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Die neue Welt · 1930-06-06 · Heft 142 (6.6.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 142 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 142 DIE NEUE WELT d e f V o 1 k s p a r t e i, in dieser gefahrvollen Lage das Schiff führen 2u dürfen. Dieses Schiff, das Raum haben soll für alle Juden, ob rechts, ob links, ob arm, ob reich, in dem es keine Bedrücker und keine Unterdrückten, in dem es nur Gleichberechtigte geben soll." * In Berlin hat es sich erwiesen, daß einzig und allein die restlose Demokratisierung, das allgemeine Wahlrecht .die Judengemeinde aus dem Vegetieren zur Blüte führen kann. Die zionistischen Führer im Kampfe um die Berliner Judengemeinde haben es verstanden, die Aufmerksamkeit der jüdischen Massen auf die Bedeutung der Judengemeinde zu lenken und dadurch den Geist der Protektoren, der G.na d e nverteiler, der Subventions- und Untersttitzungs-» politik gebrochen. Niemand braucht um Almosen zu betteln und sich für Almosen demutsvoll zu bedanken. Heute umzieht ein großes Netz von Fürsorgeanstalten großzügigster Art, von Schulen und Lehrkursen, Kreditfnstitutionen usw. das jüdische Berlin. Eine Lehre für die Judengemeinde Wien, welche von Berlin längst überflügelt wurde, noch immer ein reaktionäres Wahlrecht hat und dank dieses Wahlrechts in kleinlicher Almosenpolitik versunken bleibt. Eine Lehre für die zionistischen Mandatare in der Wiener Judengemeinde, den aufgegebenen Kampf für das allgemeine Wahlrecht und damit für die jüdische Volksgemeinde im Sinne Theodor Herzls wieder aufzunehmen! Druckfehlerberichtigung. in der letzten Nummer der „Neuen Welt" war eine „Erklärung des Verbandes demokratischer Zionisten Oesterreichs" wiedergegeben. Es hieß darin, daß die Eingänge des K. H. „von S 252.000 in der Periode 1926/27 auf S 161.000 in 1927/28 und S 10.000 in 1928/29 gesunken sind". Nichtig soll es heißen: „und S 110.000 in 1928/29** gesunken sind". Die Zahl war im Manuskript richtig angegeben. Es handelt sich lediglich um einen Druckfehler. Der Pogromist Cuza und die Ohnmacht der Regierung, Blut und Proteste. — Der Justizminister ist beleidigt. — Die Judenheit aitf der Wacht. In der Gemeinde Nina, Bezirk Somesdi, hat sich ^— wde aus Cluj (Klausenburig) telegraphiert wird — ein furchtbares Verbrechen ereignet, das auf antisemitische Verhetzung durch Pirof. Cuza zurückzuführen ist. Der Bauer Jan Sata kam in die Wohnung des Juden Hermann E g e r und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, einen Doldi bis an das Heft in die Brust. •Eger starb an den Folgen der tödlichen Verletzung. Jan Sata Wirde verhaftet. Bei der Einvernahme durch den Untersuchungsrichter erklärte Sata, er habe dieses Verbrechen begangen, um Herrn Professor Cuza, den er sehr verehre und der zur Ausrottung aller Juden aufgefordert habe, einen Gefallen zu tun. Der europäische Leser wird unser Motto für eine dichterische Erfindung halten, für einen auf die Filmleinwand projizierten Trick der Spannung wegen. Unser Motto aiber ist nichts mehr als eine nüchterne Meldung einer nüchternen Telegraphenagentur. Durch ganz Rumänien geht neuerlich eine, antisemitische Welle. Exzessiv, pogromartig tobt sich der judenfedndliche Geist aus. Und wieder ist die gesittete europäische und außereuropäische Welt empört und wieder gibt, sie ihrer Empörung Ausdruck. In Paris hat eine Riesenkundgebung der Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus gegen die wüsten antisemitischen Exzesse in Rumänien stattgefunden. Paul Painleve, der frühere Ministerpräsident, sandte eine Sympathieibotsdiaft; die Nichtjuden Abbe VioJet, Pastor Hammel, der frühere Minister Moro- Giafferi, Pierre Bonhardi, George Piodie und der Ligapräsident Lecache, ferner Oberrafobiner Israel Levi und Rabbiner Louis Germain Levi protestierten gegen die Barbarei der rumänischen Hooligans. Die rumänische Judenheit selbst protestiert auch. Unter Vorsitz des Senators Dr. Meyer Ebner nahm fast die ganze jüdische Bevölkerung von Czernowitz in einer gewaltigen Kundgebung gegen die Bedrohung des jüdischen Leibens in den verschiedensten Teilen des Landes Stellung. Die „Union der rumänischen Juden in Amerika" hielt eine Konferenz ab und gab ihrer tiefen Besorgnis -um den Schutz des Leben« und Eigentums ihrer jüdischen Brüder in Rumänien Ausdruck. Sie warnte die rumänische Regierung vor den Folgen, welche die Ausschreitungen bei der Judenheit der gazen Welt zuungunsten der rumänischen Interessen zeitigen könnten. Neben den Protestkundgebungen laufen Interventionsversuche der jüdischen gewählten Vertreter. Der jüdische Deputierte aus Kischinew Dr. Michael Landau, der siebenibürgische jüdische Abgeordnete Dr. Josef Fischer brachten .in der Kammer, Qberra/bbdner Dr. Nemirower und Dr. Meyer Ebner im Senat Interpellationen ein, die zu erregten Debatten führten. Auch einige liberale Abgeordnete gingen die Regierung an, allerdings weniger der Juden wegen, als aus dieser Taktik gegen die Regierung Nntzen zu ziehen. Die Regierung selbst reagierte auf die Exzesse wie auf die ihnen folgenden Interpellationen, Kamnier- und Senatsdebatten so wie bisher alle Regierungen, die derlei Vorkoanannisse auf dem Gewissen hatteji, mit windigen Ausflüchten, Verdrehungen und Wegleugnen von Tatsachen, ja mit geradezu provozierenden Maßnahmen. Sie ließ durch ihre Vollzugsorgane nach einem Ueberfall der cuzaistischen Pogromisten auf eine jüdische Tiheatertruppe in Galatz, wo jüdische Besucher und Schauspieler blutig geschlagen waren, einen der Hooligans und drei Juden verhaften — ein Verfahren, das für die Rowdies Signal sein konnte, ihr blutiges Handwerk im Park von Galatz an Juden weiter m üben. In Targu Frumos veranstaltete die Cuza- Horde einen regelrechten Pogrom. Als die Juden es waigten, sich zu wehren, wurden sie nahezu in Massen verhaftet und von den Polizeiorganen furchtbar mißhandelt. Nach diesen Vorfällen, die Dr. Meyer Ebner dem Senat unterbreitete, hatte Justizariinister Nitzescu die Stirn, entrüstet zu tun und Dr. Ebner Beleidigung der Justiz vorzuwerfen, obwohl festgestellt ist, daß die Angreifer frei herumgehen und die Angegriffenen eingesperrt wurden. Natürlidi läßt die Regierung auch fürs Ausland Beschwichtigungsmanöver aufführen. Vor einem J. T. A.¬ Vertreter redet sidi der Unterstaatssekretär des Innern A n g h e 1 e s c u dahin aus, daß an den antisemitisdien Exzessen die der Regierung gegnerischen Parteien schuld seien, da sie auf Mittel und Wdge sinnen, der. Regierung Schwierigkeiten in den Weg zu legen, unterläßt es aber, zu sagen, daß die Regierung aus moralisch ebenso traurigen taktischen Gründen das antisomitisdie Treiben gewähren läßt." Das sind bloß einzelne Beispiele für das Treiben der antisemitisdien Elemente und für die Art, wie die Regierung sich daau verhaft.1'. Wir braudien nicht die unzähligen NadiricRten über Mord und Angriff auf jüdisches Leben und Eigentum zu registrieren, von der Panik ausführlich zu berichten, die die Judenheit in allen Teilen Rumäniens erfaßt hat, von der Flucht angesehener jüdisdier Bürger, die besonders bedrohte Gegenden verlassen und ihre Existenz aufs Spiel setzen. Tatsadie ist, daß es dem berüchtigten Pogromisten Prof. Cuza gelungen ist, im Bezirk Roman als Abgeordneter gewählt zu werden — unter dem Regime Man au, von dem sich die jüdische Welt, wenn schon nicht clie Erfüllung der gerechten Forderungen der rumänischen Juden (in bezug auf staatsbürgerliche Gleichstellung und Befriedigung elementarer Kulturbedürfnisse), so dodi zumindest Schutz für Leben und Eigentum erwartet hat. Cuzas Auftreten auf der politischen Tribüne, seine rüdtsidvtslose Hetze, seine sdiamlose Beleidigung, Herabwürdigung und Verleumdung der jüdisdien Religion in seinen öffentlidien Kundgebungen sind nur dadurch möglich geworden, daß die .Regier u n g.M a n i u während ihrer Amtsdauer keinerlei ernste Maßnahmen getroffen hat, der Pest des rumänischen Antisemitismus an den Leib zu rücken. Diese Unterlassung wird ihr selber zum Verhängnis. Ihre schärfsten Gegner, die Liberalen, haben die Möglichkeit bekommen, im trüben zu fischen. Nicht nur, daß die Regierung im Ausland bloß/gestellt ist, droht ihr im Innern durch die Machinationen der Liberalen, die wieder „Judenfreundlichkeit" vortäuschen können, ernste Gefahr. So mußte der rumänische Gesandte in Amerika Carol Da vi IIa feststellen, daß die Staatskredite für Rumänien unterbleiben werden, wenn die antisemitischen Exzesse andauern. Die Juden Rumäniens selbst, die bisher die Regierung unterstützt haben, mit der Maniu-Pantei Wahlbündnisse eingegangen sind, fühlen sich in ihrem bisherigen Vertrauen ersdiüttert. Das abwartende Verhalten wird sich zu offener Kampfstellung verdichten müssen. Die Judenheit Rumäniens madit sdiwere Zeiten durch. Die Judenheit der Welt wird ihr Auge nicht abwenden von ihren Volksgenossen in einem Lande, wo der. schönen Augen Cuzas zuliebe gemordet wird. Die rumänische Regierung gegen die „Fremden", das heißt die Juden. Czernowitz, 2. Juni. Das rumänische Innenministerium hat soeben einen Erlaß an die S t a d tverwaltungen der Bukowina ergehen lassen, der besagt, es sei nötig, 400 mazedo-rumänische Flucht- M*- Iblge dem Raf vielei? kaufend Ärz^e: t3iUtk tUMtA-j)^ Kathreiner. Du aiensT deiner - , Gesundheit! Au*k VemGetäindirHa&ucfa&l linge in den Städten so unterzubringen, daß die nationale Farbe der Bukowinaer Städte davon profitiere. Die Gemeindeämter sollen sich Mühe geben, in den Städten entsprechende Plätze ausfindig zu machen, wo man die Macedo-Runiänen ansiedeln könnte. Es handelt sich, heißt es in dem Erlaß weiter, um gute Kauf- 1 e u t e, die den „Fremden", die jetzt die Städte füllen, entsprechende Konkurrenz machen könnten, so daß das nationale Moment den „F r e m d e n" gegenüber gefördert werden könnte. Der Erlaß hat unter der Bukowinaer Bevölkerung ungeheures Aufsehen erregt und unter den Juden Bestürzung hervorgerufen. Es ist unzweifelhaft, daß die Regierung mit den „Fremden" das jüdische Element in den Städten meint; es handelt sich also um einen direkt antijüdischen offiziellen Erlaß. Das „Czerno witzer Morgenblatt" schreibt: „Bei der gegenwärtig herrschenden Wirtschaftskrise geraten immer mehr tüchtige und arbeitsfreudige Kaufleute in wirtschaftliches Elend, das zu bannen vornehmste Pflicht der Regierung wäre. Nun will die Regieruug den städtischen Kaufleuten eine frische Konkurrenz zuführen, die sich gegen die „Fremden" richtet'. Unter „Fremden" sind nach dem Sprachgebrauch, der in den letzten Jahren bei uns vorherrschend ist, i n erster Linie die Juden gemeint. Der Erlaß wendet sich also zunächst gegen die jüdischen Kaufleute in den Städten, die man durch mazedonische Rumänen ersetzen will. Die hochamtliche Propaganda der gegenwärtigen Regierung gegen die „Fremden" muß bei der jüdischen Bevölkerung clie tiefste Erbitterung auslösen. Die Lage der Kaufleute in den Städten ist erschütternd traurig, die Regierung aber findet den Zeitpunkt für geeignet, auch auf diesem Gebiete eine nationale Politik zu betreiben und die wirtschaftliche Existenz von Kaufleuten, die nicht zur Mehrheitsnation gehören, zu untergraben* Wir lenken die Aufmerksamkeit der gesamten Oeffentlichkeit auf diesen geheimen Erlaß, dessen Realisierung ein schweres wirtschaftliches Problem in den Städten zur Aufrollung bringen könnte. Judenaustreibung durch Cuzisten. Bukarest, 30. Mai. (J. T. A.) In der Gemeinde V e r s i n j e n i, Bezirk Sorooa, überfiel eine Gruppe von Bauern unter der Führung der cuzi&tischen Agitatoren G a v r i 1 P o 1 i, Jon R o t a r u und Ifrim R u s u die wenigen jüdischen Einwohner dieser Gemeinide, zerstörte ihre Wohnumgem und befahl ihnen, binnen drei Tagen den Ort zu verlassen, Ein Teil der eingeschüditerten jüdischen Einwohner kam dieser Aufforderung bereits nach.

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