Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 141 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 141 Attacken auf die religiöse Sphäre des Christentums, würde aber niemals zugeben, daß gleiches gegen die religiöse Sphäre des Judentums geschähe. Tatsächlich gibt es ja zahllose Stücke, in denen mit den religiösen Vorstellungen des Katholizismus Spaß getrieben wird — ich erinnere Sie nur an Hasenclevers „Ehen werden im Himmel geschlossen" —, ich kenne aber kein Stück, in dem gleiches mit den religiösen Einrichtungen des Judentums geschieht.. Ich! würde in diesem Falle natürlich die gleiche Haltung! einnehmen wie gegen das Stück „Der Lügner und die Nonne". Die liberale Journalistik unterschätzt die Wir- ' kung der Tatsache auf die Massen, daß jeder i nicht jüdische Schriftsteller sofort den j wütendsten Angriffen ausgesetzt ist, wenn er [ gegen eine weitere Zersetzung der religiösen l Gefühlswelt des Christentums durch ple- { bejische Satire Stellung nimmt. Die Massen sind t darin — soweit ich sie kenne — ungemein taktvoll r und fein unterscheidend, und daß es zumeist die f besten jüdischen Namen der liberalen I Journalistik sind, die diese Angriffe führen, I macht ihre Wirkung auf das Volk nicht fruchtbarer. t Sie mögen beurteilen, welche Bewegung es im; Judentum hervorrufen würde, wenn ein katholischer! Journalist im gleichen Falle die gleiche Haltung ein- \ nähme, dann haben Sie ungefähr ein Bild von dem kulturellen Nutzen, den die Ihre dem Liberalismus ' ibringen kann. » Dienstag, am 3. Juni, um halb 9 Uhr abends, findet die feierliche Einweihung des vom Verbände demokratischer Zionisten gegründeten JugendundVerbandsheim.es statt. Die Eröffnung bildet einen neuen Abschnitt zionistischer und jüdischer Arbeit in Wien. In Sälen, welche viele hunderte Personen fassen, wird zur Judenschaft gesprochen werden. Im eigenen Heim! Allen Veranstaltungen künstlerischer und geselliger Art sind herrliche Räume __DIE NEUE WELT _ Was mich selbst betrifft, so werde ich mich jedem Versuch, katholische Riten im Theater mv flachsten Abendunterhaltung zu benutzen, insolange auf das heftigste widersetzen, als idi nidit die Ueberzeugung habe, daß es dem anständigen Judentum das gleidie Vergnügen bereitet, wenn es auf der Bühne ein jüdisdics Gotteshaus im satirisdien Lidite zu sehen bekommt und jüdische Religionsgobräuche verspottet werden. Erst dann, wenn Judentum und Christentum in gleidiem Maße an der Zerstörung jedes religiösen Empfindens mitwirken und somit cntsdilossen sdieinen, der geistigen und seelisdien Erneuerung der Welt, die meiner tiefsten Ueberzeugung nach nur von der religiösen Sphäre aus erfolgen kann, einig entgegenzutreten, erst dann werde idi die völlige und lückenlose Verpöbelung unserer Gefühls- und Gesdimackswclt, die sidi in solchen Vorgängen zeigt, schweigend hinnehmen. Hanns Saßman n. Hanns Safimann sagt da seinen jüdischen Widcrsadiern viel Richtiges. Er irrt aber, wenn er glaubt, daß sidi die Respektlosigkeit dieser Menschensorte — die nidits mit Mut zu tun hat — nur auf die katholisdie Kirche erstreckt. Diese Leute hätten gar nidits dagegen einauwenden, wenn audi jüdisdic Bräuche plobejisdi verspottet würden. Sie täten audi da gerne mit, wenn es der Mode entspräche und einträglich wäre. geboten. In lichten, großen Räumen arbeitet bereits die Jugend an ihrer Ausbildung. Nicht als geduldeter Gast, wie dies bis jetzt leider der Fall war, sondern im eigenen Heim. Wer die in Wien eingerissene Gleichgültigkeit in zionistischem und jüdischem Sinne kennt, wird ermessen, welch schwere Aufgabe der Verband demokratischer Zionisten hier gelöst hat. Unter den schwierigsten Verhältnissen hat er Großes geschaffen! Seife 3 „, ,,,,„,, ,mm ......., i „ aufjeclenxPaket Kathreiner ...4A<&A**t4*cfll Gagen Mac Donald'» Regierung und die Zionistische Exekutive. Wesentlich anderen Charakter, mehr nach innen als nach außen gerichtet, mehr zur Erziehung und Aufklärung der jüdischen Massen gedacht . als nach außen hin eine Willenskundgebung zu demon* strieren, trug die Versammlung der zionistischen Opposition, des Verbandes der Demokrat!* sehen Zionisten und der Union der Zionisten« Revisionisten Oesterreichs. Im Festsaal des Hotel Post, der sich Donnerstag, den 22. Mai, viel zu klein er« wies, um die Massen, die an der Kundgebung teilnehmen wollten, zu fassen, konnte die Opposition den Z i o* nisten Wiens wieder einmal die Bestätigung ihrer bis jetzt in den Wind geschlagenen, von der Mehrheit als Destruktion verschrienen Warnungen und ihrer politischen Wegrichtung vor Augen führen. Die Versammlung fühlte, daß h i e r 1 e b e n d i g e r zionistischer Wille am Werke sei. Die Ver« Sammlung bewies durch die leidenschaftliche Anteilnahme der Versammelten am Wort der Redner, daß Zionismus nicht Mutlosigkeit, blinde Gefolg« schaft, automatisches Nachplappern abgetaner Ghetto« banalitäten sei, sondern organisches jüdisches Leben und der Wille, aktiv an der Formung des jüdischen Volksgeschicks teilzunehmen. Es ist an der offiziellen Führung der Zionistischen Weltorganisation scharfe, fruchtbare Kritik ge* übt worden. Man beschränkte sich hier nicht mit Lamen* tieren in bezug auf den aktuellen Fall der Einwände« rungssperre, mit der frommen Hinnahme ungünstiger Umstände, sondern hatte den Mut, die Wur* z e 1 n des gegenwärtigen Uebels bloßzu* legen, aufzuzeigen, daß eine verfehlte politische Taktik, das Einreiße:1 unzionjstischer, ja antizionistischer Gedan* ken in die Köpfe zionistischer Führer Niederlage auf Niederlage bringen müsse. Die Redner zeichneten die Meil« steine dieses zum Abgrund führenden Weges. Der erste Redner- Dr. Paul Diamant (Revisio* nist) erklärte, daß die Kundgebung nicht nur gegen MacDonald, sondern auch gegen den gegenwärtigen Führer der Zionistischen Weltorganisation, Prof. Chaim Weizmann, gerichtet sei. Weizmann, ein Mann ohne Ansicht, ohne Einsicht und ohne Umsicht, hat die Ver» antwortung für jene politischen und wirtschaftlichen Me* thoden zu tragen, die in den letzten 10 Jahren zu solchen Mißerfolgen geführt haben, daß wir heute, wenu wir uns nicht rechtzeitig von seiner Politik emanzipieren, den folgenschwersten Konsequenzen ausgesetzt sind. Dr. Dia« mant schilderte eingehend die Absurdität der Entsendung Simpsons nach Palästina zwecks Feststellunöeo Ubfff Das jüdiche Wien protestiert Gegen die Labour-Regierung MacDonalds. — Gegen die Zionistische Leitung.— Für die schleunigste Einberulung desZionislenkongresses. Einsetzung einer provisorischen politischen Leitung. u,.; > Die Einwanderungssperrc für jüdische Arbeiter in Palästina hat die Zionisten Wiens in gewal* tige Erregung versetzt und eine Mißstimmung gegen England erzeugt, wie sie gegenüber dem Land der BalfoursDeklaration und dem Treu* händer in Palästina bisher nicht denkbar Avar. Allent* halben traten spontan sämtliche zionistische Körper* Schäften, Vereine, Studentenkorporatiönen, Jugendgrup* pen und Verbände, die organisierte jüdische Kaufmann* schaft, die zionistisch organisierte Arbeiterschaft, die jüdischen Schauspieler, die jüdischen Sportverbände zu« sammen, um ihrem Schmerz über die durch die Einwan* derungssperre drohende nationale Gefahr Ausdruck zu geben. MacDonald, einst B ekenner des Z i o n i s* m u s, der Erez Israel kennt und in Wort und Schrift begeistert von ihm sprach, ein Mann der Verehrung des ganzen jüdischen Volkes, und seine Regierung standen im M i 11 e 1 p u n k t d e r P r o t c s t b e w c* gun g; Seinen sichtbarsten Ausdruck fand zunächst der Protest in einer imposanten öffentlichen Kundgebung, die die organisierten Zionisten W i e n s am 21. Mai im' Großen Konzerthaussaal veranstalteten. Eine vieltausendköpfige Menge ließ durch ihre Vertreter ihrem Schmerz, aber auch ihrer Empörung Ausdruck geben. In der Verurteilung des von der MacDonald* Regierung verübten Anschlags gegen das Grundprinzip der völkerrechtlich verbrieften Verpflichtung auf freie j ü di sehe Einwanderung in Palästina ist der gesamte Zionismus einig. Alle zionistischen Gruppen, im gemeinsamen Band des großen zionistischen Gedankens, waren vom Redner* pult herab zu hören: die Allgemeinen Zionisten (der Weizmann*Richtung), der Verband der Radi* k a 1 e n Z i o n i s t e n (die demokratische Opposition im Zionismus), die Union der Zionisten«Revisio* nisten (die am äußersten Flügel der Opposition stehende Bewegung), die Arbeiter*Zionisten (Hitachdut). Die österreichische Landesorganisation protestierte durch ihren Präsidenten Dr. bjakob Ehrlich gegen den Bruch des Fair play, die Beugung des verbrieften Rechtes, die in der palästinensischen Wirtschaft nicht be* gründete, aus politischen „Rücksichten" der gegenwär», tigen britischen Regierung MacPonald erfolgte Maß* nähme der Einwanderungssperre. Er konstatierte die bittere Enttäuschung der ganzen j ü di* sehen Welt und betonte mit Nachdruck, daß die Ver* Ordnung der Labour*Regierung geeinget sei, die Moham* fnedaner Palästinas zu antijüdischen Kund* gebungen und Aktionen anzuetfern. Eng* länd treibe mit uns ein furchtbar gefähr* liches Spiel. Zum Schluß rief Dr. Ehrlich zum Ent* Schluß auf, keine Resignation einreißen zu lassen, son* dem die Solidarität der Weltjudenheit als Machtmittel zur Erkämpfung unseres Rechts zu gebrauchen. Der Führer der radikalen Zionisten Oesterreichs, Robert Stricker, formulierte die Situation, indem er den vierfachen Wortbruch. MacDonalds• an Charakteristik sehen Motiven auseinandersetzte. MacDonald hat sein eigenes Wort gebrochen, das Wort des Völkerbundes, das Wort Englands durch den Mund Lord Balfours, das Wort der englischen Arbeiterpartei, deren Führer er ist. Ein Mann der blassen Furcht ist MacDonald, erschrocken vor einer Protcstversammlung der indischen Mohammedaner in Bombay, er wirft den indischen Malkontenten das von ihm, dem Arbeiterführer, seinerzeit enthusiastisch bes grüßte jüdische Befreiungswerk als Opfer hin. England, das britische Imperium, sei auf der Hut. Das Siebzehnmillionen*Judenvolk verstehe nicht nur zu lieben, sondern, wenn man an die Wurzeln seiner Existenz und seiner Zukunft greift, auch zu hassen. Unsere Aufgabe ist es nun, zwischen uns und dem Völkerbund, zwischen uns und dem englischen Volk, zwischen uns und der englischen Arbeiterpartei, wo wir trotz alldem Freunde haben, eine Brücke zu finden — über MacDonald, den Wortbrüchigen, hinweg! Der Redner der Zionisten*Rcvisionisten, Dr. Karl P o 11 a k, stellte den einzigdastehenden Pionierleistungen des jüdischen Volkes in Palästina auf allen Gebieten menschlicher, neuzeitlicher Kultur den brutalen arabi* sehen und englischen Eingriff in diese Aufbauarbeit ent* gegen. Der jüdische Arbeiter G a 1 i 1 i (in hebräischer Sprache) und der Sprecher der Hitachdut Oesterreichs, Dr. Chaim Tartakower, gaben den nichtzubeugenden Willen der Arbeiterschaft, das jüdische Palästina zu bauen, kund. Stürmische Beifallskundgebungen für die einzelnen Redner, der Jubel, der sich an die Worte Robert Strickers knüpfte, Entrüstungs* und Empörungsrufe gegen die eng* Hsche Regierung, der mehrmals ertönte Zwischenruf „Die Zionistische Exekutive soll demissionieren" gaben der Stimmung im Saal das Gepräge. Hatikwah und Chaluzim« lieder schlössen die würdige Kundgebung. (Die von der Versammlung angenommene Resolu* tion war in der vorigen Nummer der „Neuen Welt" ver* öffentlicht Sie enthält einen Protest gegen die englische Regierung und die Forderung nach Einberufung des Zionistenkongresses.) * Das zionistische Jugend- und Verbandsheim eröffnet. i