Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 144 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 144 DIE NEUE WELT 3eite 9 Prof. KOMROWER erteilt auch in den PERIIN Einzelunterricht in klass. u. moderner Philologie (Englisch). Maturavorbereitung. Mäßiges Honorar. 3—4 Uhr. IX., Mariannengasse 23/12. die antirumänische Kampagne, besonders in mächtigen Finanzländern wie Amerika, aufhört. Im übrigen erklärt Herr Nano, daß in diesem Schreiben nur seine persön« liehen Ansichten zum Ausdruck kamen. Die Antwort des American Jewish Congress. Im Auftrage des American Jewish Congress sandte Herr Richards dem rumänischen Charge d'Affaires, Herrn Nano, ein Antwortschreiben, in welchem tiefe Ueberraschung über die in Herrn Nanos Schreiben zum Ausdruck gebrachten Ansichten ausgedrückt wird. Als Antwort auf unseren ernstgemeinten Versuch, den Ernst der durch antisemitische Gewaltakte geschaffene Lage zu schildern und unsere respektvolle Ritte zu unterbreiten, daß Ihre Regierung eine Aktion durchführt, die geeignet wäre, die Befürchtungen zu beschwichtigen und die Sicherheit von jüdischem Leben und Eigentum zu sichern — schreibt Herr Richards —, lassen Sic sich in einen Diskurs über eine Kampagne gegen Rumä* nien ein, die von unserer Seite nie und nimmer beab» sichtigt wurde. Leider haben es die Amstände nur zu oft erforderlich gemacht, daß wir zugunsten der Angehörigen unseres Volkes intervenierten. Aber wir haben immer nur die Gewaltakte spezifiziert und auf die mög» liehen Mittel zur Abhilfe hingewiesen, wobei wir stets jede Aeußerung vermieden haben, die als Anklage gegen ein ganzes Volk gedeutet werden könnte. Eine solche Absicht unseren klaren Darlegungen und Forderungen zu unterlegen heißt, unsere Rolle mit der der antisemitischen Uebeltäter zu verwechseln, die mit Denunziationen arbeiten und deren brutale Akte und Aeußerungen allein die rumänische Nation in Mißs kredit bringen. Zu unserem größten Bedauern äußern Sie nicht den Wunsch, sich mit der Angelegenheit direkt zu be» fassen, die wir Ihnen vorgelegt haben; wenn wir auf Ereignisse, wie sie in Marmarosch und Targu; Fru mos vorgekommen sind, hinweisen, wo statt.der An* greifer die Opfer der Angriffe verhaftet worden sind, so erwidern Sie mit vagen Verallgemeinerungen über, eine .allgemeine Propaganda gegen R us ni a\ni e n. , . , t ... . ... Wir wundern uns darüber, daß Sie anscheinend des Glaubens sind, die Juden seien dermaßen cinge* schüchtert, daß sie zu jeder Belästigung und Demütigung schweigen. Ebenso unbegreif« lieh ist Ihre Meinung, daß die Juden bereit sein könnten, materielle Wohlfahrt durch Hinnahme von De* mütigung und Ungleichheit zu erkaufen; schlicß* lich untergraben doch Unterdrückung und Ungleichheit die wirkliche Basis für allgemeine Wohlfahrt. Wir stellen ernstlich an Sie die Frage, ob Sie nicht alle Bürger Rumäniens für berechtigt halten, den vollen Schutz des Gesetzes zu genießen und ob Ihre ganze Argumentierung, Ihre Unterscheidung zwU sehen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung nicht einen Versuch darstellen, die verschiedenen häßlichen Akte der Intoleranz und der Feindschaft zu sanktionieren. Es ist Ihnen sicherlich bekannt, daß bei der Wahl von Gewerben und in den freien Berufen die Juden viel weniger Freiheit genießen als die übrigen Einwohner Rumäniens und daß sie aitßer den geMöhnlichen Wirtschaft* liehen Handikaps noch die Last des Mißverstandenseins, der unterschiedlichen Behandlung und der falschen Ge« setzesanwendung zu tragen haben. Es würde Ihnen sicherlich nicht im Traume einfallen, für die Verfolgung irgendeiner christlichen Gruppe eine Rechtfertigung in der Wahl der Beschäftigung seitens dieser Gruppe anzuführen. Es scheint, daß Sic, statt eine klarere Verständigung anbahnen zu helfen, die Lage nur kompliziert haben. Sic würden, wie Sie wohl zugeben werden, kaum in der Lage sein, ihre Behauptungen durch Zahlen und Tatsachen zu erhärten, so zum Beispiel die Behauptung, daß wegen des hohen Prozentsatzes jüdischer Studenten an den Uni* versitäten viele christliche Studenten nicht aufgenommen werden konnten. Im Hinblack auf die berüchtigt gc« wordene Ungleichheit der Juden an den rumäni* sehen Universitäten, die bereits Gegenstand * vieler Interventionen war. klingt Ihre Behauptung in der Tat seltsam und spiegelt eine Mißachtung wirklicher Tatsachen wider, die übrigens auch in anderen Teilen Ihres Statements zum Ausdruck kommt. Wir bedauern tief — heißt es zum Schluß des Schreibens des American Jewish Congress —, daß unsere durch Sie an Ihre Regierung gerichtete ernste und respekt* volle Vorstellung uns nicht jene in einem Geiste des Vers ständnisses und der Sympathie gehaltene Erwiderung ge* bracht hat, die zu erwarten wir Grund gehabt haben. Statt dessen haben Sie die Tür für eine Kontroverse geöffnet, die wir be kl a g e n. In einem Schreiben an die Jüdische Telegraphen« Agentur erklärt die Leitung des American Jewish Con* gress, daß sie nicht in der Lage ist, Herrn Nanos Aeuße* Auf AusflUgen mitnehmen VB ERNA1-Käse weil der feinste! rungen als inoffizielle und private zu be* trachten, da Herrn Nanos Brief als Erwiderung auf einen offiziellen Schritt von offenbar öffentlichem Interesse abgefaßt ist. Angesichts des Ernstes der Lage für die jüdischen Brüder in Rumänien sieht sich der American Jewish Congress . gedrängt, den Briefwechsel mit der rumänischen Legation zu veröffentlichen. * Die rumänische Regierung braucht auf Herrn Nano nicht stolz zu sein. Er hat auf seine versteckt*anti« semitische Antwort eine stolz offen*jüdische Antwort erhalten. Es wäre nur zu wünschen, daß die Juden, in anderen Ländern den Stolz und Mut aufbrächten, so zu antworten, wie der Amerikanisch*jüdtsche Kongreß und sein Direktor, Herr Richards, geant* wortet haben. Alfred Dreyfus protestiert gegen eine französische Aufführung des deutschen Dreyfus-Dramas. Frankfurt a. M., 16. Juni. (J. T. A.) Wie aus Paris telegraphiert wird, haben Oberst Alfred Dreyfus und sein Sohn gegen die für Paris geplante Aufführung des deutschen Dramas „D i c Affäre Dreyf u s" von Rehfisch und Herzog Protest eingelegt. Unter der nach Gemälden berühmter JUdlicher Maler Gobelins HERZL-Gobelins erzeugt Atelier Zahradtllk Wien, V., Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon IM0-9-17 Uebersciirift „Der Wunsch der Leidtragenden" schreibt hierzu die „Frankfurter Zeitung": „Die extremen Nntionalisten haben jedenfalls ihren tollsten Widerstand in Aussicht gestellt. Dns brauchte noch kein Grund zu einem Verbot zu sein. Aber es ist' sicherlich dns Beste, wenn es gar nicht so weit kommt. Von dem zu erwartenden Lärm würden wir uns gar nichts Vorteilhaftes für die deutsch-französischen Beziehungen versprechen. Alfred Dreyfus' Wunsch wird zweifellos beachtet werden. Durch sein zurückgezogenes Leben beweist er, daß er nicht aufs neue in den politischen Kampf gezogen werden will. Es wäre falsch, ihn gegen seinen Willen wiederum zum Gegenstand leidenschaftlichen P a r t e i h n d e r .s zu machen." * In der „Neuen Welt" ist auch wiederholt gegen die ausartende Geschäftigkeit der modernen Literaturfabrikanten Stellung genommen worden, welche Personen und Angelegenheiten in den Kreis ihres niedrigen Gewerbes ziehen, von denen sie besser ihre Hände ließen^ Der französische Friedenskongreß verurteilt den Antisemitismus. Paris, 15. Juni. (]. T. A.) Der in diesen Tagen in Beziers unter dem Vorsitz von Professor Charles Kichet abgehaltene 12. Kongrell der französischen Friedensfreunde, dem zahlreiche Parlamentarier und hohe Funktionäre beiwohnten, faßte einmütig die folgende von der Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus unterbreitete. Entschließung: Der 12. Nationale Friedenskongreß weist auf die bedauernswerte Lage israelitischer Bevölkerungsteile in gewissen Ländern hin, bedauert es, daß die jüdische F rage seitens der betreffenden Regierungen nicht eingehender geprüft wird und klagt die verantwortlichen Regierungen an, die sich der Pflicht, die ethnischen Minderheiten, insbesonders^ die jüdische Minderheit, zu schützen, entziehen. Der Kongreß schlägt den Pazifisten aller Länder und dem Internationalen Friedenskongreß vor, in ihr Programm den Kampf gegen den Numerus clausus für Juden, für Gleichberechtigung der Juden, sowie die feierlidic Verurteilung von die Menschheit entehrenden P r o g r o m e n aufzunehmen. Hohe Auszeichnung für Oberrabbincr Ehrenpreis. Stockholm, 14. Juni. (J. T. A.) Anläßlich des Namenstages des Königs Gustav von Schweden wurde der Obberiabbiner von Stockholm Dr. Markus Ehrenpreis zum Ritter des N o r cl s t e r n o rd e ns ernannt. Unter den Juden Schwedens herrscht über diese hohe Auszeichnung des populären Oberrabbiners große Genugtuung. Oberrabbiner Ehrenpreis war vor etwa einem Jahre aus Anlaß der Feier seines 60. Geburtstages Gegenstand herzlichster Ehrungen seitens der Juctenschluß über unbekanntes oder viel umstrittenes historisches Gebiet gebracht. Während des Krieges haben die alliierten Westmächte ihre Aufmerksamkeit auch den historischen Reliquien, die gerade hier in Hülle und Fülle zu finden sind, ihre Aufmerksamkeit zugewendet, und Forschungsexpeditionen in die von ihnen besetzten Gebiete entsendet. Nach dem Krieg hat diese Forschertätigkeit auf breiter wissenschaftlicher und finanzieller Basis eingesetzt. Sehr verdienstlich arbeitet auf diesem Gebiet der jüdische Forscher und Historiker Dr. Nahum Slousz, dem manche wertvolle Feststellungen an Ort und Stelle zu danken sind. Auch dje folgenden Daten sind . einer ausführlichen Arbeit Dr. Slousz' über die Heiligtümer von Aleppp und seiner' Umgebung. entnommen. Die wichtigste und am meisten verehrte Stätte befindet sich nicht in Aleppo selbst, sondern in dem ziemlich entfernt von Aleppo gelegenen Dorf Tidif, das früher auch den Namen Tidif el Jahud (die jüdische Stadt) getragen hat. Dieser Ort wird als ein wahres Paradies, reich an Wasser und bedeckt mit grünen üppigen Gärten, geschildert. Die Luft in Tidif ist so berühmt, daß, so oft in der Umgebung eine Epidemie ausbricht, die Bevölkerung nach Tidif wandert, im festen Glauben, daß sie hier von der Epidemie verschont bleiben würde. Die Tradition behauptet, daß E s r a mit den Heimkehrern aus Babylon drei Tage lang hier geruht habe. diesen Tagen habe es sich ereignet, daß zwischen Ihm und den übrigen Schriftgelehrten bezüglich der Niedersclirift der Thorah Meinungsverschiedenheiten entstanden. Esru verharrte auf seinem Standpunkt und erklärte schließlich, daß er ajle Namen und Worte, die den Gegenstand des Streites bilden, aus seiner Niederschrift weglassen und einer höheren Macht die Entscheidung überlassen wolle, welche Lesart die richtige sei. So wurde die neue Thorah von Esra versiegelt und in der Höhle im Dorf von Tidif hinterlegt. Und als 24 Stunden später das versiegelte Buch wieder entsiegelt wurde, stellte es sich heraus, daß sämtliche strittigen Worte und Namen nach der Auffassung des Esra ausgefüllt waren. Zum Andenken an dieses übernatürliche Wunder haben die Heimkehrer neben der Höhle einen Tempel errichtet. Unweit von diesem Tempel befindet sich eine Quelle, in welcher Esra sein Tauchbad nahm, bevor er. an die Niederschrift ging. Deshalb heißt diese Quelle bis auf den heutigen Tag Ein el Asir (Esruquello). Diese Quelle wird nicht nur von den Juden, sondern auch von den Andersgläubigen als eine Heilquelle für alle Krankheiten angesehen und verehrt. Hierher wallen die Juden von Aleppo und der ganzen Umgehung jedes Jahrein den Monaten Elul und Tischri, um sich von Esra Glück und Zufriedenheit für das kommende Jahr zu erbitten. Die Volkssage erzählt auch, daß der in Tidif befindliche historische Tempel eingestürzt sei uud nicht mehr verwendet wurde. Vor etwa hundert Jahren brach in Aleppo die Pest aus, viele Juden flohen nach Tidif, wo sie von der mörderischen Krankheit verschont geblieben sind. Unter diesen Juden befand sich auch ein reicher Mann namens F rankuei der von dem damaligen Herrscher die Erlaubnis erhielt, den Tempel wieder aufzubauen, Der Tempel besteht noch heute. Interessant ist, daß die Volkssage erzählt, daß liier sich auch das Grab des Propheten E z e c h i e 1 befindet, obgleich bekannt ist, daß auch die Bagdader Juden ein drei Tagesmärsche von Bagdad befindliches Grab als dasjenige des Propheten Ezechiel bezeichnen und heilig halten. Die jüdische Gemeinde von Aleppo ist in stetem Rückgang begriffen. Diese zu den ältesten Judengemeinden zählende Gemeinschaft rechnet ihren Ursprung auf 2000 Jahre zurück. Die B a c h z i t a, das alte Judenviertel, wird von den Juden allmählich verlassen. Slousz behauptet, daß von den 20.000 Juden, die vor dem Krieg in Aleppo wohnten, heute kaum mehr als 5000 vorhanden sind, von denen auch ein Teil aus Kurdistan und den kleineren Städten von Syrien und Babylon zugewandert ist. Immer geringer wird die Zahl derjenigen, die sich dem Studium des hebräiisdien Sduifttums widmen und immer größer wird die Zahl der Nachfolger der ältesten und angesehensten Familien, welche diese Stadt alten Ruhms verlassen oder zumindest aus dem Gebiete ziehen und ihre Geschäfte in dem neuen Judenviertel, der Gerau Ha, einrichten, das noch unter der Herrschaft von einigen reichen jüdischen Notabein in modernster Art erbaiit wurde. Die Geinalia ist heute das vornehmste und schönste Viertel der Stadt, wo sich auch alle jüdischen Anstalten, eine neue Synagoge und eine Jeschibah, befinden. Die Juden von Aleppo haben sich als Unternehmer und Kaufleute außerordentlich bewährt und auch in ihren neuen Wohnorten haben sie sich als äußerst fähige Kaufleute erwiesen. Ein großer Teil ging nach Alexandrien, eine andere geschlossene Gruppe wanderte nach Buenos Ayres aus, wo sie eine eigene Gemeinde mit einem Chachaui an der Spitee besitzt. Interessant ist, daß als Nachfolger, besonders im Kleinhandel und Gewerbe, die A r m e n i e r, deren Zahl heute bereits 80.000 Seelen beträgt, zur Geltung gelangt sind. Der Großhandel und der Ueberseehandel sowie das Bankgeschäft liegen noch immer in den Händen der Juden. i