Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 145 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr, 1*45 DIE NEUE WELT Seite 5 Mordes schuldig und wird deswegen zum Tode und zum dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Der bekannte, mit „Inquit" zeichnende Gerichtssaalberichterstatter der ..Vossischen Zeitung" gibt die folgende Charakteristik de« Verurteilten, der, einer hochangesehenen Berliner jüdischen Fa* milie entstammend, seinen Angehörigen von seiner Jugend an Sorgen bereitet hat. „Mitten in der Verhandlung, in der es um seinen Kopf ging," hatte Dr. Gutmann die Laune, seinem Verteidiger zuzuflüstern, ob er jetzt nicht fortgehen könne, er langweile sich so. Es sollte ein Scherz sein. Nach Verkündung des Todesurteiles schien er zu lächeln, jenes fatale Lächeln, mit dem er sich schon im Laufe des Prozesses häufig entstellt hatte. Als er bei seiner Vernehmung bis zur Schilderung der Tat gekommen war, fuhr er fort: „Da kam mir erst zum Bewußtsein, was ich angerichtet hatte, und ich dachte mir: Was wird man in Schwedt dazu sagen?" Ueber seine Frau, die er verächtlich „eine Galizierin" nannte, äußerte er mit Bezug auf ihre Bereitwilligkeit, seine gefälschten Wechsel zu decken, um ihn vor der Strafe zu bewahren: „Es müssen da (in Galizien) wohl eigentümliche Anschauungen herrsche n." Das sagte über die Frau, die ihm die Unredlichkeit verzieh, er, der Mann, der die Wechsel gefälscht hat. „Dem Menschen, der so hoffnungslos falsche Maßstäbe anlegt, fehlt irgend etwas. Schwer zu sagen, was ahm fehlt. Nicht Intelligenz, Gedächtnis, Kombinationsgabe, Auffassungsvermögen. Aber ein Leben am Rande des Verbrechens, trotzdem es aus bürgerlicher Geschütztheit entsprungen war und erfolgreich hätte verlaufen können, enthüllt den Defekt beinahe auf Schritt und Tritt." Zum Selbstmorde Bern Meyers. In der letzten Nummer der „Neuen Welt" wurde der Selbstmord des sozialdemokratischen, jüdischen Bankdirektors Bern Meyer in Berlin besprochen. Meyer, der schon lange aus dem Judentume ausgetreten war, konnte es nicht verwinden, daß soine Parteigenossen ihn als Juden im Stiche gelassen und seine Kandidatur für den Posten eines Berliner Stadtbankdirektors zurückgezogen hatten, weil sich Widerstände gegen einen „jüdischen" Direktor zeigten. Sein Austritt aus dem Judentume hatte ihm weder bei den Gegnern noch auch bei den Freunden genützt. Die „Ita" meldet hiezu aus Berlin: Fast die gesamte demokratische Presse nennt den Freitod Bern Meyers die Tragödie eines Juden und Sozialisten. „Welt am Montag" teilt mit, daß, als davon die Rede war, Bern Meyer zum Stadtbankdirektor zu wählen, ein volksparteilicher Stadtrat fragte: „Muß es denn gerade ein Jude sein?" und dieser selbe Stadtrat ließ keinen Zweifel daran, daß er entschlossen war, mit seiner Anhängerschaft die iWahl Meyers zu verhindern. Ihr Uebergewicht über die entscheidende Magistratssitzung war unbestreitbar. Daß Meyer die schwere Kränkung nicht verwand, sondern seinem Leben ein Ende machte, bringt, laut „Welt am Montag", erschütternd zum Ausdruck, wie .verzweifelt der gegenwärtige Zustand Deutschlands" sich diesem Manne darstellte. Es hat ihm nichts genutzt, daß er als Freiwilliger in den Krieg ging und deutscher Offizier wurde. Damals hat an seiner jüdischen Herkunft niemand Anstoß genommen. Wir haben. es weit gebracht in der Republik! Lichtenstern Vater jede Chewra-Sude eröffnet — begann Lichtenstern: „Hier habt ihr also, was ich von jedem einzelnen bekommen und was ich jedem gegeben habe." Mit der schon bereitgelegten Kreide begann er nun auf den Tisch nebeneinander und hintereinander verschiedene Ziffern zu schreiben, jede Post mit lauter Stimme begründend. Dann fragte er, stolz nach allen Seiten blickend und einen noch ausdrucksvolleren Blick auf Nero werfend: „Wer ist unzufrieden?' Niemand meldete sich. Noch einmal blickte Lichtenstern geringschätzig über alle Anwesenden hinweg, dann folgte der historische Moment, des Auf-den-Tisch-Spuckens und gleich darauf verschwand unter Lichtensterns Hand die Rechnungslegung für das ganze Jahr. „Wenn also alle zufrieden sind, dann Schluß", beendete Lichtenstern spöttisch die Versammlung. Auf den Gesichtern der Auswärtigen spiegelte sich Entsetzen. So hatte man sich die Sache nicht vorgestellt. Hatte doch niemand die brennende Frage, die die ganze Gegend in Aufruhr brachte, auch nur mit einem Wort berührt! Sollte sich jetzt nicht etwas Unerwartetes, Großes ereignen? Und es kam, ehe man sich dessen versah. „Es ist noch nicht Schluß, Lichtenstern!" ließ sich auf einmal in der allgemeinen Stille eine tönende, vor Bewegung bebende Stimme vernehmen. Moses Mendll Der Kozojeder Rothschild! Ein leises Gemurmel durchlief das Schankzimmer und die Hälse reckten sich krampfhaft in die Höhe. Alle Anwesenden hielten den Atem an. Jetzt war es gekommen! Sie standen etwa zehn Schritte voneinander entfernt: Lichtenstern mit seiner herkulischen, mächtigen Gestalt, jeder Zojl ein Fleischer, und der kleine, gut um zwei Köpfe kleinere Mendl mit dem zarten, glatt- Die Zeitung „M o n t a g-M o r g e n" sagt, Meyer ist ein Selbstmörder aus unglücklicher Liebe zum Sozialismus geworden. Seine Stellung in einer Privatfirma brachte ihm ein mehr als doppelt so hohes Einkommen ein, wie es das des Stadtbankdirektors ist. Er war zu so respektablen materiellen Opfern bereit, um für eine gemeinnützige Sache wirken zu können. Es ist ein katastrophales Armutszeugnis für die Sozialdemokratie, daß sie diesem Menschen keine Gelegenheit gab, seiner Leidenschaft Genüge zu tun. Die Arbeiterbank, die heute als ein Prunkstück der freien Gewerkschaften gilt, ist das persönliche Werk Bern Meyers gewesen. Er hatte sie fast als einzelner aus dem Boden gestampft und sie den skeptischen Gewerkschaftssekretären geradezu aufgezwungen. Auf neue Leistungen dieses Mannes sind seine Parteifreunde offenbar nicht neugierig gewesen. Ausdrücklich verlange« ,BERNA'-Käte w«ll dar bette I Stolz deutscher Professoren* Antisemitische Wissenschaft. Berlin, 24. Juni. (Bericht der „Neuen Welt".) Die thüringische Regierung hat bekanntlich den antisemitischen Rassenpolitiker Hans Günther zum ordentlichen Professor für soziale Anthropologie an der Universität Jena ernannt. Das Professorenkollegium der Universität Jena hatte diese Ernennung abgelehnt. Das Wolffsche Telegraphenbüro brachte folgende Meldung: „Wie der Rektor der Universität Jena mitteilt, haben Rektor und Senat der thüringischen Landesuniversität gegen die Berufung des Schriftstellers und Rasseforschers Dr. Hans Günther zum ordentlichen Professor der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät durch das Volksbildungsministerium einstimmig Protest eingelegt, da das in der Universitätssatzung verbriefte alte Recht der Universität, bei der Berufung auf die Lehrstühle durch ihre Vorschläge sachkundig mitzuwirken, im vorliegenden Falle durchbrochen worden ist." Diese Meldung war Anlaß genug, um in allen jüdischen, liberalen und sozialistischen Zeitungen ein Loblied auf die „nackensteifen und freiheitlichen" Professoren zu singen. Aber zu früh! Die Herren haben es sidi inzwischen überlegt und Herrn Günther kollegial aufgenommen. Er ist ordentlich bestallter Professor und kann bereits im nächsten Semester seine antisemitischen Lehren verzapfen. Wie es um die Wissenschaftlichkeit dieses Mannes bestellt ist, mögen zwei Zitate aus seiner „Rassenkunde" dartun. Es sei noch bemerkt, daß er die Juden zur vorderasiatischen Rasse,:die Deutschen zur nordischen Rasse zählt. „Vorderasiatische Rasse: Besonderer Handelsgeist, geschmeidiger Verstand, ausmalende Beredsamkeit, ausgesprochene Gabe, ja Eifer zur Einfühlung in fremdes Seelenleben, zur Berechnung und Ausnützung der Menschen, Fähigkeit zur Auslegung und Umdeutung fremder Geistesgüter, Begabung für Schauspielkunst und vor allem für Tonkunst, Neigung zu berechnender Grausamkeit, kalte und „w o 11 ü s t i g e" G r a u s u m k e i t, Mangel der Fähigkeiten zum Staatsaufbau und zur Staatsrasierten Gesicht und den fieberhaft flackernden Augen. Goliath und David. „Es ist noch nicht Schluß!" wiederholte er und seine Stimme klang fest und klar, und noch näher an Lichtenstern heranschreitend, fuhr er drohend fort: „Bevor Schluß gemacht wird, mußt du uns sagen" —- Mendl und Lichtenstern duzten sich, da sie jahrelang nebeneinander in der Judenschule in Vojkowitz gesessen waren — „warum ihr Vojkowitzer uns um die letzte Ruhestätte auf unserem Friedhof bringen wollt, da er doch ebensogut uns wie euch gehört. Unsere Väter zahlten gerade so gut in die Chewra wie die eurigen, liegen ebenso dort auf dem Friedhof begraben wie die eurigen — warum wollt ihr uns also den Platz streitig machen? Mir ruhen dort meine zwei Knaben," — Mendl brach plötzlich die Stimme •— „neben ihrem Grab habe ich für mich und meine Frau schon den Platz gekauft, und jetzt sollen meine Knaben für ewige Zeiten dort allein liegen? Das könntest du verantworten? Fürchtest du dich nicht vor Gottes Strafgericht? Gib Antwort, Lichtenstern!" Statt aller Antwort stieß Lichtenstern zornig den Hund, der zu seinen Füßen lag, mit dem Fuße, der Hund sprang auf und Lichtenstern zeigte gebieterisch mit der Hand auf die hochaufgerichtete Gestalt Mendls. „Putz weg, Nero!" % Nero stellte sich auf die Hinterbeine und fletschte zornig die weißen Zähne — ein Sprung, plötzlich blitzte etwas in der Luft auf, ein Krachen und ein niedersausender Hieb folgten, Nero winselte schmerzlich auf und sank um. Ein paarmal noch zuckte er konvulsivisch mit de» Beinen in der Luft, dann war's um ihn geschehen. Im ersten Augenblick wußte eigentlich niemand so recht, was geschehen war. Niemand hatte im ersten .Schrecken und in der Aufregung bemerkt, daß bei dem Befehl Lichtensterns: „Nero, putz weg!" der auf diesen Darlehen ohne Zinsen auf Hypotheken aller Att Realitäten, für Einfamillen-, SIedlungs- und Wohnhausbauten, Um- und Zubauten, Hausrenovierungen sowie zum Ankauf von Grundbesitz, Häusern und Landwirtscnaften. VoTlatänalge Durchführung zur Erlangung.des Bundeszuschussea ittr Wohnbaulörderung, mit Oewährung der ersten Satzhypothek. Darlehenszuteilung sogleich! Durch Bau-2wecksparu. Garantle- Geseilsohaft, reolstrlerte Genossenschaft m. fr. H. Wien I, Schottanring 35 Persönliche Auskünfte kostenlos; schriftliche Auskünfte nur mit . Retourmarke /-Statuten gegen S 1.50 in Brietmarken ammmmmmmmmmm^mmmmmmmmmmmmtmtmmmm^mmmmmmmmmmmmtm erhaltung, dagegen Neigung und Fähigkeit zur Bildung von Glaubensgemeinschaften und mehr oder minder geheimer halb religiöser, halb politischer Gemeinschaften, ein Schwanken zwischen zügelloser Sinnlichkeit und Abtötung des Fleisches, Verquickung der Religion.mit Sexualität, Neigung zum Sichhineinsteigern, zu rasenden Klagen und Freudenausbrüchen, Expressionismus in der Kunst, Wille zur seelischen Macht über Gemeinschaften durch agitatorische Aufpeitschung, starke Einbildungskraft usw. Nordische Rasse: Urteilsf ähigkeit, Wehrhaftigkeit, Mut, Gerechtigkeitssinn, Neigung zu unbestechlicher Sachlichkeit, Unzugänglichkeit gegenüber dem Geist des Massentums, unerschütterliche offenherzige Treue, staatsmännische Begabung, zurückhaltende Geschlechtlichkeit, Leidenschaft des schöpferischen Wirkens, heldischen Wagemut usw." * Die Vorlesungen dieses Herrn können recht erbaulich werden. Uebrigens wird er bald einen lieben Kollegen bekommen. Die Regierung trägt sich mit dem Plane, dem bekannten antisemitischen Literaturgeschichte-Verfälscher Bartels einen Lehrauftrag zu Auch in Amerika gibt es Sommerfrischen, in denen „Juden nicht erwünscht sind". New York, 20. Juni. (J. T. A.) In gewissen amerikanischen Seebädern, die jährlich von Tausenden von Juden aufgesucht werden, wie z. B. auch in dem Mineralbad Mt. Clemens, macht sich ein judenfeindliches Bestreben bemerkbar. Der Wirtschaftsausschuß von Mt. Clemens empfahl die Entfernung aller Schilder, die in hebräischer Sprache die Aufschrift „K o s c h e r" tragen, da — so wird in dem Schreiben behauptet — 98 Prozent der Bevölkerung und der Besucher Nichtjuden sind. Diese Angaben werden übrigens von jüdischer Seite bestritten. Der Wirtschaftsausschuß wendet sich in seinem Schreiben an seine Mitglieder auch dagegen, daß mehrere Hotels Schilder tragen mit den Aufschriften „Streng christlich" oder „Nur für Christen'. In dem Schreiben wird erklärt, es müsse das Wohl des Ganzen in Betracht gezogen werden. Das Wort „Koscher" könne auch englisch gedruckt werden. Die Leningrader Chorsynagoge wird wieder Andachtssräfie. Moskau, 24. Juni. (J. T. A.) Der Stadtsowjet von Leningrad hat soeben der Verwaltung der Chorsynagoge mitgeteilt, daß die Synagoge den Juden Leningrads als Andachtsstätte zurückgegeben wird. Die Leningrader Chorsynagoge wurde vor einigen Monaten vom Stadtsowjet beschlagnahmt und sollte in einen A r b e i t e r k 1u b umgewandelt werden. Das ist aber bis heute nicht geschehen. Im'Zusammenhäng mit dem ueuen Beschluß der Zentralstelle der Sowjets, Angriff vorbereitete Mendl mit beiden Händen einen starken, mit einem bleiernen Knopf versehenen Stock ergriffen hatte und mit einem Schlage dem Hund den Kopf zerschmetterte. Was weiter folgte, war das Werk eines Augenblickes. Gewirr von verschiedenen Aufschreien und Stimmen gellte durch die Schankstube und verschmolz zu einem einzigen Chaos. Nur Mendls Stimme drang klar durch das Getümmel: „Ich erschlage dich, so wie ich deinen Hund erschlagen habe!" und wutentbrannt schwang er den erhobenen Stock gegen Lichtensterns Kopf. Lichtenstern, welcher, wie alle Despoten, im Augenblicke der Gefahr feig war, wich entsetzt vor der drohenden Waffe, die soeben seinem Nero den Garaus gemacht hatte, zur Tür. Als die Auswärtigen den toten Hund und seinen bleichen, zur Tür zurückweichenden Herrn sahen, da war es ihnen, als ob ein jahrelang währender Zauber von ihnen gewichen wäre, und sie warfen sich wie besessen auf die überraschten Vojkowitzer. Die ganze Wut, die sich Jahre hindurch gegen die Vojkowitzer angesammelt hatte, brach jetzt plötzlich los. Biergläser flogen herum, Stöcke pfiffen durch die Luft und das Schenkzimmer erdröhnte im Kampfgetümmel. Wie eine Herde stürzten die entsetzten Vojkowitzer vor den wütend gewordenen und wie von Sinnen sich gebärdenden auswärtigen Gemeindemitgliedern hinter ihrem Führer drein. Dos Feld behaupteten die Auswärtigen. Von dem Feinde war nichts anderes zurückgeblieben als der tote Hund und vom stattgehabten Kampfe zeugten nur die umgeworfenen Tische und die zerbrochenen Biergläser. (Fortsetzung folgt.)