Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 144 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Delegiertentag der österreichischen Zionisten. Samstag, den 14. Juni ist der Delegiertentag österrichischer Zionisten eröffnet worden, an dem nach längerer Pause wieder die radikal-zionistische Opposition, die Delegierten des Ver.bandes demokratischer Zionisten teilgenommen haben. Gegenstand der Erörterung waren die Anträge der Opposition, der demokratischen Zionisten und Zionisten-Revisionisten, welche Demokratisierung des Wahlrechtes in der Zionistischen Organisation, ferner klare Entscheidung in der Frage der Landespolitik, Abkehr von der bisherigen Politik in der Judengemeinde und Kampf für das allgemeine Wahlrecht in der Judengemeinde fordern. Die Opposition macht ihre Teilnahme an der künftigen Leitung von der Erledigung dieser Fragen abhängig. Außerdem haben, die Demokraten und Revisionisten Anträge und Resolutionen unterbreitet, welche sich auf die allgemeine zionistische Lage, auf die Vorgänge in Palästina, auf die Einberufung eines ordentlichen Zionistenkongresses und auf die Stellung zur derzeitigen Leitung der Weltorganisation beziehen. Sonntag um 11 Uhr nachts wurden die Verhandlungen vertagt. Der Delegiertentag wird in der folgenden- Wochebeendet werden. Wir werden über den Verlauf der Tagung .nach deren Abschluß berichten. Zweijalirhundertfeier der Chewra Kaddischa in Neusatz. Vor kurzem beging die Chewra Käddischa in Neusatz unter .großen Festlichkeiten das 2 0 0 j ü hr i g e B e s t a n d s j u b i 1 ä u m.' Die Feief, an der sämt- 1 liehe städtischen und Landesbehörden, sowie die Vertreter der Kirchen teilnahmen, nahm einen von sonstigen Festlichkeiten gleicher , Art abweichenden Verlauf, da der K Ö>nig Gewicht darauf legte, durch einen General beim Jubiläum dieser jüdischen Körperschaft vertreten zu werden. General Kovacevic hob in seiner Begrüßung im Namen des Königs hervor, daß durch sein' Erscheinen abermals zum Ausdruck gelangen soll, daß der König alle der Wohlfahrt und Menschenfreundlichkeit gewidmeten Bestrebungen ..mit großer Aufmerksamkeit verfolge. Es soll aber auch hiermit zum Ausdruck gelangen, daß der König in diesem Lande, in welchem volle Gleichheit herrscht, keinerlei Unterschiede macht zwischen den einzelnen Konfessionen und Nationalitäten. Auch die übrigen Redner, unter anderen der Vizebanus Nikolic m Vertretung des Ministerpräsidenten sprachen in gleichem Sinne, Aus Anlaß des Jubiläums wurde dem Präsidenten der Chewra Kaddischa Simon Rainer der St. Sava- Orden IV. Klasse verliehen. Europäische zionistische Jugendkonferenz in Budapest. — Gründung einer Arbeitsgemeinschaft. Budapest, 14. Juni. Auf Initiative der Zionistischen Jugendorganisation von Ungar n (Hitachduth ll.uioar Behm-carja) fand am 8. und 9. Juni ip Budapest eine Konferenz der parteipolitisch nicht festgelegten zionistischen Jugendverbäride Europas statt. Die Konferenz war außerordentlich beschickt worden, und zwar von zionistischen Jugeriilverbänden iu Kongreßpoleu, Galtzien, Rumänien, Oesterreich, Tschechoslowakei, Ungarn, Deutschland und Hollarid. Verbände aus Italien und Jugoslawien li.ilicu Zustismn-iupi'i'iv'ljir ungeii flir die geniei.isairie Arbeit, die auf der Konferenz beschlossen wird, Ubersnndt. Der erste Tag war dem Thema „Zionistische Erziehung" gewidmet. Dr. Werner Bloch, Berlin, hielt ein umfaugreiches Referat, in dem grundsätzliche Fragen zionistischer Erziehung behandelt wurden. An dieses »Referat sdilossen sich kurze Korreferate von M, Ehrenfeld (Holland) und J, Rundstein (Krakau). In den Referaten wie in der Debatte wurden im wesentlichen die E r z i e Ii ii n g s p r o b 1 e m e der h 11 g em : iii zionistischen Jugend herausgearbeitet. Der zweite Tag war dem Thema „Organisierung zionistischer Jugend" gewidmet. Das Referat erstattete Dr. Theodor L a n t o s (Budapest.) An der darauffolgenden Debatte beteiligten sich sämtliche Delegierten. Einmütig kam die Ueberzeugung zum Ausdruck, daß die zionistische Jugend, die parteipolitisch nicht festgelegt ist, einen ständigen Kontakt untereinander haben müsse, im Sinne einer verstärkten Arbeit für den Zionismus und Organisierung zionistischer Jugend. Die Konferenz nahm neben einer Protestresolution gegen die Suspendierung der Einwanderungszertifikate folgende Resolution an:: „Die Konferenz vom 8. und 9. Juni in Budapest beschließt die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft zionistischer Jugendverbände, die sich nach folgenden Richtlinien bildet: 1. Die Arbeitsgemeinschaft erstrebt die Erweckung und Stärkung des jüdischen nationalen Willens zur Teilnahme an der. Arbeit für die Lösung der Judenfrage durch den Aufbau eines freien jüdischen Palästinas auf Grundlage jüdischer Majorität. 2. Die Arbeitsgemeinschaft erstrebt den Zusammenschluß aller Verbände, die auf dem Standpunkt das bedingungslosen Zionismus stehen. 3. Die der Arbeitsgemeinschaft angeschlossenen Verbände sehen es als ihre Aufgabe an, an der Erneuerung der Zionistischen Weltorganisation aktiv mitzuarbeiten. 4. Die zionistische Erziehung in den der Arbeitsgemeinschaft angeschlossenen Verbänden hat >o zu sein, daß die Entscheidung für die persönliche Teilnahme für die Mitglieder am Aufbau Erez Israels gefördert wird. Tn diesem Sinne bedeutet Chaluziuth die freiwillige individuelle Entscheidung junger Juden, nach Palästina zu gehen, in einen Beruf, zu dem sie perr sönlich geeignet und fachlich gut vorbereitet sind." Die Zentralstelle der Arbeitsgemeinschaft zionistischer Jugend hat ihren Sitz in Holland (Adresse: Joodsdie Jeugdfederatie, Amsterdam, Deurloost Raat 106). König Carol und die Juden. — Eine Darlegung Dr. Mayer Ebners. Czernowitz, 15. JunT. Senator Dr. Mayer Ebner, der bekanntlich in der Nationalversammlung die Deklaration des jüdischen Parlamentsklubs für König Carol und die Dynastie verlesen hat, veröffentlicht in der von ihm herausgegebenen „Ostjüd. Zeitung" einen Leitartikel mit der Ueberschrift „Der König. Ein Ereignis, gesehen von einem Juden". Er glaut, daß die Propheten nicht recht behalten werden und fragt: „Was haben wir Juden von ihm zu erwarten? Daß die cuzistiseheri; Studenten Iftrii; zu jubeln, beweist nichts gegen ihn. Es ist die allgemeine Stimmung. In der Nationalversammlung huldigte' dem neuen König Prof. A. G. C u z a und nach ahm sprach ich als jüdischer Vertreter. Prinz Garol war viele Jahre im westlichen Ausland. Er hat sicherlich gesehen, was die Juden draußen in der Welt für ihre Vaterländer bedeuten. Er weiß auch sicherlich, daß die Behandlung der Juden ein Barometer ist für das Urteil des Auslandes. Die Juden Rumäniens haben warme, offene Herzen für ihn. Er kann diese Herzen ganz für sich erobern. Dann wird er stärker sein, als er es ahnt, und seine Stärke wird ein Segen sein für das Land. Gebe Gott ihm die Weisheit, daß er diese, Wahrheit erkenne!" Diesen Aeußerungen ist zu entnehmen, daß die Juden Rumäniens mit Bezug auf König Carol nicht ganz frei von Besorgnis sind. „Niederschlagen, erledigen, erschießen!" - Berlin, 15. Juni. (J. T. A.) Unter der Überschrift „Wanderung durch Fricks Reich, P o g r o m s t i mniung in Thüringen" bringt das „8 Uhr-Abendblatt" eine Schilderung seines nach Thüringen entsandten Sonderberichterstatter«, in der es heißt: Die Agitatoren des Ilakenkreuzes haben in Thüringen eine j Draohensaat ausgestreut, die fürchterliche Ernte zu , tragen droht. Man braucht nur Unterhaltungen zu be- ' lausehen, um immer wieder die Worte zu hören: \ „Niederschlagen, erledigen, erschießen".! Es entsteht in den Köpfen die Auffassung, daß eine! Gruppe von Mitbürgern für alles verantwortlieh zu , machen sei; so entsteht jene dumpfe Feindschaft, die notgedrungen einmal zur Explosion führen muß. Dabei gibt es für Thüringen überhaupt kein „jüdisches Problem". Die Juden machen etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung aus; in einer Stadt wie Weimar mit 50.000 Einwohnern gibt es etwa 100 Israeliten, die übrigens zum größten Teil seit Generationen ansässig sind und sich stets allgemeiner Achtung erfreut höben. Auch wirtschaftlich passen die jüdischen Bürger sich völlig dem Rahmen der Gesamtheit an. Es gibt eine ganze Menge kleinster jüdischer Geschäftsleute in Thüringen, die mühsam ihren Löbensunter'hfllt erwerben, und gerade sie werden am härtesten von der jetzigen Stimmung betroffen. Kleine Althändler, die mit dem Packen Uber der Schulter ihre Lumpen einkaufen, finden auf den Dörfern, wo sie seit Jahrzehnten bekannt sind, plötzlich verschlossene Türen. Die Bauern, -die ihnen sonst immer ihre alten Sachen abließen, wagen nicht mehr, ihnen etwas m verkaufen, weil die S.-A.-Abteiluug oder die sonstige nationalsozialistische Organisation, die im Dorfe erstanden ist, den Geschäftsverkehr mit Juden untersagt. Man muß in Thüringen auf die Dörfer gehen, um in voller Schärfe zu erkennen, wie weil die Pogromstimmung schon vorgeschritten ist. Meist sind es die Lehrer, die hier die Leitung Übernommen haben, die die erste nationalsozialistische „Zelle" gebildet haben, die sich dann wie ein böses Geschwür weiterverbreitet. Die thüringische Regierung billigt die Frickschcn Schulgebete gegen die Juden. Weimar, 16. Juni. (J. T. A.) Vom thüringischem Staatsministerium ist heute das in dem Streite um die sogenannten „Freiheitsgebete" des Kultusministers Dr. Frick an den vom Reichsinnenminister Doktor Wirth angerufenen Staatsgerichtshof für dar, Deutsche Reich gerichtete Schreiben bekanntgegeben worden. Die Ausführungen bedeuten eine Identifizierung der gesamten Landesregierung mit der Frickschen Verordnung. Es wird der Ansicht des Reichaministers Dr. Wirth widersprochen, daß die Empfehlung der Sdiulgebete 2, 3 und 4 gegen Artikel 148, Absatz 2, der Reichsverfassung verstoße, und gleichzeitig Verwahrung eingelegt gegen die Behauptung, daß die Form der Gebete aus parteipolitischen Gründen gewählt sei. Die Behauptung Fricks im Haushaltungsausschuß des Landtages über Wesen und Zweck seiner Schulgebete (nämlich, daß sie gegen die Juden gerichtet seien, Anm. d. Red.) seien „in nicht mißverständlicher Ironie" gehalten gewesen und darum nicht buchstäblich zu nehmen. Die Presse stellt fest, daß die jetzige thüringische Regierung dem nationalsozialistischen Einfluß verfallen ist. Das Schweriner Staatstheater judenrein. Berlin, 15. Juni. (J. T. A.) Die Zeitung „Montag- Morgen" veröffentlicht zwei Zuschriften der fntenclantiir in Mecklenburg-Schwerin, dessen Regierung unter dem Druck der Nationalsozialisten steht, an einen bekannten Schauspieler. Demselben wird ein Engagement angeboten. Zum Schluß des zweiten Schreibens heißt es: „Sollte Ihnen das Theater genehm sein und Sie nicht etwa Israelit sein, so bitte ich Sie, mir einliegenden Revers zu unterschreiben." Wiederaufnahme von deklassierten Juden in die Produktionsgenossenschaften. Moskau, 14. Juni. (J. T. A.) Der Verband der Heimarbeiter-Genossenschaften in der gesamten Sowjetunion, der als eine halbofizielle Institution angesehen wird, beschloß, alle „Lische.nzes" (Wahlrechtslose), die als ehemalige Händler aus den Produktions- ROBERT STRICKER: WEGE DER JÜDISCHEN POLITIK REDEN UND AUFSATZE über 80 Artikel und Abhandlungen, Parlaments- und Versammlungsreden // 330 Seiten auf holzfreiem Papier in elegantem Ganzleinenband VERLA O R. LÖWIT, WIEN Die Sammlung umfaßt eine dreißigjährige Periode jüdischer Politik und jüdischen Erlebens, von Theodor Herzl bis zum heutigen Tage Die Sammlung hat geschichtlichen Wert und wirkt doch lebendig und frisch, weil die Aeußerungen Robert Strickers über die aktuellen Anlässe hinausreichen und zeitgemäß geblieben sind Keine der von Robert Stricker als Politiker, Parlamentarier und Schriftsteller aufgeworfenen Fragen hat ihre Bedeutung eingeoüßt: Stellung zum Antisemitismus — Der Schaden und die Schande der Assimilation — Herzls Zionismus und seine Verwässerung — Die jüdische Politik — Der Kampf um den Judens^at etc. Die „Wege der jüdischen Politik" bieten Information, Anregung und Belehrung Vorzugspreis für die Leser der .^uen Welt": Das elegant ausgestattete Buch in Ganzleinenband kostet im Laden 11.-— österr. Schilling. — Bei Bestellung durch die „Neue Welt" nuftfttttrr. Schilling 8.- oder ttch. K 40;-, Mark 5,-, poln. Zloty 9.-, rum. 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