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Die neue Welt · 1930-06-06 · Heft 142 (6.6.1930) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 142 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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( Ml 6 DIE NEUE WELT Nr. 148 1 Mb SIEGM. KORNMEHL aROSSFLEISCMHAUIREI Zentrale IX.. Berggawe 19, Telephon 17-3-99 u. 16-9-34 Lieferant tu r Heilanstalten J^^^^SSSmmLläSäiä^L •ttter Aufsieht des Ehrwürdigen Rabbinat* der Iar. Kultusgemeinde Wien Autoaustelluits fcattenfo* IX«, B*tf§Mte IS ✓ XVIItf., Wahringarttr. 91 Kommt ein Bodenkaufverbot in Palästina? Nachdem die englische Regierung in Befolgung des verlogenen Shaw-Berichtes und im Gegensatz zu den Bestimmungen des Palästina-Mandates die Einwanderung jüdischer Arbeiter nach Palästina gesperrt hat, werden BefÜrchturigen laut, daß audi Maßregeln zu erwarten seien, welche den Kauf von Boden in Palästina behindern oder unmöglich machen. Alles unter dem Vorwande, die „eingeborene Bevölkerung" zu schützen. * Jerusalem, 30. Mai. Das Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds (Keren Kajemeth Lejisrael) veröffentlicht eine Kundgebung über die gegenwärtige Lage, in welcher der Befürchtung Ausdruck gegeben wird, daß es zum Erlaß eines Dekrets gegen Bodent ransaktiooen kommen könnte. Nach einem kurzen Hinweis auf das die Einwanderung verbietende Dekret, da« in Widerspruch steht zum Mandat, wird ausgeführt: Die ganze jüdische Bevölkerung von Erez Israel 1 ist empört über diesen neuen Angriff auf unsere elementaren Rechte. Abgesehen von der Härte, mit der es uns trifft, weckt das Dokument Besorgnis hinsichtlich der Zukunft. Wer weiß, ob dieses Dekret das letzte sedner Art oder ob es nicht gar das erste in einer Reihe ähnlicher Dekrete ist? Besonders ist die Befürchtung rege, daß ein Dekret gegen Bodenkauf erlassen werden könnte. Unser Wunsch nadi nationaler Existenz und unser Recht auf eine soldie Existenz sind unauflöslidi mit unseren Rechten in Palästina verbunden, die uns keine Macht der Welt nehmen kann. Wir glauben, daß ein Volk, dessen ganze Gesdxichte — ungeachtet aller widrigen Verhältnisse und aller Hindernisse — eine einzige Schnsudit nach Erez Israel war, audi jetzt alle ihm in den Weg gelegten Hindernisse überwinden wird. Mit solcher Gewißheit im Herzen müssen wir der Wirklichkeit ins Auge blicken und dürfen in dieser Stunde der Prüfung nicht < den Rückzug antreten; nein, wir müssen uns mit Kraft und Zähigkeit wappnen. * Die Staatsländereien in der Jordanebene. Im Jahre 1921 hatte die palästinensische Regierung durch das bekannte Ghor Mudawwara-Abkommen umfangreiche Staatsländereien in der Jordanebene zu günstigen Bedingungen an Beduinen und Fellachen zwecks Kultivierung abgetreten. Die Empfänger dieser Ländereien haben den ihnen zugewiesenen Boden vielfach verkauft, resp. zum Verkauf angeboten. Von jüdischer Seite wurde daraufhin die Bodenpolitik der Regierung bezüglich dieser Staatsländereien scharf kritisiert. Nunmehr veröffentlicht die Regierung unter Bezugnahme auf jene Bodenverkäufe eine Mitteilung, nadi der sie alle solche Bodeniiibertragungen nicht anerkennen wird, die nidit die Bestimmungen des genannten Abkommens über den Weiterverkauf des Landes erfüllen. . Da bei ihr Vorstellungen erhoben wurden, daß die Zahlungsfrist von 15 Jahren, innerhalb deren der Kaufpreis zu zahlen ist, ziu kurz sei, ist die Regierung bereit, in gewissen Fällen die Zahlungsbedingungen dadurch zu modifizieren, daß die Frist von 15 auf 20 bis 30 Jahre erweitert wird, allerdings nur unter der Voraussetzung einer peinlidien Befolgung der übrigen Bestimm ungen. Nach den Bedingungen des Abkommens darf eine Uebertragung des Landes nicht stattfinden, bevor der ganze Kaufpreis bezahlt ist. Die Regierung ist bereit, auch diese Bedingung aufzuheben und einer Uebertragung zuzustimmen, wenn der Verkäufer den Nachweis erbringen kann, daß er nicht in der Lage ist, den ganzen Besitz zu bearbeiten, ferner genügend Land für seinen Unterhalt und den seiner Familie zurückbehält und schließlich das Land auf solche Personen überträgt, die von der Regierung bestätigt wurden und deren Absidit es ist, den Boden intensiv zu bearbeiten. Ohne ausdrückliche Zustimmung der Regierung darf jedoch keine Landaber tragmng stattlinden. Gesuche um Genehmigung zur Landübertragung müssen an den Leiter des Land-Departements in Jerusalem gerichtet werden und eingehende Details über die Art der beabsichtigten Transaktion und ihre Gründe enthalten. * D«r Fall beleuchtet so recht die heuchlerische Politik der Palästina-Regierung. Den „landarmen" Arabern wird Regierungsland :zu einem Spottprek, der audi erst in 30 Jahren zu zahlen ist, geschenkt. Die Jandhungrägen" Araber gehen dann her und verkaufen ihn zu viernnd fünffachem Preis an Juden, denen doch laut Mandat die gleichen Rechte zustehen wie den Arabern. Nun trifft die Regierung Maßnahmen, welche darauf berechnet scheinen, dem Unfug zu steuern. Dem Anschein nach! Denn in Wirklichkeit steht zu befürchten, daß alle Maßnahmen nur getroffen werden, um den Juden den Bodenkauf zu erschweren. Jüdische Kommunisten haben die jüdischen Kolonien im Rayon Kalinindorf ruiniert. Berlin, 2. Juni. Herr Joseph Rosen, der Direktor des amerikanischen Agro-Joint für Rußland, ist nadi einer sechswöchigen Reise durch die jüdischen Kolonien der Krim und der Ukraine in Berlin eingetroffen. Er teilte einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur mit, daß die jüdischen Kolonisten in diesem Jahre eine gute Ernte erwarten. Eine Ausnahme macht der Rayon Kalinindorf, der erste jüdische autonome Rayon, wo die jüdischen Kommunisten in den Monaten der „großen Kollektivisation" u n g 1 a u b 1 i c h gewirtschaftet und die jüdischen Kolonisten an den Rand des Ruins gebracht haben. Es wird noch eine lange Zeit vergehen müssen, bis die verarmten und sdiwer enttäuschten jüdischen Bauern dieses Rayons sich von diesem Schlag erholen Werden können. Die jüdischen Kommunisten im Rayon Kalinindorf haben die Resultate der jüdischen Kolonisation der letzten Jahre auf einmal zunichte gemacht. Die jüdischen Kolonisten des Kreises Kalinindorf sehen einer mageren Ernte entgegen und sind seelisch niedergebrochen. Im Rayon Kalinindorf, wo die Lage unerträglich geworden ist, erklärte Dr. Rosen auf Befragen des J. T. A.-Vertreters, hat fast die gesamte Jugend die Kolonien verlassen. * In die Kolonien des Rayons Kalinindorf haben die amerikanischen Juden viele Millionen gesammelter Gelder, hineingesteckt. Die Sammlungen hatten eine Spitze gegen Palästina und gegen den Zionismus. Man sprach von der „teueren" Kolonisation in Palästina und von der „billigen" in Rußland. Nun muß einer der Führer der Bewegung, Dr. Rosen, zugeben, daß die Millionen verloren sind und die Sache so gut wie aussichtslos ist. Aber trotzdem wird weiter gesammelt. Sammeln sdieint wirklidi die Haup-tsäche und die russisdien Juden scheinen Nebensache zu sein. Antisemitisches aujsLjiler Tschechoslowakei. Mit Erlaß des Unterrichtsministeriums vom 4. Oktober 1929 ist die Neuauflage des alten, schön zü' Zeiten der österreichischen Monarchie verwendeten „Lehrbuches für Geographie" von Krejci für den Gebrauch an den staatlichen Lehrechulen geeignet erklärt worden. Das Lehrbuch enthält Aufsätze über die in der Tschechoslowakei wohnenden Nationen und Religionsgemeinschaften. Ueber die Juden die jüdische Nation und Religion, wird nicht viel berichtet, und das Wenige ist nicht schmeichelhaft. Auf Seite 33 heifit es: „Vorderasien ist die Wiege der christlichen und m o h a mm edani sehen Religion." Von der jüdischen Religion kein Wort! -Dafür steht auf Seite 90 geschrieben: „Die Slowaken konnten sich dem j ü d i s c h e n Einflüsse bisher nicht entziehen. Es gibt kaum eine slowakische Ansiedlung. wo nicht Geschäft und Gasthaus in den Händen der Juden wäre. Die Juden haben in der Slowakei den größten Besitz!" Auf Seite 92: „In Podkarpadska Rus sind die Ruthenen bisher den Juden und magyarischen Großgrundbesitzern versklavt." Auf Seite 31: „Es wohnen unter den Polen viele Juden, welche Handel und Industrie beherrschen und das Landvolk aussaugen." Das sind die Beziehungen zum Judentume, welche der tschechische Staat seinen Schulkindern schafft. Dabei ist Masaryk Präsident! * Der tschechisch-klerikale Abgeordnete M y s 1 ivec richtete in der Sitzung des Abgeordnetenhauses heftige Angriffe gegen die Juden. Myslivec führte u. a. aus: Die Finanzorgane sollten die Mittel überwachen, mit denen Vermögen erworben und oft zu Millionen angehäuft werden. Den Finanzininister dürfte es interessieren, daß nach den Bestimmungen des Gesetzes Mose sich jede Familie im Gnadenjahre in den Besitzstand zurückversetzte, in dem sie im vergangenen Gnaden jähre gewesen sei. Gemeint ist das „J u b e 1 j a h r" des alten Testaments. T>iese Verfügung verhütete weise die Anhäufung von Besitz in der Hand weniger. Der Redner habe nichts davon gehört, daß dieses Gesetz für die Bekenner der Religion Mose widerrufen worden sei. Der Finanzininister sollte sich dafür interessieren, in welchen Vermögensverhältnissen die Angehörigen dieser Konfession im letzten „Gnadenjahre" seien. Die thüringische Regierung lehnt die Zurückziehung der Haßgebete gegen die Juden ob. Berlin, 30. Mui. (J, T. A.) Die thüringische Regierung hat beschlossen, von einer Zurückziehung der „Schulgebetsverordnung", die vom Reichsinnenminister Dr. Wirth gefordert wurde, abzusehen. Thüringen überläßt es dem Reichsinnenministerium, in dieser Angelegenheit die Entscheidung des Staatsgerichtshofes anzurufen. niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiw Zloolsten - Ref isienlstea Oestirreit Montag« den 9. Juni 1930 um 7,9 Uhr abends im Cafe „Arkaden", I., Universitätsstraße, Versammlung Thema: Ordentlicher oder außerordentlicher Kongreß t Redner: B. LubOtzkl Anschließend Diskussion. Gäste willkommen. Vor dem Wiedereintritt der Brandeis-Gruppe in die Zionistische Organisation. Washington, 30. Mai. (J. T. A.) Das Administrative Comm-ittee der Zionistischen Organisation Amerikas hat ein aus Dr. James Heller, Rabbi Israel Goldberg, Dr. Natham Ratnoff und David Freiberger bestehendes Komitee beauftragt, mit Oberstrichter Louis D. Brandeis, der nach dem Kriege mit einer Gruppe führender Zionisten aus der offiziellen Zionistischen Organisation ausgetreten ist und eine eigene Palästina- Arbeitsgruppe gebildet hat, Verhandlungen über den Wiedereintritt Braudels* und seiner Freunde in die offizielle Organisation anzuknüpfen. Das Komitee ist nun zum zweiten Mal mit Brandeis zusammengetroffen. In Verfolg dieser Versprechungen haben Oberstriditer Louis D. B r a n d e i s, Richter Julian W. M a c k, Jacob de Haas und Robert Szo 1 d ein Statemeint unterzeichnet, in welchem die völlige Reorganisation der Zionistischen Organisation Amerikas als Bedingung ihres Wiedereintrittes in dieselbe gefordert wird. In dem Statement wird ein Interimsregime bis Ende dieses Jahres gefordert; die im Juni stattfindende Konvention der amerikanischen Zionisten soll eine Leitung aus neutralen Persönlichkeiten, unter Ausschluß der jetzigen Exekutive wie der Brandeis- Gruppe, wählein. Im dem Statement wird Nachdruck darauf gelegt, daß die Brandeis-Gruppe keinerlei Propaganda betreiben wird, um die Annahme ihres Vorsdilages durch die Konvention zu sichern. Wie der Tisza-Eszlarer Ritualmordprozeß entstand. ''*'' Vor wenigen Tagen starb in Budapest Frau Scharf, die Witwe des Hauptangeklagten in dem scheußlichen Ritualmordprozeß von Tiszla-Eszlar. Ein Jahr früher ist ihr der Stiefsohn Moritz Scharf vorausgegangen. Moritz hat als Kind gegen den Vaier und das Judentum als Zeuge gedient. Nunmehr lebt noch ein Zeuge, der 78jährige Adolf Deutsch. Aus dem Anlaße des Todes der Witwe Scharf wird uns geschrieben: Vor einem Jahre etwa starb der Kronzeuge des Tiszla-Eszlarer Ritualmordprozesses Moritz Scharf, dessen Aussagen gegen seinen Vater seinerzeit die ganze Welt in Atem gehalten haben. Nach schwerer aufklärender Arbeit der Verteidigung konnte der Knabe Moritz der Beeinflussung der Erfinder des Ritualmordmärchens entzogen und dadurch auch festgestellt werden, daß eine ganze antisemitische Maffia am Werke war, um durch ein falsches Geständnis des Kindes gegen den Vater den Ritualmord an dem Christenmädchen Esther Solymossy auch in den aufgeklärtenKreisen glaubhaft zu machen. Vor kurzem nun erschienen die „Erinnerungen" aus jener schrecklichen Zeit, die den letzten noch lebenden Prozeßzeugen, den 78jährigen AdolfDeutsch zum Verfasser haben. Die einzelnen Details, die Deutsch in Erinnerung bringt, enthalten im Wesen nicht viel neue Momente. Aufreizend wirkt jedoch auch heute noch das, was Deutsch Yon den Vorgängen hinter den Kulissen zu erzählen weiß, und ganz besonders die Episoden, die eigentlich der psychologische Grund dafür waren, daß der Tisza-Eszlarer Ritualmordprozeß in seiner ganzen haarsträubenden Form in Szene gesetzt wurde. Diese Stelle aus den „Erinnerungen" sei hier wiedergegeben; ........Die Luft war verpestet, voll Gewitterspannung. Es ist gar kein Zweifel, daß die Ritualmordgeschichte in Begleitung einer Massenbewegung zum Ausbruch kommen mußte. Aber warum gerade in Tisza-Eszlar, in dieser staubigen, kulturlosen, von jedem modernen Verkehr abgeschnittenen Gemeinde des Szabolzser Komitates? Was waren wohl die persönlichen und sachlichen Gründe, welche diese Gemeinde in den Mittelpunkt der Weltsensation gerückt haben? Warum mußten die wenigen in dieser Gemeinde wohnenden jüdischen Familien den Mittelpunkt von unmenschlichen, kaum ertragbaren Leiden abgeben? Bei der Aufzählung der in Betracht kommenden Persönlichkeiten muß der Oberstuhlrichter Geza Onody, ein jähzorniger, hemmungsloser Ritter der Gewalt, an' erster Stelle genannt werden. Sein Name wird lange, lange Zeit den Juden unvergessen bleiben. Dieser Oberstuhlrichter Onody von Tissja-Eszlar befahl an einem Donnerstag den alten Schneider des Dorfes Isaak Weiß zu sich. Zitternd stand der alte bärtige Mann vor dem berüchtigten, gewaltigen Vertreter der Macht und ohne ein Wort sprechen zu können, vernahm Weiß den keinen Widerspruch duldenden Befehl des Oberstuhlrichters: „Bis Samstag früh haben für meine zwei Burschen zwei geschnürte Anzüge fertiggestellt zu sein!" Ein

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