im Zionismus — Referenten Izchak Grünbaum, Robert Stricker. 3. Palästinaarbeit — Referent Dr. Nahum Goldmann. 4. Galutharbeit — Referent Dr. Max Soloweitschik. 5. Organisation, Propaganda, Presse — Referent Leon Wechsler. 6. Berichte über die Tätigkeit in den einzelnen Ländern. 7. Debatte. 8. Wahl des Permanenzausschusses. 9. Wahl des Zentralbüros und des Zentralrates. Saal und Stunde des Beginnes der Konferenz werden noch bekanntgegeben werden» Die Delegierten aus den einzelnen Ländern sind dem Zentralbüro, Wien, IX., Universitätsstraße 6—8, bekanntzugeben. Wegen Zimmerbestellungen und ähnliche Angelegenheiten wollen sich die Delegierten an die Vereinigung Radikaler Zionisten zu Händen des Herrn Dr. Dow Donner, Lwow, Zamarstynowska 21 (Polen), wenden. »Humanität« oder Zionismus« Von Alexander Reiter (Berlin), ... in Reih und Glied mit den anderen Völkern an der Herbeiführung glücklicherer Zeiten für alle Menschen arbeiten. Dieser Traum ist groß genug. Herzl, Im heiligen Garten zionistischer Verwirrung blühen viele wunderliche Gedankenpflöuzchen. Da fehlen als elementare Voraussetzung völlig die spezifisch zionistischen Erkenntnisse — reale Judennot als Minderheitsproblem, Ablehnung der Galuth, Ablehnung der Philanthropie, da träumt man, gut beschützt von Severings Schutzpolizei, von einem grotesken „Pazif is» m u 8"i der darin besteht, andere für sich schießen zu Ar Zi Montag, den 30. Juni 1930 um 7,9 Uhr abends im Cafe „Arkaden", 1., Universitätsstraße, Versammlung Thema: „Der slonistlsche Delegiertenfag" Redner: Dr. Glücker, Lubotakl, Dr. Buktpan Gäste willkommen. Eintritt frei. lassen (wenn nämlich der Jude sich hinter dem Engländer verkriecht und dieser den Araber umbringt, dann bleibt jener, der Jude, ein Heiliger!). Da beruhigt man sein sozinies Gewissen durch Schaffung einiger Renommiersiedlungen, während man heiter die Hälfte des Judenvolkes weiter verhungern läßt. Da schreibt man einen nebelhaften Unsinn und halt das für metaphysischen Tiefsinn. Da träumt man gar vom Reich des Messias: ein pittoresker Evangelismus, der den Frieden schon „angekommen" wähnt. ' Der Irrgarten Gottes ist groß. Aber der Eukalyptus im Reiche dieser Monstra, das wahre Non plus ultra an Ideenentartung ist vielleicht jener Zug rührender Bescheidenheit, der den Zionismus schon zu einem jüdischen Humanismus „erhoben" hat. Der Zweck ist klar: Wie man die Kolonisation aus einer politisch-wirtschaftlichen in eine philanthropische gewandelt hat, so will man auch das zionistische Ideal aus der politischen Sphäre in eine spirituelle zerren: geistige Chalukka. So kann man dem Zionismus die verhaßten politischen Attribute rauben, die so unangenehm an Macht, an Kampf, an Interessen, an Klassen, an Materialismus, an Maschinen, an Geld und Gewehre erinnern. Auf diese Weise wird der Zionismus aus einer Bewegung zur Aenderung der Macht- bzw. Ohnmachtverhältnisse des Judenvolkes umgezaubert in einen Ziergarten zur Erzeugung eines jüdischen E d e 1 m e nschentyps, dem kategorisch die Aufgabe zugewiesen wird, die Welt mit seiner Kultur zu beglücken. Man stellt sich das vermutlich so vor: Die Araber werden durch eigenen Fortschritt, durch unsere Erziehung und speziell durch die Wirkung unserer neuen Traktätchen bald lammfromm werden. Dann wird die Frage der Majorität natürlich keine Rolle mehr spielen. Ueber einer solchen, durch keine nationalen Probleme mehr zerspalteten, vielleicht schon weitgehend vermischten Völksmasse erhebt sich der stolze Bau jüdisch-arabischer Intelligenz, mündend in jene hohe Kurie pansemitischen Geistesadles, . aus dem die heue jüdische Humanität der (wie sie glauben) dankbaren^- Welt einen neuen Heiland liefern soll., ••„, ••,;• So hat man den ruppigen jüdischen Chauvinismus gereinigt, veredelt. Mit einem einzigen Wort:.„Humanität". Es hört sich so vornehm an, so geistig, nach Elite, nach jener besseren Welt, dies „Humanität"; Ein wahres Zauberwort 1 —. Es ist nur ein Spuk. Ein schöne Phrase, die zu nichts verpflichtet als zu dünkelhaftem Aesthetentum; die zu völliger Weltfremdheit führt; die statt der Tat Literatur will; die den Zionismus zerstört Wir wollen nicht untersuchen, ob dieses neue Paradies schön oder unschön ist. Es ist heute^ morgen, in den nächsten 50 Jahren unmöglich. Also inaktuell. Folglich verwirrend. Ergo: es ist schädlich. Uebrigens ist schon die Wahl des Wortes „Humanitär sehr kennzeichnend für die Art, in der man bei uns Diskussionen führt. Je unklarer, je nebelhafter und vieldeutiger, um so mehr lieben sie den Begriff — in Mitteleuropa gilt ja Klarheit als Oberflächlichkeit, und wo man immer stolz mit seiner Qualität prunkt, da hält man Probleme der Quantität für minderwertig; das ist etwas für die Masse, die Ostjuden! Uns scheint diese „Humanität" nicht verlockend. Die „Humanität" war es, für die die Assimilanten das Judentum aufgeben wollten, in „Humanität" suchte man Charakteristika des Judentums aufzulösen. Mit „Humanität" hat der liberale Mausche 1 den Zionismus stets bekämpft und bekämpft ihn noch heute. Und mit derselben „Humanität" will Mauschel, der sich zu den Zionisten verirrte, nun gegen den Zionismus vorgehen. Streben nach nationaler Freiheit und Kraft, Kampf um nationale Gleichheit und Selbständigkeit? Nein, nicht Freiheit, die Forderung des Starken; nicht Gleichheit, die Forderung des Mutigen. Nein — „Humanität", das Winseln des Besiegten, des Unterdrückten um Gnade, der Appell an die Tränendrüsen, die Tücke des Schwachen — das ist die „neue Zielsetzung", Erbärmlich! Es ist, nackt und arrogant, die alte Missionslehre; nur von der reichen Lockenfülle wahrer jüdischer Religiosität umfrisiert auf den mageren Bnbenkopf einer mystischen, noch zu züchtenden „Kultur"; darüber als Zier der arabische Turban. Dies Demagogentum der jüdischen Phrase ist die große moralische Gefahr des Zionismus, das ist der wahre Chauvinismus, der geistige. Der die ganze Welt in seinem Wesen gesunden läßt. Der mit hochmütiger Arroganz die „Angelegenheiten" Europas als überwunden abtut. Der sein Gewissen für das Gewissen der Welt hält. Der, um modern zu sein und seine ideelle Weite zu beweisen, aus allen Richtungen, Meinungen, Lehrenj

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