Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 143 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711761--1884-2715132- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nf. '143!>IE NEUE WELT Srite f I» den Heden zum fünfaigjiibrlgen Jubiläum wurde die Geschieht© des Deutschen Schulvereins von allen möglichen Seiten beleuchtet. Und gar mancher deutsch«, bewußte Jude wird beschümt vom Lautsprecher ve?« nommen haben, daß seiner in diesen Reden nicht auch dankbar gedacht wurde. Er hätte doch nur einfach eine}) Griff in sein Archiv machen, seine alten Kassabticher nachblättern brauchen, um festzustellen, daß er, sein Vater und sein Großvater und alle die Großjuden von Böhiuen, Mahren und Wie» die ersten wichtigen Bausteine in guter österreichischer Goldvaluta zusammentrugen, um die klingenden Kampfesmittel des „d e u t s c h - f r e i h e i 11 i c h e n S c h u 1 v e r e i n e s" herbekuBchnffen. In ihrer Familienkorrespondenz wird ein spaterer Historiker, sofern diese wichtigen historischen Dokumente nicht vorher der Vernichtung anheimfallen, gor manchen aufschlußreichen Beleg dafür finden, daß sie und gerade die angesehensten jüdischen Familien in der alten Monarchie so oft blutige Ausschreitungen, die mitunter Pogromoharachter annahmen, über sioh ergehen ließen, bloß damit ihr „D e u t s o h t u m" gerettet und der „Deutsche Schulverein" gestärkt werde. Sie hatten auch mit diesem ihrom Trutzdeutschtum die schönsten Erfolge erzielt. Bei den Volkszählungen und Wahlschlacbten konnten sie zwischen zwei Lagern, gehetzt, verprügelt, hochbesteuert ihrem Deutschtum dienen» Bei der Volkszählung waren sie fast die e i n-i zigen verläßlichen Stützen für die statistische Stärkung des Deutschtums in den slawischen Ländern. Dort wo ihre Stimmen nicht ausschlaggebend waren, wurden sie von beiden Seiten verleumdet, ihrem Volkstum untreu geworden zu sein, und solche Auseinandersetzungen schlössen nicht, selten mit antisemitischen "Plünderungen von deutscher Seife. Äni letzten Sonntag haben diese jtidisohrdeutschen Alten Herren von der Glanzepoche des Deutschen Schuivereines nichts gehört. Auch davon nicht, daß die Wiener Hochschule, diese Pflanzstätte der rassenantisemitU sehen Zukunft Oesterreichs, in ihrer größten Not durch diese jüdisch-deutschen Juden finanziell vqr dem Zusammenbruch gerettet wurde. Nichts von alledem hörte man am letzten Sonntag. Und selbst der gemäßigteste Redner, der die Bereitschaft des Deutschen Schulvereines verkündete, mit allen Volksgenossen ohne Unterschied des Geschlechts, des Standes, Alters und der Klasse für das bedrängte Deutschtum zusammenzuarbeiten, hat die Floskel, wie sie noch in dem von den Juden aufgepäppelten Kinder jähren des Schulvereines zu hören waren, „ohne Unterschied der Konfession" unter den Tisch fallen lassen. Die konfessionellen Auseinandersetzungen der verschiedenen christlichen Konfessionen sind so ziemlich abgeebbt, aber einmütig sind sie in der Forderung der Juden* Feinheit des Deutschen Schulvereines. Ueber das Zukunftsprogramm des Deutschen Schulvereines hat sich eigentlich bloß ein Redner mit wahrem Bekennermut geäußert. Während die mehr weniger offiziellen Redner ihre Stimmen dämpften, wenn sie von dem Kampf des. Deutschtums, im Ausland sprachen, hat der Rektor der Wiener Universität Dr, Gleispaeh, der im Namen sämtlicher österreichischer Hochschüler sprach, sein Hoohschulprogramm, seine Lehre von der deutschen Studentennation als Grundlage jeder weiteren Tätigkeit des Deutschen Schulvereines unter ungeheurem Beifall der Anwesenden aufgestellt. Die Aufgabe der Deutschen Hochschule, sagte der Rektor der Wiener Universität, ist neben dem Studium die körperliche und geistige nationale Durchbildung der deutschen Jugend, aus welcher sich die künftige deutsche Gesellschaft i» allen ihren Berufszweigen zusammensetzen wird, Nach Rektor Gieispach stehen, wie man weiß, die Dinge nicht so, ob ein Jude sich „sein Deutschtum nehmen lassen will" oder nicht. Nach diesem Programm übt der in den österreichischen Hochschulen erzogene deutsche Student uneingeschränkt die Zensur darüber, wen er als Volksgenossen anerkennen will oder nicht. Und er will den Juden nicht als Volks, genossen anerkennen, trotz aller würdelosen Bemühungen einiger alter und junger Juden, sich ihres jüdischen Volkstums zu entkleiden und an den Toren der deutschen Studentennation um Einlaß zu bitten. Wir fürchten, daß unsere vorirrten Brüder auch von der letzten Kundgebung des deutschen Rassen* autisemitismus nichts lernen werden. Noch immer klammern sie sich an das vermorschte Rettungsseil der „Bode»6tuncligkeit". Es wird ihnen nicht viel nützen. Das, was sie unter „bodenständig" gedacht wissen möchten, ist bei weitem nicht identisch,mit dem Siun dieses Wortes, das man jetzt m häuiig auf deutschnationaler Seite und von den Führern der Heimwehr zu hören bekommt. Diese verstehen, wie sie es unzählige Male erläutert haben, unter „bodenständig" jeden der auf dem Boden der deutschen Nation steht. Und zu diesen zählen sie, nach der deutsehnationaleu Heilslejure des Schöpfers der deutschen Studentennation die Juden nicht. Den jüdisch-nationalen erwächst die schwere, aber unerläßliche Aufgabe, gegenüber der deutschen Studentennation eine selbstbewußte jüdische Nationaljugend heranzuziehen, die entschlossen ist, frei von jedem Chauvipismus die Ehre des jüdisehen Volkes zu vorteidige» und damit auch der Menschheitskultur und dem Völkerfrieden unschätzbaren Diew>t zu leisten. LAURANA Äb— Orthod. kosch, Petition WEISS neu eröffnet Erstklassige Küche Mäßige Preise Auf Wunsch Prospekte Wiener Kinderheim in Grado. In Grado, dem Eldorado für Kinder, wurde unter der administrativen Leitung der Frau Berta Taubes, Wien, IL, Böcklinstraßc 92, ein erstklassiges Kinderheim in herlichster Lage eröffnet. Bei mäßigen Preisen wird beste Verköstigung und individuelle Pflege geboten. Gemeinsame Hin- und Rückreise unter Aufsicht bewährter Pflegerinnen. Aerztliche Leitung: Dr. Erna Spitaer. Nächster Turnus vom 3. Juli bis 1. August. Eingeschobener Turnus vom 17.. Juni bis 1. August Auskünfte und Prospekte, Wien, VI., Webgasse 25. Tel. B-29-7-03 von 10 bis 12 und 2 bis 5 Uhr. Das jüdische Emehtmgsproblem. Von Oberlehrer Julius Steiner, Graz. Der Verfasser ist der Leiter der e i n* zigen jüdischen Gemeindeschuie in Oesterreich. Wir gewähren dem verdienst* vollen Fachmann gerne Gelegenheit, seine Ansichten zu entwickeln. llj. Gottesdienst, — Die schulentwachsene Jugend- — Vorschläge.*) Selbst der nach bester Methode erteilte und von reichem Erfolg begleitete Religionsunterricht wird zweck* lqs bleiben, wenn nicht der Lehre die Tat folgt. Religion ist Leben inj wahrsten Sinne des Wortes und von diesem;Standpunkt aus ist den Schülern die Wichtigkeit des Religionsunterrichtes vor Augen zu führen. Was die An* Wendung der religiösen Morallehre anbelangt, können wir mit dem Erfolg des jüdischen Religionsunterrichtes zu* frieden sein* Mit Genugtuung können wir konstatieren und ein Blick in die täglichen Gerichtssaalberichte be* weist, in welch verhältnismäßig geringem Maße Juden an . schweren Sittlichkeitsdelikten beteiligt sind. Ungünstig wird aber das Urteil, wenn es sich um die Betätigung im speziell Jüdischen handelt. Betrachten wir das Nahe» liegendste, das Gebet. In der Schule lernen die Kinder die Gebete und die Gebetordnung. Aber wann beten sie? Es ist eigentlich Sache der Eltern, darüber zu wachen. Doch die Eltern versagen in dieser Hinsicht, wie schon ein« gangs dargelegt wurde. Die Stätte des jüdischen Gebetes ist der Tempel, wo die Gemeinsamkeit und die Einheitlichkeit des Gottes* dienstes das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken sollen. Doch wann ist unsere Jugend im Tempel zu sehen? Der Samstag ist nicht schulfrei. An den Feiertagen ziehen es die Schüler vor in die Schule zu gehen, um nicht 'viel zu versäumen. Dies aber ist eher eine Ausrede, denn wegen der paar versäumten Stunden ist noch kein Schüler zurückgeblieben. Würden alle jüdischen Schüler an. jüdi* sehen Feiertagen dem Unterricht fernbleiben, würde man sicherlich im Unterricht darauf Rücksicht nehmen. Die Kultusgemeinden könnten auch einen entsprechenden Erlaß des Unterrichtsministeriums erwirken, Heute gehen aber auch schon am Versöhnungstage und zu Neujahr jüdische Schüler zur Schule. In dieser Sache darf die Konsequenz der Religionslehrer in der Ermahnung nicht erlahmen. Empfehlenswert ist der Hinweis auf den Frei* tagabendgattesdienst, der den Kindern zeitlich leicht zu* gänglich ist und durch die Schönheit der vorgetragenen Gesänge anregend wirkt. In dankenswerter Welse be* müht man sich in letzter Zeit um die Ausgestaltung des Jugendgottesdienstes am Samstagna eh* mittag. Doch müßte dieser dem Bedürfnisse der Jugend angepaßt werden, Es wäre da vor allem auf die Tren* nung nach Altersstufen hinzuwirken, Noch. auf eine Tat* jäaehe sei hingewiesen. Viele Eltern lassen ihre Söhne nicht mehr Bar*mizwah feiern. Zum großen Schaden für die jüdische Erziehung, denn diese Feier bleibt unaus* löschüch in der Erinnerung des Kindes haften. Auch die Frage der Mädchenkonfirmation wäre zu erheben und nach den örtlichen Verhältnissen zu entscheiden, Es darf eben kein Mittel unversucht bleiben, um die Jugend beim Judentum m halten. Nach dem vierzehnten Lebensjahr hört für die Mehrzahl der jüdischen Kinder der(l Religionsunterricht auf, denn in den kaufmännischen und gewerblichen Facti* schulen wird er nicht mehr erteilt. Damit hört auch für viele jeglicher Zusammenhang mit dem Judentum auf. Um diese schulentlassene Jugend hat man sich bis jetzt wenig gekümmert. Die spärlichen Kenntnisse vom Juden* tum werden nach und nach vergessen. Es tritt vollstän* dige Indolenz allem Jüdischen gegenüber ein, die juden» •) Siehe „Neue Welt" Nr. 141 und 142. feindlichen Einflüsse gewinnen Oberhand und dem ganz* Höhen Abfall ist die Bahn geöffnet, Für diese Jugend' müßten Vereine und Organisationen sorgen. Wohl sind viele in Turn* und Sportvereinen gesammelt, doch ge* schieht hier für die jüdische Erziehung viel au wenig oder gar nichts. Geringe Beachtung hat man bis jetzt bei uns den Gesangvereinen geschenkt, die durch die gemüts* bildende Pflege der Musik großen Einfluß auf die Jugend gewinnen könnten, Durch Fortbildungskurse, Votträge, Bibliotheken, durch gesellschaftliche Veranstaltungen aller Art müßte dafür gesorgt werden, daß diese Jugend den Zusammenhang mit dem Judentum nicht verliert. Von irgend einer Seite_ wird map jeden jungen Juden packen können. Hiezu einige Vorschläge. Zu diesem Zweck müßte in jeder Gemeinde ein J u g e n d r e f c r a.t geschaffen werden, welchem nicht nur Mitglieder des Vorstandes, sondern auch andere inte?* essierte Personen beizuziehen sind. Auf jeden Fall ge* hören der Rabhiner und die Lehrer dazu, ebenso die Ver* treter der Turn* und Sportvereine. Ein Kataster der jüdi* sehen Jugend ist anzulegen. Die Jugend ist einzuberufen und sind in Gemeinschaft mit ihr alle Fragen, alle Mög* lichkeiten und \V~ge der jüdischen Bildung zu erwägen. Daneben muß auch eine Fürsorgeaktion für die Notleidenden einsetzen, überhaupt eine das gesamte Leben umfassende Einflußnahme, Der junge jüdische Mensch muß sich geborgen fühlen. Wie weit darin vor* zugehen ist, bestimmen die örtlichen Verhältnisse. Man wird Einwendungen machen, das alles koste viel Geld, der Erfolg werde nicht mit der aufgewandten Mühe in Einklang stehen, die Jugend werde überhaupt nicht kommen, wir könnten mit den anderen Organi* sationen nioht konkurrieren, und vieles andere mehr. Na* türlich, der Weg ist nicht leicht, es werden viele Wider* Stände zu bewältigen sein. Der Erfolg wird sich nicht gleich einstellen, man wird viele Enttäuschungen und auch ' Undank erleben, mian wird auf Unverständnis stoßen. Aber doch muß diese Arbeit in Angriff genommen wer* den, soll nicht alles verlorengehen. Es ist ein Ruf in zwölfter Stunde. Verkennen wir den Ernst der Situation, dann sind wir mitschuldig am gänzlichen Verfall des Judentums. Abgeschminkt. Das Organ der ungarländischen Assimilanten „E g y e n 1 ö s e g" wird in der letzten Zeit von starkem Mißgeschick verfolgt. Seit Monaten führt dieses Blatt eine ständig gewordene Rubrik über angesehene Schauspieler, Schauspielerinnen und Künstler jüdischen Glaubens, die trotz ihrer großen Kar? riere ihrem Judentum, „treu" geblieben seien. In rührseliger Form wird dargetan, wie diese Lieblinge des ungarischen Judentums außerhalb ihres Künstlerberufes an nichts anderes, dächten, als sich als Juden und Jüdinnen zu betätigen. Diese Betätigung wird, im Sinne des Assimilantentujns geschildert, weil das' Blatt der Meinung ist, durch solche Beispiele auf die große jüdische Masse zu. wirken,; die immer mehr die Flucht aus dem Judentum ergreift, Gegenwärtig ist die jüdische Schau* Spielerin Franziska G a 1,. recte Süberstcsin, der Liebling des Theaterpublikums, und schon hatte ein Lokalreporter des „Egyenlöseg" in gewohnter Weise Franziska Gal*' Silber stein seinen Lesern als einen Ausbund jüdischer'Religiosität präsentiert. Es war tat* sächlich schön zu lesen, wie Franziska Gal, die Tochter eines jüdischen Lehrers, es niemals versäume, am Freitagabend Probon und andere * Verpflichtungen ihrem Theater gegenüber im $tiqh§ m lassen, um in ihrem Ofner Heim die S a b b.a t k e r z e n zu entzünden, Auch sonst hat die gefeierte Künstlerin niemals vergessen, daß sie „eine würdige Tochter Israels'' ist und als Muster und Beispiel für die Wankelmütigen dient. Und nun komm*-das Pech des „Egy-enlc-seg". Die in allen Tonarten verhimmelte Künstlerin, bat jjich das Lob' des Assimllantenblattes so sehr ztj Herzen ge* nommen, daß sie eines Freitags abends wohl nicht nach Hause eilte, um-.die S;abbatkerzen zu entzünden, sondern zum katholischen Pfarrer, um die letzten Vorbereitungen für den Uebertritt zum katholischen Glauben zu treffen, nachdem sie im Ofner Rabbinat ihren Austritt aus dem Judentum offiziell angemeldet hatte. Dieser Religionswechsel, der gefeierten jüdischen Künstlerin, Tochter eines jüdischen Volksschullehrers, ist um so. abstoßender, als er weder mit wirtschaftlicher Not noch auch mit seelischen Komplexen irgend etwas zu tun hat. Franziska Gal gehört v\ den bestbesahlten Stars der Budapester Theater. Auch sonst ist die ehe* malige Franziska Silberstein mit allem versorgt. Dieser Uebertritt beweist bloß, daß es mit dem Judentum dieser der „Egyenlöseg/'*Schule angehörenden Juden und Jü* dinnen nicht weit her ist und daß sie es eher vertragen, Wochen-Kalender Mai 1930 TW mn Siwan 5690 13 Freitag 17-r Sabbatoirgany 7.43 14 Samstag 13-m Sabbarau8oaflg 8.42 nnew \n m&en nnrcyrg 11 Sonntag 19-»^ 16 Montag 20-3 17 Dienstag «1-ie 18 Mittwoch 22~33 . 19 Donneretag 23-33