Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 138 (9.5.1930)
- Date
- 1930-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Grosch«n BEZUOSBEDINOUNÖEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—* REVU E BEZUOSBEDINOUNÖEN Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monaU lieh Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweiler Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion and Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint feden Freitag Jährgang 4 Freitag, den 9. Mai 1930 Nr. 138 Theodor Herzls Kampf um den politischen Zionismus. Die Abwehrstellung des Vorkongreß-Zionismus gegen die politischen Ideen und Aktionen Herzls, die mit revolutionärer Wucht in die jüdische Welt traten, ist in allen seinen Phasen noch nicht genügend erhellt. „DIE NEUE WELT" wird in den nächsten Nummern eine Reihe von Aufsätzen veröffentlichen, in denen sich Herzls tragischer Kampf um seine junge Idee auf Grund authentischer, bisher unveröffentlichter Dokumente (Briefe, Faksimilia) widerspiegelt. Juden im Dienste des internationalen Wirtschaftsantisemitismus. Eß hieße sträfliche Vogelstraußpolitik treiben, wollte mau noch länger stillschweigend an der betrüblichen Erscheinung vorübergehen; daß .in^E u r o p a sowohl wie in Amerika, zum Teil auch schon in den südamer i ka n i schen Staa t e n ein iuternationaler Wirtschaf tsantisemi tismus am Werke ist, der zunächst darauf ausgeht, das gesamte Wirtschaftsleben allmählich judenrein zu gestalten. Diese Kampagne äußert sich in der Praxis regelmäßig so, daß in den großen Unternehmen bei Bedarf von Angestellten keine: Juden mehr aufgenommen werden und die Zahl d«r j ü d i s c h e n An g est eilte n auf Grund eines bestimmten Numerus-clausus-Scljdüssels gehalten wird, der häufig in der Art der Anwendung an das berüchtigte russische Quotengesetz oder das barbarische amerikanische Einwandecungsquotengesetz erinnert. In Amerika hat es ja auch schon früher einen gesellschaftlichen Antisemitismus gegeben, der aber kein besonderes Unheil anzurichten vermochte. An die Durchführung eines bewußten systematischen Wirtschaftsantisenidtisüius konnten die christlichen großen Unternehmungen nicht schreiten, solange das Einwanderungsgesetz eine Vermehrung des jüdischen Handelsnnd-'Industrieelements möglich gemacht hat. Der Zustrom frischer jüdischer Arbeitskräfte war für solche wirtschaftsäntisemitische Bestrebungen eine große Hemmung. Ein Abbau jüdischer Angestellter im privaten oder öffentlichen Dienste konnte das Problem nicht an der Wurzel fassen. ' ' Jetzt aber,1 da das strenge Einwanderungsgesetz einen Zustrom nennenswerter jüdischer Massen unmöglich macht, bedeutet der Abbau jüdischer Angestellter einen ausgesprochenen wirtschaftsantisemitischen Boykott gegen das Judentum. Sowohl in New York als auch iu anderen großen amerikanischen Zentren, aber auch in Europa, besonders in Budapest und Berlin sowie in den ost- und südösteuropäischen Ländern ist man an zuständiger Stelle im Besitz einwandfreien Materials, durch welches bestätigt wird, daß Juden sich heute ganz aussichtslos um einen Posten oder Arbeit bewerben und zahllose Juden wegen ihres Judentums aus ihren Posi'tionen gesch 1 eudeft, brotlos auf die Straße gesetzt werden. Das Budapester Rabbinat hat festgestellt, daß der überwiegende Teil derjenigen, die , ihren Austritt aus dem Judentum anmelden, diesen Schritt damit begründen, daß sie nach ihrem Uebertritt zum Christentum ganz bestimmt lohnenden Erwerb erhalten werden. In dem freien Amerika kann ein solcher Geburtsfehler nur ausnahmsweise durch die Taufe korrigiert' werden, wenn das in Betracht kommende Unternehmen von Katholiken kontrolliert wird. Aber hier haben die seit einiger Zeit tätigen jüdischen Rechteschutzbüros, die auf die Initiative Dr. Stepheu Wises in Aktion getreten sind, gleichfalls einwandfreies Datenmaterial darüber, daß Juden, besonders weibliche Arbeitskräfte ganz aussichtslos auf eine Anstellung warten und von den Angestellten viele gekündigt werden mit der eingestandenen Begründung, daß das jüdisch-christliche Quotenverhältnis in dem Unternehmen bestimmt und aufrechterhalten werden müßte. Nicht nur die kleinen Arbeitnehmer werden von diesem Wirtschaftsantisemitismus hart getroffen, sondern auch Juden, die in ihren Unternehmungen bereits die höchsten Stufen erklommen haben, werden, wenn ihre Situation aus geringfügigen Gründen kritisch zu werden beginnt, von den christlichen Finanziers und Großunternehmern durch Kreditkündigung und Kreditentzug so hart bedrängt, daß der Jude über Nacht von seiner höchsten wirtschaftlichen Position in den finanziellen Abgrund gestoßen wird. Ein klassisches Beispiel hiefür bietet das Schicksal des „Filmkönigs" William Fox, der, gestern noch der gewaltige Beherrscher des Film- und Kinowesens in der ganzen Welt, sich heute in der schwersten Bedrängnis befindet. Gegen das sich rasch zusammengesetzte christliche Vernichtungskonsortium hat sich eiu jüdisches Finanzkomitec zur Rettung des jüdischen Filmkönigs gebildet, das aber heute schon völlig resigniert seine Hoffnungen auf eine Sanierung des Fox-Konzerns aufgibt. Gewiß war der unmittelbare Anlaß für die finanzielle Krisis Fox' nicht sein Judentum. Aber kaum bemerkten die christlichen Finanziers und Unternehmer, (daß Fox' nicht mehr auf festen Beinen stehe, begannen sie eine systematische Verfolgung gegen den „jüdischen" Filmkönig, vor dem sie noch vor wenigen Tagen in Ehrfurcht erzitterten, Die traurigste Erfahrung haben aber die Juden sowohl in Europa als auch in Amerika auf einem anderen Gebiete dieser wirtschaftsantisemitischen Kampagne geinadit. Die Führer der Reditsschutzaktion sowohl hüben wie drüben dachten daran, eine Milderung dieses Boykotts dadurch zu erreichen, daß sie sich mit den Besitzern und maßgebenden leitenden Persönlichkeiten großer Konzerne, die fast ausschließlich von Juden kontrolliert werden, in Verbindung setzten und sie zu bewegen suchten, die von nichtjüdischen Häusern boykottierten und abgebauten jüdischen Angestellten in ihren Unternehmungen unterzubringen. Würde das gelingen, so wäre der Wirtschaftsantisemitismus wohl nicht völlig gebrochen, aber seine Folgen doch in starkem Maß gemildert, denn es gibt sowohl in Amerika als auch in Europa immerhin noch eine beträchtliche Anzahl von großen Unte nehmungen, Kaufhäusern, Industrieanlagen usw., fast ausschließlich in jüdischem Besitze sind und der Lage wären, einen großen Teil der infolge d Antisemitismus arbeitslos gewordenen jüdischen Arbeitskräfte aufzunehmen. Aber da erlebten diese selbstlosen jüdischen Fürsorger wohl die bitterste Enttäuschung. Auch diese jüdischen Unternehmer und Finanzmagnaten be» nehmen sich nicht anders als die wirtschaftsantisemitische Internationale. Sie bauen bei jeder möglichen Gelegenheit ihre jüdischen Angestellten ab und stellen nur dann neue Juden an, wenn diese durch ihre Qualität der christlichen Angestellten turmhoch überragen oder wenn durch die Anstellung eines Juden das Prinzip des Quotengesetzes nicht ins Wanken gerät. In Ungarn, Deutschland und Polen wissen die kompetenten Stellen unglaublich klingende Dinge zu erzählen, wie ein jüdischer Fabrikant, eine jüdische Aktiengesellschaft, ein großes jüdisches Kaufhaus usw. gauz schamlos erklärt, daß man dem Zeitgeist Rechnung tragen müsse, um im Betrieb, der ja in der Regel von den Behörden abhängig ist, keinen Antisemitismus aufkommen zu lassen oder die Existenz des Betriebes zu gefährden. So ereignen sich nicht selten die beschämenden Fälle, daß Juden die Taufe nehmen, damit; sie in jüdischen Unternehmungen unterkommen; Selbst jüdische Hausgehilfinnen werden sehr oft nur dann in jüdischen Häusern aufgenommen, wenn sie sich durch den Taufschein ausweisen. In jüdischen Kreisen wird jetzt der Gedanke ventiliert, zur Abwehr des internationalen wirtschaftlichen Antisemitismus eine interstaatliche jüdisahe Rechtshilfeaktion in die Wege zu leiten. Die Verhältnisse sind bereits so traurig, daß selbst in Ungarn, wo man noch bis vor ganz kurzer Zeit jeden Zusammensdiluß mit ausländischen Juden perhorreszierte und in gewissem Sinne als Verrat hinstellte, nunmehr sehr seriöse Stimmen laut werden, daß man aus dieser schweren Krise nur durch ein Zusammenarbeiten mit den in Betracht kommenden auswärtigen Organisationen herauskommen könnte. Solange aber die Hauptstütze der christlichen wirtschaftsantisemitischen Propaganda in der entwürdigenden Haltung der jüdischen Unternehmer fortwirkt, dürfte keinerlei Gegenaktion von jüdischer Seite auf Erfolg rechnen können, J, Kr, Ein Artikel der „Times66. Das englische Blatt erwägt die Möglichkeit einer Revision des Palästina-Mandates« Wie notwendig' eine politische Offensive in dem Lande und Vorschläge über die landwirtschaft- T^i«fwr»aiO,Q'iirln nnj-1 AnfH'ii-rminr w+ unrl nn'a T.a/->Vi+ linlif>n ßAsniil>f>PTl " Wie notwendig* eine politische Offensive in Propaganda und Aufklärung ist und wie recht „Die Neue Welt" hatte, als sie auf die gefährliche außenpolitische Wirkung des Shaw- Berich t e e hinweis, beweist ein leitender Aufsatz der „Times" vom 2. Mai d. M. unter dem Titel „D i e Landfrage inPalästina", den wir im nach folgenden wörtlich wiedergeben: „Es ist klar, daß die Regierung die Situation in Palästina aufmerksam beobachtet. Man meldet, daß Sir John Hope S i ni p 6 o n, ein hervorragendes Mitglied des indischen Zivildienstes, mit größer Erfahrung der Zustände im nahen Orient ausgestattet, beauftragt wurde, mit dem H i g h Comanissioner von Palästina zu. konferieren und S. M. Regierung über die drei wichtigsten, im Shaw-Kommissionsbericht berührten Fragen zu berichten. Es 6ei daran erinnert, daß Sir Walther Shaw und seine Kollegen über I m in i g r ation upd Landbesiedlung in Palästina Vorschläge gewacht haben. Diese Vorschläge involvierten unter anderem die R e v i d i e r u n g der Metho don und Regulierung der jüdischen Einw.«.'ii'd'£t«'Hgim Sinn'© der Kapazität des Landes, eine Untersuchung durch Experten über die Möglichkeit geschlossener Ansiedlung auf Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notfeen sind durch ein beigtttgtes E beseictwiet, dem Lande und Vorschläge über die landwirtschaftlichen Resourcen." „Die Frage, oK Palästina eine größere landwirtschaftliche Bevölkerung, als es jetzt besitzt, auf» nehmen kann, ist von entscheidender Wichtigkeit sowohl für die Mandatarmacht als auch für die Zionisten und für die eingesessene Bevölkerung des Landes. Die jüdische Immigration hat nur zu jenen Schwierigkeiten beigetragen, die ohnedies nach einigen Jahren durch Anwachsen der arabischen Bevölkerung entstanden wäre. Es ist möglich, daß verbesserte Methoden der Bewirtschaftung das Problem lösen können. Es hängt viel von der Möglichkeit — die diesbezüglichen Ansichten gehen auseinander — der Einführung dieser Methoden nach Palästina ab. Wenn kein Raum mehr vorhanden ist für „die geschlossene Ansiedlung von Juden auf dem Lande'\ ohne die Rechte und die Position der anderen Teile der Bevölkerung zu tangieren, was der Artikel VI des Mandats vorsieht, und wenn keine Aussicht vorhanden ist, daß Raum für Immigranten durch eine moderne landwirtschaftliche Methodik geschaffen werde, so müßte die Konsequenz daraus gezogen werden. Sowohl das Mandat als auch da s zionistische Programm müßten ie.vidiert y/er den. Die Feststellungen eines