Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 143 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 143 DIE NEUE WELT Seite % ffioschee „oder eines ähnlichen Gebäudes" (ein Geschenk der Jeschiwa Torat Chajim, lange vor dem Kriege gedruckt). Dieses Bild sollte als Beweis dafür dienen, daß die Juden die Omar-Moschee erobern wollten, und auch der Mufti sagte aus, er habe aus diesem Bild ersehen, welche Absichten die Juden in bezug auf die Heiligen Stätten verfolgen. Die Kommission sagt zwar, sie könne sich nicht vorstellen, daß der Mufti oder ein anderer gebildeter Araber in den Bildern so etwas hätte sehen können, begnügt sich aber mit dieser psychologischen Feststellung. Die arabische Zeitung „Ul Jaraca u 1 A r ab i y a h" vom 1. November 1928 brachte nun schon dieses Bild mit der Unterschrift „Jüdische Ansprüche auf Omar- und J'elscnmoschec". Es gelang dieser Zeitung, die auch die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Z i o n" veröffentlicht hatte, ein Instrument zur Aufpeitschung religiöser Leiden schuften herzustellen. Am 11. Oktober 1928 bxaehte das gleiche Blatt eine Erklärung des Mufti, in der er sagte, daß die Juden sich in den Besitz der El A k sa -M os che e setzen wollen, von der die Klagcmnucr ein untren nbarer Teil sei. Hierauf folgte die Gründung eines arabischen Komitees zur „Verteidigung des Burag" (Klagemauer) gegen die jüdischen Aspirationen, und aufreizende Artikel der arabischen Presse begleiteten diese Gründung. Hiemit begann die Verschärfung der Beziehungen. Auf diesem Wege ging es weiter. Die Araber begannen, in der unmittelbaren Nähe der Klagemauer zu bauen und ließen nun einen Muezzin fünfmal täglich zum Gebet rufen, ferner die im Bericht euphemistisch als Musik bezeichnete Zeremonie des „Zikr" einführen. Die Schuld des Mufti. Das Memorandum widerlegt nun die Behauptung des M u f t i, daß die Juden keinerlei Rechte zu Gottesdiensten an der Klagemauer hätten und geht dann dazu übei% die Frage der Verantwortlichkeit an den Unruhen selbst zu erörtern. Die jüdische Demonstration vom 15. August (Tischa b'Aw), die im Kommissionsbericht als der kritische Zeitpunkt bezeichnet worden ist, war, so unklug sie gewesen ist, eine Folge früherer Provokationen. Da sie von den Behörden genehmigt worden war und sie sich in den Grenzen dieser Genehmigung gehalten hatte, muß die Verantwortung hiefür völlig der Verwaltung zugeschrieben" werden. ..." Der Bericht konstatiert ausdrücklich,, daß die Unruhen in der Form eines arabischen Angriffes auf Juden aufgetreten sind, so daß unzweifelhaft die Juden an dem aktuellen Ausbruch keine Verantwortung haben. Die Frage der Verantwortlichkeit der moslemitischen Behörden behandelt der Bericht in dem Abschnitt „Beschwerden gegen den M u f t i" und kommt zu dem Schluß, daß „der Mufti ähnlich wie manche andere, die direkt oder indirekt mit dem Gefühl der palästinensischen Bevölkerung ihr Spiel trieben, einen Teil der Verantwortung für die Unruhen trage". Dennoch hebt die Kommission sorgfältig hervor, was den Mufti entlastet.' Zweifellos steht aber fest, daß der Mufti, als Präsident des Moslemitischen Oberrates ein bezahlter Beamter der Paläs t i n a-V c r w a 11 u n g (Sliiels dm Unterhaus, 9. April 1930), trotzdem bei den antijüdischen Ausschreitungen von 1929 einen lebhaften Anteil hatte und aus seiner schärfsten Opposition gegenüber den im Mandat übernommenen Verpflichtungen, die Balfour- Deklaration durchzuführen, kein Hehl gemacht hat. An dieser Einstellung eines bezahlten Regielungsbeamten findet die Kommission offenbar nichts auszusetzen. Die Kommission spricht den Mufti von einer direkten Schuld frei aus mehreren Gründen, die das Memorandum widerlegt. Zweifellos hat die Hetze sich des Motivs der angeblichen jüdischen Aspirationen auf die Heiligen Statten der Moslems bedient; diese Behauptung ist ebenso zweifellos grundlos. Wenn also der Mufti und die moslemitischen Behörden schuldlos an dieser Hetze sind: Wo sind die Schuldigen? Wer hat auf diese Weise den gewaltsamen Ausbruch der Leidenschaften auf dem Gewissen? Die Arabische Exekutive, deren Mitglieder sehr starken Anteil an der Aufpeitschung der Stimmung hatten, wird von Schuld freigesprochen, wobei ein feiner Unterschied zwischen der schuldlosen Körperschaft und den e i nzclnen Mitgliedern gemacht wird. Weniger sympathisch behandelt man aber die Zionisten, als deren politischer Vertreter gleichzeitig mit Sacher auch Jabotinsky erscheint, obwohl dieser ja nicht einmal Mitglied der Leitung ist, sondern Führer der Opposition gegen die Exekutive. Zusammenfassend kann aus dem Bericht festgestellt werden: Während der Woche vor den Unruhen verstärkte sich die arabische Aktivität, die Propaganda, an der führende Moslems beteiligt waren, verschärfte sich, Agitatoren forderten in der dritten Augustwoche die Bevölkerung in verschiedenen Lanfumif* Die führende schwedische Weltmarke Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen desteilen auf, nach Jerusalem zu kommen, von den unbedeutenden Zwischenfällen des 15. und 16. August wurden übertriebene Berichte verbreitet, hierdurch wurde der Rassenhaß zum Konflikt getrieben, die, Wähler der Arabischen...:Exekutive haben ohne Zweifel eine aufhetzende Tätigkeit entfaltet, aber ■<— für all das war niemand verantwortlich. Zahlreiche Zeugenaussagen (Polizei-Offizier O'Rourke, Distrikts-Offizier Miller, Anigley, Riggs) bestätigten die Art der Agitation und den Charakter der nach Jerusalem gebrachten Menschen. Ist danach ein „spontaner Ausbruch" glaublich? Aber die Kommission hält nach allen ihren eigenen Feststellungen planmäßige Vorbereitung nicht für erwiesen. Major Saunders ist Zeuge dafür, daß Handwerker eigens Knüppel mit eingeschlagenen Nägeln am Kopfteil hergestellt haben, mit denen der Mob am 23. August in Jerusalem eingezogen ist. Am 22. August hatte in der Umgegend von Nablus ein Brief mit der Unterschrift des mochten ganz gern photographieren — aber Sie wissen nicht recht, was Sie für eine Kamera nehmen sollen. Ob zunächst eine einfache, ganz billige, oder gleich etwas Besseres. Verlangen Sie kostenlos den großen Voigt« länder-Hauptkatalog Nr. 32, dann wird Ihnen die Wahl leicht. Ob es eine Volgtlttnder zu 74 S oder zu 800 S ist, eins ist sicher: Sie haben «ine Kamera, auf die Sie stolx sein dürfen tmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmtmmmmm Schering-Kahlbaum A. G., Repr. Wien VI, Webg. 2 a Mufti zirkuliert: „Am 23. August wird es zum Kampf zwischen Juden und Moslems kommen. Alle Moslems haben zur Hilfe nach Jerusalem zu kommen. Friede mit euch und eurer Jugend!" Die Unterschrift des Mufti soll gefälscht sein, aber die Kommission hat nicht festgestellt, von Wem die Fälschung herrührt, jedenfalls von jemandem, der wußte, daß es am nächsten Tag losgehen würde. Ebenso war die Stimmung in Jaffa am 22. August so aufgepeitscht worden, dafi der .Polizeichef verstärkten Patrouillen-Dienst einrichtete. Die Schuld der Palästina-Regierung. — Lukes Rolle. Es ist zunächst charakteristisch, daß die Kommission die Frage der Verantwortlichkeit der Verwaltung unter dem Titel „Beschwerden der zionistischen P a 1 ä s t i n a-E x c k m t i v e" behandelt, als ob bei Unruhen, in denen 450 friedliche Bürger getötet und verwundet wurden, nicht ohne besondere Beschwerden die Frage eines Verschuldens der Verwaltung hätte untersucht werden müssen. Zweifellos ist der Sicherheitsdienst sowohl numerisch wie bezüglich der Zulässigkeit der arabischen Polizisten seiner Aufgabe nicht ge wachsCn gewesen. Jerusalem niit seinen 80.000 Einwohnern hatte 70 'englische-'Polizisten, und schon die Haycraft-Kommissioii von 1921, deren Mitglied Liike war, hatte festgestellt, daß die einigoboirenen Polizisten- „halb vorgebildet und entweder indifferent oder Mittäter, wenn nicht Anführer bei den Gewaltakten waren". Jetzt hat derselbe Luke keineswegs die nötigen Mittel ergriffen, die verfügbaren verläßlichen Truppen zusammenzuziehen. Er hatte auch vorher nichts getan, um der gefährlichen Propaganda ein Ende zu machen^ Er hat den bekannten Z w i s c h e nfall am Versöhnungstag dadurch verschärft, Andersen und die Juden. Von Pierre Paraf (Paris). Das kleine Land Dänemark feierte vor kurzem seinen großen Dichter; in den Straßen Kopenhagens defilierten 70.000 Kinder (sidier fehlte kein einziges aus der ganzen Stadt!), um den 125. Geburtstag Andersens zu feiern. Vor der Statue der kleinen Wasserjungfrau, der rührendsten Gestalt seiner Märchen, dankten sie dem Märchenkönig, der in die Kiuderherzen der ganzen Welt so viel Träume geschüttet hat, die oft wahrhaftiger sind als die Wirklichkeit. Andersen gehört der Menschheit. Schon darum darf uns sein Andenken nicht unberührt lassen. Aber von unserem speziellen Gesichtspunkt aus wollen wir doch audi wissen, inwieweit sich der Ruhm des Dichters mit dem Judentum direkt berührt. Weitab liegt das neblige Skandinavien von dem leuchtenden Land Palästina; als Kind hat Andersen in einer Legendenwelt gelebt, die nidit die unsere ist: inmitten von kleinen Elfen, die am Ufer der Teiche singen, an tiefen grünen Meeren, in denen Eisblöcke schwimmen, auf den sagenhaften grönländischen Inseln, wo die Bauern, bis an die Nase im Peke eingehüllt, auf Eisbä* und Seehund Jagd machen. Aber außer diesen phantastischen Visionen bevölkerten noch andere Gestalten die Seele des kleinen Andersen; auch unsere Bibel gehörte zu seinem täglichen Leben. Es war der Sohn eines protestantischen Bauern, dem die Religion ganz besonders wichtig war, und der das Alte Testament ebenso andächtig liebte wie die Evangelien; so kam es, daß der kleine Junge sonntags in der Kapelle des Dorfes unsere Psalmen sang, über der Geschichte unseres Volkes weinte und sich an unseren Triumphen erfreute. Auf dem Wege seiner religiösen Erinnerungen kommt er dazu, uns zu verstehen. Durch seine Ueberempfindlidikeit, seinen unruhigen Lyrismus, sein ständiges Heimweh nach der Vergangenheit, seine zitternde Erwartung der Zukunft kommt er dazu, uns zu lieben. Wenn man die Klagen der Romantiker ihrer literarischen Ucbertreibungen und ihrer kranken Schwärmerei entkleidet, entpuppen'sie sich bald als verdrängter Messianismus. Für Israel war das „Weh des Jahrhunderts" um 1830 ein Weh aller Jahrhundertc. Zur Zeit Andersens war in Dänemark der A n l isemitismus fast unbekannt, und die Juden waren noch lange nidit assimiliert; die getreue Befolgung. der Riten trennte sie von der Umwelt. Mit einem Gemisch von Neugierde, U e b-c r r a s ch u n g und Respekt beobaditete man diese klugen Bohemiens, die ein unerbittliches Ideal in einer Gesetzesrolle mit sich trugen, deren Arbeit, Ernährung und Kleidung sich von derjenigen der anderen Mensdien unterschied, die merkwürdige nialerisdie Feste feierten, sich in weiße Tüdier hüllten und an bestimmten Tagen des Jahres Zelte erriditeten, die sie mit Laub und Blumen bedeckten. Man behauptete wohl, es sei ein verfluchtes Volk; aber diese Angehörigen eines verflüchten Volkes erwiesen sidi als sehr anständige Mensdien. Alle, die man kannte, waren fromm und wohltätig. Sie brachten den ganzen Zauber, alle Farben des Orients mit sich. Im ganzen betrachtete man sie mit einer gewissen Distanz, welche die Religion auferlegte, aber nicht ohne aufmerksame Sympathie. All das empfand auch der junge Hans Christian Andersen. Er war sensitiver als seine Landsleute, gierig nach Wundern und Unbekanntem und er b e w u nderte und beklagte die Luden aus tausend Gründen. Die Erinnerung an Israel findet sich oft, wenn auch nicht in seinen Märchen, so doch in seinen intimeren Werken, in seinen Memoiren und seinen Romanen, die alle den Charakter einer Autobiographie tragen. Ganz abgesehen von jener einen Geschichte aus dem „Bilderbuch ohne Bilder", „Die Wiege der Rothschild s'\ zeigen alle Werke Andersens seine Sympathie für die Juden. In „IIans im G1 ück" kommt ein jüdischer Professor vor, der den Talmud unterriditet. Die „Improvisation" beschäftigt sich mehrmals und ausführlich mit dem römischen Ghetto. Und seih berühmtester Roman: „Nur ein Geiger", dessen erste französische Uebersetzung erst 1927 erschien, geht noch Aveiter. Die Heldin Noemi ist eine Jüdin, oder wenigstens eine Halbjüdin, denn ihre Mutter, die sie nie gekannt hat, war eine Tochter Israels. Hat Andersen uls Kind dieses Märchen geliebt, diese schwarzhaarige Noemi mit den „intelligenten Augen einer Gazelle', die inmitten der Blumen eines wilden Gartens lebte, in dem Geißblatt und Akelei wucherten? Ist die Hand des kleinen Jungen heimlich in das Loch der Mauer geschlüpft, die das einfache Haus seiner Eltern von dem reichen Nachbarhaus trennte, und ist ihm dort die Hand der jungen Jüdin entgegengekommen? Haben wohl beide zusammen Erdbeeren gepflückt und in dem Gartenhäuschen mit den roten Fensterscheiben gespielt, in denen die Sonnenstrahlen rote Feuersbrünste entfachten? Hat er bei dem gemeinsamen Spiel Augen und Mund verpfändet und wurde er dabei — gerade in dem aufregendsten Moment — von seiner Mutter überrascht, die ihn mit einer mächtigen Ohrfeige aus seinem Kinderparadies verjagte? Auf dem Dache des Hauses von Noemis Großvater hatte ein Storch sein Nest gebaut: „Wie nur gerecht, auf dem Dache eines J u d e n'\ sagt Andersen, „denn überall, wo dieser Vogel nistet, bringt er Glück mit sich". Und trotzdem war kurze Zeit später das reiche Heim nur noch ein Aschenhaufen. Der alte Mann kam in den Flammen um und Andersen läßt seinen alten Diener Joel folgende Grabrede sprechen: „Du glücklicher Sohn aus der RasseSalomos! Die Schürze einer armen Frau soll dir als prächtiges Leichentuch dienen. Wehe! Keine Tochter Israels wird deinen Körper waschen; die roten Flammen haben das schon besorgt. Das Feuer ist trockener als das Laub,