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Die neue Welt · 1930-05-16 · Heft 139 (16.5.1930) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 139 (16.5.1930)
Date
1930-05-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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feü»2 DIE NEUE WELT Nr. m WIEN VI!.. KAISERSTRASSE 123 IX., ALSERSTRASSE 6 FERNSPRECHER B-3Ö-0-43 Sie haben getreu das Prinzip der Loyalität befolgt, d. Ii. es ist nicht fair, wenn andere Schulfüchse in den „Sumpf gekrochen" sind, sie dort versinken zu lassen. Diese Kom* misslonsmitglieder haben die arabischen Führer, noble Leute aus altem Adel, unter ihre Fittiche genommen. Und doch hat ein schauerlicher Pogrom stattge« funden. Jerusalem war einige Tage in den Händen des Mobs, und tief im Innern des Landes sind Juden, über hundert, erschlagen worden. WessenSchuld war das schließlich? Wahrscheinlich — des Mobs und einiger Zeitungsleute . . . Die Geheimpolizei, sagt man uns, war Unfähig, und die Polizei selbst schlug sich auf die Seite des Mobs. Das allein würde doch anscheinend genügen zu be* weisen, daß ein Teil der Schuld auf Mr. Luke und die höheren englischen Beamten falle. Es ist nicht der erste Pogrom, der in Palästina unter englischer Flagge stattfand. Konnten jene nicht vor* hersehen, was geschehen werde, wenn die arabische Presse zu hetzen beginnt? Ist es denn nicht ihre Pflicht gewesen, eine fähige Geheimpolizei und pflichtbewußte Poli* zisten zu haben? Der Bericht ist nicht geeignet, das An* sehen von der Fähigkeit der englischen Beamten im Aus« Iand zu steigern. Ebensowenig wie es für unsere Reputation von Vorteil sein wird, wenn wir eine so unglückliche und tragiche Niederlage auf die leichte Schulter nehmen werden. Es ist deshalb angenehm, daß Mr. S n e 11 aus dem allgemeinen Ton seiner Kollegen herausfällt und viele ihrer Schlußfolgerungen nicht mitmacht. Er stellt sich nicht auf den Standpunkt, daß der Pogrom ein spontaner Ausbruch des Mobs gewesen sei, der die blutrünstigen Zeitungen nicht einmal lesen kann. Er beschuldigt den G r o ß m u f t i und die arabischen Führer und hat auch einiges, wenn auch sehr sachte, an der englischen Admini» s t r a t i o n auszusetzen. Wichtiger noch, ist, daß. er mit den übereilten Vorwürfen gegen die jüdische Bevölkerung seitens seiner Kollegen nicht übereinstimmt. Aber einige nützliche Schlüsse zieht auch dieser schwache Bericht. Die Garnison wird von jetzt ab entsprechend sein müssen und man geht bereits an die Reorganisation der Po« lizei. ' Was die Beamten betrifft, so erlaubt es sogar unsere Tradition, die sie vor dem Schuldigwerden beschützt, sie anderswohin zu verpflanzen. Mit zwei Bataillons, mit einer verläßlichen Polizei und mit Maßnahmen der Unter* drückung der direkten Pogromhetze in den Zeitungen kann man wahrscheinlich die äußere Ordnung in Palästina auf» rechterhalten. Das ist nur ein geringerTrost. Schutz gegen Pogrome ist kein großes Ideal für eine zivili* sierte Regierung. Das Land ist einzufrieden. Araber und Juden sind durch bitteren Haß gespalten. Die Juden sind über den geringen Fortschritt ihrer Kolonisationsarbeit enttäuscht. Sie sind verärgert und verbittert (und was Wunder auch!) übeij. das tragische Erlebnis, und sie zweifeln an den guten Absichten der englischen Ad* ministration. Die Araber sehen eine fremde Bevölkerung in einem Lande heranwachsen, das sie ihr eigen nannten, fast so viele Jahrhunderte lang wie die angelsächsische Bevölke* rung Englands. Es gefallen ihnen die Sitten dieser Ausländer nicht, die mit der Macht der Wissenschaft kommen, mit geschulten Köpfen und europäischen Maschinen — kom* men,.um den Schmutz und die Unwissenheit einer degene* rierten, aber ehrbaren Zivilisation hinwegzuräumen. Sie fürchten, daß die Immigranten sie überfluten, sie vom Boden verdrängen und ihre Bauern zu einem landlosen Proletariat machen werden. Bei solchem Gefühl der Angst haben es Fanatiker leicht, religiöse Verleumdun* gen zu erfinden. Und dann sagt man uns, die arabische Bevölkerung fordere Selbstregierung, was wahrscheinlich bedeutet, daß ihre bevorrechtete Klasse ihre Ambitionen hat; denn die Massen sind zu unwissend und zu sehr niedergehalten, um an einer lokalen oder nationalen Re* gierung teilzunehmen. Dieses traurige Bild hat aber eine zweite Seite. Die jüdischen Kolonisten haben überall, wo sie nur Gelegenheit hatten, Wunder gezeigt. Sandwüsten haben sie mit Bäumen bepflanzt, Malaria* sümpfe trockengelegt, trockenen Boden bewässert und glutheiße Wüste in Gärten und Wälder verwandelt. In ihren Versuchsstationen haben sie Früchte und Körner produziert, die das schwerste Klima ertragen können. Sie haben elektrische Kraft gebracht, den Jordan nutzbar ge* macht und gehen daran, sogar aus dem Toten Meer Mine* ralreichtum zu ziehen. Für Tausende ihres Volkes, die nur die hoffnungslose Erniedrigung des Ghettos 1 e b e n s im Osten kannten, haben sie ein neues Leben des Fortschritts und Schaffens gebracht. Sie haben ihre alte Sprache zur Mutterpracbe aufleben lassen und durch ihre Universität in Jerusalem ein Zentrum der Kultur für ihre begabte Rasse geschaffen. Aber der Nutzen ihrer wissen« schaftlichen Arbeit und ihres höheren sozialen Bewußtseins gilt nicht nur für sie selbst. Ihre Masch Inen bedie* nen die vernachlässigten, arabischen-Dor« f er, ihr Kampf gegen die Malaria dient.dem Wohl aller. Ihre Gewerkschaften betreiben die Organi* sierung des hilflosen arabischen Arbeiters. Sie heben den Standard dieser zurückgebliebenen Bevölkerung in Gesund* heit, Lohn und Erziehung. Ihre technischen Pläne mögen ursprünglich nur zur Besorgung elektrischer Kraft für ihre eigenen Siedlungen gemacht worden sein, aber sie schaffen dadurch Arbeit und neue Möglichkeiten auch für die arabische Bevölkerung, Sie bringen die m o* derne Zivilisation in ein Land, das erstarrt bliebe ohne sie. Was uns betrifft, so können wir der Tatsache gegenüber nicht gleichgültig Sein, daß der größte Teil dieser Jüdischen Pioniere Sozialisten sind und daß viele ihrer Kolonien kooperative Gemeinschaften darstellen. Was für Zukunft bat nun der Versuch, das National* heim der Juden wiederaufzubauen? Das natürliche Wach?* tum der arabischen Bevölkerung ist größer als das der jüdischen. Andererseits' hat die Erfahrung einer scharfen Krisis erzeugt, daß es ökonomische Grenzen gibt, die das rasche oder langsame Tempo der jüdischen Einwanderung bestimmen. Es ist nicht leicht, für alle, die hineinkommen wollen, Boden zu finden. Kein Zweifel: bei den Arabern geht viel Boden verloren, da sie ihn nach alten Methoden bearbeiten. Aber man kann ihnen den Boden nicht weg* nehmen, so die unzufriedenen Massen vergrößernd. Der erste Schritt wäre die Landvermessung, die Mr. Snell empfiehlt. Ist wirklich Boden vorhanden, den die Juden jetzt schon so. übernehmen können, wie sie behaupten? Welcher Boden sonst kann zur Verfügung gestellt werden, wenn das Niveau der Bewirtschaftung sich gehoben hat? Und nun die Hauptsache 1 Ist überhaupt Kurort Baden bei Wien. Unternehmen .Sie Bade- und Trinkkuren im Frühjahr! Alle Kureinrichtungen Badens stehen bei wohlfeilen Preisenzur Verfügung und gewährleisten einen angenehmen und erfolgreichen Kuraufenthalt. E freier oder Regierungsboden,, welchen — wie das Mandat dies ausdrücklich bestimmt — die. Administration an Juden abgeben kann,, wenn jüdische. Unternehmungskraft bereit ist, ihn zu übernehmen? Bis zur Beantwortung dieser Fragen (nicht d u r eh die P a 1 ä s t i n a * A d m;i n i s t r a t i o n, sondern durch eine unparteiische K ö r.:p,er.s c h a f t von Landver* ■ messern) wird der Verdacht bestehen, daß die langsame .. Entwicklung der jüdischen^ielTiung zum Teil daher kommt, , d a ß d i e..A-dm ini s t r a .ttpji selb'äk n i c h'&r^d e n Hau p t z. weck, d eis*vM-.avJ$-H%t s g t-a u bvt. Uhdv noch ■'• \füs ~ '■ V '3' ' '"' einmal:-Hat rhan den Vorwürfen der "Zionisten genüget«! Aufmerksamkeit geschenkt, die därin beruhen, daß in dem fruchtbaren und schütter besiedelten Ostjordantynd, das Churchill den Juden versperrt hat/m i t L e i c h t i g k e i t dcrUeberschuß d er a r a bischen Bevölke* rung angesiedelt werden kann? (Eine solche zionistische Forderung wurde niemals erhoben. Vielmehr betrachten die Zionisten Transjordariien als organisch zu Palästina gehörig, somit als einen Teil des jüdischen Ko* lonisationsgebietes, und weisen nur darauf hin, daß die außerpalästinensischen arabischen Territorien, d'e größer sind als Europa, von nur 30 Millionen Arabern bewohnt ' werden und für eine weitere Aufnahme arabischer Massen geeignet sind. Anm. d. Red.) Diese Landfra'ge ist das Hauptmotiv der Unzufrieden* heit von Arabern und Juden; Es darf aber die Tatsache nicht übersehen werden, daß jede Vergrößerung der jüdi* sehen Bevölkerung durch eine Industrialisierung kommen muß, die die Elektrifizierung des Jordan mit sich bringt. Es gilt allgemein, daß die englische Regierung das Mandat für einen Zeitraurn von 25 Jahren ühernommen hat. Je stärker wir in den nächsten 15 Jahren unsere Ent<» schlossenheit zeigen, das Nationalheim zu etablieren, umso größer sind die Aussichten,, daß die Araber sich beruhigen. IWas machen Sie jeden« Abend? ■ „Ich lasse mich mit Diana-Franz- Hfl branntwein massieren!" —.Warum gerade mit Diana Fran z- Hb Branntwein?" — „Weil Ich WBM mich überzeugt habe, dass nur Massage mit dianaI Franzbranntwein! mit Menthol ■ solche Schmerzen lindert, welche Hl vonUeberanstr engung, |H und' schwerer Atbeit herrühren. .^H Eben darum kaufe ich nur WM Diana Franzbranntwein I und nichts ändeies." H| Nehmen Sie nur Diana I H Wartlo«» Haehafcmungan w»U«b Sie surttckl ^ÄlteflMPÄML 4fcl4a^ke^ttttfiflL^JL aaaawBr Das geringste Zeichen der Wankelmütigkeit unsererseits, jede übertriebene Vorsicht im Sinne des Beschränkens det jüdischen Einwanderung, die geringste Andeutung der Regierung, daß sie wie die Araber im Herzen gegen das Nattanalheim sei, muß den Widerstand verstärken, den Ffiedetf zwischen den beiden Rassen hinausschieben ebenso wie den Zeitpunkt, an dem eine Selbstregierung ohne Ge* fahr wird eingerichtet werden können. Wir können nicht einmal denken, unsere direkte Verantwortung aufzugeben, solange die jüdische Siedlung nicht stark und zahlreich genug ist, seine eigenen Interessen zu schützen und den Boden, den die Juden der Wüste entrissen haben, zu verteidigen. Es wird häufig behauptet, daß die palästinensische Administration „neutral" und „unparteiisch" zu sein hat. Im Gegenteil. Ihre erste Pflicht ist es, der Errichtung des jüdischen Nationalheims behilflich zu sein. Es ist ihr eine große, schöpferische Aufgabe anver» traut worden. Vergißt sie daran, so stehen dann vor der Welt als Heuchler da, die die Maske der Sympathie für die»Juden benützten, um unsere strategischen Pläne zum Schutz des Suezkanals zu vollenden. Sicherlich ist es auch unsere Pflicht darauf zu achten, daß kein Araber, besonders kein arabischer Bauer, Schaden erleide. Die beiden Verpflichtungen heben einander nicht auf; denn die Juden, die in das Land ihrer Sehnsucht kom* men,. ihm ihre finanziellen, geistigen und ideellen Kräfte weihen, machen es zu einem wertvollen Vaterland für alle seine Einwohner. Gegen den Dreyfus-Rummel Protest der Familie Dreyfus gegen die Dreylus-Stücke, Dreyfus-Bücher und Dreyfus-Filme. Irgeud ein Zufall hat es gefügt, daß „Dreyfus" der Schrei des Tages geworden ist. Plötzlich sind ein Dutzend Dreyfus-Bücher, Dreyfus-Dramen und Dieyfus- Filme mit und ohne Tongeräusch da. Man weiß eigentlich nicht, wie und warum. Aber Wunder gibt es in unserer „sachlichen" Zeit nicht. Wenn augenblicklich sensntionslose Journalisten, Theaterdirektoren, Filmregisseure und Verleger die Köpfe zusammenstecken, kommt eben etwas heraus. Meistens etwas „Historisches": Napoleon, die Pompadour, Bismarck, Kleopatra, Friedrich der Große . . Diesmal war Dreyfus die Sache, die machbar schien. Und sie wurde gemacht. Die französische Presse, auch die jüdisch-französische, ist von den Ergüssen über Dreyfus nicht sehr erbeut und schimpft. Aber auch Dreyfus selbst und 'seine Familie'wehren sich zörnig gegeh die voni"Be,rlin W.; kommende^ föntiemenffciebe' Dreyfiis-Begeisterüng\ Luden D r e y f \i ß, eitf Verwandter des Capituins, schreibt in der Straßburger „Tribüne juive": „Die D r e y f u s-A f f ü r e ist. eine große Sache. Der D'reyfus-Rumme 1 ist ein trauriger Mißbrauch der Pressefreiheit. Die Dreyfus- Affäre ist der A u f s t i e g der franpzösischen Demokratie, die endgültige N i e d e r 1 a g e der mit dem Klerikalismus verbündeten monarchistischen Re- '■■ aktion, die Sicherung Unserer republikanischen Ein-, richtungen. Der Dreyfus-Rummel ist eine Zeit ungsmache. Die Dreyfus-Äffäre ist dus gewaltige Ringen ] der edelsten und hellsten Geister, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht, mit den Höllenmüchten des Militarismus und des Fanatismus. Der Dreyfus-Rummel ist ein Unternehmen erfolgh a s c h e n d e r S c h r i f t s t e 11 e r und ehrgeiziger politischer Streber, von denen einige auf ein Haar G esch äf ts serri'i t eu "übe 1 s t e r 'Sör t e gleichen.' Daß die mit ganz hervorragendem Ungeschick geleitete Ligue des Droits de l'homme (Gesellschaft für Menschenrechte) in Paris sich an dem mißtönenden Konzert beteiligt, bedauern wir ebenso lebhaft wie aufrichtig^ Bis vor einigen Wochen hat kein Mensch von; der Dreyfus-Affäre gesprochen; ünd doch wußte jeder, daß bei uns viele Leute und sogar leibhaftige Professoren noch an die Schuld des Capitaine Dreyfus glaubten. So wie es Leute gibt, die an die Wiederherstellung des Königtums oder an andere Märchen glauben. Niemand konnte und wollte sie daran hindern. Plötzlich sind in B e r 1 i n Dokumente veröffentlicht worden, die vor aller Welt dartun, was für ein Gesindel in der wilhelminischen Aera das deutscheVolkregiert hat. Außerdem erfahren wir daraus, daß der deutsche Generalsta!b nicht mit Hilfe eines jüdischen Hauptmanns, sondern in Zusammenarbeit mit dem infamen Esterhazy Frankreich ausspioniert hat. Wir haben vor kurzem die Sache berührt und werden nicht mehr darauf zurückkommen. Wir wissen nun nicht, aus welchen politischen Gründen und Hintergründen die Deutschen diese sauberen Dokumente veröffentlicht und zum Gegenstand unzähliger Zeiturigserörterungen ausgebeutet haben. Sie selber werden es wissen. Aber wir begehen einen unverzeihlichen Fehler, wenn wir durch eine von außen hereingetragene Debatte ein Problem wieder aufrollen, das vor nicht allzu langer Zeit das ganze Land in zwei feindliche Lager spaltete. Eine Anzahl der Hauptbeteiligten sind noch am Leben. Die moralische Spannung zittert heute in gewissen Kreisen noch naett. In welchem Interesse wollen wir eine aufregende ua4

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