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Die neue Welt · 1930-06-27 · Heft 145 (27.6.1930) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 145 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 145 WIEN VII., KAISERSTttASÖe 123 IX.. ALS ER STRASSE 6 FERNSPRECHER B-38-CM3 machen Hakenk reu zier n Platz.T Doch die Juden freuen sich selbstgefällig ».ihrer" großen Bankdirektoren. Geistreich sind xlieser Stolz und diese Freude allerdings nicht. Ein seltsames Tauschgeschäft. In Palästina faud ein Generalstreik statt. Er war der Ausdruck des Protestes gegen den Wortbruch der englischen Regierung, welche durch Sperre der jüdischen Einwanderung den Juden Schmach nur Unrecht zugefügt hat. Der Streik war lückenlos. Auch die in der „Agudah" organisierten jüdischen Trennungsorthodoxen nahmen teil. Gegen den bisher geübten Brauch, denn sie wollen sonst vom Zionismus nichts wissen und gingen immer mit den Feinden der jüdischen Renaiäsancebewegung. Jetzt wird berichtet, wie es zu der Wandlung kam. Gegen das Versprechen der jüdisch-palästinensischen Jugend, in Hinkunft an Samstagen nicht mehr Fußball zu spielen, erklärten sich die Trenungsorthodoxen bereit, gegen das am jüdischen Volke verübte Verbrechenzu protestieren. Nur dann, wenn an Samstagen nicht mehr Fußball gespielt wird. Man kann über das Fußballspielen am Samstag eigener Meinung sein, besonders in Palästina. Man kann auch eine Entschuldigung für diesen seltsamen Handel in der Erklärung suchen, daß der Zweck die Mittel heiligt. Aber diese Mischung von Frömmigkeit, politischer Räson und Tauschgeschäft hinterläßt einen bitteren Nächgeschmack. Sie paßt eher zum Ghetto als zum freien jüdischen Vaterlande. Das Geschäft ist um so anrüchiger, als die Jugend hineingezogen wurde. Wird durch solche Vereinbarungen die Jugend zur Wahrheitsliebe erzogen? Wird durch solchen Handel wahre Frömmigkeit in die. jungen Herzen gesenkt? Es wäre besser, die palästinensische Jugend , von so jjZwdckmäßigen" Handlungen sorgsam fernzuhalten. Daß es "einen Handel mit Seelenheil und Fußbällen gibt, ist, wie der Fall beweist, leider Tatsache. Aber man sollte dafür sorgen, daß unsere Jugend möglichst spät mit derartigen Tatsachen Bekanntschaft macht. Hoheit beliebten ein wenig zu stehlen. , Die Münchener Zeitung „Welt am Sonntag" bringt unter der Ueberschrift „Der Prinz als Straßenräuber" Enthüllungen über die Rolle, die das Koburger Her z oghaiis bei den Ausschreitungen spielte, die sich die unter dem Befehl des Kapitäns Erhardt stehenden Hitlerschen Stoßtrupps an der bayrisch-thüririgischeh Grenze im Spätherbst 1923 zuschulden kommen ließen. Diese Freischärler waren rings um Koburg kpnzentriert, wo unter der Führung des Herzogs Karl Eduard ein unbeschreiblicher Terror geübt wurde. Von hier aus erfolgte eine Reihe schwerer Ueberfälle, darunter auch die berüchtigt gewordenen Ueberfälle auf die beiden jüdischen Hofbesitzer Gutmann in Autenhausen, deren Häuser völlig ausgeplündert wurden und die samt ihren Familienangehörigen, furchtbar mißhandelt wurden und wie durch ein Wunder dem Tode entgingen. Diese Verbrechen des räuberischen Ueberfalls und schweren Landfriedensbruchs fanden ein Jahr später vor dem Schöffengericht in Bamberg eine völlig unzureichende Sühne, indem der Führer der Bande, ein gewisser Wolfgang Götze, zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Verhandlung wurde teilweise hinter verschlossenen Türen geführt, und das Gericht folgte — wie die Münchener Zeitung feststellt — nur zu bereitwillig der V§rtuschungstaktik der völkischen Anwälte. „Welt a.m Sonntag" teilt weiter mit, daß Wolfgang Götze, der vor dem Bamberger Gericht fast alle Schuld auf sich genommen hatte, das Wiederaufnahmeverfahren betreibt. Götze erklärte zu Protoköll, daß auch der Erbprinz Leopold zu Koburg an dem Raubüberfall auf die wehrlosen judischen Familien in Autenhausen beteiligt gewesen sei. Als Götze später flüchten mußte, geschah es mit Hilfe des Herzogs Karl Eduard, der ihn in einem Rundschreiben dem Verwalter «eines in Niederösterreich gelegenen Gutes Greinburg empfahl. Außerdem finanzierte der Herzog die Flucht. Als später Götze trotzdem verhaftet wurde, schickte der Herzog einen Koburger Rechtsanwalt zu Götze ins Gefängnis und ließ ihn bitten, ja Uber die Beteiligung seines Sohnes, des Erbprinzen Leopold,, an dem Raubüberfall zu schweigen. Zu wandern gibt's da nichts. Hier hat die Stimme des Blutes gesprochen. Die Ahnen des jungen Herzogs haben die Landstraße bewacht und Kaufleute ausgeplündert, dann haben sie das Kreuz genommen und auf dem Wege zum heiligen Grabe Juden gefoltert und erschlagen. Herzog Karl Eduard hat nicht auf die Juden gewartet, sondern ist zu ihnen gegangen, er hat nicht das einfache Kreuz, sondern das Hakenkreuz auf sich genommen. Das ist alles! Wozii der Lärm? England und Palästina« Von Dr. N. Samonsky. Die zionistische Bewegung macht eine schwere politische Krise durch. Wohlgemerkt, es handelt sich nicht um eine Krise des Zionismus als Idee. Die zionisti* sehe Idee hat die Kraftprobe bestanden. Sie hat den Willen des jüdischen Volkes gestaltet, ihm Richtung und neuen Inhalt gegeben. Auch in Palästina hat sie Vieles, Ueberwältigendes geschaffen. Was jetzt vor dem Zu* sammenbruche steht, ist das bis nun im Zionismus herr* sehende politische System. Ein Teil der Massen und Führer hat das Vertrauen zu England vern 1 o r e n. Daß es zu dieser Vertrauenskrise gekommen, ist lediglich dem Umstände zuzuschreiben, daß die Leitung es versäumte, das Ideal mit den p o.l i t i s c h c n Welt* interessen in Einklang zu bringen. Die Zionisten vertrauten und bauten auf die wohlwollende Hai* tung Englands und vergaßen, daß in der Politik eine solche Haltung auf die Dauer nur dann von einer Macht bewahrt wird, wenn sie ihren Lebensinteressen ent* spricht. Die zionistische Leitung huldigte der Ansicht, daß England den Aufbau eines jüdischen National* he im es in Palästina nur aus ethischen Motiven fördert. Der Präsident der Zionistischen Organisation, Weizmann, hat diesem Gedanken wiederholt, beson* ders feierlich am 14. Zionistenkongresse in Wien, Ausdruck verliehen. Diese Anschauung ist aber eine absolut unhaltbare, falsche. Ein Rückblick über die jüngste Vergangenheit genügte, das darzutun. Nach der friedlichen Eroberung Aegyptens war England eine der stärksten Mittelmeermächte geworden. Diese Position: zu erhalten und auszubauen war Englands Streben. Ferner faßte England den Plan, vorderasiatisch e Territorien in seine Ein* flußsphare einzübeziehen; einerseits um sich' einen Land* weg nach Indien zu schaffen, andererseits um Deutsch* lands Streben nach dem Osten zu durchkreuzen. Um ROBERT STRICKER: POLITIK REDEN UND AUFSÄTZE über 80 Artikel und Abhandlungen, Parlamentsünd Versammlungsreden // 330 Seiten auf holzfreiem Papier in elegantem Ganzleinenband VERLAG R. LÖWIT, WIEN Die Sammlung umfaßt eine dreißigjährige Periode jüdischer Politik und jüdischen Erlebens, von Theodor Herzl bis zum heutigen Tage Die Sammlung hat geschichtlichen Wert und wirkt doch, lebendig und frisch, weil die Aeußerungen Robert Strickers über die aktuellen, Anlässe hinausreichen und zeitgemäß geblieben sind Keine der von Robert Stricker als Politiker, Parlamentarier und Schriftsteller. aufgeworfenen Fragen hat ihre Bedeutung eingepüßt: Stellung zum Antisemitismus Der Schaden und die Schande der Assimilation — Herzls Zionismus und seine Verwässerimg — Die jüdische Politik — Der Kampf um dep Judenstaat etc. Die „Wege der jüdischen Politik" bieten Information, Anregung und Belehrung Vorzugspreis für die Leser der *Neuen Welt«: Das elegant ausgestattete Buch in Ganzleinenband kostet im Laden 11.—österr. Schilling. — Bei Bestellung durch die „Neue Welt« nur öaterr. Schilling 8. - oder t»eh. K 40.-, Mark 5.—, poln. Zloty rum. Lei 100«—» achw. Pres*. d.§0. — Zustellungs-, bezw., Versandgebühr ist in diesem Preis Inbegriffen. Bitte mittels Karte direkt zu bestellen diesen Plan Englands zu durchkreuzen, trachtete! Deutschland die Integrität der Türkei zu erhalten. Deutschland befürchtet«, daß sich im Falle eines Zusammenbruches der Türkei England der arabischen Territorien bemächtigen werde. Da kam der Welt« krieg. England verlegte den Schwerpunkt des Kampfes nach dem Osten. Von Aegypten aus kämpfte es in Vorderasien, vornehmlich in Palästina. Dabei bediente sich England zweier politischer Hilfsmittel. Es ge*» stattete den Juden eine Legion aufzustellen, die auch» im hohen Maße dazu beitrug, Palästina zu erobern. Gleichzeitig gab es den arabischen Fürsten weit*] gehende Versprechungen, um die Araber für den Kampf auf Seite der Entente zu gewinnen. Trotz dieser Maß*» nähme ging es nur langsam vorwärts. Als der Ausgang! des Krieges noch ungewiß war, hatten England, Frank«» reich, später auch Italien, bereits Geheimverträge ge*j schlössen, in denen sich die alliierten Mächte verpflichte*} ten, im Falle eines Sieges die eroberten asiatischen Ter»» ritorien untereinander aufzuteilen. (M. Schne*e.' Das} Mandatssystem.) Die Lage der Entente und insbesondere} Englands gestaltete sich von Tag zu Tag schwieriger. Zu| Beginn des Jahres 1917 war der gesamte Gold vor/ rat Englands verbraucht. Man hatte kein Geld mehr, die Kriegslieferungen zu bezahlen. (Briefe des Bot« schafters der Vereinigten Staaten von Amerika. Brief aus London vom 28. Juni 1917.) Dazu kam noch die russische Revolution. Rußland war kriegsmüde geworden. Nur schwer gelang es, Kerensky, den damali* gen Machthaber Rußlands, zu bewegen, den Krieg fort» zuführen. Kerensky stellte die Parole auf: Friede ohne Annexion und Kontribution. Obwohl diese Parole den oben erwähnten Geheim* abkommen widersprach, waren die Alliierten gezwungen, Kerenskys Bedingungen anzunehmen. Nach der Oktober* revolution verließen die russischen Truppen die Front, für Deutschland stand der Weg nach Rußland offen. Eng* lands einzige Hoffnung war Amerika. Die britische Regierung setzte alle Hebel in Bewegung, um die Ver* einigten Staaten zum Eintritt in den Weltkrieg zu be* wegen. Nach langem Zögern entschloß sich Wilson, den Krieg an die Mittelmächte zu erklären, aber auch in der festen Absicht, einen Frieden ohne An* nexionen herbeizuführen. Für England und Frank* reich schienen diese Bedingungen unannehmbar. Sie waren jedoch gezwungen, gute Miene zum bösen- .Spiel zu machen. Nach dem Zusammenbruche der Zentralmächte be* stand Wilson auf Erfüllung seiner Forderun* gen. Nun begannen England und Frankreich Wilsons Pläne zu durchkreuzen. Zur Erreichung dieses Zieles be* diente man sich des von General S m u t h geschaffenen und , von Wilson aufgegriffenen Mandatssyst e m s. Das an sich, sehr anerkennenswerte MandätssystenvxVurdc von ,den Siegermächten benützt, um die von Deutschland und der Türkei eroberten Gebiete unter, ein* ander a u f z u t e i 1 e n. Um in Palästina festen Fuß zu fassen, griff England die Idee des Zionismusauf. Durch ihn gewann England die Sympathie . der . damals starken amerikanischen und russischen Juden* heit. Hier war d ie Interes senge m e i n s c h a f t zwischen dem jüdischen Volke und Eng* land gegeben, , Als nach dem Friedensschluß Wilson' die Ent* Sendung einer gemischten Kommission nach Asienbe* antragte, weigerte sich England, dieselbe zu beschicken. Die britische, Regierung entsandte in. Ueberei.ns.tiijimung mit der französischen eine e i g e ne Kommission, um den Bericht für sich günstig, zu.gestalten.. Aber schon der Bericht dieser Kommission enthielt einige den Zio* nismus einschränkende Punkte. Er empfahl Eng* land, die zionistischen Bestrebungen in gewissen Schran* ken zu halten. Trotzdem würde die 'am 2. November 1917 er* lassene Balfour * Deklaration vollinhaltlich in den Friedensvertrag aufgenommen. Die Gesichtspunkte, also, nach denen Mandate ver* teilt wurden, waren also lediglich machtpoliti* sehe, nicht ethische.- Kaum war die Stellung Eng* lands in Palästina gesichert, begann man die zionistische Arbeit zu hemmen. Die Unruhen des Jahres 1921 be* nützte die britische Regierung, um das sogenannte C h u r c h i 1 s c h e W e i ß b u c h herauszugeben, welches •den Inhalt der B a 1 f o u r * D e k l a r a t i o n scharf um* grenzte, besser gesagt einengte. Gegen die Zusage, daß auch die Araber der Politik des Weißbuches zustimmen würden, ließ sich die zionistische Leitung dazu verleiten, dieses Dokument zu ratifizieren. Die. Z u s t i m m u n g der Araber, blieb aber aus. Während sich also die Zionisten verpflichteten, nicht über den Rahmen dieses Uebereinkommens hinauszugehen, b e* hielten die Araber freie Hand. In den folgenden Jahren gelang es den Juden, trotz der Hindernisse, welche ihnen die antijüdisch eingestellte englischsarabische Ad* ministration in den Weg legte, über 70.000 Menschen ins Land zu bringen. Nach den Unruhen im Herbst .vorigen Jahres erlitt aber die zionistische. Bewegung eine Niederlage nach der anderen. Nach dem Ausbruche der Unruhen in Indien versucht nun die britische Labour*Regierung, durch die Bevorzugung der Araber Palästinas.die Moham« medaner Indiens für sich zu gewinnen. Das alles auf Kosten des Zio nismus. Welch« Schlüsse ergeben sich aus. dieser Situation

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