Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 144 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 144 DIE NEUE WELT Seite 3 durch die Nachricht überrascht wurden, daß Herr Simpson bereits abgefahren sei, ohne es für notwendig zu finden, die versprochene Begegnung zu veranlassen. Besehwerden über diese unerhörte, an Verachtung grenzende Vorgangsweise beantwortete Lord Passfield, der Kolonialminister, mit der Erklärung, er könne sich nicht erinnern, irgend etwas versprochen zu haben . . . •!< Die Einführung Sir Simpsons war also alles eher als vertrauenserweckend. Man brauchte vielleicht nicht so weit zu gehen wie die zionistischrevisionistische Opposition, welche verlangte, die Zionistische Leitung in Palästina möge aus Vorsicht und zum Zeichen des Protestes die Zusammenarbeit mit Simpson ablehnen. Aber wenn jemals Zurückhaltung schärfste Wachsamkeit im Verkehre mit Emissären der unzuverlässigen Londoner Labour-Regierung am Platze waren, so in diesem Falle. Was aber tun die Vertreter der Jewish Agency der Zionistischen Organisation? Sie stellen dem Herrn Simpson von vorneherein ein Ehren- und Vertraue« szeugnis aus! Sie geben ihm Vertrauen auf Kredit! Jetzt kann er tun, was er will; er kann auch das jüdische Recht mit Füßen treten. Er bleibt in jedem Falle der objektive Richter; die Juden selbst haben es ja bestätigt! Wie sind die Herren Hexte r und Ruppin zu diesem raschen, so überaus günstigen Urteil gekommen? Vielleicht beim Frühstück beim Herrn Oberkommissär? Hat die Art. wie Sir Simpson ein Butterbrot streicht oder Eier auslöffelt, ihnen bewiesen, daß er Juden und Arabern gegenüber nicht anders als objektiv sein kann? Hat die Art, wie er seinen Tee zuckert und der Frau Oberkommissäriu die Blumen reicht, absolutes Festhalten an der Balfour-Deklaration und an den Verpflichtungen des Völkerbundmandates unwiderleglich dargetan? Es heißt, daß der Berieht des Herrn Simpson in zirka acht Wochen erstattet werden wird. Konnten die Herrn Hexer und Ruppin nicht mit ihren Liebenswürdigkeiten etwas zurückhalten? Mußten sie schon jetzt den Strom ihrer Vertrauensseligkeit über Herrn Simpson rinnen lassen? >v Präsident Weizinann dürfte in diesem Augenblick von den Liebeserklärungen der Herren Hexter und Ruppin an Simpson wenig erbaut sein. Sie machen ihm seine Arbeit nicht leicht. Aber er muß gerechterweise zugeben, 'daß diese Politik Fleisch von seiner Politik und Blut von seiner Politik ist. Dieses „Sich mit den gegebenen Tatsachen abfinden", dieses ständige Ausweichen und Zurückweichen Schritt um Schritt, diese Methode ist die Methode Weizmanns. Er hat sie immer und immer wieder als den Ausfluß hoher staatsmännischer Weisheit geübt und empfohlen. In dieser Hinsicht sind Hexter und Rubbin seine leider nur allzu gelehrigen Schüler. ft Mac Donald und sein Kolonialminister Lord Passfield haben Weizmann und mit ihm die Zionistische Organisation brüskiert, in einer an Roheit grenzenden Weise abgetan, wenn man von ihnen Verhandlungen irgend welcher Art forderte. Wenn es sich darum handelte, Weizmann und die Zionisten abzuschütteln, nahm man sich nicht einmal die Mühe, diplomatisch zu lügen. Man log ganz ordinär und primitiv, wie man eben lügen darf, wenn man schon gar keine Rücksichten zu nehmen hat. Man schlug Weizmann und den Zionisten die Tür knallend vor der Nase zu, nicht sachte. Als aber der Proteststurm der Juden in der ganzen Welt losbrach, als die Berichte hievon in London eintrafen, da fand der stolze Herr Mac Donald Verbindungen zu Weizmann und den Zionisten. Er ließ sie ersuchen, dem Proteststurm Einhalt zü gebieten, weil er England schadet! Aber die zionistischen Führer ziehen es noch immer vor, geschmeidig, liebenswürdig und vertrauensselig zu sein oder zu tun, dort, wo würdevoller Protest und würdevolle Zurückhaltung einzig am Platze sind. Herr Hexter und Herr Ruppin sind entzückt und voll Vertrauen. Sic haben nichts gelernt . . . Grandiose Protestdemonstration der Warschauer Judenschnft. — Gegen die Einwanderungssperre. — 50.000 Menschen im Zuge. Wuischau, 12. Juni. (J. T. A.) Das Warschauer Judentum protestierte in einer grolhutigen Manifestation gegen die Sperrung" der Tore Palästinas für jüdische Arbeitereinwanderer. Der Aufforderung der Zionistischen Organisation Folge leistend, wurden 6 Uhr abends in der ganzen Stadt die jüdischen Geschäfte und Büros geschlossen und alle j ü d ischen Handwerker legten die Arbeit nieder. Bald zogen endlose Züge durch das jüdische Viertel in Warschau zum Sammelplatz der Kundgebung. Etwa 50.000 Menschen formierten sich dann zu einem ungeheuren Demonstrutiouszug zum Proteste gegen die Sperre der Chaluz-EinWanderung-in Palästina und der Vernachlässigung der Pflicht seitens Englands als Man- $vm$h- Die führende schwedische Weltmarke Nur diese Schwedenkliuge macht Rasieren zum Vergnügen datarmacht Palästinas. Die Gassen, durch die der Demonstrationszug sich bewegte, waren von Menschen dicht flankiert, aucli waren alle Fenster und Balkonc besetzt, es herrschte eine feierliche Stimmung. Es wurden Transparente getragen mit den Aufschriften: „Wir fordern freie Einwanderung der Juden nach P a \ ä s t i n a!", „Wir fordern freie Einwanderung für ChaluzimT', „Es lebe das arbeitende Palästina, es lebe der Hechaluz!", „Ohne jüdisches Nationalheim kein Mandat!", „Palästina ohne Juden ist wie ein Körper ohne Seele!", „Wir fordern Staatsboden für jüdische Kolonisation in Palästina!", „England, wo is t dein Gewissen!". Die Arbeiterzüge trugen Transparente mit der Ueberschrift „Proletarier aller Länder, unterstützt unsere Forderungen!", „Nieder mit der reaktionären Administration!", „Es lebe die Verbindung zwischen jüdischen und arabischen Arbeitern!", „A r b e i t e r r e g i e r u n g, denke an deine sozialistische Pflicht!" Auf dem Grzybow-Platz hielten Ansprachen der Präsident der Jüdischen Gemeinde Farbstein, Dr. Gottlieb, u. n. m. An der Spitze der Demonstration marschierten dort die Rabbiner Kahane, Posner und die Mitglieder des Genieindevorstandes. Auf dem Muranow-PIatz hielten die Arbeiterführer Ansprachen. Auf dem Nalewki sammelten sich die zionistischen Vereine, die Schulkinder, die Handwerker und die Kaufmannsvereine, sowie die Sportverbände und die akademischen Organisationen. Dort hiel- M'< Ätf L^^^i .^,s"9l^r «*• *&&&%S&$& sSöSs*^ ode' »£b*«?. Vo$V° Schering-Kahlbaum A. G.} Repr. Wien VI, Webg. 2a ten Ansprachen Abg. Grünbaum, Lcvite, Dr. Szypcr n.a.m. Auf dem Murunow-Platz kam es zu Plänkeleien mit de» Kommunisten, so daß die Polizei eingreifen mußte. Di« Zugänge zur englischen Botschaft waren durch Polizeiposten gesichert. Allen fremden d i p 1 o m a t ischeu u ml konsularischen Vertretungen wurden die angenommenen Protestresolutionen gegen den Bruch der Mandats* p f 1 i c h t seitens Englands überreicht. Revisionistische Kundgebung in Berlin. Berlin, 16. Juni. (J. T. A.) Die Berliner Ortsigruppe der Zionisten-llevisionisten veranstaltete im Logienhaus, Kleisttstr., eine zahlreich besuchte öffcntliohe Kundgebung über das Thema: „Der Bruch des Mandats und unsere Antwort". Dr. Brutzkais wandte sich geigen den Bericht der Shaw-Koamni&skm und wies darauf hin, daß Palästina ausdrücklich den Juden versperrt sei, was man in anderen Ländern doch nicht gewagt habe. Ein Volk, das sich wicht zur Wehr setzt, wird zum politischen Spielball. — J. Klinoff führte aus, die Handlungen der englischen Regierung seien nicht zufällig, sondern Glieder eines Systems. Das antisemitische Colonial Office führe einen Krieg gegen uns. Auch ein Parlament in Palästina wird uns feindlich sein. In der Bekämpfung dieses Systems zeigt sich der Unterschied zwischen den Revisionisten und der offiziellen zionistischen Politik. Wir haben im Zionismus Kreise, die „ihre Ruhe haben" wollen, das ist eine große Gefahr. Die Exekutive ist den Mittelweg der „praktische n" Arbeit gegangen, der sioh als ein Irrweg erwiesen hat. Wir verlangen ihren Rücktritt, einen Kongreß und die politische Offensive nach außen. — Richard Li cht heim brachte eine Resolution'ein, die den Rücktritt der Exekutive und die Einberufung eines ordentlichen Kongresses verlangt. Nach Annahme dieser Resolution sprach er über die im August stattfindende revisionistische Welikonferenz. Die Fehler der jetzigen zionistischen Leitung folgen einander unaufhörlich. Im neuen Weißbuch der englischen Regierung werden die zionistischen Beschwerden zurückgewiesen. Die Reaktion des deutschen Zionismus auf alle diese Ereignisse zeuge von politischer Verwirrung. Eine sephardische Rabbinerschule auf Rhodos. Rettung vor dem Verfall. — Mussolini als Förderer. Von M. I. Cohen, Sofia. Juni 1930. Unter den mannigfaltigen Ursachen für den reli* giösen und kulturellen Niedergang der s e p h a r* d i s c h e n J u d e n h e i t am Balkan und in der Levante ist der Mangel. an geeigneten Rabbinern und Predigern mit moderner Bildung an erster Stelle anzuführen. Dahin ist jene Glanzzeit, da in jeder größeren jüdischen Ge* meinde berühmte Jeschiboth in hoher Blüte standen, an denen hervorragende Talmudisten lehrten und ganze Plejaden würdiger Jünger heranbildeten. Was sich in neuerer Zeit unter den Spaniolen an Bibel« und Talmud* kundigen noch vorfindet oder sich als solche ausgibt, sind meistenteils weltfremde Menschen ohne elemen* tare Schulbildung, ohne Sprachkenntnisse und taugliche Umgangsformen, von Entbehrungen und mate* rieller Not niedergehaltene Existenzen, die für das re« präsentative Amt eines Rabbiners und geistigen Ober» hauptes einer Gemeinde nicht in Betracht kommen. Im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurde mit Unterstützung der Pariger Alliance Israelite Universelle speziell für die Judenheit der damaligen Türkei ein Rabbinerseminar in A d r i a n o p e 1 ge« gründet und später nach Konstantionopel transferiert. An der Leitung stand der, inzwischen verstorbene R. Abraham Danon, der' sich als jüdischer Gelehrter und Forscher auch außerhalb der Türkei einen vorzüg* Mchen Ruf .erwarb, Die Anstalt konnte jedoch nicht prosperieren und mußte nach längerem Siechtum wieder geschlossen werden, weil die wichtigsten Vorbedingungen von geistigem und materiellem Belang nicht vorhanden waren. Etliche Versuche seitens der Gemeinden in den Hauptstädten der Balkanstaaten, Rabbiner askena» s i s c h e n Ritus von den Seminaren in Wie n, Deutschland oder Paris anzustellen, hatten aus ver* schiedenen Gründen, die hier nicht weiter erörtert wer* den sollen, für die jedoch hauptsächlich die betreffenden Gemeinden selbst die Verantwortung tragen, nicht den gewünschten Erfolg. Dann verfielen dieselben Gemein« den auf den Ausweg, sephardische Studenten aus der eigenen Mitte an westeuropäischen Rabbiner« seminaren studieren zu lassen. Aber auch damit wird, wie es scheint, nicht immer eitel Seide gesponnen. Von zwei solchen Fällen, die mir persönlich bekannt sind, hat der eine ganz und gar fehlgeschlagen: die Ge« meinde mag ihren Rabbiner nicht, und dieser kann den Zeitpunkt gar nicht erwarten, bis er die Geldschuld an die Gemeinde abgedient haben wird, um frohgemut Amt und Würde niederzulegen. Uebrigens können sich nur ganz reiche Gemein* den den Luxus leisten, sich einen Rabbiner für eigene Rechnung im Auslande ausbilden zu lassen, für den sie bei Abgang auch keinen Nachfolger finden; die nach vielen Dutzenden zählenden kleineren oder weniger be» mittelten jüdischen Gemeinden am Balkan und in der Levante vegetieren ohne ein geistliches Oberhaupt wür* dig dieses Namens, Die ganze Tragik dieses Zustandes tritt klar und deutlich ins Bewußtsein, wenn man be* denkt, daß nebst dim Großgemeinden Adrianopel und Smyrna sogar Saloniki, die größte und bis vor kurzem, reichste jüdische Gemeinde von Südosteurofia, seit Jahrzehnten keinen Rabbiner hat. Unter den früheren Verhältnissen, als der Balkan und die Levante zum türkischen Reiche gehörten und das Gros der Sephardim Untertanen desselben Staates waren, mochte die Gründung eines Rabbinerseminars ohne allzugroße Schwierigkeiten möglich gewesen sein, zumal sie alle die spaniolische Sprache als Volks* und Verkehrssprache mit zäher Anhänglichkeit noch bewahrten. Mit der terri* torialen und staatlichen Zersplitterung des Osmanen* reichs ist auch die sephardische Judenheit zertrümmert und atomisiert worden, und wir haben jetzt türkische, griechische, arabische, bulgarische, serbische und rumä* nische Enklaven von Sephardim, durch politische Grenzen von einander getrennt, ohne sozialen Zusammenhang, numerisch klein, auch in sprachlicher Hinsicht chaotisch zerfahren und getrennt, seitdem sie die spaniolische Ver* kehrssprache leichtfertig preisgegeben, um sich an ihre Stelle die Sprache des betreffenden Landes anzueignen. Unter diesen Umständen mußte es als geradezu unmöglich erscheinen, eine Rabbinerschulc zu gründen, die allen diesen Bruchteilen der sephardischen Judenheit gerecht wird. Man sieht, das Problem schien unlösbar. Aber es geschehen noch Wunder, sogar in urise* rer nüchtern*materialistischen Zeit. Plötzlich, und zur allgemeinen Verwunderung, ist die sephardische Juden* schaft mit einer modernen, zweckdienlichen Rabbiner* hochschule bedacht worden, die ihre Tätigkeit schon auf* genommen hat und zu den schönsten Erwartungen be* rechtigt. Auf der herrlichen, historisch berühmten Insel Rhodos, dieser Perle des Mittelländischen Meeres, blüht noch eine zwar kleine, aber aufstrebende und tradi* tionstreue sephardische Juden gemeinde, die einzige vielleicht im .Orient, die durch aufgeklärte Reli«