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Die neue Welt · 1930-06-20 · Heft 144 (20.6.1930) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 144 (20.6.1930)
Date
1930-06-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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H vwm Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 144 WIEN; \ VII.. KAI SERSTRASSE 123 IX., ALS ER ST R ASS E 6 FERNSPRECHER B-38-0-43 & o s s e n. <w i r k t e; a u f Meyer so deprimierend, daß er zum Revolver griff. Das sozialdemokratische.: Hauptorgan „Vorwärts" gibt zu, daß die. Wahl Bern Meyers, von dessen besonderer qualitativen Eignung die Mehr heit auch der bürgerlichen Magistratsmitglieder überzeugt war» deshalb scheiterte, weil die starken antisemitischen Strömungen bei den bürgerlichen Parteien ein günstiges Ergebnis für den Verstorbenen nicht erzielen ließen. Man machte, schreibt der „Vorwärts", einem anerkannt befähigten Men sehen lediglich sein Judentum zum Vorwurf, „obwohl" Bern Meyer seit vielen Jahren überhaupt keiner Religionsgemeinschaft mehr angehörte! Die sozialdemokratische Partei, stellt „Vorwärts*' weitei fest, war in der „glücklichen" Lage, zwei' befähigte Parteimitglieder für den Posten eines Ber liner Stadtbankdirektors vorzuschlagen. Denn audt der neue Stadtbankdirektor Feindner ist schon seit: Jahrzehnten Mitglied der Sozialdemokratie. Somit, bestätigt das sozialdemokratische Hauptorgan, daßj die sozialdemokratischen Magistratsmitglieder den1 antisemitischen Strömungen bei den bürgerlichen Parteien eine Konzession machten, indem sie Meyer opferten, um die Wahl des Christen Feindner zu ermöglichen. „Vorwärts" schließt, seine Betrachtung mit den Worten: „In der gesamten Berliner Partei ist die Trauer über den plötzlichen Tod Bern Meyers allgemein. Man bedauert den freiwilligen Tod eines Genossen, dessen Idealismus vielen als leuchtendes Beispiel galt. Audi seihe Wahl zum Stadtbankdirektor wäre für ihn mit der, Opferung persönlicher Vorteile verbünden gewesen. Sein Sehnen nach dieser Arbeit entsprang aber dein; Wunsche, seine Kräfte wieder in den; Dienst des Allgemeinwohls stellen zu könne n." "; Ärmer Meyer! Du hast ein arbeitsreiches, hingebungsvolles Leben gelebt und eine Revolverkugel' und die Krokodilstränen sozialdemokratischer; Parteifreunde waren der Schluß! — Der Mann hatte zu schwache Nerven. Sein Judentum zu verlassen, um ein.voller Deutscher zu werden, das deutsche Volk! und die deutschen Arbeiter zu retten und hoch~: bringen zu wollen, ist ein Beruf, der ganz starke Nerven erfordert. .-Man muß es fertigbringen, sick anspeien zu lassen, sich abzuwischen und weiter zu: strebern. Man darf nicht an Treue und Liebe glauben, muß sich immer daran erinnern, daß man selbst, ein Weggegangener ist, muß es hinnehmen, von Her-; zensfreunden verleugnet zu werden, hie, und da; einen Fußtritt zu bekommen. Man muß restlos darauf verzichten, als Ehrenmann behandelt zu werden; und Ehrenmänner zu Freunden zu haben. Man muß sich mit gelegentlichen („Förderern" zufrieden-; geben, darf keine Freunde wollen. Kurz, man muß ganz starke Nerven haben. Und die hatte Bern Meyer nicht. ♦ - .,; » \:v . Es ist erreicht! Der „Allgemeine Jüdische Arbeiterbund" in Polen beschloß auf seinem in Lodz abgehaltenen außerordentlichen Parteitag, der sozialistischen Arbeiterinternationale beizutreten. Der „Jüdische Arbeiterbund in Polen" (kurz „Bund" genannt) ist der Nachfolger des berühmten „Bund", der eine bedeutende Rolle in der revolutionären und Arbeiterbewegung des zaristischen Rußland in den Jahren 189? bis 1917 gespielt hat. Nach Zerschlagen 6ps russischen Reiches ist auch der alte „Bund" in mehrere Teile zerfallen. Aber dem „Bund" in Polen gelang es, zu einer geschlossenen großen Organisation zu werden, er zählt dort (zusammen mit seiner Jugendorganisation „Zukunft") über 20.000 Mit-* glieder. In den Jahren 1918 bis 1920 bewarb sich der „Bund" um die Aufnahme in die Kommunistische Internationale, lehnte jedoch die Annahme derf „21 Punkte" Sinowjews ab und entwickelte sich seit-! dem immer mehr in der Richtung des demokrati-r sehen Sozialismus. Führer des „Bund" in Polen ist das Mitglied des Warschauer Stadtrats Ehrlich. Der Beschluß, der sozialistischen Internationale beizutreten, wurde mit 60 gegen 42 Stimmen gefaßt. Es sei hier an die interessante Vorgeschichte, dieses Beitrittes erinnert. Vor wenigen Wochen hatte die „Neue Welt" einen Brief des Österreichischen; Sozialdemokraten Friedlich Adler au den „Bund" veröffentlicht. In diesem Schreiben bat Adler, welcher auch Generalsekretär der Arbeiter-Internationale ist, die Herren vom „Bund" um ihren Beitritt, weil durch denselben ein Gegengewicht gegen die zionistischen Arbeiter in der Internationale geschaffen würde. Bisher mußten nämlich die Wiener jüdischen Sozialdemokraten, Adler, Otto Bftucr usw.. allein den Zionismus in der Internationale bekämpfen. Jetzt bekommen sie endlich die ersehnte Hilfe. Nicht nur, daß die Arbeit eine leichtere wird, man kann sie jetzt auch anonym verrichten. Man braucht sich nicht höchstpersönlich mit „jüdischen" Angelegenheiten zu befassen, man kann die jüdischen Genossen aus Polen vorschicken. Es ist erreicht! * Unverbesserlich! In der amerikanischen Stadt Pittsbtirg streiten sich die Juden. In Pittsburg wird nämlich die Errichtung eines Monumentalgebäudes der Universität geplant, das Wolken kr atzerausmaße haben und den Namen „Kathedrale des Wissens" führen soll. In jüdischen Kreisen von Pittsburg wird nun1 die Frage diskutiert, ob man in diesem Ge-. bäude einen „J ü d i s c h en Raum" schaffen Soll. Die Meinungen hierüber sind geteilt. Diejenigen, die gegen den Plan der Schaffung eines „Jüdischen Raumes" sind, begründen ihre Meinung damit, daß jüdische Gelehrte, Musiker und Maler nicht als Juden, sondern als Gelehrte und Künstler schlechthin schaffen. Diejenigen aber, welche für den „Jüdi- P. T. Erlaube mir höflichst mitzuteilen, daß ich das Grand Caf6 Central, Wien II. Taborstraße 8 käuflich erworben und am , Dienstag, den 17. Juni 1930, 1 Uhr nachm. vollständig neu renoviert eröffnet habe und bitte um Ihren werten Besuch Ich werde trachten, in meinem gutbürgerlichen Cafe durch zivile Preise und beste Qualität der verabreichten Speisen und Getränke, sowie aufmerksamste" Bedienung meine P. T. Gäste bestens , zufriedenzustellen - v .; Hochachtungsvoll- Die; Besifierin sehen Raum" sind, sagen unter anderem: Auf der ganzen'Welt spricht man so viel von der Schlechtigkeit der Juden, unterstreicht die Verbrechen und Missetaten einzelner Juden und macht alle anderen Juden dafür verantwortlich. Man soll im „J ü d isehen R a u m" das Andenken an alle jüdischen Persönlichkeiten festhalten,, welche Großes und Gutes für die Welt geleistet haben. So soll. der Gegenbeweis für antisemitische Behauptungen von der Schlechtigkeit der Juden erbracht werden. ■ rAlso eine Art jüdischrantisemitisches Abrech-', hungsbürp] .Wiet sich, /dasv;<lie guten. Pi.ttsburger; judenpa'trioteri vorstellen I Die Antisemiten der ganzen Welt werden '.zum',, Jüdischen Raum" in Pittsburg wallfahren, dort unter der Fülle an Größe und Gutheit der Juden zusammenknicken. Die. antisemitischen Tiger werden als juderiliebe.Lämmchen nach Hause kommen. ■ ■ »v Für Sowjetrußland. Vor polnischen Gerichten ging jetzt ein Prozeß gegen jüdische kommunistische Agitatoren zu Ende. Angeklagte waren der Ingenieur K a h a n e, der Student Proper und die Privatbeamten H i r s c Ii Und Jugend. Bei Kahane wurde eine Geheimdruckerei entdeckt, die zur Herstellung kommunistischer Aufrufe diente.- Die; Aufrufeforderten zur Loslösung von Polen und zur Bildung einer westukrainischen Sowjetrepublik auf. Viele von diesen Aufrufen sind in Galizien und Wolhynien verteilt worden. Das Gericht fällte unerhört strenge Urteile. Die Angeklagten Jugend, Hirsch iincl Proper Würden zu m Tod e d ur cIi Er h än gen verurteilt. Der vierte Angeklagte wurde wegen Vlangel an Beweisen freigesprochen, 'doch hat der Staatsanwalt sofort Berufung gegen den Freispruch eingelegt. Junge Juden werden an dem Galgen enden, zu Ehren Sowjetrußlands, das Millionen Juden entrechtet hat, als schäbige „Händler", und sie und ihre' Kinder Hungers sterben läßt. PI F=\ Nach ÄGYPTEN und PALÄSTINA mit den Luxusdampfern jmiir ■ jmiir Rundfahrten Im, Mittelmeer Genua — Neapel — Sizilien — Aegypten — Palästina — Syrien — Zypern — Konstantinopel — Athen — Neapel — Marseille ~ Genua zu besonders, ermäßigten Preisen Auskürute: „Sltmar\ 1. Kärntnerring 18 (Ecke Schwaizenbergplatz) Telephon U-45009 tit: m Eine gewichtige Stimme gegen den Wortbrnch der Arbeiterregierung. London, 16. Juni. Die in einer Millionenauflago ersdieinende Londoner Zeitung „Sunclay Times" veröffentlicht einen Leitartikel, in welchem der Erwartung Ausdruck gegeben wurde, daß die Arbeiterregierung durch freiwillige Zurückziehung des Verbots der jüdischen Einwanderung nach Palästina sich vor der Mandatskommission des Völkerbundes und der Gesamtwelt rehabilitieren wird. Die Suspendierung der Einwanderung hat in drei Erdteilen leidenschaftliche Proteste hörvorgerufen, die für England, das genug mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, untragbar sind. Die Verhältnisse in Palästina rechtfertigen ein solches Verbot in keiner Weise. Es gibt keine Arbeitslosigkeit, alle Einwanderer werden von der Industrie und der Landwirtschaft absorbiert. Der Verlauf der Ereignisse ist mehr als sonderbar. Erst werden Juden in ihrem Nationalheim massakriert, dann geht eine Kommission in das Land, die, anstatt die unmittelbare Verantwortlichkeit festzustellen, ihre Agenden überschreitet, das Mandat, die Juden und jeden angreift, nnr nicht die Mörder. Die Regierung aber, statt diesen nachlässig aufgesetzten parteilichen Bericht in den Papierkorb zu werfen, hängt inzwischen das Mandat an den Nagel, bis irgend ein anderer kommt und berichtet. Dieses Vorgehen muß nicht allein die Juden, sondern alle, die um unseren internationalen Ruf besorgt sind, empören. Die Regierung sollte um jeden Preis ein Verbot, das uns auf internationalem Boden soviel Schaden verursacht hat, zurückziehen. Nichts gelernt! Vertrauen in die „Objektivität" Sir John Hope Simpsons. Die Jüdische Telegraphen-Agentur meldet: Jerusalem, 10. Juni. Der außerordentliche Bevollmächtigte der britischen Regierung für Palästina, Sir John Hope Simpson, stattete dem Hauptbüro der Jewish Agency offiziell einen Besuch ab. Bei dieser Gelegenheit erklärte ihm Professor Hexter die Haltung der Nichtzionisten innerhalb der Jewish Agency, während Coloriel Kisch, Rabbi Meir Berlin und Joseph Sprinzak ihm die Ansichten der Führer der zionistischen Bewegung darlegten. Sir jfohn Hope Simpson besuchte äücli , .das Büro des Wand Leumi (jüdischer Nationalrat). Später traf Professor Hexter mit . Sir John Hope Simpson bei einem Frühstück im Hause des High Commissioner Sir John C li anr cellor zusammen. Professor Hexter ist von Simpsons Vorurteilslosigkeit und Aufrichtigkeit übe r z e ü g i* Dr. Arthur Ruppin, der in ständiger Berührung mit Simpson steht, ist der gleichen Meinung über ihn. * Die Ernennung des Beamten des Kolonialministeriums, Herrn Simpsons, wurde von allen Zionisten, Weizmänn und die zionistische Exekutive mitinbegriffen, als eine Brüskierung berechtigter zionistischer und englischer Wünsche und neuerlicher Beweis der böswilligen Haltung des Koloiüalministeriums angesehen. Nach dem Erscheinen des Berichtes der Shaw-Kommission, dessen offenkundige Parteilichkeit nicht nur in zionistischen, sondern in allen um d i e E h r e E n glands besorgten Kreisen Entrüstung hervorrief, wurde überall die Forderung nach Entsendung einer wirklich unabhängigen und auch dem K o 1 oni a 1 mi ni s t e r i um gegenüber autoritativen Kommission nach Palästina laut. Viele Parlamentarier, vor allen Lord Cecil, Lloyd George und andere prominente englische Führer und große englische Blätter traten dafür ein. Mac Donald lehnte die Forderung unter Ausflüchten ab. Als man dann von ihm die Entsendung wenigstens eines Kommissärs, einer unabhängigen Person von anerkanntem Range forderte, fand er es für gut, scheinbar zuzustimmen, die Zionisten hinzuhalten und mitten in diesen „Verhandlungen" den bis dahin gänzlich unbekannten Beamten des Kolonialamtes Sir Simpson zum außerordentlichen Bevollmächtigten in der Palästinasache zu ernennen, in die Hände dieses Mannes das Geschick des jüdischen Volkes zu legen. Bedeutet die Ernennung Sir Simpsons an sich nichts Gutes, so ließ die Art, wie er sein Amt antrat, noch tiefer blicken. Der Präsident der Zionistischen Organisation verlangte, Simpson möge vor dem Antritte seiner Palästinareise der Zionistischen Leitung in London Gelegenheit zu einer Aussprache geben. Der Kolonialminister Lord Passfield sagte die Erfüllung dieses Ersuchens zu. Und Weizmänn und die Zionistische Leitung warteten und warteten auf Herrn Simpson! Bis sie eines Tages

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