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Die neue Welt · 1930-05-02 · Heft 137 (2.5.1930) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 137 (2.5.1930)
Date
1930-05-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seife I DIE NEUE WELT Nr. m ALLGEMEINE RENTENANSTALT Hervorgegangen aus der im Jalire 1824 gegründeten Allgemeinen Versorgungsanstalt WIEN, I., GRABEN 20 RENTEN - SPAREINLAGEN (Naglergasse 1 , Tel. U-21-510 Serie (Altersrente, Witwenpension. Kinderfürsorge usw.) Prospekte u. Auskünfte bereitwilligst u kostenlos ZWMO ANSTALT* Gras, Jakominlpfat« 23 Kulturwclt zu lernen. Ist es nicht ans Wunderbare gren* folg verblüffte mich, aber ich war gefaßt genug, die Ei?end, daß dieser einfache venezianische Bauernsohn Sarto, dessen Bruder als Landbriefträger sein karges Brot yer* dient, Oberhaupt der katholischen Kirche wurde, unbe* schränkter Herr von 250,000.000 Seelen, Chef einer kom* plizvfciten, geradezu bewundernswerten Organisation, die seit zwei Jahrtausenden von einem Ende der Welt zum anderen sich ausbreitet. Ein klassischer Gegensatz zu dem Papst, dessen bäuerliche Abstammung deutlich zu erkennen ist, scheint mir der KardinabStaatssekretär, äohn eines aristokratischen Diplomaten aus Spanien, des» sen Wesen einer edlen toledanischcn Klinge gleicht. Als ich dem Papst sagte," so erzählte Herzl weiter, „daß wir ohne eigenes Land und ohne Macht seien und daher auf der ganzen Welt verfolgt würden, da entgegnete er mit naiver Größe: Unser Herr kam ohne Macht, er kam in . Frieden, er .verfolgte niemand, aber man verfolgte ihn, verließ ihn von allen Seiten, so» gar die Apostel verließen ihn. Erst später wuchs er zu unüberwindlicher Größe. Da fühlte ich", meinte Hcrzl, „die Kraft der weltgeschichtlichen Tatsache, daß dieser Bauernsohn als Nachfolger des Zimmermannkindes aus Palästina vor mir stand." Leider blieb es aber bei der Tatsache, daß mein verehrter Freund sich im Vatikan einen schweren Miß* erfolg geholt hatte. Nun suchte ich und fand auch Ver* bindungen zum Kardinal*Staatssekretär, der bereit war, .mich zu empfangen. Etwa vierzehn Tage später saß ich spätabends in der geräumigen Antichambre, aus der weltliche und geistliche Herren, darunter der seither verstorbene Kardinal Richard' aus Paris zum Kardinal vorgelassen wurden. Ein junger Kleriker ge* seilte sieh zu mir, suchte mich zu unterhalten und sprach davon, daß in der letzten Zeit auffallend viel Juden zum Papste kämen und, wie" es scheint, seinen Beistand suchen; Der junge Mann meinte voller Auft richtigkeit: „D ie'Sache wäre doch sehr einfach, wenn sich diejudenalle taufen ließe n, dann wäre es ja S e i n e r H e il i gk e \>t sehr leicht, ihnen zu helfe n!" , Das klang recht entmutigend. * ' * -. ~ - ■ ' * "YVenige Minuten später stand ich in einem der kostbaren sogenannten Borghese*Zimmer, die berühmt sind durch die Fresken des .Bologneser. Malers Dorneni« chino. Ein eleganter Herr, in Purpur gehüllt, nahm mich bei der Hand, zog mich zu einem Diwan, setzte sich nahe heran und ermunterte mich zur Aussprache. Fast eine Stunde dauerte diese Aussprache in ungezwungener Rede und Gegenrede, und zwar über alle Probleme der Judenheit. Und immer wieder fragte ich mich: Was hat mir diese seltene Gelegenheit ermöglicht? Als dann vom Zionismus gesprochen wurde und der Kavalier im Purpur* kleid sagte: „Herr Dr. Herzl, der diese B ew es gung führt und Seiner Heiligkeit und mir davon erzählte, hat einen .sehr günstigen Eindruck bei uns hinterlasse n''; da wußte ich, daß ich der Gestalt Herzls, seiner von prophetischem Ernst durchgeistigten Erscheinung meinen Erfolg ver* danke. " " ' »•.' * 2 . . :>.*.. J .. Nach meiner eingehenden Schilderung des Elends der Juden im Osten Europas, an die ich' che Hoffnung knüpfte, daß der Zionismus ein besseres Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerung herbeiführen könnte, erklärte der Kardinal voll Nachdruck: „Ihre Darstellung veranlaßt mich, Ihnen zu sagen, daß der- Vatikan, der , eigentlich gegen die Besiedlung. Palästinas, durch die Juden stimmen müßte, aus Gründen' der Menschlichkeit der Besiedlung Palästinas durch die. eigentlichen Kinder dieses Landes kein Hindernis bereiten wird!" Dieser Er« EXCEL SIOR hthabor RICHARD HERZOG I., Adler0»««e B T*l. R«28-4«90 laubnis zur Veröffentlichung dieser Erklärung zu er« bitten, die ich denn auch erhielt. Als ich mich in der Antichambre von meinem jungen Kleriker verabschiedete, der über die Länge der Audienz verblüfft war, öffnete der Kardinal die Tür und rief mir zu: „Wenn Sie Herrn Dr. Herzl schreiben, so bitte ich, ihn von mir grüßen zu lassen." Damit war dieser Unterredung ein offizieller Stempel aufgedrückt. Ich eilte nach Wien, wo ich Herzl müde und von leidendem Aussehen fand. Meine Botschaft aus dem Vatikan bedeutete einen letzten Erfolg seines er* eignisreichen Lebens. Wenige Monate später haben wir ihn auf dem Gräberhügel zu Döbling in die Gruft seiner Väter gelegt, wo er, wie es in seinem Testamente heißt, „ruhen will, bisseinVolkihnnachPalästina br i n g e n w i r d . . . RUNDSCHAU Mauschel hat Sorgen. — Die Naiven sterben nicht aus. — Die Jugendsünde des Präsidenten. Hcrzl ist tot. Aber Mausdiel lebt und steht da, wie ihn Herzl hingestellt hat. Frech und feig, ängstlich und zudringlich, kriecherisch und arrogant. Immer beim Sieger des Tages, den Gegner in Gassen jungenart verhöhnend, bespeiend, solange es ohne Gefahr möglich ist. Der Papst hat den Abt des Schottenstiftes in Wien abgesetzt. Der Abt hatte angeblich liberale Neigungen gezeigt und seinen Benediktinern manchen Verstoß gegen die Klosterregel verziehen. Das hat dem Papst nidit gepaßt. Es wäre anzunehmen, daß das eine Sache ist, welche nur den Papst und die Mönche etwas angeht. Aber wer das annimmt, hat ohne Mauschel gerechnet. Die von jüdischen Journalisten bediente liberale und sozialdemokratische Presse hat daraus einen Schreibstoff für zwei Wodien gemacht und dieses „weit über den Kreis der Betroffenen reidiende Vorkommnis" in Leitartikeln, Feuilletons und Glossen verarbeitet. Die Mausdiel von der Feder haben dem Papst tiiditig die Leviten gelesen, weil er „nicht mit der Zeit geht'V und haben ihn beschworen, mit dem Zeit- St. Peter saß an seinem Himmelstor, ' Sein Schlüssel rostig war, sein Schloß desgleichen. Und sagte brummend: fast kommt es mir vor, „Jiuber Essig" macht dife Leute; alt wie Eichen. : geist Frieden zu schließen. Mauschel, der sonst in den warmen Schlafzimme^ta,von Film- und Bühnenweibern herurnsdinupper^und mit Kammerjungfern über nächtliche Vorgänge' zischelt, ist in die kühlen Klostergewölbe gestiegen und macht dort ein Geschrei. Ja, Mauschel hat Sorgen! Wie die Ermahnungen des Wiener Mauschel in Rom gewirkt haben, kann noch nidit festgestellt werden. Daß die christliche Presse die Gelegenheit wahrgenommen hat, um Betrachtungen über die Frediheit und bübische Zudringlichkeit der Juden-' presse anzustellen, das steht allerdings fest. Diese Wirkung ist erzielt. Die Juden sind wieder in der Liebe und Achtung ihrer Umgebung um einige Grade höher gekommen. Dos danken wir unserem lieben Mauschel, der sich vor Jahren taufen ließ und vor dem hohen Klerus sdiweifwedelte, weil es damals der „Zeitgeist" so wollte; der sich heute für konfessionslos erklärt und dem Papst eins auswischt, weil das jetzt nidit gefährlidi und dem Zeitgeist entsprechend > ist. Und der sich in ein paar Jährchen wieder wird taufen lassen. * Reichsdeutsche Blätter erzählen ein nettes Geschichtchen. Ein jüdischer Bürger der Stadt Duisburg hat sich vor kurzer Zeit an die Auskunftsstelle der Universität Köln mit der Bitte um eine Berufsberatung gewandt. Er schrieb: „Teilen Sie mir bitte ausführlich die Aussichten eines Juristen im freien Beruf und im Staatsdienst mit. Wird bei letzterem auch .heute nodi die jüdische Konfession und Abstammung (praktisch, nicht papiergemäß) hindernd für die Laufbahn genommen." Darauf bekam der Anfragende folgenden Bescheid: „Bei Ihrer Konfession kommt ein Fortkommen in der Staatsverwaltung meistens praktisch nicht in Frag e." Die Republikanische Beschwerdestelle Berlin wandte sich, wie die „Rheinische Zeitung" mitteilt, wegen dieses Vorganges an den Kurator der Universität Köln. Unter dem 8. April erhielt sie einen Bescheid von dem Kurator, in dem es u. a. heißt: „In Ihrer Beschwerde wurde der akademische Berufsberater, Herr Dr. C r a m e r,: zum Bericht auf gefordert.' Dr. Gramer hat tatsächlich die beanstandete Antwort erteilt. Er stützt seine Antwort auf seine Erfahrungen im Umgang 'mit jüdischen' Ab i t ü r i e-n t e n, Studenten und Jungakademikern, die ihm offen erklärten, daß für sie als konservative und orthodoxe Juden die Staatsverwaltung meistens prakr tisch n i c b t i n Frage komme. Die Antwort 4e*5 ajeademiseta Berufsb#««|ers war mit Riecht zu er wird hierüber belehrt werde»." Gottlob, die Naiven sind doch nicht ausgestorben. Dieser ehrsame jüdische Bürger aus Duisburg, welcher Geld für Tinte, Porto und Papier ausv gibt, um zu erfahren, ob der Jude im preußischen Staatsdienst stürmisch begehrt ist, ist doch wirklich ein prächtiger Naivling. Auch die Republikanische Beschwerdestelle ist in ihrer Bestürzung über die Neuigkeit, daß „Juden praktisch nicht in Frag© kommen", von reizender Naivität. Weniger naiv; scheint der Herr Berufsberater Dr. Cramer zu sein* welcher erklärt, daß der Staatsdienst für die Jude« nidit in Frage kommt, weil die Juden nicht wollen! Und gar nicht naiv ist der Herr Kurator, welcher diese Erklärung mit behördlichem Ernste an den Beschwerdeführer leitet. * Zum achtzigsten Geburtstage des Präsidenten Masaryk ist eine kurz und in volkstümlichem Tone gehaltene Lebensbeschreibung des jubilierenden tschechoslowakischen Staatsgründers erschienen. Das Büchlein wurde für den Schulgebrauch bestimmt. Aber die tschechischen Klerikalen haben großes Geschrei angehoben. Nicht, weil sie gegen Masaryk sind. Auch sie haben dem Gründer ihres Staates seine freisinnige Vergangenheit verziehen und feiern seinen achtzigsten Geburtstag redlich mit. Im Gegenteil, sie wollen den Präsidenten schützen! Im Büchlein wird nämlich erwähnt, daß zur Zeit des Polnaer Ritualmordes Masaryk für den Angeklagten Hilsner und gegen das Ritualmordmärchen gekämpft hat. Sie wollen über diese unselige Verirrung des geschätzten Präsidenten den Mantel christlicher Nächstenliebe gebreitet haben. Sie haben im Parlament eine Interpeif ition eingebracht, in welcher es heißt: „W ennProfessör Masaryk darin (in der Hilsner-Affäre) schon geirTt hat, so ist es eigenartig, daß Schulkinder daran erinnert werden sollen!" Sie haben recht, die Herren Klerikalen. Wie soll ein tschechischer Bub vor einem Präsidenten Respekt haben, der nicht daran glaubt, daß die Juden zum Mazzesbacken christlidies Jungfernblut brauchen! Man sagt immer, daß die Klerikalen zu langatmiger Rachsucht neigen. Hier ist das Gegenteil bewiesen. Nicht nur, daß sie ihm eine Jugendsünde verzeihen, sie wollen sie auch begraben. Begraben, verziehen, vergessen soll sie sein Ist Herzls Erbe vertan? Von Dr. Oskar Rosenfeld. In acht Jahren gigantischen, in der Geschichte der Menschheit sich nicht wiederholenden, einmaligen Schaffens hat Theodor Herzl ein Werk für das jüdische Volk vollbracht, das ihm Ziel, Weg und Instrument der Verwirklichung sein sollte: ein Erbe, das ganz plötzlich im Jahre 1904, dem Todesjahre des großen Führers, zur Verwahrung und Erfüllung seinen Jüngern und Gefährten anheimgegeben worden war. Was glücklicher disponierten, in geschlossener Kultur- und Heim- TORPEDO DI« Unv«rwO«Hktien ml>l«lch>«MMAnMMu Vereinigt die Vorzüge der besten amerikanischen und deutschen MASCHINEN Große Auswahl In gebrauchten SCHREIB-, RECHEN- und ADDITIONS¬ MASCHINEN ILANGFRISTIG! ■ K RBDITIi Büromasohinen-Lelhanetalt / Büromöbel« Fabriksniederlage Samtl. BÜROBEDARF Verlangen Sie unverbindliche ANGEBOTE durch die KONTOR - EINRICHTUNQS - GESELLSCHAFT Wien I, E3chenbaohfl,9-11»Tel,B-26-0-81,B-26-0-17 1

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