Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 139 (16.5.1930)
- Date
- 1930-05-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BEZUGSBEDINGUNGEN; Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc. 6.—, vierteljährig Kc. 16.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monat. lieh Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljahrig Lire 14.—. Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Rumänien monatlich Lei 40.- vierteljährig Lei 120.-! HERAUSOEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 4 Freitag, den 16. Mai 1930 Nr. 139 Die vierte sowjetistische Judenrepubiik. Krim. —- Ukraine. — Bir-Bidschan. — Turkestan. jetzt haben die Juden, gottlob, die vierte Republik bekommen. Sage und schreibe: vier Republiken! Wirklich mehr als genug. Und alle hat ihnen Moskau gegeben, das gütige, segenspendende, bolschewikische Moskau. Im Jahre 1924 erklärte Moskau, die armen, verelendeten russischen Juden auf der Halbinsel Krim ansiedeln zu wollen. Ein Paradies! Feigen, Datteln, Wein, Schäfchen mit seidiger Wolle . . . Hinaus aus dem schmutzigen Ghetto, hinein ins Paradies! Den Juden lief das Wasser im Munde zusammen. Die amerikanischen Judenmillionäre schickten viel Geld nach Moskau und errichteten Büros und stellten Beamte an. Es ergab sich ein kleiner, nicht ganz unbedeutender Zwischenfall: Die Feststellung, daß auf der Krim kein Plätzchen frei ist für Juden. Das war die erste Judenrepubiik. Aber Moskau läßt sich nicht lumpen. Ein Wort ist ein Wort. Es erklärte, die Juden in der Ü k r a i n a ansiedeln zu wollen. Schwarze, fette Erde. Getreidekörner, groß w|e Haselnüsse. Sanft brüllende und hektoliterweise milchende Kühe ... Hinaus aus dem stickigen Glietto, auf duftende Wiesen, in kräftig riechende Ställe! Wieder ka^m amerikanisches Geld und es kamen Beamte, jüdische Beamte mit dicken Brillen und fixen Gehältern. Sachverständige! Es ergab sich der unbedeutende Zwischenfall, daß auf dem fetten Boden der Ukraina neben sanften Rindern auch weniger sanfte, hungrige Bauern leben, welche sich bereit erklärten, allen Juden, die sich ins Land, in ihr Land wagen solten, die Schädel einzuschlagen und die Gurgeln abzuschneiden. Die Beamten mit den dicken Brillen und den fixen Gehältern, mit Reisespesen in Dollars verdufteten schleunigst. Ein paar tausend halbverhungerte Juden blieben zurück. Also war es auch nichts mit der Ukraina. Dank dem Himmel dafür, daß Rußland so groß. Geht's nicht in der Ukraina, dann ein paar tausend Kilometer weiter. „Wir gründen eine jüdische Republik in B i r - B i d s qb. a n", sagten die nie verlegenen Herren in Moskau. Bir-Bidschan? Wo liegt das schöne Land, um dessen melodischen Namen richtig auszusprechen, man tüchtig niesen muß? Die amerikanischen Judenmillionäre waren wieder entzückt, schickten wieder Dollars. Die Beamten mit den dicken Brillen und Spesen guckten in den Atlas (die Millionäre nicht . . und fanden Bir-Bidschan. Zwischen Sibirien und China eingeklemmt. Steine, Wasser, Sumpf und noch recht ungemütliche Mitbewohner. Was man tun muß, um deren Namen richtig auszusprechen, weiß ich nicht. Aber Fische gibt's! Groß wie Kälber, den Bauch voll Kaviar, und Bäume wie die Kirchentürme und Kohle und Gold und Silber. Herrlich. Ein bißchen naß, kalt und wild. Aber wen geniert das schon! Fische, Fische . ..Durch die Straßen Moskaus zogen die Juden mit Fahnen und Transparenten: „Auf nach Bir-Bidschan!" Einer war fest entschlossen, dein andern den Vortritt zu lassen bei der. Reise' dorthin, wo die Wölfe einander eine Gute Nacht! zuheulen. Ein par hundert verlauste' und verfaulte Baracken mit kranken Juden drin sind der Rest der Herrlichkeit. Die Beamten mit den dicken Brillen sind weg. Sie retten anderswo das jüdische Volk, gegen fixes Gehalt und Spesen.. , . Nun sendet das unerschöpfliche Moskau eine neue Heilsbotschaft: „Turke$tan". Die Blätter melden: „Der Moskauer Vertreter der Jüdischen Tele« graphena^entur hatte eine Unterredung mit dem R e g i e r u n g s ch e f der Sowjetrepublik Tukestan, Herrn Ysaew, der ihm mitteilte, die Regierung von Turkestan habe sich entschlossen, der Re« gierungskommission für jüdische Landau- Siedlung in der Sowjetunion (Komzet) das Angebot zu machen, eine Jüdische Binnenwanderung aus anderen Territorien der Sowjetunion nach Turkestan zu organisieren. Turkestan, fügte der Regierungschef hinzu, ist etwa dreimal so groß wie Frankreich, hat aber eine Bevölkerung von nur 7 Millionen Menschen, so daß für Neuansiedlung reichlich Raum vorhanden ist. Die Einwohner dieses Landes kennen den Antisemitismus nicht. Die Turksib- Eisenbahnlinie erschließt Turkestan der Welt. Mit Hilfe der natürlichen Schätze des Landes (riesige Baumwollfelder u. a. m.) werden zahlreiche Textil- und andere Fabriken errichtet werden, die tausenden neu hinzukommenden Menschen Beschäftigung geben werden." Prächtig! Dreimal so groß wie Frankreich! Reiche Baumwollfelder, Schafe, Kamele in Hülle und Fülle und doch keine; Antisemiten. Gesegnetes Land! Ihr Herren Juden! Man wartet sehnsüchtigst auf euch! Nur hereinspaziert! Schon zücken die New Yorker Juden ihre dicken Brieftaschen. Schon packen die Herren Beamten, Sachverständige aus Bronx und von der Eastsidc, ihre Koffer. Auf nach Turkestan! *■'• . , _ ■ ■ i ' 1 Wie lange das Spiel■' mit bolschewikischeii Judenrepubliken noch dauern wird? §o lauge es noch Moskau belieben wird, die Juden mit Betrug zu ködern. So lange es noch Judenmillionäre geben wird, die Woltätigkeit üben wollen. Aber bequem, nur aus der Börse heraus, nicht aus dem Herzen und dem Gehirn. So lange es noch Menschen geben wird, die gerne dicke Brillen tragen, sachverständig tun und es als das leichteste und einträglichste Geschäft betrachten, gegen fixes Gehalt und Reisespesen in Dollars das jüdische Volk zu retten. Per Eisenbahn erster Klasse und Salonkabine. So lange es noch Juden gibt, denen das erstehende jüdische Palästina, das Nationalheim, der werdende Judenstaat ein Dorn im Auge, ein Pfahl im Fleische ist. Es wird also noch lange dauern. Turkestan ist nicht das Ende. Die nach Solowki verbannten Rabbiner am Verhungern. Riga, 10. Mai. Aus zuverlässiger Quelle in Ruß« land traf in Riga die Nachricht ein, daß die nach den SolowkUInseln verbannten Rabbiner, nämlich Rabbi L as z a r o w aus Leningrad, der frühere Leiter der Jeschiwah in Newel Rabbi Nemanow und der frühere Leiter der Leningrader jüdischen Gemeinde Rabbi Josnogo« r o d s k y unter dem im Konzentrationslager herrschenden ■ harten Regime furchtbar zu leiden haben. Die hoch* betagten Rabbiner sind buchstäblich am V e r« Anmerkung desHerausgebers. Die nichtjüdischen Freunde des Zionismus führen eine offenere, entschlossenere Sprache als viele Zionistcn und die zionistische Leitung. Sie befleißigen sich der Eindeutigkeit, welche Herzl zum ersten Grundsatze zionistischer Politik erhob. Der gute Ruf unserer Nation steht im gegen« wärtigen Augenblick auf drei Funkten des Ostens in Ge# fahr. Die Welt, die Propheten solange vergöttert, als deren Arbeit sich nur in Gebieten anderer Völker erstreckt, blickt auf Mr. Ghandi und blickt auf uns. Sie ist auch neugierig zu erfahren, ob die Unterhandlungen, die Mr. Henderson letztens begonnen hat, zur Unab< hängigkeit Aegyptens führen werden. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen elnd durch ein beigefügtes E bezeichnet» ROBERT STRICKER: WEGE DER JÜDISCHEN POLITIK REDEN UND AUFSATZE über 80 Artike_ und Abhandlungen, Parlaments¬ und Versammlungsreden // 330 Seiten auf holzfreiem Papier in elegantem Ganzleinenband VERLAG R, LÖW1T, WIEN Die Sammlung umfaßt eine dreißigjährige Periode jüdischer Politik und jüdischen Erlebens, von Theodor Herzl bis zum heutigen Tage Die Sammlung hat. geschichtlichen Wert; und wirkt doch lebendig und frisch, well' die Aeußerungen Robert Strickers ütjer '.' die aktuellen Anlässehinausreichen und zeitgemäß geblieben sind Keine der von Robert Stricker als Politiker, Parlamentarier und Schriftsteller aufgeworfenen Fragen hat ihre Bedeutung eingeoüßt: Stellung zum Antisemitismus — Der Schaden und die Schande der Assimilation — Herzls Zionismus und seine Verwässerung — Die jüdische Politik Der Kampf um den Judenstaat etc. Die „Wege der jüdischen Politik" bieten Information, Anregung und Belehrung Vorzugspreis für die Leser der „Neuen Welt": Das elegant ausgestattete Buch in Ganzleinenband kostet im Laden 11 — österr. Schilling. — Bei Bestellung durch die „Neue Welt" nur österr. Schilling 8.- oder tsch. K 40.-, Mark 5.-, poln« Zloty 9.-, rum. Lei 190.—, achw. Pres. 6.50. — Zustellungs-, bezw. Versandgebühr ist in diesem Preis inbegriffem Bitte mittels Karte direkt zu bestellen hungern, da «sie nicht in der Lage sind, sich mit Kos eher*Nahrung zu versorgen. Ihrphysischer;Zu» stand ist ein sehr schlechter, trotzdem werden sie ge* zwungen, die harte Arbeit der Lagerinsassen zu leisten. Aber noch mehr als beide wiegt Palästina au£ jener Waagschale, auf der unsere Reputation gewogen wird.. Auf der ganzen Welt und hauptsächlich in Amerika, gibt, es Millionen -Juden, die alle Details der palästinensischen Affäre kennen und mit scharfem und kritischem Auge unser Handeln beobachten, und die christliche Welt, vielmehr ihr gesitteterer Teil, will ihr schuldbewußtes Gewissen beruht« gen, ■ indem sie dem zionistischen Unternehmen Gluck wünscht. Der Bericht über die letzten Pogrom» and über die für sie Verantwortlichen wird unsertm Namen keine Ehre machen. Es ist ein schwaches Dokument, demzufolge bei nie« mand die Schuld liegt, d. h. bei niemand aus den höhe« ren Kreisen. Das ist eine höchst „anständige" Schluß* folgerung, wie man sie von Schulfüchsen erwarten konnte. Pogrome unter englischer Flagge. O o TDZD Der Shaw-Bericht in sozialistischer Beleuchtung. Vom Führer der englischen Unab hüagigen Sozialisten B r a i 1 s f o r d.