Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 145 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14> Seite 5 \ für die zionistische Bewegung, respektive z i o n i s t i* sehe Politik? Vor allem die Schlußfolgerung, daß England Palästina nicht verlassen kann und wird. Die zionistische Bewegung wird mit England zu* sammenarbeiten müssen. Es hat daher gar keinen Zweck, eine allgemein antienglische Stellung zu be* ziehen. Die zionistische Leitung muß aber immer mit Nachdruck betonen, daß Palästina keine britische Kolonie ist, und daß es nicht angeht, britische Weltinteressen in Palästina auf Kosten der Juden auszuspielen. Die zionistische Bc* wegung muß trachten, den Aufbau des Landes und den Zionismus zu einer internationalen An* gelcgenhcit zu machen, zu einer Angelegenheit des Völkerbundes. Die Mandatskommission des Völkerbundes muß aufhören, lediglich eine registrierende Körperschaft zu sein. Sie muß entscheidend einwirken. Der Zionismus darf nicht weiter ausschließlich ein britisch*jüdisches Problem bleiben. Der Zionismus muß wieder ein Weltproblcm werden, wie H e r z 1 es wollte. In dieser Hinsicht wurde viel gesündigt und viel versäumt. Hierin muß die zionisti« sehe Politik von nun ab Wandel schaffen. Nach den Hinrichtungen* Jerusalem, 18. Juni. Die im Gefängnis zu Akko hingerichteten Araber waren der Hebroner Lastträger Atta Zeer, der wegen Ermordung von Rabbi Kastel und seiner Familie iu Hebron zum Tode verurteilt wurde; ferner der Hebroner Chauffeur Mohammed Jam Joun, der die Familie Abuschdid in Hebron abschlachtete, und der Beamte des Gesundheitsdepartements der Regierung in Safed, Fuad Hedjazi, der des Mordes an dem Lehrer der Safeder Misrachi-Schule Afriat und dessen Familie überführt wurde. Die Arabische Exekutive machte die größten Anstrengungen, um noch in letzter Minute die Begnadigung der Mörder zu erreichen. Die Hauptaiistrengungeu galten der Rettung von Fuad Hedjazi, der einer prominenten arabischen Familie in Safed augehört und dessen Tat als eine der grauenvollsten während der ganzen Unruhen gilt. Afriat war nämlich auch der Lehrer Hedjazis und unterrichtete ihn im Französischen. Die von Hedjazi grausam zugerichtete Tochter von Afriat hat, als sie im Spital vernommen werden konnte, Hedjazi, der in dem gleichen Spital beschäftigt war und das rote Kreuz der Krankenträger trug, als den Mörder bezeichnet. Am Tage der Hinrichtung herrschte gemäß einem Appell der Arabischen Exekutive A r b e i t s r u h e. In der Jerusalemer Altstadt waren die meisten Läden, auch die den arabischen Läden benachbarten jüdischen Läden, geschlossen. Auf einigen Häusern waren schwarze Fahnen gehißt. Die Polizeiposten waren verstärkt, arabischen Passanten wurden Stöcke und Knüppel weggenommen. Außer der Schuljungeudemonstration um Damaskustor waren in Jerusalem keine weiteren Demonstrationsversuche zu verzeichnen. Bei dem in Haifa vorgekommenen Zusammenstoß zwischen arabischen Demonstranten und Polizei wurde der aus Tel-Awiw nach Haifa beordert gewesene Polizeiinspektor F. M. Scott durch einen Messerstich in den Kopf leicht verletzt. „Meraat el Shark" erfährt, die Regierung habe die Auslieferung der Leichen der Hingerichteten an deren Familien verweigert, da sie befürchtet, daß es bei der öffentlich geplanten Beerdigung zu Demonstrationen Die Judengemeuide von Vojkowitz* . Von Vojta Rakous. Aus dem Tschechischen übersetzt von Emil Saudek. Es ist schon hübsch lange her und jene, die diese vergessene Geschichte miterlebten, sind wohl schon alle gestorben. Damals, eine Woche vor Chewre-Sude, tauchten in der Umgebung von Vojkowitz sich hartnäckig behauptende alarmierende Nachrichten auf — Gott weiß, woher sie ihren Ursprung nahmen — daß die Vojkowitzer Chewre — und damit war eigentlich ihr Vorsteher, der Vojkowitzer Lichtenstern gemeint — gegen die zur Vojkowitzer Gemeinde gehörigen Auswärtigen neue Ränke schmiede, und zwar hieß es, daß die Vojkowitzer fürder nicht gestatten werden, daß diese ihre Pfahlbürger auf dem Vojkowitzer Friedhofe bestattet werden. Die letzte Ruhestätte sollte dort in Hinkunft nur den eigentlichen Vojkowitzern zuteil werden. Nichts auf der Welt ist bekanntlich dem Juden so teuer wie das Stückchen Erde, in welchem der Vorfahren Staub ruht. Wer könnte sagen, wieviele Jahrhunderte schon der Vojkowitzer Friedhof als letzte Ruhestätte diente! Dort schliefen Juden, die stundenweit in der Umgegend gewohnt hatten, ihren ewigen Schlaf und jetzt ... Es sei dort angeblich schon wenig Raum und es könnte leicht geschehen, daß die Toten der Gemeindegenossen von auswärts schlau das letzte Stück Friedhof für sich besetzen und die Vojkowitzer, die doch auf den Friedhof das meiste Anrecht haben, den Mund abwischen könnten. Und der Vojkowitzer Lichtenstern soll öffentlich geäußert haben — so erzählte die Krenetzer Anicka überall herum — dieselbe, die mit Schnittware hausierte — daß die Auswärtigen imstaude wären, .vor den .Vojkowitzern blitzschnell darauf los zu sterben, und ernsten Unruhen kommen könnte. Jüdische Familien in Haifa, die in der Nachbarschaft der arabischen Viertel wohnen, zogen sich aus Furcht vor Unruhen in die jüdischen Stadtteile zurück. Die Haifaer arabische Zeitung „E1 Carmcl" fordert die Arabische Exekutive auf, eine 40tägige Trauer um die Hingerichteten zu proklamieren und anzuordnen, daß alle Araber schwarze Bänder an ihren Kleidern tragen, ferner den Jahrestag der Hinrichtung für die Zukunft als nationalen Trauertag zu proklamieren. Die Zeitung „Meraat el Shark", die mit Trauerrand erschien, erklärte, die Hinrichtungen seien ein Ergebnis der Balfour-Deklaration. Die Zeitung nennt die Hingerichteten Märtyrer der arabischen Sache und schließt, der Galgen sei der erste Baum der arabischen Unabhängigkeit. Photographien der Hingerichteten werden in ganz Palästina in den Straßen verkauft. Jn Amman, der Hauptstadt Transjordaniens, haben die Nationalisten einen Proteststreik durchgeführt, der aber nur zum Teil durchgeführt wurde. * Jerusalem, 20. Juni. Die arabische Zeitung „A1 Jarniuk" teilt mit, der hingerichtete Hebron-Araber habe gestunden, drei ..fremde Juden" in Hebron getötet zu haben. Der hingerichtete Hebroner Chauffeur Jam Joun habe gestanden, daß er fünf Juden getötet hat. Die Zeitung „El Hayat" teilt mit, die Verurteilten seien zum Galgen festlich gekleidet, die Fingernägel mit Henna bemalt, gegangen. Die Palästina-Regierung hat die Leichen der drei hingerichteten Araber den Angehörigen der Hingerichteten zur Beerdigung in Akko freigegeben, nachdem die Arabische Exekutive zuvor die Garantie übernommen hat, daß bei der Bestattung Demonstrationen nicht vorkommen werden. * Jerusalem, 18. Juni. Die Palästina-Regierung hut dem Auwalt des zum Tode verurteilten Juden U rp h a 1 i, dessen Fall vor dem Londoner Privy Council behandelt wird, mitgeteilt, daß dem Gefangeneu nunmehr die Ketten abgenommen werden und er mit einem anderen jüdischen Gefangenen eine Zelle teilen wird. New York, 18. Juni. (J. T. A.) Der Jerusalemer Korrespondent der „New York Times" telegraphierte seinem Blatte, ein arabischer Polizist habe vor Gericht geschworen, er habe, nachdem die Polizei auf den arabischen Mob iu Haifa gefeuert hat, gesehen, wie sich die Mutter des Arabers, Heu Urphali angeblich getötet haben soll, über den Leichnam ihres Sohnes weinend beugte; demnach habe nicht Urphali den Araber getötet, sondern dieser sei von einer Kugel der feuernden Polizei getroffen worden. Der letzte Dreyfus^Tfänm ~des Generals von Sch wo rtzkoppen. Berlin, 24. Juni. Im Verlag für Kulturpolitik, Berlin, erschienen soeben die nachgelassenen Aufzeichnungen über die Affaire Dreyfus des einstigen deutschen Militär-Attachees in Paris, Ohe r s 11 c u tn a n t v. S c h w a r t z k o p p e n, der während des Krieges, Ende 1916, als. General der Infanterie an den Folgen einer Erkrankung, die er sich im Felde zugezogen hat, gestorben ist. Seine Witwe hat den Obersten Schwertfeger beauftragt, die Aufzeichnungen, die Sohwartzkoppen während seiner Pariser Juhre gemacht hat, sowie eine Reihe weiterer Dokumente zu veröffentlichen. Das Buch trägt den Titel: „Die Walirdamit sie sich ja nur noch rasch auf dem Vojkowitzer Friedhof einnisten könnten. Zwischen den Vojkowitzern und den „Draußigen" bestand seit jeher eine gewisse Gehässigkeit, die zeitweise in offene Feindschaft ausartete. Die Auswärtigen warfen den Vojkowitzern vor, daß sie sich besser dünken und daß insbesondere die Vojkowitzer Damen über die draußen wohnenden Glaubensgenossen die Nase rümpfen und daß, wenn es die auswärtigen Gemeindemitglieder nicht gäbe, die Herrlichkeit von Vojkowitz bald vorbei wäre. Friedhof, Schule und Tempel erhielten ohnehin eigentlich nur die Auswärtigen, die Vojkowitzer spielten nur die großen Herren und heimsten Ehre und Ruhm ein. Die Vojkowitzer wiederum warfen den „Draußigen" vor, wie sie sich bei Lebzeiten und im Tode um sie sorgen, im Tode, damit sie eine letzte Ruhestätte haben, zu Lebzeiten, damit sie irgendwo zu beten hätten und in der Vojkowitzer Schule werden den Kindern der Landbarbaren gute Sitten und städtische Lebensart beigebracht. Kein Wunder also, daß bei so gespannten Verhältnissen die Gerüchte glaubhaft schienen, die Vojkowitzer wollen den Friedhof ganz allein für sich erobern. Und doch gehörte er nicht ausschließlich den Vojkowitzern, sondern er war Besitz der ganzen Chewre. Nur daß die Vojkowitzer, diese unbeschränkten Gewalthaber in Schule und Tempel, eine gleiche Tyraunis auch in der Chewre übten. Die Auswärtigen müßten nur zahlen und parieren. Was an den umgehenden, Gerüchten vou der Friedhoi'beseizung durdi die Vojkowitzer Wahres war, ließ sich vorläufig nicht feststellen, aber die oben erwähnte Anicku aus Krenetz, diese lebendige Gauchronik, verbreitete sie eifrig in der ganzen Umgebung und die Fama wuchs lawinengleich und verbreitete sich mit Windsbrautgeschwindigkeit von Dorf zu Dorf, von einer Judenbehausung zur anderen. Staunen und Schrecken r Schering-Kahlbaum A.G. Repr.Wien VI,Webg. 2a h e i t über D r c y f u s". In seinem Vorwort weist Oberst Bernhard Schwertfeger auf die soeben erschienene Dreyfus-Monographie des Berliner Rechtsanwaltes Dr. Bruno Weil, welche den Titel „Der Prozeß des Hauptmanns Dreyfus" trägt, sowie auf die Vortrüge Dr. Weils über den Fall Dreyfus hin. Unter den Beweisstücken Weils spielten Teile eines Briefes des Obersten v. Schwärtzkoppen an den deutschen Botschafter in Paris, dem Grafen Münster, vom 22. Dezember J898 eine bedeutende und für die Beurteilung des ehemaligen Militär-Attachees v. Sch war tzkoppen ungünstige Rolle. Schwertfeger erklärt dies daraus, daß die näheren Zusammenhänge und der vorhergehende Briefwechsel nicht mitgeteilt werden konnten. „Erinnerungen an die Affaire Dreyfus", fährt Schwertfeger fort, „haben den General bis an dio Schwelle des Todes begleitet. Als er nach seiner Rückkehr vom östlichen Kriegsschauplatze im Dezember 1916 schwer erkrankt im Elisabeth-Krankenhause in Berlin lag, richtete er sich, wie seine bei ihm weilende Gattin aus eigenem Erleben bekundet, an einem der letzten Dezembertage 1916, aus langer Bewußtlosigkeit erwachend, im Bette auf und rief mit lauter Stimme: „Franzosen! Hört auf mich, Alfred Dreyfus ist unschuldig! Er hat niemals etwas begangen! Alles waren nur Intrigen und Fälschungen! Dreyfus ist unschuldig!" Im Anschluß an diese Worte, die seine Gattin nachher sofort zu Papier brachte, hielt er sodann noch eine längere französische Verteidigungsrede, etwa in der Art, als ob er sich vor Gericht äußern wollte. „Schwartzkoppen war der Hauptzeuge des Dreyfus-Prozesses. Jetzt meldet er sich zum Wort." Ein Zionist — Präsident der Prager Judengemeinde. Prag, 24. Juni. (J. T. A.) Zum Präsidenten der Jüdischen Gemeinde wurde in der letzten Sitzung der Repräsentanz mit den Stimmen aller Parteien mit Ausnahme der Tschechojuden der jüdische Parlamentspflanzten überall ihr Panier auf; kein Wunder, denn jede Judenfamilie hatte auf dem Friedhofe in Vojkowitz irgend ein teures Grab. Eltern, Kinder . « « Und jeder, lebte und starb in dem tröstenden Gedanken, daß der Vojkowitzer Friedhof, der so manchen Lieben entführt hatte, sie nach dem Tode wieder alle vereinigen werde. Betrat einer den Vojkowitzer Friedhof, so fühlte er, sich dort wie zu Hause; es war ja noch der Boden* wo die Gebeine des Vaters, der Mutter, des Kindes moderten . . . Und die Vojkowitzer und ihr famoser Lichtenstern sollten die Stirne haben, ihnen das Heimatrecht auf diesem Friedhof streitig zu machen — auf dieses winzige Stückchen geheiligter Erde? Unter den Auswärtigen wuchs der Aufruhr wie eine Feuersbrunst. In dieser düsteren Sorge suchte einer beim anderen Rat, aber wie man den Plänen der Vojkowitzer wehren sollte, wußte keiner. Nur soviel gelobten sie sidi, daß in der Chewre-Sude etwas geschehen müsse —- was, wüßte freilich keiner, aber es müsse etwas Großes sein, etwas nie Dagewesenes, eine Maßregel, welche den Vojkowitzer Ränken für immer das Handwerk legen würde. Natürlich blieben die Pläne der Auswärtigen und ihre Zurüstuugen für die Chewre Sude den Vojkowitzern nicht verborgen. In Vojkowitz wurde wieder erzählt, die „Draußigen" träfen Anstalten, korporativ, zur Chewre-Sude zu kommen, und dort wollten sie -— wie, das wußte man nicht — die Chewre den Händen der Vajkowitzer entreißen und sodann auch nicht einem einzigen Vojkowitzer Glaubensgenossen die letzte Ruhestätte auf dem Friedhöfe bewilligen. Ebenso wie den Auswärtigen schliefen auch den Vojkowitzern auf dem gemeinsamen Friedhofe Väter, Mütter, Kinder und ihnen war der Friedhof nicht weuiger teuer. Und so bekamen auch die Vojkowitzer rote Köpfe und ballten wutentbrannt die Fäuste, Und die .Vojkowitzer rüsteten ergrimmt zur Chewre-Sude,