Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 142 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 1 HIE NEUE WELT EXCELSIOR Inhaber RICHARD MIR1O0 I., Adlerta««« 8 Tal. R-2S-4-M Columbia- Modell 100 DAS BESTE iu dem billigsten Preise S138.- Gr8ße 32 X21'/« cm Höhe 14 om Neue verbesserte Columbia-Dose 15 b der damalige russische Bevollmächtigte beim Vatikan D. Neledow dem zaristischen Außenminister S a s onow mit, daß Lord R o t h s c h i 1 d in London sich an den Vatikan mit dem Ersuchen gewandt hat, den Behauptungen des Öls Sachverständigen iin Beilis-sProzefl vernommenenkatholischen Gel&llöhen fran a i tJi s; daß Juden zu Pessach Blut von Christen benutzen, entgegenzutreten. Lord Rothschild legte Kopien zweier Dokumente bei, aus denen hervorgeht, daß katholische Kirchenführer der Ritualmordlegende entgegengetreten sind. In seiner Antwort beschränkte sich Kardinal Merii del V a 1 auf die Mitteilung, daß der Inhalt der Kopien richtig* ist, und daß die Originale sich in der päpstlichen Bibliothek zu Rom befinden. Die zarisefcen Kreise befürchteten,, daß die Antwort. Merri del Vals die z a r ifs ch e G e r i c h t s b a r k e i t (inzwischen war Beilis wegen Ritualmordes verurteilt worden) in eine kompromittierende Lage bringen könnte. Neledow wandte sich im Namen der Zarenregierung an den Kardinal Merri del Val mit einer offiziellen Anfrage betreffs der Antwort an Rothschild, woraufhin der Kardinal erklärte, die Bestätigung der Richtigkeit des Inhalts der Kopien bedeute noch nicht eine Ableugnung der Tatsache, daß Juden Christenkinder zu rituellen Zwecken töten oder zu Tode martern. Diese Tatsache, Söll Merri del VatiHttt-Rericfrt Neledow gesagt haben, sei „durch nnscre Kirche niemals abgeleugnet worden".; > Neledow hatte auch ein Gespräch mit dem-Kardinal Perata, der Kandidat auf die Papstes würde war.' Perata erklärte mir, berichtet. Neledow, er sei überzeugt, daß die Juden Blut zu Ritualzweck e n g e b r a u c h en, er wisse von speziellen Studien, die über diese Frage angestellt worden sind. Diesem Bericht fügte Neledow die Bemerkung hinzu, deJ die Erklärung der beiden hohen römischen Geistlichen als Material zur Rechtfertigung des ßeilis» Urteils angesehen werden dürfen. Zehn Jahre Jüdische Volkspartei in Deutschland. Jüdische Volkspolitik in der Diaspora. — Die Eroberung der Berliner Judengemeinde. — Aufblühen der Berliner Judengemeinde unter zionistischer Leitung. — Auf dem Weg znr Völksgemeinde. — Und Wien? Die von Zionisten begründete und geleitete „Jüdische Volkspartei Deutschlands" feiert ihren zehnjährigen Bestand. Sie hat auf dem für jüdischnationale politische Arbeit so schweren Boden Glänzendes geleistet. Vor allem hat sie die assimilatorische Majorität in der Berliner Judengemeinde gebrochen. Heute ist der Ziönist Direktor Georg K a r e s k i Präsident der Berliner Judengemeinde und die wichtigsten Referate werden von Zionisten geleitet. * Aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Jüdischen Volkspartei veröffentlicht der Vorsitzende der Partei, Herr Rechtsanwalt Dr. Alfred K l e e, den folgenden Aufruf : „Freunde! Vor 10 Jahren schicktet ihr uns zum ersten Male als die Exponenten eures nationalen Willens in die Jüdische Gemeinde von Berlin. Was wir vorfanden, war Schwäche, Apathie, im besten Falle — Verwaltung. Aber das nationale Pathos bewährte, wie überall, auch hier seine gestaltende, seine schöpferische Kraft. Unsere Bewegung wuchs, heute haben wir mit den bestimmenden Einfluß. Aus der Unansehnlichkeit, in die, sie sich selbst hineinbegeben hatte,"wurde die Gemeinde Berlin wieder zum bedeutsamen Faktor im jüdischen Leben der Gallith. Sie nimmt wieder teil an" jüdischer Freude und an jüdischem Leid uuf der Welt, es wächst ihre Verbundenheit mit E r e z.-. I s r. a e I. Freunde!, Heute ist es mehr denn je Pflicht jedes von euch, sich als verantwortlicher Träger jüdischer Volkspolitik in der Diaspora zu fühlen. Ein starkes werteschaffendes Galuth-Judentum ist die beste Gewähr für die. Ueberwindung jedes Hindernisses, das unserem Aufbauwerk drohen kann. Nicht als Feiernde ausruhen wollen wir nach diesen tO, Jahren, sondern die Kräfte rüsten zum letzten, endgültigen Kampf u m die Gemeinden und damit um die Seele des deutschen Judentums. Der kommende Winter, bringt die neue entscheidende Chance. Wird "fes einen unter uns geben, der beiseite stehen wird, wenn wir daran gehen, den alten Herzl-Traum von der Eroberung der Gemeindestuben zur Wirklichkeit zu machen?" -.__r. ■ -' ■ U; ,' 1 ■ . . Was schert mich Weib, was schert mich Kind, Ich trage weit bess'res Verlangen: Meine Sinne auf Essig' gerichtet sind, Die mit dem Namen Huber prangen. & mm Unter der Ueberschrift: „Zufall? Entwicklung!" schreibt Dir. Georg Kareski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin: In diesen Tagen werden es zehn J a h re, seitdem' zum ersten Male Vertreter der Jüdischen Volkspartei in die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde einzogen. Vier Stimmen von einundzwanzig in der Repräsentanf, eine von sieben im Gemeindevorstand bildeten das erste Bollwerk neuen jüdischen Geistes innerhalb der seit sieben Jahrzehnten unerschütterten Hochburg der Assimilation und der Resignation. Drei Jahre später, inmitten des wirtschaftlichen Totentanzes der Inflation, wurde allseitig auf Wahlen verzichtet. Und auf Grund einer Einheitsliste zogen ein fünfter Repräsentant und zweiter stimmberechtigter Vorsteher in die Verwaltung ein. Sechs Jahre dauerte dieses Ringen, in dem die Volkspartei. Zeugnis ablegt für die Bedeutung einer fruchtbaren, schöpferisch-kritischen Opposition, durch die Intensität ihrer Arbeit und das Gewicht ihrer Argumente weit über ihre zahlenmäßige Stärke hinaus Gewicht und Einfluß gewinnend. Und dann kam das gewaltige Ringen vom 16. Mai J926, in dem nach einem weiteste Kreise aufrüttelnden Wahlkampf — trotz wütender Angriffe gegen die „Ziönist e n" und die angeblich von diesen drohende insbesondere finanzielle Mißwirtschaft — zum ersten Male seit 70 Jahren die liberale Mehrheit in Trümmer sank. Zufall? — Entwicklung! . . . Heute kann kein Unbefangener leugnen, daß das Gesicht der Berliner Jüdischen Gemeinde sich, entsprechend geändert hat, daß die neue Verwaltung, das Gute, das die Vergangenheit geschaffeu, sorgfältig während, auf vielen neuen Wegen auf ihr Ziel lossteuert, aus der alten kühlen Verwaltungsgemeinde eine lebendige jüdische Gern eins ch aft zu schaffen. Es fielen die Schranken, die Verwaltung vom „Volk" hoheitsvoll getrennt hatten; in voller Oeffentlichkeit, jeder Kritik die Tür öffnend, wurden die. Probleme der Gemeindepolitik der Masse der Juden nahegebracht; mit dem auf eine hohe Stufe gebrachten Gemeindeblatt, mit Gemeindeabenden, Sonntagsvorträgen, Konzerten und eindrucksvollen Gedenkfeiern wurde um die Seelen der Abseitsstehenden geworben. Das alles hat nicht etwa zu einer unerträglichen Belastung der Gemeinde geführt; infolge, sparsamer Wirtschaft sind die Finanzen der Gemeinde gesund g e b 1 i e b e n. Während andere Großgemeinden, wie Frankfurt, schon auf 15 Prozent und Königsberg auf 18 Prozent gegangen sind, hat Berlin mit seinen 10 Prozent Steuern weitaus die niedrigsten Sätze ' aller preußischen Großgemeinden! Und nun soll (las Volte" am 30. November d. J: wiederum Versprechen und Erfüllung rückwirkend'überblicken. Trotz der ungeheuren Arbeitslast dieser Jahre steht die Jüdische Volkspartei einig und geschlossen, arbeitsfähig und arbeitsfreudig wie je, da, bereit, das Werk der Erneuerung, das Werk schöpferischen Aufbaues des jüdischen Volkskörpers, fortzusetzen. Es ist offenbar die historische Aufgabe, Arbeiter in Delfiners Fabrik, die wieder wird aufmachen können, außer jenen Leuten, die unser Geschäft beliefern werden. Krämer werden mit Seidenwolle ein Geschäft machen, mit Goldfäden, mit Kattons . . . Was wird das allein wert sein, daß amerikanische Juden, jung und alt, in der Schul und in den Talmud Thoras,. bei Feierlich» keiten und zu Hause, auf ihren Köpfen die Heiligkeit Erez Israels spüren werden! ... . Von Ihnen verlange ich nur eins. Sie müssen mir einige reiche Juden in Amerika, wirkliche ehrliche Zionisten, die .die. Sache mit ganzem Herzen anpacken können, nennen; ich werde Ihnen mein Projekt klar beschreiben, eine ganz. genaue Kalkulation aufstellen, und wenn sie Menschen mit Herz und Ver« stand sind, werden sie begreifen, daß sie nur auf diese Weise Erez Israel heben können, ohne das heilige Land mit falscher Philanthropie und häßlichen Almosen, ob derer -jeder Mensch vor Scham rot werden muß, zu er* niedrigen . . ." Bei diesen-Worten wurde der alte Mann selbst rot und senkte die Augen tief zu Boden. Ich sah meinen sonderbaren Gast in großer Ver« legenheit an, nicht wissend, was ich ihm antworten und was ich mit ihm beginnen soll. Anfangs befiel mich der Verdacht, daß vieleicht ein Halbirrer vor mir sitze. Je mehr ich aber in das reine offene Gesicht eines reinen edlen Greises und in seine tieftraurigen blauen Augen sah, die dann und wann in ironischem Glanz auftauen» teten,' umsomehr überzeugte ich mich,, daß dieses sein Projekt aus klarem Hirn komme und sich als der letzte praktische Versuch eines Menschen präsentiere, der jede materielle Möglichkeit, etwas Praktisches zu leisten, ein« gebüßt hat ... Obendrein ist das Projekt selbst fern von persönlichem Vorteil und Habgier, so daß es den Fremden naiv und lächerlich erscheint ... Wie dem auch sei, ich mußte jedenfalls etwas sagen, um der Sache ein Ende zu bereiten tso sagte ich also*. „Ja, es. ist bestimmt ein schöner Gedanke. Ich be* dauere aber sehr, da nichts machen zu können. Ich bebe. Ihnen schon gesagt, daß ich kein Geschäftsmann bin, daß ich mit meiner eigenen Arbeit beschäftigt bin. Ich muß Ihnen sagen, Reb Jud — (und ich betonte das fest), daft kb sehe beschäftigt bin," . Das brachte meinen alten Gast in plötzliche Auf» regung. Er sprang von seinem Sitz auf, stellte sich mir mit altem, bösem, gekrümmtem Rücken gegenüber, schrie mich an und sein Stock zitterte in seiner Hand. „So, Sie sind sehr beschäftigt, junger Mann, so sehr beschäftigt, daß Sie sogar in den halben Tag hinein schlafen. Und wer bin ich in1 Ihren Augen — ein Ledig« geher, ein alter Lediggeher, ein unzurechnungsfähiger Greis, der da herkommt, um ernsten, beschäftigten Leu« ten mit dummen, nichtsnutzigen Plänen den Kopf vollzu* plärren. Sie irren sich, junger Mann. Ich bin kein Batlen. Ich bin kein Bankhocker. Ich bin ein Kaufmann. Ich hatte Millionen und habe Millionen verloren. Und ich lache über Millionen. Ich lache über alle eure amerikanischen Millionäre dort. Ich kann mehr leisten als sie. Ich weiß mehr als sie, was hier im Land nötig ist und was man tun muß; Und mehr als Sie, junger Mann, weiß ich doch bestimmt. Und mit was für Dreistigkeit nennen Sie mich Reb Jud? Was für Reb Jud bin ich für Sie? Ich sagte Ihnen doch, daß mein Name Parnassos ist. Sie haben mich parnassos zu nennen, Adon Parnassos (Herr Parnassos). Wenn ich Ihnen z. B. gesagt hätte, mein Name ,jst Hotzeplotzer, so hätten Sie mich Adon Hotzeplotzer angesprochen und nicht Reb Jud, wie man es zu einem Schnorrer sagt, der die Hand hinstreckt um ein Almosen. Ich bin zu Ihnen nicht um ein Almosen gekommen, junger Mann. Ich bin auch nicht. gekommen, um eine Gefälligkeit für mich zu er« bitten. Ich brauch Ihre Gefälligkeiten für ein krepiertes Huhn. Ich kann meine Welt in Erez Israel mit trockenem Brot und Datteln verleben. Ich bin zu Ihnen gekommen, daß Sie mit einer Kleinigkeit mithelfen, etwas Rechtes für Erez Israel zu leisten. Ich Weiß, was ich will, junger Mann. Ich will, daß Erez Israel aufhöre, vom Bettel« Pfennig zu leben, aufhöre, sich zu bücken vor euren ameri« kanischen Dollars. Daß es etwas anfange, produziere, sich Märkte schaffe in der Welt, sich auch bei euch in Amerika einen Markt schaffe Und wa^ soll Erez Israel nach Amerika schicken? Wein? Man darf bei euch in dem nüchternen, freien Lande nicht trinken. Orangen? Ußt Kalifornien Dicht su. Eisen und Kupfer, Zucker und Bs^mjijpfplle besitjpt 8vw Jue^l . wtab^t ÄÄpfcpj. drojek^e,. ftti euch? -— Es gibt keine solchen bei euch, die einen hebräischen Buchstaben 'lesen können. Nur einen Ar* tikel können wir für euch produzieren — Jarmulkes. Ich lese schon einige-Jahre eure jüdischen Zeitungen und hab' das Geheimnis heraus: die einzige Sorte vom Jüdischen, was eure amerikanischen Juden vorläufig ver« dauen können, ist — Jarmulkes l Dumme, runde, hohle Jarmulkes auf dummen, runden, hohlen jüdischen Köpfenl Und ist dem so, so muß Erez Israel nach Amerika Jarmulkes schicken. Sollen sie sie tragen in Ge« sundheit! Man muß die Bedürfnisse des Kunden erraten, noch bevor er sie ausspricht. So verfahren kluge, ge« schickte Kaufleute. Eure amerikanischen Juden haben von aller Jüdischheit vorläufig nur das Obenauf heraus, den Deckel vom Kopf, die Jarmulke — tuts ihnen zulieb, schickt Jarmulkes, Jarmulkes, Jarmulkes. So ist mein Rat, der Rat eines Kaufmannes, nicht eines Schriftstellers und — gehaben Sie sich wohl." Der alte Mann kehrte mir voll Haß den Rücken zu, öffnete die Terrassentür und verschwand mit raschen Schritten, wütend mit dem Stock auf den Asphalt dee. Hofes klopfend. Ich blieb erstaunt sitzen, gepackt von dieser sonderbaren Frühmorgenerscheinung. Aber bevor ich noch zu mir gekommen war, tauchte der Alte wieder vor dem Eingang; auf und warf, wenn auch in weicherem Ton, so doch immerhin scharf genug hin:, „Sind Sie nicht' böse, daß ich Sie hier angeschrien habe. Sie werden mich bestimmt für einen altenunge« hobelten Menschen halten. Das stört mich so viel wie diese Wand hier. Aber eines sollen Sie wissen. Ich bin kein Lediggeher in Erez Israel und Sie müssen mir gegen« über großtun, daß Sie sehr beschäftigt-sind. Ich tu auch etwas. Ich denk auch über etwas nach und werde mit Gotteshilfe mich auch zu etwas durchdenken. Und wenn Sie mir nicht glauben ~r mir macht es wenig. Sie können mich sofort vergessen. Sehen werden Sie mich so und so nicht mehr ... Schalom ubrachal" Ich sah den Alten nie wieder. Aber vergessen habe ich ihn nicht. Er lebt in meinem Gedächtnis als einer der TeUAwiwer Lediggeher, doch als einer ihrer fleißigste«* Unternehmer -« als der tragischeste yjm ibaMk j