Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1930-05-16 · Heft 139 (16.5.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 139 (16.5.1930)
Date
1930-05-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2711736-2711757--1830-2715074
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nt. 139 die mxm mit von de* Zionistischen Ortsgruppe veranstaltet war. Prä« sident Motzkin war Gegenstand großer Ovationen. Besondere Anerkennung sei der Leitung der israe« litischen Kultusgemeinde Graz gezollt, die diese Feier ver« anstaltete. Es mag als würdiger Auftakt der Arbeit der Kultusgemeinde unter zionistischer Mehrheitsführung ge* schätzt w«rden, daß sie nunmehr bestrebt ist, allen Ifiter* essen des Judentums gerecht zu werden, und daß sie Feiern, die bisher mehr parteipolitische Kttnd« gebungen waren, dadurch den Charakter über* parteilicher Kundgebungen des Gesamtjuden* tums gibt. In diesem Sinne wird sich nun hoffentlich die Umwandlung der Kultusgcmcinde in eine wahrhaft jüdi« sehe V olksgemein de vollziehen. Die neue antisemitische Welle in Rumänien. Anläßlich der Wiederwahl des Antisemitcnfühfers Cuza, — Aber schuldig sind die Judenl Bukarest, 8. Mai. Bei den Ergänzungswahlen in die rumänische Kammer wurde der Führer der rumänischen Antisemiten, Professor Cuza, der bei den Haupt* wählen unterlegen war, in Roman mit 15.424 Stimmen wie# der in das Parlament gewählt. Der Regierungskandidat blieb mit 8921 Stimmen in der Minderheit. * Bukarest, 8. Mai. Die erste Folge dor Wahl des Antisemitenführers,Professors Cuza in das rumänische Parlament bei der Ergänzungswahl in Roman waren schwere antisemitische Ausschreitungen gegen Juden. Während Cuza mit seinem Sohne George und 18 seiner studentischen Agitatoren in Automobilen durch das Städtchen Tg. Frumos fuhren, wurden jüdische Bürger dieses Städtchens überfallen und schwer mißhandelt. Die Begleitschaft Cuzas warf sich über einen alten Juden, der an der Tür seines Hauses stand, und schlug ihn blutig. Sämtliche Fensterscheiben in den Geschäfts* lokalen und Wohnungen der Juden dieser Gegend wurden eingeworfen. Unter der Judenschaft des Städtchens ent* stand eine furchtbare Pani k. An einem Punkte der Stadt taten sich jüdiche Bürger zusammen, um sich gegen Ueberfä'le der Cuzisten zur Wehr zu setzen. Es ent* stand ein gefährliches Handgemenge, wobei es auf beiden Seiten zahlreiche Verletzte gab. Die Polizei war gegen die Studenten machtlos, sie gab mehrere Schreckschüsse ab. Schließlich zogen Cuza und seine Be* gleitung ab..Die hiervon verständigten Jassyer Behörden veranlaßtcn, daß in den Ortschaften, die Cuzisten auf ihrem Wege von Roman nach Jassy passieren mußten, Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung getroffen werden. In allen diesen Ortschaften wurden die jüdischen Geschäftsläden geschlossen gehalten. Den Studenten war verboten worden, in den Ortschaften selbst Halt ,zu machen. In Jassy wurde Professor Cuza von vielen Hunderten Studenten empfangen und im Triumphzuge durch die Stadt geführt. Auf Veranlassung der Präfektur waren samt* liehe Geschäftslokale geschlossen. Die Studenten sangen antisemitische Lieder und stießen judenfeindliche Rufe aus. Beim Präfekten erhob Cuza Beschwerde, daß er von Juden in Tarbu*Frumos überfallen wurde, er verlangte Bestrafung der Schuldigen und der Behörden. Als der Präfekt die Be* schwerde zurückwies, rief ihm Cuza zu: „Sie sind ver# j u d e t!" Unterstaatssekretär Anghelescu erklärte der Presse, die Regierung habe alle Maßnahmen getroffen, um weitere Ausschreitungen zu verhindern. ■ Bukarest, 10. Mai. Im .ganzen Lande gab es in den letzten Tagen antisemitische Ausschreitungen, Gestern wurden in Bukarest mehrere jüdische Passanten überfallen und verprügelt. So wurde im Parke Cismigiu eine Gruppe jüdischer Aerz^e, die mit ihren Frauen spazieren gingen, überfallen u n d blutig v e p jprü g e 11. Einer der Aerzte erkannte in einem seiner An« greif er einen Studienkollegen; am Dambovitzaufpr wurde der Privatbeamte Isak H aller von einer Gruppe von dreißig bis vierzig Studenten überfallen und blutig verprügelt, so'daß er ins Spital geschafft werden mußte, Von anderen Antisemitengruppen wurden die Privatbeam* ten Isak C r i s i e r und Hermann G r ü n blutig geschlagen. Die Wachleute, die wohl in der Nähe waren, erklärten, angesichts der Ucbermaeht der Studenten nicht ein* schreiten zu wollen, weilsie selbst Miß* h a n d 1 u n g e n f ü r c h t e n. In der Ortschaft Borsac im Bezirk Maramuresch fand eine Versammlung des Vereines „Cultul Patriei" statt. Was bei dieser Versammlung beschlossen wurde, ist nicht bekannt. Nach der Versammlung zogen alle Teilnehmer unter Vorantragung einer Fahne durch die Ortschaft und mißhandelten die jüdischen Bürger, die ihnen in den Weg kamen, warfen bei den Juden die Fensterscheiben ein und veranstalteten eine förmliche Hetzjagd auf die Juden. In der Ortschaft Viseul im Bezirke Cluj begingen eine Gruppe von 300 Bauern und mehreren Studenten, unter Anführung des griechisch»kathoUschen Pfarrers Dumjtrescu Ausschreitungen gegen die Juden. Per schwache Gendarmerieposten konnte nichts ausrichten, erst als Verstärkung aus Cluj eintraf und der Präfekt des Bezirkes Juga erschien, wurde der Pfarrer Dumitrescu in Haft genommen. Die Studenten und mehrere Bauern verbarrikadierten sich in der Kirche und wollten nicht weichen. Erst nach längen Verhandlungen gelang es zu Mittag sie zu einem Abzug aus der Kirche zu bewegen. * Bukarest, 10. Mai. Ein ganz sonderbares Resul* tat ergab die von den Jassyer Behörden eingeleitete „Untersuchung". Der Bericht lautet: Die acht Juden aus Tg. Frumos. welche verhaftet und nach Jassy gebracht wurden, sind die Schuldigen. Diese Juden haben das Handgemenge verursacht. ( Weiters wurde gegen 28 andere jüdische Bürger von Tg. Frumos die Anklage wegen Beleidigung und handgreiflichem Vorgehen gegen die Polizisten erhoben. Die Haftbefehle der acht erwähnten Juden wurden bestätigt, trotzdem diese Juden erklären, daß sie sich an den Zwischenfällen überhaupt nicht beteiligt haben und ihr Alibi für diese Zeit genau nachweisen konnten. Weil die Juden sich nicht gutwillig totschlagen ließen, sind sie die Schuldigen! Die rumänischen Unter* suchungsmethoden scheinen hervorragend zu sein. — Da* bei ist jetzt eine „n ichtantisemitische" Regierung am Ruder. •■n tflli IiifiVtiifiii'iwliii Seife 5 1 t nimtim Mißhandlung der verhafteten Juden. Czernowitz, 13. Mai. Das Verhaken, welches die jfolizei anläßlich der von dem Antisemitenführcr Cuza und seinen Studenten, Geistlichen und Bauern veranstab teten Judenhetze an den Tag legt, löst unter der Juden* schart helle Entrüstung aus. Einerseits erklärt die Polizei, gegen die Ucbermaeht der Studenten nichts unternehmen zu können. Anderseits verhaftet sie Juden, welche sich gegen die akademischen Roh« linge wehren. Die größte Empörung hat die Tatsache ausgelöst, daß die neun verhafteten Juden aus Targu Frumos, wie die Jassyer Zeitung „Lumea" meldet, im Gefängnis mißhandelt, daß ihnen Bart und Haare ge« schnitten wurden. Man soll auch, nach derselben Blatter« mcldung, diese Unglücklichen in einem Zimmer auf« gestellt, ihnen Pflöcke in die Hand gegeben und sie so photographieren lassen. Diese Bilder werden jetzt von den Cuzisten als Agitationsmaterial] verwendet. Die Ursache der Mißhandlungen liegt darin, daß die Juden nicht zugeben wollen, die „Angreifer" gewesen zu sein. Cuza interpelliert. Bukarest, 12. Mai. In der rumänischen Kammer fragte Deputierter Rasch c a n u , ,den Innenminister, welche Maßnahmen die Regierung .im Zusammenhang mit den antisemitischen Exzessen in Targu Frumos ergrif« fen. habe. Der j ü*d i s c h e Deputierte Fische r brachte die antisemitischen Exzesse: im Kreis Marmorosch zur Sprache. — Der neugewähltc Deputierte Cuza brachte eine Interpellation ein, in der er behauptet, daß in Targu Frumos die Studenten von einigen Juden (er gebrauchte das Schimpfwort „jidani") verprügelt wurden. Der Depu« tierte Fargure verwahrte sich gegen den Gebrauch des WtZPr^ ^M^ZLd jedes Ku\d seine Sckate Kathreiners Kneipp Malzkaflee. J&*<^etru 4clu4i£ck4-4A-! Wortes „j i d a n i" in der Kammer. Cuza fragt die Re» gierung, welche Maßnahmen sie gegen, die Juden getrof» fen habe oder treffen werde, die „auf Grund ihrer verbrecherischen Religion" Studenten ange» griffen haben. Fargure verwahrt sich gegen den Ausdruck „verbrecherische Religion", da das mosaische Bekenntnis vom rumänischen Staate anerkannt ist. Der Kampf um den Zionismus in Internationale. Friedrich Adler und der „Bund46. Die II. Internationale wird aller Voraussicht «ach in der nächsten Zeit sich wieder mit dem z i 0 n i,s t isehen Problem zu beschäftigen haben. Man weiß, daß in den Kreisen der Internationale starke Gegnerschaft gegen die jüdischen Auflebungstcndenzen in Palästina besteht, vornehmlich seitens der jüdischen Assimilanten im Lager der öS t er r eionischen, Sozialdemokratie und der mehr als chauvinistischen ,p o 1nischen sozialdemokratischen Partei. Diese gegnerischen Gruppen werden einen ausgiebigen Kräftezuschuß erhalten, wenn jener Teil des jüdischen Proletariats Osteuropas, dessen Organisation „B u n d" heißt, auf der Arena der Internationale mitsprechen wird. Der „Bund", die gleichzeitig mit dem politischen Zionismus in die Welt getretene, anfangs assimilatorisch gerichtete, später durch den Kampf gegen den Zionismus ein wenig mit galuth-nationalistischen, jiddischiste.il Tendenzen durchsetzte jüdische sozialistische Partei war bisher * inoffiziell durch den Vertreter der russischen Emigrantensozialisten A b r amovies in der Internationale streng antizionistisch tätig. Der New Yorker „V 0 r w ä r t s'V ein jüdisch^sozialistisches Blatt, weiß nun Interessantes über die Bestrebungen der Internationale, den „Bund" in ihre Sphäre einzubeziehen, im folgenden zu berichten: Der „Bund" in Polen ist bekanntlich bis jetzt weder der sozialistischen Partei Polens noch der sozialistischen Arbeiter internationale angeschlossen. Bis vor rund fUnf Jahren war der „Bund" kommunistisch und poehte mehr als einmal an die Tore der komniu«. nistischeu Internationale, um Aufnahme bettelnd. Moskau aber stellte so schwere Bedingungen, di« anzunehmen soviel wie Auflösung des „Bund" bedeutet hätte, was sogar die damals auf der äußersten Linken stehenden Führer des „Bund" nicht akzeptieren konnten. Der „Bund" blieb so als Organisation außerhalb der kommunistischen Internationale, stand aber, ideologisch in großem Maße unter dem Einfluß des Kommunismus und gehörte organisationsgemäß dem sogenannten „Pariser Büro der revolutionäre^ Sozialist! schenParteien" an, einer Vereinigung, die aus halbkommunistischen Gruppen besteht und vom ehemaligen sowjetistischen Jttstizk^mjnissär Dr. J. Steinberg, dem linken Sozitlrevolutionän, und von der jüdischen Führerin der italienischen, sozialistischen Maximalisten Frau Angelica Balabahc/Vva, der gewesenen ersten Sekretärin der kommunistischen Internationale, geführt wird. Die offizielle Aufgabe des Pariser Büros besteht darin, die II. (sozialdemokratische) mit der III. (kommunistischen) Internatipnale zu vereinigen. Im Verlauf der letzten Jahre ist der kommunistische Einfluß im „Bund" bedeutend schwächer und jener Teil des „Bund", der für den Eintritt in die II. Internationale spricht, stärker geworden. Die Führer und Repräsentanten des „Bund", sowohl die „rechten" als auch die „linken", sind verbissene Gegner des Zionismus» und da bedeutende Persönlichkeiten der sozialistischen Internationale prozionistisch sind, wird dies von den linken Elementen als Argument gegeu den Anschluß an die II. Internationale benützt. H. E h r 1 i c h, der Führer des rechten Flügels des „Bund", wandte sich daher an Friedrich Adler, den Sekretär der sozialistischen Arbeiterinternatymale, um Auskunft über die Stellungnahme diejer Körperschaft z um Zionismus. In dem Brief ah Adler weit* IJ. Ehrlich darauf hin. daß ungeachtet aller Meinungsverschiedenheiten, die zwischen „Bund" und der Polnischen Sozialisten-Partei (P, P. S.) bestehen, die Stellung der P. P. S. zum Zionismus die gleiche sej .wie die des „Bund"; daß ferner der J>, P. S.¬ Abgeordnete Tscholkosch in einem offenen Brief 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.