Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 138 (9.5.1930)
- Date
- 1930-05-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 2 DIE NEUE WELT Nr. 138 Experten, der ein Spezialstuditinl ähnlicher Pio bleme in Griechksch-Makeclonien betrieb, flind ein -willkommener Hinweis für Hie Regierung mit Bö ziehnng anf einen Entschlnll in einer Frage vorvijö grollet politischer und internationale*\Wichtigkeit»" * Dieser Artikel des in auswärtigen Angelegenheiten wohl maßgebendsten englischen Blattes gibt zu schweren Bedenken Anlaß. Von einer Prüfung der wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas und seiner Aufnahmsfähigkeit soll die künftige Palästina-Politik abhängig gemacht werden. An sich wäre dagegen nichts einzuwenden, denn Palästina ist reich an großen Möglichkeiten. Eine objektive Prüfung würde das sicher beweisen. Freilich, hur eine objektive Prüfung. Aber wird das', was die „Times" ankündigen, clie Bezeichnung „objektive Prüfun g" verdienen? Ueber Sil Simpson ist in dieser Hinsicht nichts zu sagen. Er wird zum erstenmal im Zusammenhang mit Palästina genannt. Aber er soll mit Herrn Chancello r, dem Gouverneur von Palästina, die; Sache beraten, das heißt mit der Palästina-Regierung, das heißt mit einer antizionistisch, teilweise auch antisemitisch eingestellten Körperschaft. Der Lügenbericht der S h a w - Kommission is^ unter dem Einfluß der Palästina-Regierung entstanden. Er ist eigentlich i h r Werk! Soll er eine zweite Auflage erleben? Die Zionistische Organisation darf diesem verhängnisvollen Plan nicht tatenlos gegenüberstehen. Sie hat Beweise dafür, daß die derzeitige Palästina- Regierung kein vorurtei 1 s f reier Prüfer und Richter sein kann. Gegen sie als Prüfer und Richter muß mit aller Kraft protestiert werden. Ein jüdischer Tag im britischen Parlament, Wer ist Mr. Henry Snell? (Nach der Darstellung eines jüdisch»amerikanischen ' Journalisten.) Die Juden in Erwartung. Im britischen Parlament gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, ^vönach jeweils diejenigen, welche für ein be* stimmtes Verhandlungsthema ihr spezielles Interesse haben, Eintritt auf die Galerie bekommen. Man nennt diesen Modus „Preference day". Derart kann man schoa an dem Aeußeren der Besucher erkennen, was gerade verhandelt wird. Man steht hagere, abgearbeitete Gestalten in den Couloirs, wenn die Frage der Arbeits* losigkeit zur Debatte steht; gutangezogene, , rundliche Fig. n an Tagen, da Finanzfragen behandel werden; schottische Männer, wenn eine spezifisch schottische Frage berührt werden -soll. Alle diese. Interessengruppen erhalten Einlaß durch ihre parlamentarischen Vertreter. Donnerstag, den 3. April gab es einen jüdischen Preference day. Das alte historische Gebäude des briti* sehen House of commence, war vielleicht noch nie der Schauplatz ' solcher Szenen wie diesmal. An diesem Tag waren bereits um 1 Uhr Mittag, obwohl die Sitzungen außer am Freitag hie, vor 2K Uhr beginnen, die Couloirs von Judenbesetzt^ die, gespannt?auf MacDonalds Palestina Statement, ,-von allen Teilen Londons herbeigeströmt kamen. Man konnte glattrasierte, angli* sierte Juden sehen, die man auf der Straße als Juden nie agnosziert, hätte, Juden mit Schnurrbart ohne Backen« bart i und auch holländische Juden mit Backenbart ohne Schnurrbart; jüdische Bankiers in glänzendem Zylinder* hut nach Art der englischen Aristokraten, und Juden mit Kaftan, Bart und Pejes, als wären sie soeben aus einem galizischen Städtchen gekommen; viele junge' Leute mit Abschriften des Shaw «Berichts in der Hand; Zionistenführer, poalezionistische Propagandisten, enthu* siastische Revisionisten und mißgünstige Kommunisten, Bundisten und Juden überhaupt, denen die Parteischat* ticrung nicht auf dem Gesicht stand. Viele von ihnen waren heute zum erstenmal im Parlament. Polizei und Parlamentsdiener blickten erstaunt auf die sonderbaren Belagerer, wiewohl sie wußten, daß diesmal Karten nur an jüdische Deputierte oder an nichtjüdische, die jüdi* sehe Wahldistrikte vertreten, abgegeben wurden. Auch einige Araber waren zu sehen. Die Juden standen in dichten Gruppen, sprachen in allen Sprachen der Welt: Englisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Hebräisch, Jiddisch; die Araber ein mit Englisch vermischtes Arabisch. Es sah aus wie vor einem Bethaus oder einem Beth Hamidrasch; sprachen die Juden, schien man sich auf einen internationalen Kongreß versetzt. Alles, war nervös, blickte gespannt auf die Uhr, in Erwartung des Sitzungsbeginnes. „Scholem Alechem" für Snell. E i n Name kam von aller Lippen: Der Name des Labourdeputierten Henry Shell, des einzigen Mannes, der den antijüdischen Exzeß seiner Berichtskollegen nicht mitmachte. Bis zum September des vorigen Jahres war Snells Name den Juden der Welt unbekannt. Erst sein MinorU tätsvotum im englischen Untersuchungsprotokoll über die Vorgänge in Palästina machte ihn zu einer populären Persönlichkeit, die es gewagt hat, mutig, unparteiisch, ehrlieh sein Urteil über die Ursachen und Ziele der Arabcrrevolte abzugeben. Auf den Wunsch der jüdisch-amerikanischen Jour* nalisten erscheint Mr. Snell, eine hohe, schlanke, grau* haarige, typisch englische Figur, ,alIsogleich die Masse faszinierend/&6 "lifo stMisch uttidrängt, ihm die Hände entgegenstreckt, ihft mit einem warmen echtjüdischen „Scholem, Alefhelfenegftißt. Snell steift:g«rünrt Ihm biset unbekannte Freunde und Verehrer vor s&h. '' " 'v*> ■ '. H *' >, ' '!Vom Stallknecht «um Abgeordnete*» De* Wsrn^gang SiieMä, der plötzHöfi für die moderne jüdliche Qesbhkhte Palästinas^Öideutttng er< halten hat, ist ebenso interessant wie weit, festgehalriStl zu w&denf Et ist 65 Jahre alt, in einem kleinen Ottder Provinz Notfkharrtshir« geboren. Als Söhn eines armen Landarbeiters mußte er schon als achtjährigef Junge schwere Feldarbeit verrichten, um zum Lebens unterhalt seiner Familie beizutragen. Als Zehnjährige* stand er am Pflug, mit 13 Jahren war er Stallknecht Der arme Knabe hatte bloß in den paar Wintermonaten Gelegenheit, in, einer Dorfschule schreiben und lesen zu lernen, aber sein Wissensdurst trieb ihn in die Stadt. Dort siehfmdri ihn bald als Schankburscfteh in eiftei minderen Bierhallc. Der Umgang mit Säufern und licht» scheuem Gesindel macht ihm der Besuch von Abend« LeKrktirsen erträglich. Schon dort fallen sein aüßerordent* liches Talent und seine Wissensbegierde auf. Er wird Pfleger in einem Blindeninstitut, bis er mit 22 Jahren auf einer englischen Hochschule Auf« Bonbons sind die willkommenste Gabe zum Muttertag/ nähme findet, um schon drei Jahre später in der Lon* doner School of economics für seine Arbeit preisgekrönt zu werden und die Stelle eines Hilfs Sekretärs da«, selbst zu erhalten. Die berühmte sozialistische „Fabian Society" beruft ihn als Lector und schickt den bereits Dreißigjährigen nach Heidelberg, damit er hier gründliche philosophische Studien betreiben könne. Nach England zurückgekehrt wird er führendes Mitglied der Unabhängigen Arbeiterpartei, wo er tiefen Einfluß durch Vorträge über Volkswirtschaft und Volks* bildung erringt. Seine Bemühungen, ins Parlament zu gelangen, scheitern zunächst viermal hintereinanden Erst im Jahre 1923 gelingt es ihm, als Kandidat der Laböur Party in East Woolich durchzudringen. Diesen Wahlkreis ver* tritt er seit damals mit großer Wählermajorität., Die gefährliche Wirkung des Shaw*Berichtes wird durch die Snellschen Vorbehalte einigermaßen paralysiert. Man erwartet in der bevorstehenden Paria* mentsdebatte allgemein, daß Mr. Henry Snell auch als aktiver Politiker seinen Sympathien für das jüdische Auf*, bauwerk in Palästina nach wie vor Ausdruck geben wird. Ein Dementi. Viele Blätter, unter ihnen auch die Wiener „Neue Freie Presse", haben die.aufsehenerregende Nachricht ge« bracht, daß Präsident Weidmann namens der zionistischen Exekutive bei der arabischen Delegation um eine Aussprache angesucht hat und abgewiesen wurde. Wir erhalten folgendes Dementi: < i - ' ' f . London, 2. Mai. (J. T. A.) Wie der J. T. A. aus Jerusalem telegraphiert wird, verbreitet die pa 1 ä« stinensischsarabische Presse eine Mitteilung von Azmi Nashashibi aus London, dergemäß der Präsi* dent der Zionistischen - Organisation und der Jewish Körperliche und geistige Frische sind die kostbarsten Güter des Lebens m der Jugend wie insbesondere im Atter Bewahren und mehren Sie diese Schitee doick ständige, sorgsame Pflege Ihres Körpers. Das beste Mittel für alle Zwecke der Körperpflege — Einreibungen, Packungen (Umschläge), Mundwasser usw. — ist DIANA Franzbranntwein mit Menthol Achten Sie genau auf die Marke .Diana". Weisen Sie alle Nachahmungen energisch »4 zMfück,Ei» Vertuen übe «engt Ueberau erhältllchi WIEN VII., KAISERSTRASSE 123 IX., ALS.ERSTRASSE 6 FERNSPRECHER B-38-0-43 Agency Dr. Chaim Weizraann den Wunsch geäußert hat, mit der palästtneftsisch*arabischen Delegation in London zusammenzutreffen; die Mitglieder der Delegation hätten es aber abgelehnt, mit dem Ziö* nistenführer Besprechungen zu pflegen, indem sie geltend machten, daß sie einzig und allein mit dem Kolonial« amt über palästinensische Fragen verhandeln wollten. Auf eine Anfrage der Londoner Jüdischen Tele* graphen*Agentur beim Büro der Zionistischen Exekutive wurde ihr seitens der Exekutive mitgeteilt, daß-die arabi« sehe Mitteilung, Weizmann hätte sich irgendwie bemüht, mit der arabischen Delegation in London zusammen« zutreffen, von An'fang.bis zu Ende, erfunden sei. Weder Dr. Weizmann noch ein anderes Mitglied der Zionistischen Exekutive hat den Versuch gemacht, sich der arabischen Delegation;zu nähern. Nicht einmal gegenüber dem Kolonialamt hat die Zionistische, Exeku* tive einem solchen Wunsche Ausdruck gegeben. Es handle sich bei dieser Mitteilung um nichts anderes als üm eine grobe Unwahrheit. Heinrich X ork-öteiner. Herzl-Feiern in Wien. Der Festabend der demokratischen Zionisten. Der Verband der, demokratischen Zionisten ver.-. sammelte Donnerstag den 1. Mai. seine nach vielen Hunderten zählenden Anhänger und Freunde,, zu .denen sich noch zahlreiche Besucher aus allen zionistischen Kreisen und aus der österreichischen Judenaehnft gesellten, im Festsaal des Hotel Continental zu einer Herzl-Gedenkfeier, die ebenso imposant und würdig verlief wie die vorjährige. Leider konnten einige hundert Personen wegen Ueberfüllung keinen Einlaß finden. Das zionistische Wien, jenes, das in der Gestalt und im Werk Theodor Herzls die Verkörpepung seines eigenen nationalen Ideals sieht, war gekommen, um erhobenen Herzens weihevolle Stunden im Gedenken des großen Führers zu durchleben, besonders viel Jugend, der die. Vertiefung in Herzls Geist Bedürfnis geworden ist. Diese Einstellung war nur möglich durch die politische und kulturelle Erziehungsarbeit, die von den demokratischen Zionisten in der letzten Zeit geleistet worden ist und nunmehr ihren zentralen Punkt in dem demnächst zu eröffnenden Jugendheim finden wird. Wieder einmal zeigte es sich, daß nur die Idee uud nur das Programm des unverfälschten, kompromißlosen Zionismus eine positive Werbekraft besitzt. Den inneren Sinn, der Feier des 70. Geburtstages Herzls charakterisierte Robert Stricker in kurzen kernigen Worten, worauf Heinrich York-St ein er, ein Mitarbeiter und Weggenosse Herzls, die Gedenkrede hielt. Die zionistische Zuhörerschaft erwartete, eine Darstellung von Herzls Persönlidikeit, von seinem Wollen und seinem Weg; York-Stciner aber wählte eine andere Methode, des Toten zu gedenken: er führte eine Reihe persönlicher Erlebnisse an, in denen sich die Gestalt Theodor Herzls mehr nach der Seite der Humanität spiegelte. Was der Redner besonders hervorhob.