Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 145 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. m sehend, heulend und mit schrillen Stimmen nachjagen, ist das Objekt ihrer Belustigung. Dunkle, düstere Keller stellen Verkaufsläden dar, schmutzige, unterirdisch gebaute Höhlen Wohnungen. Nirgendwo dringt ein Sonnenstrahl ein. Das ist das Bild des Ghettos von Teheran, ihm ähnlich fast das aller anderen der persi* sehen Städte. Das Ghetto von Ispahan nimmt eine große Fläch'e der Stadt ein und teilt sich in drei Teile. Gulbar ist der älteste Teil des Ghettos; hier leben einige tausend der ärmsten Juden. In Gulbara, dem fast ebenso alten Haupt* teil, befindet sich die älteste Synagoge, unter der Erde gebaut, ein Ueberbleibsel aus den alten Tagen der persischen Marannen, der geheimen Juden, das Ueberbleibsel aus einer Zeit, da die Juden gleich der ersten Christen ihren Gottesdienst in Katakomben verrichten mußten. D a r d i n g, das dritte und kleinste Ghettoviertel Ispahans ist jüngeren Datums und zeigt auch sehen eine Anzahl normal gebauter Häuser und Straßen. Das reinste Ghetto, das in Persien zu sehen ist, ist das von K a s h a n. Die persischen Stadtverwaltungen tun in unseren Tagen sehr viel für;Jic Reinigung der Straßen und die Verbesserung de? Wohnverhältnisse in allen Stadtteilen, wo Moslems leben schenken hingegen den jüdischen Vi ertein nicht die geringste Aufmerksamkeit. Nichtsdestoweniger sind die Straßen des Ghettos von Kashan rein, die zweistöckigen Häuser , gut und'solid gebaut. Aus Angst vor Verfol* gurigen in der Vergangenheit bauten die Juden ihre Be* hausungen in bescheidenem Stil, um nicht den Haß ihrer moslemitischen Nachbarn zu erregen, ja, sie wurden zeit* weise von den persischen Behörden dazu gezwungen. Im Ghetto von Kashan, dessen Entstehung in die neuere Zeit fällt, sind reine, schmucke Häuschen mit Vorgärten und Bilderschmuck keine Seltenheit. Das Ghetto von Kashan ist das einzige, das dem auswärtigen jüdischen Besucher etwas von der Traurigkeit nimmt, in die ihn der Besuch der anderen persischen Ghetti versetzt. Wie gedrückt und leidvoll das Leben im persischen Ghetto auch sein mag, es wird von den Juden als g o 11* g e w o 111 hingenommen und durch den Glauben konv» pensiert, daß ihnen kraft des Leidens hier auf Erden ein. schöneres Los in der zukünftigen Welt beschieden sein wird.1 So kommt es/daß die Juden Persiens w e n i g A n* strengung machen, ihre Lage zu verbessern, ja daß sie sich ein Leben ohne Ghetto in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gar nicht vorstellen können. Die ältere -Generation treibt ihre Resignation in diesem Punkte so weit, jeden, der den Versuch macht, dem Ghetto zu entrinnen und sein Leben anderswo zu geV stalten, äls ' Apostaten 'und Verräter zu be« trachten. * Trotzdem zeigen die jüngeren Leute die Tendenz, mit dem erstarrten Ghettoleben zu brechen. In den kleineren Städten nur schüchtern' und vorsichtig, unge«, stümer unll rascher in der Hauptstadt Teheran. Hier, in Teheran, gibt es auch schon eine Synagoge außer» halb des. .Ghettos für den Gottesdienst dieser „f or f ge s ehri t1en en"" persischen Juden und" für Kinder eine höhere religiöse Erziehungsan« s t a,l t. Auch die „Ä11i a n c e I s r a e 1 i t e" hat jüdische Schulen' jenseits, der Grenzen des Ghettos errichten lassen mit der deutlichen Absicht, die Juden mit der übrigen Welt, in Kontakt zu bringen. Diese Alliance* Schulen glauben ihrem Ziel dadurch näher zu kommen, daß sie auch n i c h t j ü d i s c h e n rp e r s i s c h e n K i n* dern offen stehen. Die .Resultate einer, solchen ge* mischten Erziehung sind oft betrüblich. Nicht selten zei* •tigen sie den Uebertritt junger Menschen vom jüdischen zum moslemitischen Glauben. - Handel,. Handwerk und Wohltätigkeit. Im Ghetto wickelt sich auch das ganze jüdische Geschäfts* und: Arheitslehen. ab. Hier sind ihre Kram* laden und Märkte, ihre Werkstätten und Verkaufsbuden. Dem Juden war von Gesetzes wegen nicht nur .untersagt, außerhalb des Ghettos Geschäftsstellen zu errichten, son* dern auch, bei strenger Strafe, dort mit den Mösle* miten Handel zu treiben. So mußten ihnen die Perser Rohmaterial ins Ghetto bringen, das sie dann selber verarbeiteten und selber vertrieben. In vielen Produktionsgebieten haben sie es zur Meisterschaft ge* bracht. Der jüdische Tabakhändler verfertigt Zigarren, der Textilhändler ist auch Schneider. Selbst während der Periode des strengen Verbots des Handels mit den Moslims bestanden, wie erwähnt, mannigfache kommerzielle Verbindungen zwischen den Persern und dem Ghetto. Die Bauern brachten den jüdischen Kaufleuten ihre Produkte — Früchte, Nahrungs* mittel, Flachs, Gummi arabicum —, so daß die Juden es nicht nötig hatten, die moslemitischen Bazare aufzu« suchen und den Export vieler Artikel in die Hand be* kommen konnten. Sie wurden so auch mit der Zeit Bankhalter und Zinsver 1 eiher, eine Profession, die die wohlhabenderen unter ihnen auch heute noch ipne haben. Frauen und Mädchen des Ghettos nehmen an der Seite ihrer Männer und Väter am Erwerbsleben, hauptsächlich in der Schneiderei, in reichem Maße teil. Großen Raum im jüdischen Handel Persiens nimmt der Vertrieb von Amuletts zur Abwen* dung von allerlei Gefahren, zur Verhütung und Kurierung von Krankheiten ein, denn die Juden in Per* sien sind nicht weniger abergläubisch als die Perser selbst. Der Kurpfuscher und der Medizin* mann nehmen einen hohen Rang im sozialen Leben ein. Ein Arzt im legitimen Sinne des Wortes ist eine u n* bekannte Erscheinung. Der Medizinmann hält die Kunst seines Berufs geheim, ebenso der Händler die Herstellung jener Schutzgegenstände, die von ihm emp* fohlen werden. Im vorigen Jahr hat zwar die Regie* r.u n g ein Gesetz erlassen, wonach den Kur* pfuschern verboten ist, ohne Lizenz und Prü* fung Krankheiten zu heilen, aber die Art, wie dieses Ver* bot gehandhabt wird, macht die löbliche Absicht der Regierung zunichte. Für wenige Geldstücke nämlich ist ein Aerztediplom zu haben. Ein verhältnismäßig einträgliches Geschäft ist auch das der professionellen Beter. Das sind Leute, die gegen Entgelt für jeden, der sich in Bedrängnis befindet, Gebete ver* richten. Eine Frau, die schwanger ist; eine Mutter, die um ihren Sohn bangt, weil er von einer Hausiertoür in die persischen Dörfer nicht zurückgekehrt ist; ein Mann, mit dessen Geschäften es abwärts geht — das ist die Kundschaft des Beters. Trotz der Mannigfaltigkeit der Beschäftigungen ist der ökonomische Status der Juden Persiens schlecht. Der kleine Geschäftsmann und Handwerker haben ein äußerst geringes Einkommen, denn sie bedienen ein armes Volk. Der junge Mensch, der nicht Geschäftsmann oder Hand* werker werden konnte, muß den in Persien traurigen und unprofitablen Beruf eines Hausierers ergreifen, von Dorf zu' Dorf wandern, monatelang von seinem Heim fernbleiben, Mißhandlungen von Seiten der persi* sehen Bauernbevölkerung ausgesetzt sein, um sein un* beschreiblich kärgliches Leben fristen zu können. Denn eme organisierte jüdische Wohltätigkeitsfür* sorge gibt es in Persien nicht, nur einige unzuläng* liehe Armenhäuser. Das eine, das größte, in Shiraz, hat acht Räume, von denen jeder sechs bis acht .Personen beherbergen muß. AUS PALÄSTINA. Ausstellung jüdischer landwirtschaftlicher Produktion in Tel-A\viw. Am 11. Juni wurde in Tel-Awiw eine Ausstellung von Erzeugnissen der jüdischen Landwirtschaft eröffnet. Sie zeigte, was .auf den salzigen'Sanddünen von Tel-Awiw durch Arbeit und, Instruktion geschaffen werden konnte. Außer den Gärtnern, Geflügel- und-Viehzüchtern aus Tel-Awiw beteiligten sich an der Ausstellung auch Mikweh Israel, die Mädchenfarm in S.chqchunath Borochow, die Mädchengruppe in der Karm'elstraße, Kolonisten aus Ramath Gan, die Kwuzah Kirjath Anavim und die Instruktionsabteilung der Exekutive der Jewish Agency. Einen besonders großen Platz nahm der Kiosk der ,,T n u w a h" (Gesellschaft für Verkauf der Produkte der Siedlungen, die dem Grundsatz der jüdischen Arbeit folgen) ein. Eine Fülle von Blumen, Früchten, konservierten Früchten, Geflügel, Eiern sowie die hygienische und ansprechende Art der Verpackung wirkten besonders anziehend. * Aus einer für die landwirtschaftliche Ausstellung April 1930 durch die Tnuwah in Tel-Awiw Milch und daß im Laufe der sieben Monate vom Oktober 1929 bis bis April 1930 durch die Tnuwah in Tel-Awiw und j Milchprodukte für 43.000 Pfund verkauft wurden gegen- ' über Pf. St. 33.914 in der gleichen Periode des Vorjahres, Pf. St. 28.778 in der gleichen Periode des Jahres :5688 und Pf. St. 26.117 in der gleichen Periode des Jahres 5687. Eier, Gemüse, Früchte und Geflügel wurden durch die Tnuwah in Tel-Awiw in den erwähnten sieben Monaten für Pf. St. 31.500 verkauft, mehr als das Doppelte des gesamten Vorjahres. Trotzdem also ein Wachsen dn dem Absatz der jüdischen landwirtschaftlichen Produktion in Tel-Awiw zu verzeichnen war, so ist doch der Prozentsatz von Tel-Awiw im gesamten Umsatz der Tnuwah zurückgegangen, und zwar in bezug auf Milch- und Milchproduktion von 38 Prozent vor zwei Jahren auf 32 Prozent im Vorjahre und auf 28'Prozent in diesem Jahre, in bezug auf Eier, Gemüse, Geflügel und Früchte beträgt der Prozentsatz von Tel-Awiw in diesem Jahre nur 25 Prozent des gesamten Umsätze« von Tnuwah, was also auf einen großen Zuwachs des Absatzes im ganzen Lande hinweist. (Ziko.) Eröffnung des Sanatoriums auf dem Karmel in Haifa. Ära 10. Juni wurde auf dem Karmel in Haifa das naph dem Arbeiterführer Borochow benannte Sanatorium eröffnet, das in diesem Jahre als E r h o 1 u n g sstätte für Arbeiter dienen soll, die aus allgemeiner Müdigkeit, aus Mangel an Ruhe etc.. e{ne. besondere Erholung brauchen, um ihre Arbeitskraft zu erhalten. Das Sanatorium der Krankenkasse in Moza bei Jerusalem dient bekanntlich in erster Reihe Arbeitern, äie naoh einer schweren Krankheit Erholung brauchen. In diesem Jahre wird das Sanatorium auf dem. Karmel 30 Betten erhalten, die Krankenkasse de* Arbeiterorganisation beabsichtigt aber, ein : Sommerlager neben dem Sanatorium einzurichten, um einer größeren Anzahl von Personen in der Sommersaison die Erholung zu ermöglichen. Das Sanatorium auf dem Karmel wurde aus dem Nachlaß des verstorbenen englischen Zionisten Michael Lange aus Zichron Jakob und der Spende des Nationalen Arbeiterverbandes in Amerika errichtet. Der Nationale Arbeiterverband ermöglicht auch die reguläre Erhaltung des Institutes. (Ziko.) Feierliche Legung des Grundsteines des Archäologischen Museums in Palästina. Jerusalem, 20. Juni. (J. T. A.) Die feierliche Grundsteinlegung zu dem von Rockefeiler gestifteten Gebäude für das Archäologische Museum hat heute stattgefunden. Der High Commissioner Sir John Ghancellor, der die Festrede hielt, führte aus, das Museum werde die Altertümer aller Völkerschaften, die seit urdenklichen Zeiten Palästina bewohnten, beherbergen. Er sprach den Dank des Landes an Rockefeiler aus und schloß mit den folgenden Worten: Das Museum wird eine wahrhafte Schatzkammer der Altertümer des Landes sein, dessen Geschichte Gegenstand leidenschaftlichen Interesses aller Nationen der Welt ist. Das Gebäude wird in seiner Monumentalität zur Erhöhung der Schönheit der Heiligen Stadt beitragen. Der Direktor des Antiquitätendepartements R i c h m o n d führte aus, das Museum werde Altertümer aus prähistorischen Zeiten bis 1700, ferner eine Bibliothek, ein Vorlesungsamphitheater und das Hauptbüro des Antiquitätendepartements der Regierung beherbergen. Erhöhte Eingänge für den jüdischen Nationalfonds. Jerusalem, 17. Juni. (J. T. A.) Im Mai d. J. betrugen die Eingänge für den Keren Kajemeth 24.651 Pfund. In den ersten neun Monaten des laufenden Finanzjahres betrugen die Eingänge 168.273 Pfund, gegen 145.132 Pfund in der gleichen Periode des Vorjahres, was eine 15prozentige Steigerung bedeutet. Die Eingänge des Palästina-Aufbaufonds (Keren Hajessod) im April und Mai 1930. In den Monaten April und Mai 1930 hat das Hauptbüro des Keren Hajesspd dm ganzen Pf. St. 34.053 erhalten, darunter aus Südafrika Pf.' St. 6000, England Pf. St. 5268, Polen Pf. St. 3905, Deutschland Pf. St. 3854, Rumänien Pf. St. 3438, Holland Pf. St. 2316,. O e s t erreich Pf. St. 1162, Argentinien Pf. St. 1130, der Tschechoslowakei Pf. St. 1080, Erez Israel Pf. St. 918; der Rest ist aus den übrigen Ländern eingegangen. — Die gesamten Einnahmen des Keren Hajessod bis Ende Mai 1930 betrugen Pf. St. 4,197.456, außerdem erhielt der Keren Hajessod durch Vermittlung des Herrn Felix Warburg eine Anleihe von 500.000 Dollar. (Ziko.) Mi'sdsehen orthodoxer tieineindefunkljionäre« Schon seit längerer Zeit machen die Vorstände orthodoxer Juden gemeinden die traurige Wahrnehmung, daß ihre Funktionäre, besonders ihr Lehrpersonal, es mit der sogenannten Strenggläubigkeit nicht sehr genau nehmen. Aber immerhin pflegten solche Entgleisungen unauffällig im stillen Kämmerlein der Kultusstuben ohne öffentlichen Skandal beigelegt zu werden. Jetzt liegen aber zwei Meldungen vor, die beweisen, daß die Zustände in den orthodoxen Gemeinden viel krasser liegen, , als allgemein angenommen wird. Den ersten Fall entnimmt man dem Bericht über eine Sitzung des Verwaltungsausschusses der Stadt Miskolcz in Ungarn. Die Lehrerin für Mathematik und Physik an der dortigen jüdisch-orthodoxen Bürgerschule Magdalena Horn suchte bei dem Kultus vorstände um Gewährung eines Urlaubes zum Zwecke der Eheschließung mit dem Bezirksrichter von Veszprem Dr. Julius Er dös an. Die Lehrerin erklärte, ihr Bräutigam sei J u d e. Später stellte sich jedoch heraus, daß Dr. Er dös Tömisch-katholischer Konfession ist und das Brautpaar seine Hochzeitsreise auch am Sabbat fortsetzte und geigen die jüdischen Speisegesetze verstieß. Die Kultusgemeinde entließ deshalb fristlos die Lehrerin. Infolge Berufung entschied das Kultusministerium, daß die Kultusgemeinde zu dieser Maßregel nicht berechtigt gewesen sei, weil sie es. unterlassen habe, die Disziplinaruntersuchung regelrecht durchzuführen. So kam die Angelegenheit vor den Verwaltungsausschuß der Stadt Miskolcz, der nach langer, stellenweise sehr lebhafter Debatte die Entscheidung traf, daß gegen die Lehrerin zunächst die Voruntersuchung zur Einleitung des Disziplinarver-, fahrens abzuführen sei, während die Kultusgemeinde verpflichtet wurde, die Bezüge der Lehrerin auch weiterhin zu liquidieren. Die Lehrerin wurde aufgefordert, ihre .Stelle wieder anzutreten. Mit der Dis- , ziplinaruntersuchung wurde der christliche Bürgermeister der Stadt Miskolcz betraut. * Bezeichnend ist auch der Fall des M. Katz, der an einer streng orthodoxen Synagoge in Paris als Chasan, Kantor, fungiert, Kantor Katz ist nicht nur als Sänger, sondern auch wegen seines strenggläubigen Gehabens bei den Mitgliedern seiner Synagogengemeinde äußerst beliebt gewesen. Erst als die Besucher des orthodoxen Tempels erfuhren, daß ihr Chasan ganz legal eine Christin geheiratet hat, hat sich die Gesinnung der Gemeindemitglieder gegen ihren Hauptfunktionär begreiflicherweise stark zu