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Die neue Welt · 1930-05-23 · Heft 140 (23.5.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 140 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. T4Ö Dlfi NEUE WELT Seife J T VORNEHME FAMILIENPENSION vormals Dr. GRÜN BERG AM SEMMERING HOCHSTRASSE Nr. 43 (Btl HOTEL PANHANS) Mäßige Preise / Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im Hause / Besitzer: ECKSTEIN / Tel. SemmeringNr.il Fließende« Warmu. Kaltwaster in jedem Zimmer Die ungeheure „Umlage" (Getreideabforderung seitens der Regierungsagenten) des letzten Herbstes hat die jüdischen Bauern in der Krim und Ukraine ruiniert. Sie hat tausend Familien in der Krim, d. h. beinahe ein Drittel der dortigen jüdischen Bauern, gezwungen, ihre mit großer Mühe aufgerichteten Wirtschaften zu verlassen. Zum Frühling verfügten die Kolonisten der Krim und vieler Siedlungen in der Ukraine infolge der ungeheuren Umlage über kein eigenes Saatgut. Noch im vorigen Jahr hat es die Jewsekzija Weiß« rußlands, an deren Spitze der Kommunist Oschero» witsch steht, unternommen, aus den landwirtschaft» liehen Produktivgenossenschaften die bürgerlichen Elemente zu entfernen. Familien, die lange in den landwirtschaftlichen Siedlungen fleißig arbeiteten, wurden ruiniert und verjagt, nur weil sie einmal über Besitz verfügten oder sich mit Handel befaßten. Gegen Ende des Jahres trat hinzu die von Stalin befohlene so« genannte „Entkulakisierung". Sie wird in folgender Weise ins Werk gesetzt: Die Behörden legen im ge* Keimen ein Register der wohlhabenden Bauern, die man als „Kulaki" bezeichnet, an. Um Mitternacht dringen bewaffnete Behörden, begleitet von Vorstehern des Kommunistischen Jugendbundes, in die Häuser ihrer Opfer ein, konfiszieren ihr gesamtes Hab und Gut, Kleider inbegriffen, und im strengen russischen Winter verjagen sie die halbnackte unglückliche Familie aus ihrem Haus und dem Dorf. Dieses Verfahren wurde auch in den alten jüdischen Kolonien der Ukraine angewandt. 10 Prozent der dort wohnenden Familien, die gerade zu den tüchtigsten jüdischen Bauerngenerationen ge» hören, wurden auf diese Weise zugrunde gerichtet. Die Kinder dieser unglücklichen Familien füllen jetzt die wilden Horden der Obdachlosen der „bespli* sornije'Vdie im Land vagabundieren. Die Lage der jüdischen kollektivierten Kolonien wird durch die Internationalisierung der Kollektiven noch verschlimmert. Ueberhaupt geht es den jüdischen Bauern in den Kollektiven schlecht und noch schlimmer geht es ihnen, wenn sie sich den weißrussischen oder ukrainischen Bauern anpassen müssen. Inters nationalisierung der Kollektiven hat die kleinen Sied* Jungen Weißrußlands, die bisher sich ziemlich gut ent* wickelten, fast gänzlich zugrunde gerichtet; sie waren zu ihrem Unglück zu Kollektiven zu klein, und um sie zu kollektivieren, mußte man sie internationalU sieren. Die Kolonien im Süden sind größer und befinden sich in dieser Hinsicht in einer besseren Lage. Doch hat es der bekannte jüdische Kommunist Golde im Kreis Eupatoria in der Krim unternommen, sogenannte „K o U Iektiven*Giganten" zu gründen, in denen Juden, Ukrainer/Deutsche, Bulgaren, Tataren usw. zusammengetan sind. Diese „Giganten" hat man zwar später aufgelöst, aber Goldes Tätigkeit hat die Land* Wirtschaft im genannten Kreise in einen Zustand völligen Chaos gebracht. Dennoch soll man die Hoffnung nicht verlieren. Es muß alles mögliche getan werden, um die jüdische Landwirtschaft, die sich bis zu dieser Katastrophe mit einem gewissen Erfolg entwickelt hat, noch zu retten. Eine weitere jüdische Kolonisation, die jetzt aus« schließlich in kollektiven Formen geführt werden muß, verliert aber jeglichen Sinn. Es wäre vollkom* men verfehlt, die bescheidenen Mittel der jüdischen Wohltätigkeit für kommunistische Experimente, die durch terroristische Methoden verwirklicht werden, auszugeben. Die jüdische planmäßige Kolonisation hat Ende des Jahres 1929 eingesetzt, als die Regierungspolitik der Bauernwirtschaft verhältnismäßig günstig war. Jetzt, wo die Sowjetmacht der bäuerlichen Landwirtschaft den offenen Krieg erklärt hat, hat sie ihren Sinn ver* loren. Man muß sogar sagen, daß unter den gegebenen Bedingungen die Weiterführung der Kolonisation auch in politischer Hinsicht bedenklich ge* worden ist. yfu**W Die führende schwedische Weltmarke Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Ein jüdisches Seminar für antireligiöse Propaganda. Moskau, 16. Mai. (J. T. A.) In Charkow wurde ein jüdisches Seminar zur Heranbildung von antireligiösen Agitatoren eröffnet. Das Seminar wird von 32 jüdischen Hörern besucht, die nach Absolvierung des Kurses sich in die Städte und Städtchen mit größerer jüdischer Be* völkerung begeben werden, um dort die antireligiöse Propaganda zu leiten. Die linken Poale Zion in Moskau schwören den Zionismus ab. Moskau, 19. Mai. 24 bekannte Mitglieder der vor zwei Jahren wegen ihrer Gegnerschaft zum jüdischen Siedlungswerk in Biro»Bidschan aufgelösten Parteien der linken Poale Zion in Rußland haben nun der kommunistischen Internationale und dem Zentral* komitee der kommunistischen Partei Rußlands ein Memo« randum überreicht, in welchem sie erklären, daß sie sich von nationalzionistischen Prinzipien los* sagen und bitten, sie als Mitglieder in die kommuni» stische Partei aufzunehmen. Der Kampf gegen Biro* Bidschan, erklären die 24 Führer der linken Poale Zion, sei vom kleinbürgerlichen Nationalismus und dem Zionismus inspiriert, da diese Kreise in BirosBidschan eine Konkurrenz gegen die jüdische Staatsidee in Palästina sehen. Die 24 Führer der linken Poale Zion erklären weiter, daß sie nicht mehr glauben, daß Juden aus Sowjetrußland auswandern müssen und daß sie sich von dem Glauben, daß P a 1 ä* stina ein jüdisches Nationalheim sein müsse, lossagen. Sic erkennen den Biro*Bidschan*Plan als einen Erfolg der nationalen Politik der kommunistischen Partei an. Sie wollen nun den Kampf gegen die zionistische Bourgeoisie und den e n g 1 i* sehen Imperialismus führen und hoffen, daß die linken Poale Zion auch im Auslande ihrem Nationalismus entsagen und die Reihen der kom* 2Foa wud^^oAni. ()0a4 die M*A*uto$ oAne(wi^y Wmä^lSi^miÄne fätätjm "S^^Uvd ofam BERSO VtriiB|tR Sla Stift M nwm MibIii {Mdi mit liogtbantu BfJSM-ltofflmirtJitan m**mm* 1. 1111 im i i»mmmm*»mm*mlmm~ 11 ......... m^m^tmmmtmmmmm , tmmmmmm munistischen Partei verstärken werden. Das Memoran« dum ist unterschrieben von den alten Führern der linken Poale Zion in Rußland N. Asarkan, J. Kitojewtsch, D. Rabinowitsch, Katz/Taube, L. Schub, J. Forts, B.* Riskin u. a. m. Die Rechtsstellung des Judentums in Deutschland. Die Republik hat die jüdische Religionsgesellschaft wirk« lieh rechtlich gleichgestellt. — In Oesterreich ist das Ge« genteil der Fall. Im Maiheft des Gemcindeblattcs der Jüdischen Gc* meinde zu Berlin veröffentlicht Dr. Isanar Freund einen grundlegenden Aufsatz „Die Rechtsstellung des Ju* dentums in Preußen seit der Weimarer Verfassung", dem zu entnehmen ist: Das Gesetz vom 3. Juli 1869 bedeutete wie für das übrige Deutschland so auch in Preußen den Schlußstein der Emanzipation der Juden. Wohlgemerkt: der Juden, nicht des Judentums. Denn es proklamierte nicht etwa die Gleichberechtigung der Konfessionen schlechthin, sondern „die Gleichberechtigung der Konfes« sionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung", nicht also auch in „staatskirchenrechtllcher H i n s i c h t". Das bedeutet: der einzelne Jude wurde als Bürger und Staatsbürger den Angehörigen der Christ« liehen Bekenntnisse gleichgestellt. Dem Judentum als Weltanschauung und Religionsgemeinschaft aber wurde die Gleichstellung mit den übrigen Bekenntnissen nicht gewährleistet Es blieb vielmehr den einzelnen Bundesstaaten überlassen, ihr Verhältnis zu den verschie» denen Religionsbekenntnissen nach wie vor verschieden zu gestalten. Von dieser Möglichkeit hat Insbesondere1 auch Preußen in erheblichem Umfang Gebrauch gemacht. Es. hat den christlichen Kirchen auch weiterhin eine Reihe von Vorrechten gelassen oder eingeräumt, die es dem Judentum versagen, und zwar: 1. Auf dem Gebiet des Religionsunterricht tes: Nur der christliche Religionsunterricht swurdc für obligatorisch erklärt, die Einrichtung des jüdi* sehen Religionsunterrichtes aber war in das Belieben der Schulpatrone gestellt, die Teilnahme an ihm in das Er* messen der Erziehungspflichtigen. Der Staat sorgte für die Ausbildung der christlichen Religionslehrer, eine Re* ligionsprüfung der jüdischen Lehrer und Lehrerinnen durch den Staat fand grundsätzlich nicht statt. Zur Ausbildung der christlichen Volks* schullehrer wurden staatliche Seminare unterhalten; an staatlichen jüdischen Lehrerbildungsanstalten fehlte es ganz. 2. Der Staat sorgte für die Ausbildung von Geist* Die Erbschaft. Erzählung von A. Reisen. Das alte Elternpaar Sorach und Gnessie verlebte seine letzten Jahre bei seinem älteren Sohn Chajim. Das war ein schlanker, hagerer Mann mit feuchten Augen und spitzem, blondem Bärtchen, das schon von Streifen grauen Haares durchzogen war. Chajims Weib Elke war von gleichem Wuchs wie ihr Mann, schlank und dürr, uud auch bei ihr fanden sich am Kinn einige graue Haare. Aber im Vergleich zum alten Paar waren die beiden noch junge Leute, und Chajim und Elke dachten daran, das Leben erst zu beginnen, wenn die Alten abgetreten waren . . . Eigentlich nahmen die Alten, Chajims Vater und Mutter, nicht viel Platz weg. Das Zimmerchen, das sie in den letzten paar Jahren bewohnten, war so klein, daß es im Haus nicht viel geräumiger würde, wenn Chajim und Elke es für sich hätten. Das Hauptgewicht aber fiel auf die Oberbetten. Das alte Paar hatte viel Bettzeug und wachte darüber sein Leben lang. Elke versuchte sogar einmal, ein Kissen für sich zu nehmen, was aber die alte Gnessie beim Schlafengehen bemerkte und furchtbaren Lärm schlug. „Schon wollt ihr uns beerben! Habt Zeit, Kinder, es wird noch für euch bleiben." Und der alte Sorach fügte brummend hinzu: „Sie haben keine Zeit , t , es brennt ihnen ab." Und Elke, die eine unerklärliche Leidenschaft für Bettzeug hatte, niußt^e bös und gereizt selbst das Kissen ins Zimmer zurücktragen und noch obendrein freundlich lächeln. „M'pahf ... Wer braucht euer Bettzeug? Wenn's darum geht,, könnt ihr noch hundert Jahre leben , . Aber außer dem Bettzeug besaßen die Alten au&h noch viel KupfergescÄrr, Töpfe und Pfannen aus Kupfer. Elke benützte zwar dieses Kupferzeug, als wäre es ihr Eigentum, fühlte sich aber dennoch nicht als wirkliche Besitzerin. Das Kupferzeug lag in Gnessies Kommode, dort in ihrem Zimmer, und brauchte sie einen Topf oder eine Pfanne, so mußte sie ins Zimmer gehen es holen ,.. Chajim wieder, ein Mensch, der gerne lernte, wartete ungeduldig auf des Vaters Bücher. Der Vater, an und für sich kein lernbegieriger Mensch, kaufte sein ganzes Leben lang immerwährend Bücher, so daß es davon volle Stellagen gab. Auf den drei obersten Stellagen stand der Wilnaer Talmud, in starkes teder gebunden, in der mittleren Stellage thronte stolz und majestätisch der Tanach mit den 32 Kommentaren in 12 Bänden . . . Dieser Tanach war viel Geld wert, denn er enthielt auch den Kommentar Abraham Ibu Esras. Und dieses Tanach wegen fürchtete Chajim, es könnte mit seinem einzigen jüngeren Bruder Streitigkeiten geben. Sein jüngerer Bruder Josef war ein Halbaufgeklärter. Wenn er manchmal kam, um sich nach Vater und Mutter zu erkundigen, pflegte er sogleich nach dem ersten Gruß vor dem Bücherschrank, stehen zu bleiben und mit den Augen den Tanach mit dem Kommentar Ibu Esras zu verschlingen. Manchmal pflegte er einen Band herunterzuheben, darin zu blättern und liebevoll zü murmeln: „Heute bekommt man das nicht mehr." Und aus eben diesem Grunde, weil man es nicht mehr bekommt/ war es für Chajim ein Beweis mehr, daß Josef daran denke, den Tanach aus der Erbschaft zu bekommen. Er hatte sogar schon mit dem Vater ein Gespräch anzuknüpfen versucht, um den Tanach noch bei dessen Lebzeiten als Geschenk zu bekommen. Zu guter Letzt konnte er aber doch nichts hervorbringen. Einmal jedoch, als der alte Sorach abends in seinem Zimmer saß und sehr hustete, wandte sich die alte Gnessie, als er zu Ende gehustet hatte, an ihn: „Soracbj was wird sein mit dem bißchen Erbschaft? Hättest schon zum Row hineingehen sollen, um dort aufzuschreiben, was zurückbleibt... was für Josef, was für Chajim , * » sollen sie später nicht streiten . . ." „Sie werden schon nach unserem Tode selbst teilen", wackelte der Alte mit dem Kopf und vergrub sein Gesicht tiefer in das offene Buch, das vor ihm ausgebreitet lag. Und so starb der Alte, ohne ein Testament hinterlassen zu haben. Nach des Alten Tod überfiel die alte Gnessie die Sehnsucht nach ihm so sehr, daß sie zu ihm ging. Sie sagte selbst wörtlich: „Ich geh zu Sorach!" Sofort nach den sieben Trauertagen räumte Elke das Zimmerchen aus und stellte ihr Bett hinein. Das Bettzeug, das von den alten Leuten zurückgeblieben war, hatte sie in andere Ueberzüge getan, so daß am nächsten Tag das alte Bettzeug ein neues, frisches Aussehen hatte. Dann ging sie an die Kupfersachen, nahm eine Magd mit dem Auftrag, sie gut zu scheuern und dann zum Kupferschmied zu tragen, damit er sie blank mache. Chajim wiederum stellte draußen zwei Bänke auf, um die Bücher zu lüften. Dann trug er sie ins Zimmer zurück und begann sie in den Stellagen zu ordnen. Da kam aber der jüngere Bruder Josef. „Gestorben unsere Eltern", seufzte er nach dem ersten Gut-Morgen. „Was kann man machen, alte Leute . . ." murmelte Chajim ergeben. „Gebe Gott, daß wir ihre Jahre erreichen", murmelte Elke und konnte um keinen Preis das Lächeln zurückhalten, das auf ihrem trockenen Gesicht ausgegossen lag. Josef stand eine Weile da, als könnte er sich nicht entschließen, etwas zu tun, was ihm schwer fällt.. Endlich aber faßte er Mut und warf hin: „Na, was ist denn, mit der Erbschaft? ,. . Hast alles eingesteckt, Chajim?"

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