Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1930-05-30 · Heft 141 (30.5.1930) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 141 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2711613-2711736-2711759--1853-2715099
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 141 WIEN VII.. KAISERSTRASSE 123 IX., ALSER STRASSE 6 FERNSPRECHER B-3B-0-43 scheinen gegen den Eingriff in ein heimisches Monopol zu kämpfen. Judenhetzen ist ein Vorrecht der ritterlichen, magyarischen Nation. Bei den Rumänen ist es eine Schweinerei! * Die ständigen Synagogen- und Friedhofs- Schändungen in Deutschland und die ebenso permanente Judenhetze in den deutschen Parlamenten und Aemtern hat die amerikanischen Juden in eine gewisse Aufregung versetzt. In Zeitungen und Versammlungen äußert sich diese Aufregung in einer für Deutschland nicht gerade schmeichelhaften Weise. Nun setzen aber die führenden deutschen Politiker alles daran, Amerika in guter Stimmung zu "erhalten. Die deutsche Botschaft in Washington ist beauftragt, diese Stimmung sorgfältig zu überwachen. Da hat sich der deutsche Botschafter denn hingesetzt und einen Brief nach Hause geschrieben, des Inhaltes, daß die antisemitischen Exzesse in Amerika nicht gerade die Stimmung bessern. Im Gegenteil. Das Berliner Auswärtige Amt hat diesen Brief an das Ministerium des Innern weitergegeben und dieses wieder hat ihn in Abschrift deutschen politischen, Amtsstellen zugehen lassen. Das ganze Manöver hatte den Zweck, auf die Eindämmung antisemitischer Ausschreitungen hinzuwirken. Nicht weil den Juden Unrecht geschieht, sondern weil es augenblicklich in Amerika böses Blut macht. Eines dieser amtlichen Schreiben ist, was ja mit den meisten vertraulichen amtlichen Schreiben zu geschehen pflegt, in eine Zeitungsredaktion geraten, und zwar in eine antisemitische. Die Zeitung erhob ein gewaltiges Geschrei „über die fremdländische, freche, jüdische Einmischung in interne Angelegenheiten Deutschlands!" Und siehe da! Das Geschrei wirkte und die Herren Juden beiderseits des Ozeans erschraken vor der eigenen Macht Herr Cyrus Adler, einer der Führer der amerikanischen Assimilationsjuden, lief zu den New Yorker Zeitungen und erklärte, daß es den amerikanischen Juden nicht im Traume einfalle, sich in deutsche Sachen „einzumischen", auch nicht in jüdisch-deutsche. Und die deutschen „liberalen" Israeiitenblätter drückten die Meinung aus, daß der Antisemitismus zwar eine üble Sache, aber doch eine interne deutsche Angelegenheit sei. Die deutsche Judenschaft wünscht also nicht, daß „fremde" Juden ihren Antisemiten etwas zuleide tun. Das Antisemitenblatt hat geschrien und die jüdischen Helden sind yor der eigenen Kraft erschrocken! * Bisher wurden alle Antisemiten, welche von der deutschen Republik als „ J u d e n r e p u b 1 i k" sprachen, von den deutschen Richtern freigesprochen. Das Wort Jude ist keine Beleidigung. Das Wort Republik ist keine Beleidigung. Also kann das V^ort ,,Judenrepublik,f auch keine sein. Gedacht haben sich die bierfesten Herren Richter was anderes, aber gesagt haben sie so. Die linken Blätter und auch die jüdischen Blätter waren über diese Urteile tief empört. Nun ist das höchste Gericht dreingefahren und hat das Wort „Judenrepublik" als Schimpfwort qualifiziert und einen Redakteur wegen Gebrauch dieses Wortes verurteilt. In der Begründung heißt es, „daß das Wort Jude alles zusammenfaßt, was man an schlechten und verächtlichen Eigentümlichkeiten dem Juden glaubt vorwerfen zu können!" Also genügt die Beifügung des Wortes „Jude" um das Wort „Republik" zum Schimpfworte zu machen. Den Herren Antisemiten ist ja damit ein kleiner Dämpfer widerfahren. Aber die deutschen Juden wissen jetzt wirklich nicht: Sollen , sie lachen oder weinen? Jude' sein ist wirklich eine etwas komplizierte Sache. MacDonalds Abenteuer, Fortsetzung von Seite 1. der High Commissioner die Zertifikate gewährt? Wenn andererseits Palästina wirtschaftlich fähig ist, 3300 neue Einwanderer zu absorbieren, und wenn die Regierung diese Einwanderer dauernd daran hindert, ins Land zu kommen, verstößt dies nicht gegen die Bestimmungen des Mandats?"1 Wußte Herr Shiels nichts andere« zu antworten, als daß dem High Commissioner ein Mißverständnis (I) unterlaufen sei, daß ja die Einwanderung nicht gänzlich, sondern bloß bis zur Rückkehr Simpsons gesperrt bleibe? Unter diesem Gesichtswinkel ist £i B^ssant, das Gerücht zu vermerken, wonach d^ggf Ter Mac Donald einem Journalisten gegenüber m-klärt haben eoll, er persönlich sei selber vom Verbot überrascht worden, der Kolonialminister Passfield habe es aus Eigenem ergehen lassen. Bezeichnend für den Geist diese Kolonialministers ist eine Aeußerung des Führers der englischen Bergarebiter, Cook, der kürzlich auf dem Internationalen Bergarbeiterkongrefi in Krakau weilte. Cook, das bekannte Mitglied der Emigrationskommission im englischen Parlament, erklärte polnischen Poale Zionisien, die mit ihm in Kattowitz konferierten und ihm ihre Beschwerden über die Einwanderungssperre und über die Art, wie sich die Labour-Regierung den jüdischen Forderungen in Palästina gegenüber verhalte, er wisse, daß ausgesprochen antisemitische Tendenzen sich leider ins Kolonialamt eingeschlichen haben. Es ist also evident, daß die Labour-Regierung auf dem Rücken der Juden sich mit den Arabern gut stellen will. Aber sie stürzt sich in ein Unberechenbares Abenteuer. Sie verscherzt sich die Sympathien des Weltjudentums und gibt gleichzeitig den Arabern die Courage, in ihren Ländern die britische „Fremdherrschaft'' zu unterminieren. Stellt doch das Organ der arabischen Exekutive „Falastin'' die gegenwärtige arabische Offensive gegen den Zionismus als Folge der „blinden Loyalität der Juden England gegenüber'' hin. Die Juden haben es also, meint der „Falastin'' triumphierend, dieser ihrer ariglophileri Loyalität zuzuschreiben, wenn heute die Möglichkeit einer Annäherung zwischen Juden und Arabern „so fern'' sei wie die Erde vom Himmel''. Selbstverständlich hat der „Falastin"' durch die Einwanderungssperre den Mut bekommen, die ganze O die Liebe macht uns selig, O die Liebe macht uns reich! Doch fliehet Lieb* wie Reichtum mählich, Nimmst Du nicht Huber*Essig gleich. islamitische Welt, Syrien, den Yemen, Aegypten, Irak, den Hedschas, Tunis und Algerien, zum Boykott und zu Repressalien aufzurufen und die britische Regierung aufzufordern, den zweiten Schritt zu tun: auch alle Bodenübertragungen an Juden unter Verbot zu stellen. Der unaufhaltsame Proteststurm. Inzwischen nimmt die Protestaktion in der ganzen, jüdischen Welt ungeheure Dimensionen an. Dde jüdischen Massensiedlungen sind in hellem Aufruhr. In Polen gibt es kein von Juden bewohntes Dorf, wo nicht eine Protestkundgebung stattgefunden hätte. In Warschau, Lodz, Lemberg, Krakau, Stanislau, Lublin u. s. w. versammelten sich Zehntausende, um durch Redner aller zionistischen Gruppierungen ihrer Erbitterung Ausdruck zu geben. Die Warschauer jüdische Gemeinde, die: größte Europas, fordert alle jüdischen Gemeinden Polens zu einer Konferenz auf, gegen das Einwanderungsattentat solidarisch Stellung zu nehmen. In einem von 4000 Personen besuchten Massenmeeting in Warschau bekannten sich alle Redner dazu, mit dem England gegenüber bisher geübten Schweigen zu brechen. Eine Konferenz der polnischen ''■ Jewish Ägency-Mitglieder faßte den Beschluß, dem englischen Botschafter ein Memorandum zu überreichen. Der jüdische Sejm-Klub hat eine Botschaft an das englische Parlament gerichtet und wird beim nächsten Zusammentritt Mir schadet kein Wetter und mich ermüdet nichts, denn ich verwende ständig FRANZBRANNTWEIN mit M«nihol . Für alle Zwecke der Körperpflege: Einreibungen (Massagen), als Mundwasser, zur Haarpflege bestens bewährt. Soll In keinem Haushalt fehlen. Achten Sie auf die Marke , Diana" Wertlose Nachahmungen sind entschieden zurückzuweisen ÜBERALL ERHÄLTLICH! des Sejm durch eine Interpellation die polnische Regierung um Intervention ersuchen. Ebenso intensiv ist die Protestbewegung in den anderen osteuropäischen Staaten der jüdischen Massensiedlungen, die ja gleich Polen von der Einwanderungssperre unmittelbar betroffen sind. Die Zionisten der Tschechoslowakei, Deutsch- : lands. und Frankreichs haben bereits oder sind im Begriffe, durch Massenmeetings und Entschließungen zu demonstrieren. In Amerika nimmt die jüdische Presse in schärfster Weise gegen England Stellung. Felix M. Warburg, der Vorsitzende des Administrative Committee der Jewish Agency, hat durch die Vermittlung Washingtons der englischen Regierung einen Protest überreicht. Die propalästinensische amerikanische Arbeiterschaft hat an MacDonald folgendes Telegramm gerichtet: „Tief bestürzt durch die Suspendierung der Einwanderung nach Palästina, die ein schwerer wirtschaftlicher Schlag und eine politische Demütigung für die Judenheit ist, erbitten - wir dringend Ihre persönliche und sofortige Intervention.'' Die Stimme Erez Israels. Natürlicherweise hat der Jischuv in Erez Israel in würdiger und einmütiger Weise auf den unerhörten, an Geist und Buchstaben des Mandats begangenen Rechtsbruch geantwortet. Ein restlos durchgeführter Generalstreik zeigte der Welt, welcher Kraftleistung das junge jüdische Palästina fähig ist, wenn an seinem Lebensnerv gerührt wird. Alle maßgebenden Körperschaften, Waad Leumi, Keren Hajessod, Nationalfonds, haben der eine durch politische Aktion, die andern durch Kundgebungen, zur unbedingten Fortsetzung des Aufbauwerkes aufgerufen. Die innerzionistische Situation. Zwangsläufig mußte das Drängen der judischen Massen die zionistischen Führer zur Rechenschaftsablegung zunächst vor sich selber veranlassen. Konnten wir doch die Nachricht lesen, daß die Konferenz des Waad Leumi in Jerusalem von Polizei bewacht werden mußte, weil die jüdischen Massen stürmisch Einlaß verlangten, um radikalere Resolutionen zu erwirken. Allenthalben in der zionistischen Welt hat sich' die Erkenntnis von der Notwendigung eines Kongresses Bahn gebrochen. Man versucht allerdings die bisherige, für die gegenwärtige Exekutive günstige Parteienzusammensetzung dadurch zu erhalten, daß man für einen sogenannten „außerordentlichen'' Kongreß Stimmung macht, das heifit, für einen Kongreß, der nicht der 1?., sondern eine Wiederholung des 16. sein soll. Dieser Tendenz gegenüber fordern die Revisionisten und — was besonders charakteristisch ist — die englische zionistische Förde ration kraft eines Beschlusses dieser Organisation mit 14 gegen 6 Stimmen die Einberufung eines ordentlichen Kongresses auf Grund ordentlich ausgeschriebener Wahlen. Jedenfalls mußdie Position der Zionistischen Exekutive als erschüttert gelten. Kreise, die die Säulen der Weizmann-Politik waren, fordern bereits den Rücktritt der Leitung, wobei sie allerdings eine andere Motivierung gelten lassen als die Opposition. Wie lange noch? Von Richard Lichtheim (Berlin). Richard Lichtheim, einer der ersten Führer im deutseben Zionismus, war lange Zeit Mitglied der Zionistischen Exekutive in London und gehört jetzt der Leitung der Union der Zionisten - Revisionisten an. Kurz nach den blutigen Augustunruhen des vergangenen Jahres fand in London eine Sitzung des Aktionskomitees statt, in der Dr. Weizmann Erklärungen über die politische Lage abgab. Es war ihm soeben nadi mancherlei Sdiwierigkeiten gelungen, den englischen Premierminister MacDonald in Genf zu sprechen und ihm die zionistischen Beschwerden und Forderungen vorzutragen. Damals befand' sich die zionistisdie Oeffentlidikeit und auch die zionistische Leitung noch unter dem unmittelbaren Eindruck des mörderischen Angriffs der Araber auf die jüdische Bevölkerung Palästinas. Es herrschte darum Empörung gegen die Verwaltung des Landes, deren Leichtsinn und Zweideutigkeit den Ausbrudi offensichtlich verschuldet hatte, und allgemein war das Verlangen nach Bestrafung der Uebeltäter und nach einer radikalen AenderungdesSystems. Dieser Auffassung gab damals audi die Exekutive Ausdruck. Dr. Weizmann berichtete, er habe MacDonald erklärt, daß es so unmöglich weitergehe, daß er auf einem entscheidenden Wechsel bestehen müsse und daß er von seinem Amt zurücktreten werde, wen* die Regierung jetzt nicht endlich statt dur«b Woctf j . .,*;.V.,« i,.;, ^aUät^MS^^^WW vc*,fr V*A« ■■»^■■^««**aWifcMM»r ^""^«■^■rarf-^—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.