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Die neue Welt · 1930-06-27 · Heft 145 (27.6.1930) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 145 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seife 1 DIE NEUE WELT fr. M5 EXCELS IOR Inhaber RICHARD HtftZOd f., Adlepgaate 5 Tel. R*23-4*90 Columbia- Modell 100 DAS BESTE su dem bHIfgtten Preis« S138.- Größe 32 X 21«/a cm Höhe 14 om Neue verbesserte Columbia-Dose 15 b abgeordnete Dr. Ludwig Singer gewählt. Zum Präsidenten-Stollvertreter wurde das tschechoslowakische Mitglied im Council der Jewish Agcncy, Dr. Joseph Popper, der Vorsitzende der Großloge Bnei Brith für die C. S. R., zum zweiten Vizevorsitzenden Dr. Emil Kafka gewühlt. Für die Tsehecho juden, die den bisherigen Präsidenten Dr. August Stein kandidiert hatten, gab Dr. Maximilian Reiner die Erklärung ab, die Partei könne sich an den Wahlen nicht beteiligen, da die Leitung der Jüdischen Gemeinde Prag mit Rücksicht auf den tschechischen Charakter der Stadt Prag und im Interesse des tschechoslowakischen Judentums einem bewußten Tschechen anvertraut -werden müsse. Die »Selbstwehr" schreibt: „Zum erstenmal übernimmt ein Zionist, ein verdienter und führender Zionist, die Führung der ehrwürdigen Gemeinde Prag. Seine Wahl bedeutet keineswegs eine Eroberung der Kultusgemeinde durch die Zionisten. Wir müssen uns dessen bewußt sein, daß nur eine zionistische Majorität in der Repräsentanz einen solchen Sieg bedeuten würde nicht aber die Wahl eines Zionisten zum Präsidenten, die auf Grund des Vertrauens der anderen Parteien erfolgte. Die Wahl Dr. Singers ist aber der Sieg einer in erster Reihe jüdisch eingestellten Majorität. Die Repräsentanten jener. Parteien, welche ihn gewählt haben, verfolgen keine andere Politik als die, das materielle, soziale und kulturelle Wohl des Prager Judentums zu. fördern, aber es sind durchwegs Parteien, deren politischer Blick über das 'Prager Judentum Mnausreicht und welche in ihrer politischen'Einstellung nie das W e 11 j u d e n t u m vergessen." Die Internationale Arbeitskonferenz und die jüdischen Interessen. . Genf, 2t. Juni. (J. TV A.> Die seit dem 10. d. M. hier tagende Internationale Arbeiterkonferenz beschäftigt sich in erster Reihe mit dem vom Arbeitsamt vorgelegten Entwurf eines Internationalen Üebereinkommens betreffend die 48-S tunde n-. W o ch'e im, Handelsgewerbe und in den Büros. An der Annahme des Entwurfes im ganzen ist nicht zu zweifeln. Seitens der . Weltorganisation „A g u d a s Jisroel" und der ihr angeschlossenen Arbeitnehmerverbände lag bereits seit längerer Zeit dem Arbeitsamt eiu Memorandum vor, das die s c h u t z b e d ii r f t i g e n Interessen der sabbattreucn Angestellten und Arbeiter ausführlich erörtert und in einer Reihe konkreter Anträge gipfelt. Zur Vertretung dieser Interessen nehmen die Herren Konsn.1 Sally Guggenheim-Basel und Jacob Rosenhcim- Frankfurt a. M. an der Konferenz teil. Es ist nach dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen zu hoffen, daß die Konvention die Verteilung der 48-Stnnden- Mnximalnrbeit auf fünf Wochentage zulassen wird, so daß Betriebe, die am Samstag geschlossen haben, an 4 Tagen je 10 Stunden und an einem Tage noch 8 Stunden arbeiten können. Eine Resolution, die sich im Prinzipe für eine Berücksichtigung der jüdisch-religiösen Interessen bei der Sonntagsruhe-Gesetzgebung ausspricht, begegnet starker Sympathie bei mehreren einflußreichen Delegationen, wird aber wohl erst, bei einer Sonderkonvention betreffend Sonntagsruhe praktisch, werden können. Die Konferenz dtitf tö>b'fc vEnde vjuni > dauern. 1;•> ■■■■ •' ' .. •"' Orthodoxe Treibereien gegen einen zionistischen Minister. Riga, 23. Juni. Im lettJändjscUeii Sejm wmjde, während der letzten Sitzung bekannt, daß der Ministerpräsident dem Sejmpräsidium mitgeteilt hat, er habe dem Deputierten Rabbiner M. Ntirok ein Mi'iiisterium ohne Portefeuille angeboten. Gleich darauf begannen einige rechtsgerichtete. Deputierte Unterschriften gegen die Berufung Nuroks zu sammeln, woran sich auch der agu dis tische Deputierte Rabbiner Du bi n beteiligte. Daraufhin bat Rabbi Nurok den Premierminister, seine Mitteilung an das Sejmpräsidium zurückzuziehen. Gegenüber dem J. T. A.-Vertreter erklärte Rabbi Nurok folgendes: Seit Bestehen der jetzigen lettländischen Regierung führte der Premierminister mit meiner Fraktion (der nationalen M i n derheiten) Verhandlungen wegen ihres Eintrittes in die Regierungskoalition. Ende 1929 haben die Verhandlungen eine reale Form angenommen. Ich teilte dem Premierminister mit, daß meine Gruppe nur dann in die Regierungskoalition einzutreten gedenke, wenn man ihr eine- Vertretung in der Regierung überläßt. Als die Verhandlungen bereits im positiven Sinne abgeschlossen waren, hat der Ministerpräsident mir plötzlich erklärt, daß der Agudak-Deputierte Rabbiner Dubin sich entschieden gegen den Eintritt eines in i s r a c h i s t i s c h e n Zionisten in die Regierung erklärt und für . den Fall meiner Berufung seinen Austritt aus der Koalition* angekündigt hat. Trotzdem wurden-die Verhandlungen '.fortgeführt und es wurde eine Uebereinstiromutfg nach der ■ Richtung erzielt,, daß ich ein Ministerium ohne Portefeuille übernehmen sollte. Als dies bekannt geworden war, leitete der Deputierte Dubin eine- Propaganda unter den extremen rechten Deputierten gegen meine Berufung ein. Es ist nicht meine Aufgabe, diese Handlungsweise des Agudah-Deputierten zu kennzeichnen, ich kann nur das eine sagen, daß die Berufung eines Juden als der Vertreter der nationalen M i n d e r h e i t e n in das Kabinett eine große Errungenschaft für das Judentum auch nach außen hin bedeutet hätte. In gewissen ernsten Fragen hätte sich dies als eine gesunde Demonstration und ein günstiger Präze- VerbancJ demokraSäscHe? Zionisten —■—MmilM—«im «i——mmm Mittwoch am 2. Juli um halb 9 Uhr abends im KersloSaata dies Wer&andshcijtiGs, W;<an II Unlere Augartensl/aße 38 VERSA Gegenstand: Nach dem Parteitage Referenten: Robert Stricker, Leon Wechsler denzfnll ausgewirkt. Daraus ist nun nichts geworden; es ist eben durch „fromme jüdische Hände" verhindert worden. Der lettländische Ministerpräsident hat sich dahin ausgesprochen, daß die Frage der Berufung eines Juden als Minister in das Kubinett im Herbst dieses Jahres wieder auf die Tagesordnung gestellt werden wird. Verurteilte Rabbiner. — Sie bespucken einen Sarg. Prag, 24. Juni. (J. T. A.) Das Bezirksgericht dn Munkacevo verurteilte den in der Chassidimwelt bekannten Rabbi Lazarus Spiro und die Vize- Rabbiner und Mitglieder des Beth Din David S c h i e s e 1, Saher Wolf und Mano Weiß zu je sechs Tagen Gefängnis und tsch. K 600 Geldstrafe mit Bewährungsfrist wegen Beschimpfung von Toten. Bekanntlich bestanden jahrelang schwere Konflikte zwischen Rabbi Spiro und dem Rabbi von B e 1 z in Galizien. Laut der Anklage haben Rabbi Spiro und die drei Vize-Rabbiner an einem Tage des Vorjahres, als ihnen auf der Straße ein Leichenzug begegnet war — es war die Bestattung eines Beizer Chassid namens Klein — einige Male vor dem Sarge ausgespuckt und den Toten verflucht. Am nächsten Tage erließ die Kultusgemeinde von Munkacevo ein von Rabbi Spiro gezeichnetes Manifest, worin erklärt wurde, daß der verstorbene Klein nicht als rechtgläubiger Jude, sondern an einem entlegenen Orte des Friedhofes begraben werden soll. Alle Verurteilten, die die Klagegründe bestreiten, haben Berufung eingelegt. Der Mörder aus gutem jüdischem Hause. Berlin, 24. Juni. (J. T. A.) Das Schwurgericht Prenzlau hat am 23. Juni abends das Urteil gegen den Zahnarzt Dr. Gutmann aus Schwedt a. d. Oder, der angeklagt' war, seine Frau Rosi Gutmann erwürgt und darauf: versuelit zil . häberf, einen Selbstmord der Frau vorzutäuschen, um einen hohen Geldbetrag, auf den er ihr Leben versichert hatte, einkassieren zu können, gesprochen. Das Urteil lautet: Der Angeklagte ist des Bad Gleichenberg— •TCO Streng orthodox iwd PENSION villa FRANZENSBURG neu renoviert, ab 10. Juni erölfnet! Erstkl. Vollpension S 7.50—S 9 pro Tag MMnBaHBJMHB KOMET-FRUCHTER auch sie sagten, bei der Chewre-Sude müsse alles zur Austragung! kommen. Wie, das.' wüßte-auch: von ihnen* keiner. Nur,, daß die Auswärtigen seit jeher eine führerlose Herde waren — und darum standen sie auch seit Menschengedenken in der Botmäßigkeit der Vojkowitzer — während diese seit Aberzeiten und auch heute in ihrem Vorsteher ein Haupt besaßen, welches für alle dachte und handelte. Der Vorsteher Lichtenstern war in der Chewre ein unbeschränkter Herrscher. In der Familie Lichtenstern erbte sich das Amt des Chewre.Gabe vom Vater auf den Sohn. Gabe war der Großvater und Vater, und als der Vater vor zwölf Jahren gestorben war, verstand es sich von selbst, daß das Amt dem Sohne zufallen werde. Lichtenstern stellte auch keine Rundfrage an und ergriff in der Chewre die Zügel der Regierung. Er regierte wie der richtige Selbstherrscher. Es wurde zwar an einem bestimmten Tage des Monats Jänner jährlich die Chewre-Sude abgehalten, zu welcher jedermann freien Zutritt hatte, aber Lichtenstern war der richtige Mann dazu, jede Opposition der „Draußigen" im Keime zu ersticken. Lichtenstern schritt niemals zur Chewre-Sude anders als in Begleitung eines großen, schwarzen und bissigen Flejschhackerhundes — Lichtenstern war nämlich von Beruf Fleischhacker, wie es schon sein Vater und Großvater gewesen waren — und angesichts dieses Hundes, hörte sich jede Opposition auf. Als einmal — Gott mag wissen, vor wie viel Jahren — das Gemeindemitglied Hahn aus Spomyschel dem Lichtenstern irgend eine rituelle Verfehlung anläßlich seines Begräbnisses vorwarf und ihn dabei mit einem Bierseidel bedrohte, stürzte siel* Nero auf den bloßen Wink seines Herrn auf den kühnen Redner und riß ihm beide Rockschöße von seinem. Hochzeitsrock weg und dein daneben sitzenden Chromastetzer Noel zerriß er die Hosen und biß ihn in die, Wade, obwohl der türme alte Noel sich nicht einmal gerührt hatte. Seit timm Breifni* war für einen ruhigen und würdigen Verlauf der Chewre Süden gründlich gesorgt. Rech- "liiuig legte. Liditenstern -bei jeder. Chewre-Sude '■■ mit einer gewissen Selbstgefälligkeit. Er pflanzte sich beim Tische inmitten des Schankzimmers auf — seit unvordenklichen Zeiten wurde die Chewre-Sude im alten Gasthause „Bei Karousek" abgehalten — zog aus der Tasche ein Stückchen Kreide und schrieb aus dem Gedächtnisse, was er von jedem empfangen und jedem gegeben hatte, alles laut verkündend, auf dem Tisch nieder „Wer hat etwas einzuwenden?" pflegte er dann zu fragen und sein Blick streifte dabei bedeutungsvoll den Hund. Natürlich waren alle durchaus zufrieden. Als gegen die Rechnungslegung niemand etwas einzuwenden hatte, spuckte Lichtenstern auf die Ziffernr reihe, löschte sie mit der Hand aus und der -Ordnung war damit Genüge getan. Dann wurde der Friedhof korporativ besucht und auf dem Rückwege kehrte man wieder im Gasthause ein. Dort wartete schon der Vojkowitzer Selcher Pick mit heißen Würsteln und das leckere Mahl begann. Man aß und trank und spielte dann bis zum Abend Karten, bei welcher Gelegenheit regelmäßig die Vojkowitzer mit den Auswärtigen in argen Streit gerieten. Dies war der , obligate Verlauf der Vojkowitzer Chewre-Sude. Und so erschien der denkwürdige Tag der fieberhaft erwarteten Chewre-Sude, an welchem die Entscheidung durüber fallen sollte, wer den Vojkowitzer Friedhof in seine Hände bekommen solle, ob die Vojkowitzer oder die Auswärtigen; wie das Ganze ausfallen werde, wußte uiemuud, So kam der Tag heran. Mitte Jänner war es und, eine grimmige Kälte herrschte. Der Schnee lag überall knietief, überall gab es Schneeweheu uiid ein gewaltiges Schneetreiben machte das Gehen, auf den Schneeflächen fast unmöglich. Und doch kamen vom frühen Morgen an die Auswärtigen einzeln und truppweise gegen Vojkowitz aus den entlegensten Dörfern herangestiegen. Alle hatten hohe Stiefel, Burnusse, Kopf und Ohren staken in festgeschlungenen Tüchern. Eine Stunde vor Mittag fest geschlungenen Tüchern. Eine Stunde vor Mittag Platz gehabt. Von den Vojkowitzern kamen alle achtzehn Mitglieder und von den Fremden fehlte auch nicht ein einziger. Von diesen gab es, ehrlich gerechnet, dreimal so viel als von den Vojkowitzern. Eine solche Chewre-Sude hatte es noch niemals gegeben. Kleinere Scharmützel und Wortplänkeleien fanden schon auf der Vojkowitzer Straße statt. Wo immer sich die Auswärtigen in kleinen Haufen zeigten, wurden Zurufe der Vojkowitzer laut, welche von den vor Frost halberstarrten und vermummten Gestalten mit höhnischem Gelächter beantwortet wurden. Dagegen herrschte aber in der dunstigen, überfüllten Schankstube Grabesstille. Die Vojkowitzer hatten die zwei Tische bei der Tür, die sonst für die Ortshonoratioren bestimmt waren, besetzt, die Auswärtigen füllten den übrigen Raum des Schankzimmers. Inmitten der Schankstube, zwischen beiden feindlichen Lagern, saß an einem kleineren Tische, am Ehrenplatz, der allmächtige Vorsteher Lichtenstern und ihm zu Füßen der berüchtigte Hund. Die Vojkowitzer und die Auswärtigen maßen sich mit finsteren und feindseligen Blicken. Noch war kein Wort gefallen, doch spiegelte. sich auf allen Gesichtern gespannteste Erwartung. Jetzt stand Lichtenstern auf und aller Augen hingen gespannt an seinem Munde. Er stand mit dem Gesicht zu den Auswärtigen gewendet, die Vojkowitzer sich im Rücken belassend. Jene, welche etwas Außergewöhnliches erwartet hatten, sahen sich enttäuscht. Es geschieht übrigens öfters, daß große Begebenheiten so alltäglich und gewöhnlich beginnen. „Damit ihr nicht etwa sagt, daß ich jemand bestohlen habe" — mit dieser Ansprache hatte schon

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