Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 140 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt. 140 die mm WELT Seite t Unterredung, welcher sein erstet Adjutant, General Ahmad Pascha, und noch eine vierte Person bei« wohnten. Obwohl ich zu Beginn der Aussprache den Emir darauf aufmerksam machte, daß ich mit keinerlei Mission beauftragt sei, machte er mir dennoch sehr wich* tige Erklärungen. Da er mich trotzr allem für einen Emissär der Zionistischen Organisation hielt, gab er mir einen Auftrag, dessen Uebernahme ich unmöglich verweigern konnte. Kurz gefaßt, lauten die Erklärungen des Emir Ab* dallah wie folgt: „Da die Türken unsere Religion geschmäht ha* ben (der Emir meinte damit die jungtürkischen Re» formen, die Unterdrückung der Vorschriften des Korans als Regierungssystem) haben wir gegen sie gekämpft. Aber wir wurden von Europa betrogen (zu ver* stehen: Großbritannien — Anspielung auf die von England dem König Hussein von H e d j a s gemach* ten Versprechungen). Und jetzt will dieses Europa uns gegeneinander ausspielen, wie man Hunde gegen* einander hetzt, damit sie sich beißen. Wir müssen dies begreifen und uns verbünden. Es darf nicht geschehen, daß die Juden uns In die Wüste verdrängen, und es soll auch nicht vorkommen, daß wir d:*> Juden zum Meere verdrängen. Das Land ist ein Ganzes. Die Errichtung einer Grenze zwischen Palästina und Transjordanien ist künstlich und schädlich. (Der Emir strebte damals nach einem palästinensischen Königtum oder wenigstens nach dem Posten des High»Commissioner.) Wir können uns verständigen und friedlich zusammen auf diesem Territorium leben. Aber es wird euch schwer fallen, euch mit den Arabern des Inlandes zu ver* ständigen. (Der Emir spielte auf Kazim Pascha, den Führer der arabischen Nationalisten in Palästina, an, mit dem er damals in Feindschaft lebte.) Ihr solltet euch mit uns, den im Irak. Transjordanien und Arabien lebenden Arabern verständigen. Wir sind arm, ihr seid reich. Wir dürfen uns nicht mehr be» kämpfen, Europa zu Gefallen. Kommt nach Transjordanien — ich garantiere euch Sicherheit.' Laßt uns alle zum Wohl des Landes ar* beiten!" Unsere Unterredung dauerte ungefähr zwei Stun* den. Nachdem wir vom Emir Abschied genommen hatten, begaben wir uns nach Amman. General Ahmad Pascha begleitete uns. Der Emir verfehlte nicht, mich darauf aufmerksam zu machen, daß seine Erklärungen streng vertraulich seien, und daß ich sie nur den „Chefs"^ \yje.der.geben dürfe. .r^.vS.p„Ut.o. ..eineft^flon ..euchsich einer Indiskretion schuldig machen" — fügte er hin» zu, — „so werdet ihr euch einen Feind in uns groß* ziehen. Es ist in eurem eigenen Interesse, das Geheimnis ' zu hüten." Unterwegs sagte mir Ahmad Pascha: „Seine Hoheit hat noch niemals mit so viel Aufrichtigkeit und Offen* heit über diese Frage gesprochen. Ich habe den Eindruck, daß sich der Fürst unter dem Einflüsse einer plötzlichen Eingebung befand, als er so Wichtiges, für die Zukunft Entscheidendes sprach." Am nächsten Morgen suchte Ahmad Pascha mich und meinen Reisegenossen im Hotel Philadelphia auf und machte uns die folgenden konkreten Vorschläge: 1. Das Verbot des Landankaufes durch Nicht* moslems wird aufgehoben. (Es wurde auch tatsäch* lieh einige Monate später aufgehoben.) Ihr könnt euch tn voller Sicherheit in den Städten und auf dem Lande an» siedeln. Schon von heute ab könnt ihr mit Vorhand* lungen zwecks Ankaufes von Ländereien von 50.000 Du* nam beginnen. . 2. Die Regierung wird euch autorisieren, eine Druckerei in Amman einzurichten. Wir besitzen außer dem offiziellen Bulletin keine Zeitschrift. Schafft eine solche. Auf diese Weise könnt ihr euch Freunde schaffen. 3. Wir haben viele türkische, drusische, syrische, hejasische Flüchtlinge und leiden unter, einer schreck« liehen Wohnungskrise. Wir werden euch die Konzession zum Wohnungsbau für staatliche Angestellte erteilen. Ihr könnt 200 bis 250 Häuser jährlich bauen. Der Palast des Emir wurde von Juden erbaut. Er ist mit ihrer Arbeit sehr zufrieden. 4. Organisiert die Pilgerfahrten durch Trans» jordanien. 50.000 Pilger durchziehen jährlich das Land, um sich nach Mekka zu begeben. Ihr werdet daraus Vor« teile ziehen. ...... Am selben Tage reiste ich nach Jerusalem und teilte diese Vorschläge des.Emir Abdallah den Herren Nahum Sokplow, Kalvarijsky und C o 1. K i s c h mit. Ahmad Pascha kam einige Male nach Jerusalem und suchte sogar, die Exekutive auf. Dort wurde er von den Beamten dieser Institution mit der ihnen stets eigenen Ünliebenswürdigkeit empfangen. Die Exekutive wollte den Vorschlägen des Emir nicht nähertreten. Man fand es auch nicht einmal für not« wendig, ihm wenigstens in einigen liebenswürdi» gen Worten zu danken. Das einzige konkrete Resultat war, daß der Emir Abdallah mit seinem Feind .Musa K a s i m Pascha Frieden schloß. Nach einigen Wochen fuhr der Emir nach Ramien, wohin ich mich auch begab. Dort angelangt sah ich, wie der Emir und Musa Kasim Pascha als Freunde ein Automobil bestiegen und in der Richtung Jerusalem abfuhren. Der Emir hatte seine „Orientierung" geändert. Von da ab blieb er ein konsequenter ver« bissener Gegner des jüdischen Aufbaue» in Erez Israel. „Die Inquisition ist eine Schande der Nation". Der ungarisch*jüdische Geschichtsforscher Doktor Alexander B ü c h 1 e r, der vor kurzem von einer Spanienreise, wo er am Kongreß der Historiker teilge* nommen hat, zurückgekehrt ist, hielt im Ungarisch* israelitischen Literaturveiband einen Vortrag über ein» zelne Ergebnisse seiner Forschungsreise. In Spanien spielten sich Jahrhunderte lang die größten Leiden der jüdischen Geschichte ab, obgleich bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten gegen die Juden ge» rade Spanien die liberalste Judenpolitik be* trieben hatte. Interessant ist der Hinweis des Gelehrten auf die Tatsahe, daß auch die Juden in Ungarn unter den Königen, welche sich ihre Gattinnen aus Spanien ge« holt hatten, sich über ihr Schicksal nicht zu beklagen hatten. Professor Büch ler schreibt das spanischem Einfluß zu. Und auf diesem klassischen Boden des Liberalismus flammten dann die Scheiterhaufen der In* quisition sengend und mordend auf. Aber die heutigen Spanier denken nicht gerne an diese ihre Geschichts* epoche zurück. Professor Büchler hat an einer Aus« Stellung teilgenommen, in welcher die historischen Denkmale Spaniens gezeigt wurden. Zu seinem größten Erstaunen fand er, daß in dieser Ausstellung keine einzige Erinnerung an die Inquisi* tton zu finden war. Er wandte sich deshalb an einen spanischen Historiker, der katholischer Geistlicher ist und keine Ahnung hatte, daß Dr. Büchler Jude und sogar Universitätsdozent und Oberrabbiner einer großen Judengemeinde ist. Die Aufklärung des spanischen Histo» rikers war recht scharf und ehrlich: „Genau so, wie der einzelne Mensch, deckt auch eine Nation nicht gerne ihre Krankheit und ihre Schande vor der großen Oeffentlichkeit auf. Die Fiebertabelle, welche die Kurve der durchgemachten Fieberkrankheit aufweist, pflegt auch der einzelne Mensch nicht in eine Vitrine zu stellen." Ein anderer spanischer Historiker schrieb: „Man versuchte aus dem Leib der Nation ein Stück Fleisch herauszuschneiden, aber es hat sich als Fluch erwiesen." So sprechen heute Gelehrte, selbst Mitglieder des Klerus über die Inquisition, die sie gerne aus der Geschichte Spaniens wegradieren möchten. Literaten schwatzen aus der Schule« Franz Werfel, Emil Ludwig, Leopold Mahmed Weiß. „Paulus" ist „unter den Juden" gewesen. Franz Werfel, der vielgefeierte Autor des menschheit» umarmenden Gedichtbandes „Der Weltfreund", des k. u. k. Zeremoniendramas „Juarez und Maximilian" und der mütterlich*christlichcn „Barbara", hat den Weg allen heutigen literarischen Fleisches angetreten. Auch er war in Palästina. Seine erste Palästinareise schloß ihm den sonst zu mystischen Ergüssen bereiten Mund. Die publizistische Ausbeute des ersten PalästinasAusfluges war null. Die dichterische brachte ,(Paulus unter den •Juden", worin er das antike Judentum in eine Gemeinschaft von Mauscheln verwandelt und die Romantik des Prager Schnittwaren* händlersohnes in Jamben bringt, der vom Bankschreib* tisch aus einen Qott. sucht. Der zweite Palästina*Ausflug öffnete Werfel Mund und Herz. Er hatte Ergüsse vor Interviewern für Wien und Warschau. Uhd er hatte eine Meinung. Ihm bot sich Palästina als Wiege der Kultur, und wenn auch in dieser Wiege Kinder hingemordet wurden, so ergibt sich doch die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens der „beiden hochbegabten Volke r", des jüdischen und arabischen. Mit einer Raschheit, die bei israelitischen Literaten in jüdischen Dingen nicht überrascht, hat Franz Werfel auch politische Tips gegeben, was ihm für andere Völ* ker, weil er nicht gefragt wird, unmöglich ist. Den Büchermenschen hat es zum Skopusberg gezogen, zu jenem Saulus*THfolium Magnes*Bergmann*Kohn, das ihm wohl jene Dummheit eingegeben hat, die er mit leichtfertiger Pöbelhaftigkeit in den Satz kleidet: „Die cxtr'emradikalen jüdischen Nationalisten stehen auf dem Standpunkt: „Keine Versöhnung mit den Arabern!" Was sich die Herren vom Brith Schalom heute noch vor der zionistischen Oeffentlichkeit nicht zu sagen trauen, haben sie dem jesuitischen Bruder Werfel ins Ohr geträufelt und ihn dieses Gift in die Welt spritzen lassen. Jetzt plaudert .Werfel aus der Magnes*Schule. Er verkündet, die Araber ermunternd und die nichtjüdi* sehe Oeffentlichkeit irreführend, das Dogma, man müsse ein Parlament einführen und den Arabern 4ie Rechte der Majorität zubilligen, damit die Demokratie gewahrt werde .... Die Juden als Minderheit müßten die Rechte der Mehrheit auf parlamentarischer Grundlage unbedingt respektieren — selbst auf die Ge« fahr hin, daß die jüdische Einwanderung s« Ziffer erheblich beschränkt werde. Dem auch noch mit allerlei gangbaren Kultur» Phrasen, aber von keinerlei Materialkenntnis gespickten Geschwätz Werfeis ist ein anderer literarischer Agent, III Nach jj ÄGYPTEN und PALÄSTINA mit den Luxusdampfern JMlIi" - ..ESPERIA' Rundfahrten Im Mlltaimnnr Genua — Neapel — Sizilien — Aegypten — Palästina — Syrien — Zypern ~ Konstantinqpel — Athen — Neapel — Marseille — Genua zu besonders ermäßigten Preisen Auskünfte: „Sittnar", I. Kärntnerring 18 (Ecke Schwatzenbergplatz) Telephon U-45009 ®3>&S^S3S5&S^^^^^^^^^^^^^^Elll der Breslauer Kulturpolitiker Emil Ludwig in einer gefälligeren, dem Laien plausibleren Form zuvorge* kommen. Ludwig bläst in ein anderes Horn, er ist doch bekanntlich Historiker, Biograph, Soziologe, kommt aber zum gleichen Schluß: Binationales Brith Schalom«Ge< meinwesen! Er hat dazu beigetragen, die Mode der Brith Schalom*Nelke im Knopfloch der israelitischen Welt* friedensbrüderschaft populär zu machen. Da imponiert uns schon eher ihr extremer Kollege, der galizisch*nörd* böhmische Judenjunge Leopold Weiß, der als Mitglied einer tschechischen Kultusgemeinde ein echter Moham* medaner geworden ist, sich heute Mahmed nennt und als Pressechef Ibn Sauds die „Neue Zürcher Zeitung" und die „Frankfurter Zeitung" mit antisemitischen Artikeln beliefert. Wir lassen diese Sorte von sowohl „zionistischen" als auch nichtzionistischen Schwärmern und Gauklern gern unter Beduinenzelten schlafen, die sie sich aus den Phrasen Prager, Berliner und Breslauer Provenienz ge* baut haben. o. r. Die Araber in Palästina. i Ein seit vielen Jahren unter den Arabern Palästinas wohnender Europäer faßt das Resultat seiner Studien dahin zusammen, daß es in Palästina keine Araberfrage gibt, daß vielmehr eine solche. nur aus. politischen . Gründen von weltlichen und kirchlichen Mächten künstlich konstruiert wurde, und kommt zu dem Schluß, daß die jüdische Ein* Wanderung das arabische Element nicht, ver*" dränge, sondern zu dessen Konsolidierung beitrage. Es steht fest, daß die Araber erst im VIII. Jahr* hundert ins Land kamen. Im Lande haben sie Griechen aramänischer Herkunft, Christen jüdischer Abstammung und Juden vorgefunden. Mit dem Schwert in der Hand haben die arabischen Eroberer die überlebenden Landeseinwohner gezwungen, den Islam anzunehmen, Noch heute, 13 Jahrhunderte nach dem ersten Ein* dringen, nennen sich die meisten arabischen Dörfer „Fi* tach", d. h. durch Zwang bekehrte. Während meines langjährigen Aufenthaltes in Palästina habe ich immer festgestellt, daß sich die Dorfeinwohner als Moslems, nie als Araber bezeichnen. Die Araber beherrschten das Land vom 8. Jahr* hundert bis zum Beginn der ersten Kreuzzüge. Nach dem Zusammenbruch der KreUzzüge haben die christlichen Orden auf ihre Tätigkeit im Lande nicht verzichtet. Diese Tätigkeit ist ihnen teilweise durch Saladirt gestattet, von den Türken geduldet und unter dem Schutze der Kapi» tulationen sogar gefördert worden. In kluger und un* durchsichtiger Weise haben diese Orden für sich zuerst das Pilgerrecht erworben. Zu diesem Zweqke haben sie in den heiligen Stätten der Christenheit und auf dem Wege dorthin schon im 13. Jahrhundert Pilgerhäuser mit ungeheuerer Pracht nach außen und strenger Einfachheit nach Innen erbaut in Jaffa, Ramien, Jerusalem, Bethle* hem, Nazareth, Haifa und sich klugerweise zunächst der Reste der Christen angenommen, die von der Zwangs* bekehrung des Islams verschont geblieben sind. Wochen-Kalender Mai 1930 K'nn Ijar 5690 23 Freitag 25—HD Sabbateingang 7.35 24 Samstag 26-13 Sabbatausgang 8.26 vy 'Bon ,*nprn ina 25 Sonntag 27-13 26 Montag 28-H3 27 Dienstag 29-»3 29 Mittwoch 1-K 29 Donnerstag 2-3