Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 138 (9.5.1930)
- Date
- 1930-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711756--1818-2715061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' Seite 6 DIE NEUE WELT Mr. 196 SIEGM. KORNMEHL aMOISPLEISCHHAUIItll Z«ntr*la IX» 0*rsrgtf«> 19, Tatephon 17*3-99 q, 16-9»34 Lieferant lür Heilanstalten am£!!!^£!m anter Auflicht def Ehrwürdigen Rabbinats der Ur. Kultusgemeinde Wien Autoxustollung kostenlos IX., Btrggaise IS / XVIII., WEhrlngentr. »7 Aus leicht verstär0lchen Gründen nationaler Ehre kann die jüdischnationale Bewegung solche Personen unter keinen Umständen als Angehörige des jüdischen Volkes gelten lassen. Eine jüdische Studentennation kann also aus dem Judentum Ausgetretene nicht aufnehmen, kann für sie keine Verantwortung tragen und kann ihnen keinen Schutz angedeihen lassen. Die vorliegende Studentenordnung läßt jeden Hinweis darauf vermissen, daß die Studentennati o* nen gleiche Rechte und Pflichten haben, Hievon spricht lediglich die Kundmachung des akademi* sehen Senates, die gleichzeitig mit der Studentenordnung erschien. Gleiche Rechte und Pflichten bilden für uns die selbstverständliche Voraussetzung für die Bildung der jüdischen S t u d e n t e n n a t i o n. Zu diesen Rechten gehören insbesondere: Die Einräumung und der ungestörte Besitz geeig« neter Räumlichkeiten an der Uriversitat für unsere Fach Organisationen, für die zentrale Wirt« schaftsstelle (Fürsorge» und Wirtschaftsamt des Jüdischen Hochschulausschusses), sowie die Zuweisung und der ungestörte Besitz der erforderlichen Anschlag* kästen und eines W e r b e t i s c h e s* in der Aula. In die« sem Zusammenhange sei die Notwendigkeit von wirk* samen Afaßnahmen betont, durch welche die B e* schinrpf u,n.g.. und V,erh öh nu ng der Juden in verschiedenen Anschlägenverhindert werden sollen. Anteil an allen Fürsorgeaktionen, Benützung der dem Sport gewidmeten Räume (Fecht* und Turnsaal, Schießstätte). Gewährung des Farbenrechtes an die wehrhaften jüdischen Verbindungen, wie auch die Sicherung ihres Bummels an der Universität. Mitwirkung und Mitbestimmung in allen Ange» legenheiten analog den Rechten der Deutschen Studenten* schaft usw. Die Erklärung schließt mit dem Ersuchen an das Rektorat, eine Aussprache aller Studentenschaften behufs Klärung und Vermeidung von Konflikten herbeizuführen. Eine Aktion für die russischen Juden. Der Londoner „Verbund jüdischer Hilfsorganisationen". In Wien weilt",zurzeit Herr Z. H. Wachs mann, ein bekannter Journalist, Mitarbeiter der belgischen und holländischen jüdischen Presse. Er ist hier im Namen der „Föderation of Jewish Relief Organisations" (Federatiori der jüdischen Hi|fs verbände) in 'London zwecks einer'Speizialakfion für die dekläsiejten Juden. Rußlands. Es ist ihm gelungen, mit den Vorstehern der jüdischen Gemeinde und einzelnen großen jüdischen Verbänden in Verbindung zu treten, die sich der Aktion annehmen wollen. Kommenden Sonntag soll eine Besprechung stattfinden, um darüber zu beraten, wie die Aktion in die Wege geleitet werden kann. Die „Federation" hat in ihrer zehnjährigen Tätigkeit für die Judenheit Osteuropas, insbesondere Rußlands sehr viel geleistet. Nach ihrem letzten Jahresberichte hat sich die Summe der auegegebenen Hilfsgelder auf 29.000 Pfund belaufen. Es wäre zu wünschen, daß auch in Wien ein Kreis hilfsbereiter Menschen und Gruppen das Hilfswerk aufnimmt, * Wer sind diese „Peklassierten"? Nach den Gesetzen der Sowjets besitzen nur Arbeiter und Staatsbeamte Bürgerrechte. Alle anderen, die als ein „nichts schaffendes" Element betrachtet werden, bilden die Kategorie der sogenannten „Deklassierten". Sie genießen keine Rechte; sie. haben keinen Anspruch auf Unterstützung durch den Staat; sie hoben im Krankheitsfälle nicht einmal das Recht, in den von dem Staate unterstützten medizinischen Anstalten aufgenommen zu werden. Unglücklicherweise gehörten durch die restriktiven Gesetze des Zarenregimes die Juden in ihrer Majorität im Sinne des Statuts der Sowjetrogierung keineswegs zu der Arbeiterklasse. Sie waren meistenteils Kleinhändler, Vermittler usw., sie übten verschiedene Berufe aus, die sie heutzutage in die Armee der Deklassierten rangieren, Das Gesetz kennt ihnen gegenüber keine Milde, ohne Ausnahme der Invaliden des Bürgerkrieges, der Witwen und Waisen, die ihre Stütze während der Pogrome nach dem Kriege verloren haben, Es wird ihnen nicht nur das Brot versagt, sondern alles, was zum Leben notwendig ist: Wasser, Licht usw. Als Inhaber der Karte machen sie ihre häuslichen Einkäufe zu dem vorgeschriebenen Tarif, Als .»Deklassierte" versorgen sie sidi, wo sie können, und gewöhnlich zu Wucherer preisen. In dem Wunsche unabhängig zu sein, der für die Juden so charakteristisch ist, kämpft das jüdische „de* klassierte" Element für das tägliche Brot, um der jüdischen Wohltätigkeit nicht zur Last zu fallen. Gegen ihren Willen müssen diese armen Leute die Wohltätigkeit in Anspruch nehmen und führen einen verzweifelten Kampf um ihre erbärmliche Existenz. Wie traurig die Lage dieser Juden ist, lehrt fol gender, von einer Kommission der Regierung erstattete, uns zur Verfügung gestellte Beridit über die Lage der Juden inder Ukraine. Wenn Regierungs organe so sprechen, kann man sidi wohl vorstellen, daß die Wirklidikeit gräßlidi ist. Es heißt in diesem Beridit „Die wirtschaftliche Lage der Juden in den Städten, besonders in den kleinen, ist in der Tat schlecht. Der Privathandel, der größtenteils in den Händen der Juden war, hat wegen der drückenden Last der Steuern und anderer Maßregeln, die angenommen worden sind, um die Privat Unternehmungen aufzulösen, sehr abgenommen. Die Aermsten unter ihnen sind ohne Lebensmittel, 80 Prozent Handwerker sind infolge des Mangels an Rohstoffen arbeitslos." „Was die jüdische Jugend anbetrifft, so sind 80 Prozent unbeschäftigt und hat für die Zukünft keine Arbeitsaussichten." „Die Lebensbedingungen der Armen sind außerordentlich schwierig. Familien von fünf und mehr Mitgliedern wohnen in engen, finsteren Baracken, ohne Dielen. Die Kinder sind abgemagert und unterernährt." EXCELSIOR Inhaber RICHARD HERZOG f., Adlernasae £T Tel. R-23-4-90 Columbia- Modell 100 DAS BESTE zu dem billigsten PrelftQ S138.- Größe 32X21'/, om Höhe Horn Neu« verbesserte Columpfi'Dose 15 b Schuljungen-Brigaden gegen jüdische Religionslehrer. Moskau, 2, Mai. (J. T. A.) In der Stadt Käme* n i e z hat sich eine Brigade aus Schuljungen und jungen Arbeitern gebildet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, „illegale Chedarim, die die Seelen der Kin* der verkrüppeln", ausfindig zu machen und sie den Be* hörden anzuzeigen. Ihre erste Entdeckung war ein greiser „Melamed", der einige jüdische Kinder in der jüdischen Religionslehre unterrichtet hatte; er wird demonstrativ abgeurteilt werden, Die DqrfkpUcktfvierung ljnf bisher 400 jüdische Kleinstädte in der Ukraine ruiniert. Moskau. 2. Mai. (J, T. A.) Während mit politischer Arbeit betraute Kommunisten bemüht sind, die Dorfkollektivierung als nicht nachteilig für die Städte hinzustellen, haben in den letzten Tagen nam* hafte, in der Volkswirtschaft tätige kommunistische Führer in der Presse das Wort zur Frage der Kollektivierung ergriffen und nachgewiesen, daß bisher mindestens 400 von Juden bewohnte Kleinstädte in der Ukraine als Folge der Kollektivierung der Dörfer und ihrer Umgebung ökonomisch ruiniert worden sind und keine Aussicht haben, je wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Der Oekonomist W ß i z b 1 a 11, der mit der Erforschung der Wirtschaftslage der jüdischen Städte im Rayon Kaminka be-' traut war, berichtet in der Charkower jiddischen kom-. munistischen Zeitung „Stern", daß die Lage dieser Städte eine verzweifelte ist; der Boden des Rayons, der vop je für Tabakpflanzungen verwendet worden war, wird jetzt für andere Zwecke gebraucht, und die jüdische Bevölkerung dieses Raypns, die sich zMm größten Teile mit Tabak- und Zigarettenerzeugung zu befassen pflegte, ist nun ganz ohne Einnahmequellen geblieben. Mendel Beiliß in großer Not. Wie uns aus New York gemeldet wird, befindet sich der zu trauriger Berühmtheit gewordene Märtyrer des zaristischen Antisemitismus Mendel Beiliß in großer Notlage. Nach langen Irrfahrten über Europa und Palästina landete Beiliß, der wie durch ein Wunder seinerzeit den Fangarmen der schwarzen Hundertschaften Tieferschüttert gebe ich Im eigenen Namen, sowie im Namen der Mutter Schiffre EHenberg und der Oeschwister Nachricht vom Ableben meines Bruders ALTER ELLENBERG welcher am Montag, den 5. Mai 1930, nach langem Leiden Im Alter von 34 Jahren verschieden ist. Die Beerdigung hat am 7. Mai in aller Stille stattgefunden. Sigmund Ellanberg nach vielen Foltern und Qualen entrissen worden war, in New York als kranker, gebrochener Mann. Seiner Einreise wurden damals große Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und seine Freunde nahmen an, daß er im großen Amerika sei es durch Arbeit oder Sicherste^ Iung einer Rente sein an traurigen Erfahrungen so reiches Leben werde fristen können. Er mußte aber die große Enttäuschung erleben, daß sein Schicksal selbst in den Kreisen der jüdischen Einwanderer nicht das er« wartete Interesse zu erwecken vermochte. Seelisch und physisch zusammengebrochen, verbrachte er wieder* holt viele Monate im Spital, nur ab und zu las man in den jüdischen Zeitungen Aufrufe zu seinen Gunsten, die aber zu keinem rechten Ergebnis führten. Er griff schließlich zu dem von vielen gestrandeten Existen« zen benützten Auskunftsmittel, in einem Buch seine traurigen Memoiren zusammenzufassen und ist nun be* müht, durch den Verkauf dieses Buches sich vor der ärgsten Not zu schützen. Es scheint jedoch, daß auch dieser Ausweg kein Weg aus der Not ist, denn in Amerika hat der große Börsenkrach gerade unter -dem jüdischen Mittelstand und den kleinen Leuten so ver* beerend gewirkt, daß an eine größere Aktion zugunsten dieses Opfers des internationalen Antisemitismus derzeit kaum zu denken ist. Und so kann man denn Mendel Beiliß tagaus, tagein sehen, wie er sich bemüht, durch den Absatz eines Buchexemplars sich über die Not des Tages hinüberzuretten. * Die Meldung gereicht der Judenschaft, insbesondere aber der amerikanischen Judenschaft nicht zur Ehre. Solange die Gefahr bestand, daß durch eine Verurteilung des Mannes wegen R i t u a 1 m o r d e s alle Juden bedroht würden, war man um sein Schicksal sehr besorgt. Damals hätten die Juden gerne Millionen hergegeben, um ihn zu retten. Jetzt ist er nur mehr eine unangenehme Erm* nerung. Man läßt ihn betteln, wie seinerzeit seihen Schicksalsgenossen H i 1 s n e r. England will palästinensische Lieferungen. London, 1. Mai. In der Sitzung des Unterhauses fragte Howard Bury den Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr, Shiels, ob. er angesichts der gegenwärtig in England herrschenden Arbeitslosigkeit nicht Schritte ergreifen wolle, daß bei allen zukünftigen Auftrügen für hydro-elektriscbe Anlagen in Palästina Engländern Gelegenheit gegeben werde,, Angebote zu machen. In seinen weiteren Ausführungen führt Howard Bury darüber Beschwerde, daß die Auftrüge für die' K r af tstationsanlage in Haifa an Deutsche vergeben wurden, ohne daß man sich um irgend ein Angebot von englischer Seite bemüht hat. Unterstaatssekretär Dr. Drummond Shiels erklärte in seiner Erwiderung, daß es sich hier um, Aufträge einer Privatfirma handelte,. wobei der Regierung eine Befugnis zur Einmischung nicht zusteht. Palästina, fuhr er fort, ist M a n d a t s t e r r i t o r i u m und wir haben nicht das Recht, in solchen Angelegenheiten Unterschiede bestehen zu lassen. (Artikel iß des Palästina-Mandates besagt, daß bei Vergebung von Aufträgen und bei Bestellung von Waren keine Unterschiede zwischen Bürgern der dem Völkerbund angehörigen Staaten gemacht werden dürfen. Die Vereinigten. Staaten sind durch ein Sonderabkommen ähnlich geschützt.) Sir Frederic Hall (kons.): „Wir anerkennen durchaus, daß wir keine besonderen Befugnisse haben, aber könnte nicht- Dr. Shiels hierin einen Vorschlag machend" David Kirkwood (Unabh. Arbeiterpartei): „Haben wir nicht das Recht, einen Minister zu ersuchen, seine guten Verbindungen auszunutzen, um es zu erreichen, daß Arbeiten solcher Art möglichst England zugeführt werden, wo wir doch «o viele unbechäftigte Ingenieure haben?" Dr, Shiels erwiderte: Ich sympathisiere natürlich mit diesen Ergänzungsfragen, aber das Haus wird sich wohl klar darüber sein, daß es etwas schwierig sei, zwischen offiziellem und inoffiziellem Einfluß zu unterscheiden. Wir sind gewiß bestrebt, darauf zu achten, daß alle solche Kontrakte in England arrangiert werden, aber — wie ich bereits ausgeführt habe — wir sind nicht in der Luge, durch eine Einmischung der Regierung die Entschlüsse einer privaten Firma zu beeinflussen. Sir Herbert Samuel, der frühere High Com« missioner für Palästina, bemerkte: „Ist es nicht Tatsache, daß die große Mehrheit solcher Auftrüge in England placiert worden ist?" Dr. Shiels bejahte diese Frage.