Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 141 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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fette 8 j*- DIB NEUE WECt Mr. m Wiener Kinderheim in Grado. In Grado, dem Eldorado für Kinder, wurde unter der admini strativen Leitung der Frau Berta Taubes, Wien, Ii., Böcklinstraße 92, ein erstklassiges Kinderheim in herlichster Lage eröffnet. Bei mäßigen Preisen wird beste Verköstigung und individuelle Pflege geboten. Gemeinsame Hin- und Rückreise unter Aufsicht bewährter Pflegerinnen. Aerztliche Leitung: Dr. Erna Spitzer. Nächster Turnus vom 3. Juli bis 1. A,u g u s t. Eingeschobener Turnus vom 17. J u n i bis 1. August Auskünfte und Prospekte, Wien, VI., Webgasse 25. Tel. B-29-7-05 von 10 bis 12 und 2 bis 5 Uhr. die Einwanderungsmöglichkeiten, charakterisierte Mac Donalds jeder Räson hohnsprechende Haltung und zeigte die widersinnige und gefährliche Einstellung auf, das Geschick einer Bewegung und eines Volkes mit einem einzelnen Mann, Weizmann, zu verknüpfen. Dr. Leopold Plaschkcs (demokratischer Zio« nist) widmete sich eingehend der Notwendigkeit eines außerordentlichen Kongresses (eine Forde» rung, die bereits Gemeingut aller Zionisten ist und übrigens auch in der im Konzerthaus gefaßten Resolution Aufnahme gefunden hat). Dieser Kongreß würde nicht allein mit MacDonald und der englischen Regierung, sondern auch mit unserer, der zionistischen, abzurechnen haben. Dr. Plaschkes schilderte überzeugend die Kapitula« tion der gegenwärtigen zionistischen Führung vor der Assimilation, die Duldung der Beugung des Völkerrecht* lieh garantierten Rechts und erwartet von einer neuen Exekutive die Wiedererlangung der zionistischen Hege« monie im jüdischen Volk. Dr. David Bukspan (Revisionist) brachte die Gefühle der enttäuschten jüdischen Jugend in erschüttern« den Worten zum Ausdruck, die einen solchen Mann und eine solche Führerschaft nicht mehr lieben könne, welche es dazu gebracht haben, daß ins Heimatland der Juden Juden nicht mehr einwandern dürfen. Die jüdische Jugend wolle vor ihren Idealen nicht kapitulieren, lasse sich nicht feige machen und fordere Weizmanns Abgang. Robert Stricker (demokratischer Zionist) analy* sierte Weizmanns Politik nach der taktischen und diplo« matischen Seite hin. Hicbei legte er die psychologischen Hintergründe los, das Zurückfallen in die Ghettohaltung, deren Gegensatz Zionismus sein sollte, belegte sie mit typischen Beispielen aus der reichen Niederlagenreihe der Politik Weizmanns und der ihm hörig gewordenen Gefolgschaft. Weizmanns politi« sches Losungswort war stets: Vertuschungsmanöver, Verdunklüng des Zieles, das P inzip diplomatischer „Schlauheit" und der Versuch, jede offene Politik, wie sie ein Herzl empfahl und übte, hinter die Wand zu stellen. „Wir zahlen bitter für diese Verirrungen!" rief Stricker aus. „Sie dokumentieren sich in der Lähmung der Zionistischen Organisation durch die Schaffung der erweiterten Jewish Agency, im Bericht der Shaw» Kommission,, in der Einwanderungssperre, kurz in der Bereitstellung jener Situation, der gemäß es einem ^ncDonal' möglich ist, uns Juden im Mosaik seiner Regierüngsschwierigkeiten - als den Punkt des schwächsten Widerstandes zu betrachten und demgemäß zu behandeln. Schluß mit diesen Verirrungen! Nur die Wieder» herstellung des vollen Herzl«Zionismus kann uns vom Ab* grund weg einer menschenwürdigen Zukunft im Sinne der Freiheit de« jüdischen Volkes in seinem Lande ent* gegenführen. Liren Niederschlag fand die Kundgebung der Zion?« stischen Opposition Wiens in einer mit stürmischer Zu* stir * -ig aufgenommenen Resolution, die vom Präsidenten der Zionisteri*Revisionisten Dr. G1 ü c k e r verlesen wurde. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: „1. Die am 22. Mai 1930 in Wien tagende Zionistische Massenversammlung spricht ihre Entrüstung darüber aus, daß die britische Regierung die Einwanderung jüdischer Arbeiter in Palästina gesperrt hat. Diese Handlung bedeutet den Bruch des dem jü« dischen Volke vom Völkerbünde und allen bisherigen eng« lischen Regierungen' gegebenen Wortes, die Errichtung des jüdischen Nationalheimes zu stützen und zu fördern. Die Versammlung erhebt schärfsten Protest gegen den unerhörten Wor.tbruch. und erwartet, daß der Völkerbund und das englische Volk die Regie* rung MacDonalds zwingen wird, das dem jüdischen Volke angetane schwere Unrecht ungesäumt gutzu* machen, das heißt die jüdische Einwanderung, welche Grundlage und Voraussetzung des Palästina»Mandates ist, sofort freizugeben. 2. Die Massenversammlung österreichischer Zio* nisten spricht dem Präsidenten und der Exeku« tive der Zionistischen Weltorganisation, deren Politik der Schwäche und der schritt« weisen Preisgabe des zionistischen Pro» g r a m m e s alle Feinde des Zionismus ermutigt und die Zionistische Organisation an den Rand des Abgrundes gebracht hat, ihr Mißtrauen aus. Sie fordert die Ein« Setzung eines provisorischen, vom Vertrauen aller Parteien getragenen Komitees zur Führung der politischen Geschäfte bis zum nächsten Kongreß. Sie fordert die sofortige Ausschreibung von Neu« wählen für den 17. Zionistenkongreß und dessen schleu* nigste Einberufung." Jüdische Trauer um Frithjof Nansen. — Ein Freund des Zionismus. Genf, 20. Mai. Der allgemeinen Trauer über das Ableben des berühmten Polarforschers Professor Frithjof Nansen, Oberkommissars des Völkerbundes für das F 1 U c h t Ii n gs w e s e n, schließen sich auch alle jene jüdischen Kreise an, die mit der Völkerbundsarbeit verbunden sind. Das von Nansen zugunsten der Flüchtlinge geleitete Hilfswerk kam auch vielen tau senden jüdischen Flüchtlingen zugute. In der Zeit der Hungersnot in Rußland im Jahre 1922 hat das Nansen-Werk auch den russischen Juden Hilfe gebracht. Die „Jüdische Welthilfskonferenz" in Paris hat einen Teil ihres Hilfswerks für die hungernden Juden Rußlands in engstem Kontakt mit der von Nansen geschaffenen Organisation durchgeführt. Frithjof Nansen, der seit der Gründung des Völkerbundes an allen Völkerbundstagungen teilgenommen hat, war ständiger Berichterstatter der 6. Kommission, die die Mandatsangelegenheiten zu behandeln hatte. In der letzten Plenarversammlung des Völkerbundes Ende 1929 hat Nansen als erster Redner die Augustereignisse in Palästina zur Sprachegebracht. Ich glaube, sagte Nansen damals, daß es von Nutzen sei, die fundamentalen Tatsachen zur öffentlichen Kenntnis zu bringen, daß das Palästina-Mandat vom Völkerbund feierlich verkündet und vom Rat des Völkerbundes bestätigt worden sei und daß die Mandatarmacht eine internationale Verantwortung übernommen habe, die Bestimmungen des Mandates zur Durchführung zu bringen. Er sei erfreut, daß Rarasay Mac Donald und Henderson die Versicherung abgegeben haben, daß nichts in der Welt die b ritisch e Regierung von ihrer'»Politik'der Durchführung des Mandates ablenken werde, und er sei sicher, daß die Völkerbundsversammlung ihre Genugtuung über diese Erklärung äußern und den Mandatar ihrer vollen Unterstützung versichern werde. * Leider hat sidi der blinde Glauben Nansens an den ehr liehen-Willen-der jetzigen englischen Regierung nicht bewährt, Mac Donald und Henderson haben schöne Worte gesprochen und jetzt Taten gesetzt, die einen Verrat am Palästinamandat bedeuten. Ein solcher Verrat ist die Sperre der Einwanderung jüdischer Arbeiter. Der König von Jugoslawien verleiht Ussischkin einen Orden. Belgrad, 20. Mai. (J. T. A.) Im Zusammenhang mit der Anlegung des „König Peter-Waldes" in Palästina, hat König Alexander von Jugoslawien dem Leiter des Jüdischen Nationalfonds, M. M. Ussischkin und dem Leiter des jugoslawischen K. K. L. Doktor M. Bauer den Skt. Sava-Orden verliehen. Erleichterungen der Zwangs-Sonntagsruhe in Litauen. Kowno, 20. Mai. (J. T. A,) Die litauische Regierung hat eine Novelle zu dem ZwangssSonntagsruhegesetz be* schlössen, der gemäß bei der Durchführung des Zwangs* Sonntagsruhegeaetzes der jüdischen Bevölkerung große E r 1 c i c h t e r u n g e n gewährt werden sollen. Außer in der Landeshauptstadt Kowno, wo auch weiter* hin der Handel den ganzen Sonntag über verboten bleibt, werden die Juden in den Vorstädten von Kowno und überall im Lande die Geschäfte zwischen 1 und 4 Uhr nachmittags an Sonntagen wie an christlichen Feier* tagen offenhalten dürfen. Auch soll den jüdischen Fa» briks* und Werkstättenarbeitern wie den Handwerkern überhaupt, die an den Sabbattagen feiern, gestattet sein, an den Sonn* und christlichen Feiertagen zu arbeiten, so», fern die Arbeit nicht öffentlich getan wird und keine Störung des Sonntagsfestes durch Lärm usw. ver< ursacht. Union der Zionisten - RevisionlsteH Otsteneidis Montag, den 2. Juni 1930 um 7,9 Uhr abends im Cale „Arkaden«, I., Universitätsstraße, Versammlung Thema: Der Revisionismus in Polen Referent: Dr. M. Landau Anschließend Diskussion. Gäste willkommen. Sabbatdispens für jüdische Schüler in Basel. Berlin, 20. Mai. Vom Weltverband des Schomre Schabbos (Sabbatwächter) wird mitgeteilt: Seit jeher mußten die jüdischen Schüler in Basel am Sabbat und an den meisten jüdischen Feiertagen die öffentlichen Schulen besuchen und wurden an solchen Tagen nur vom Schreiben und anderen manuellen Ar» beiten dispensiert. Es ist jedoch gelungen, von den zu* ständigen Behörden die Erlaubnis zu erwirken, die jüdi* sehen Kinder ai» Sabbat und an den Feiertagen überhaupt vom Schulbesuch zu befreien. Die Sabbat« idee hat ihre einigende Kraft bewiesen, indem sie es be* wirkt hat, daß zum erstenmal Organe der beiden Baseler jürl'schen Gemeinden in einer jüdischen Sache zusammen gearbeitet haben. Synagogen- und Friedhofsschändungen in Deutsch« land. Frankfurt a. M., 22. Mai. Auf dem Friedhof der israelitischen Gemeinde an der Rat-Beil-Straße wurden am Sonntag nachmittags fünf in der Nähe der Mauer gelegene Grabsteine umgerissen und ein Stück des Friedhofes in brutaler Weise demoliert und verunreinigt. Den sofort angestellten Ermittlungen ist es gelungen, als Täter mehrere Schulknaben festzustellen, deren Bestrafung somit in die Wege geleitet werden kann. Die Tüter sind unter Zuhilfenahme von aufgeschichteten Pflastersteinen über die Mauer gestiegen. * Sensburg, 21. Mai. Bisher unentdeckt gebliebene Täter haben in der Nacht zum 13. Mai in der Synagoge zu Sensburg Verwüstungen angerichtet. Die Täter stießen ein Fenster des Synagogengebäudes ein und stiegen durch dieses in den Betraum. Dort rissen sie die Altardecke und ein Betpult herunter und warfen die silbernen Leuchter zu Boden. Schließlich verunreinigten sie noch den Altar. Man zweifelt nicht daran, daß die-Täter in völkischen Kreisen zu suchen sind, da in Sensburg die nationalsozialistische Bewegung in letzter Zeit stark zugenommen hat. Die Staatsanwaltschaft hat einen Kriminalbeamten aus Allenstein zur Aufklärung der Angelegenheit entsandt. Warnung vor Bayreuth. Die „Jüdische Preßzentrale" meldet: Dieser Tage fand in Bayreuth ein großer Aufmarsch der Haken* kreuzler statt, bei dem ein Taumel herrschte, wie er bei einem Kaiserbesuch früher nicht vorgekommen ist. Ganz Bayreuth war beflaggt und die Bevölkerung be* teiligte sich aktiv an den zahlreichen Demonstrationen und Feiern. Die verschiedenen Redner der antisemi« tischen Verbände überboten sich in antijüdischen Aeußerungen und beleidigten das Juden* tum der ganzen Welt. Bei der bekannten Freund* schaft Siegfried Wagners zu Hitler hätte er diese anti« semitischen Kundgebungen wohl verhindern können. Zu diesen Vorgängen bemerkt der „Jewish Chronicle", London, daß sich unter diesen Umständen die j ü d u sehen Musikfreunde darüber klar sein sollten, daß man in jeder beliebigen Stadt die Werke Wagners hören kann. Es bestehe daher keine Veranlassung, weite Reisen nach Bayreuth, einer durchaus antisemiti« sehen Stadt, zu unternehmen, um Wagner*Opern zu hören. Flucht aus dem Paradies der Bolschewiken. Moskau, 22. Mai. Angesichts des gesunkenen; Interesses unter den jüdischen Städtebewohnern der Ukraine, sich auf dem Lande a n z usiedeln, wird in den Kreisen des KOMZET (Regierungsgesellschaft für Judensiedlung auf dem Lande.) erwogen, spezielle Agitatoren in die Städte zu schicken, die die jüdischen Einwohner darüber aufklären sollen, daß ihre Zukunft auf dem Lande liegt. Die Ursache des gesunkenen Interesses für die Landansiedlung liegt darin, daß die Juden einerseits die Folgen der Dorfkollektivierung fürchten und anderseits hoffen, daß sich infolge der ge*