Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 137 (2.5.1930)
- Date
- 1930-05-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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~ Nr. 137 DIE NEUE WELT Seif« 3 LLOYD TRIESTINO DIREKTE LINIE Tmest-Jaffa-Haifa mit den vorzüglichen alonschiffen „Adria" und „Carnaro". Fahrtdauer 4'/, Tage. Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22.-, II. Kl. Lst. 15.-, III. Kl. Lst. 6.— inklusive Bett und Verpflegung. Für Chaluiim und Touristengesellschaften besondere Ermäßigungen. Für Einzelreisende kostet die Fahrt nach Palästina und zurück in der III. Klasse inklusive Kabine und Verpflegung bloß österreichische Schilling 416.— Auskünfte: LloydTriestino,Wien, I.,Kärntnerring 6 Ziffer sofort die alten Einwanderungsverbote auffrischen — und das wäre uns gerade recht. Denn wer da glaubt, daß die Juden sich in das Land der Väter gleichsam einschmuggeln könnten, der täuscht sich oder täuscht andere. Nirgends wird das Auftauchen von Juden so schnell signalisiert, wie in der historischen Heimat des Volkes, eben weil es die historische Heimat ist. Und es wäre auch gar nicht in unserem Interesse gelegen, verfrüht dahin zu gehen. Die Einwanderung der Juden bedeutet einen Kräftezufluß von unverhoffter Fülle für das jetzt arme Land, ja für das ganze osraanische Reich. Seine Majestät, der Sultan, hat übrigens mit seinen jüdischen Untertanen nur die besten Erfahrungen gemacht, gleichwie er auch ihnen ein gütiger Souverän ist. Es liegen also Bedingungen vor, die bei einer klugen und glücklichen Behandlung der ganzen Sache zum Ziele führen können. Die finanzielle Hilfe, welche die Juden der Türkei bieten können, ist nicht unbeträchtlich und würde zur Beseitigung manches inneren Uebels dienen, an dem dieses Land jetzt leidet. Wenn ein Stück Orientfrage zugleich mit der Judenfrage gelöst wird, so ist dies gewiß im Interesse aller Kulturvölker. Die An Siedlung der Juden wäre wohl auch eine Besserung der Lage der Christen im Orient. Aber nicht nur von dieser Seite her darf der Zionismus auf die Sympathien der Völker rechnen. Sie wissen, daß der Judenstreit in manchen Ländern zur Kalamität der Regierung geworden ist. Ergreift man für die Juden Partei, so hat man die aufgewühlten Massen gegen sich. Ergreift man gegen die Juden Partei, so hat dies beim eigentümlichen Einfluß der Juden auf den Weltverkehr oft schwere wirtschaftliche Folgen. Es gibt dafür Beispiele in" Rußland. Verhält sich endlich die Regierung neutral, so sehen sich die Juden ohne Schutz in der bestehenden Ordnung und flüchte n s i c h in denUmsturz. Der Zionismus, die Selbsthilfe der Juden, eröffnet nun den Ausweg aus diesen sonderbaren Schwierigkeiten. Der Zionismus ist einfach der Friedensstifter. Es geht ihm dabei wie Friedensstiftern gewöhnlich: er muß sich am meisten herumschlagen. Nur wenn unter den mehr oder minder ehrlichen Argumenten gegen unsere Bewegung auch das vorkommt, daß man uns des Mangels des Patriotismus zeiht, so richtet sich dieser verdächtige Einwurf von selbst. Welchen besseren Dienst kann einer seinem Land leisten, als wenn er den inneren Frieden der Bürger herstellen hilft. Von einem vollständigen Auszug der Juden kann wohl nirgends die Rede sein. Die sich assimilieren können oder wollen, bleiben zurück und werden resorbiert. Wenn nach einem gehörigen Abkommen mit den beteiligten politischen Faktoren die Judenwanderung in aller Ordnung beginnt, so wird sie für jedes Land doch nur solange dauern, als dieses Juden abgeben will. Wie der Abfluß zum Stillstand kommen soll? Einfach durch das allmählige Abschwellen und endliche Aufhören des Antisemitismus. So verstehen, so erwarten wir die Lösung der Judenfrage. Das alles haben meine Freunde und ich gesagt. Wir wollen uns die Mühe nicht verdrießeu J lassen, es immer und immer wieder zu sagen, bis man uns versteht. Bei dieser feierlichen Gelegenheit, wo sich Juden aus so vielen Ländern zusammengefunden haben, auf einen Ruf, auf den alten Ruf der Nation, heute sei unser Bekenntnis feierlich wiederholt. Muß uns nicht eine Ahnung großen Geschehens überfliegen, wenn wir denken, daß in diesen Augenblicken die Hoffnungen und Erwartungen von vielen Hunderttausenden unseres Volkes auf unserer Versammlung ruhen? Nach fernen Ländern, ja über das Weltmeer wird in der nächsten Stunde die Nachricht von unseren Beratungen und Beschlüssen eilen. Darum soll Aufklärung und Beruhiguug von diesem Kongreß ausgehen. Ueberall soll man erfahren, was der Zionismus, den man für eine Art von chiliastischem Schrecken ausgab, in Wirklichkeit ist: eine gesittete, gesetzliche, menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes. Was die einzelnen unter uns schrieben oder sagten, konnte und durfte man achtlos übergehen — nicht mehr das, was der Kongreß hervorbringt. Möge darum der Kongreß, der fortab der Herr seiner Debatten ist, als ein weiser Herr wirtschaften. Und endlich wird der Kongreß für seine eigene Dauer sorgen, damit wir nicht wieder auseinanderlaufen, spurlos und ohne Wirkung. In diesem Kongreß schaffen wir dem jüdischen Volk ein Organ, das es bisher nicht hatte, das es aber dringend, zum Leben dringend braucht. Unsere Sache ist zu groß für den Ehrgeiz und die Willkür einzelner Personen. Sic muß ins Unpersönliche hinaufgehoben werden, wenn sie gelin- JNur diese Schw«denkiiiigc macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke gen soll. Und unser Kongreß soll ewig leben, nicht nur bis zur Erlösung aus der alten Not, sondern nachher erst recht. Heute sind wir hier auf dem gastlichen Boden dieser freien Stadt — wo werden wir übers Jahr sein? Aber wo wir auch seien und wie lange unser Werk bis zur Vollendung dauere, unser Kongreß sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, niemandem zu Trutz und allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl schon fern, aber unvergänglich ist! (Stürmischer Beifall.) Ofc HEISS-OB KALT, OB SCHON» OB REGEN EIN, SCHUH AUF ALLEN WEGEN VERKAUF DIREKT IN OEd FABRIK VII.KAISEHSTR.A6. IM STOC3 Theodor Herzl und Papst Pius X, .Von Heinrich Y o r k - S t e i n e r. Der Weggenosse und einer der ersten Mitarbeiter Theodor Herzls schildert das Zustandekommen und den Verlauf des Be* suches Herzls beim Vatikan. Die Antwort des Papstes war — T a u f cl Der Standpunkt der katholischen Kirche war damit gegeben, bis auf den heutigen Tag. Der Artikel, wel* eher im „Neuen Wiener Journal" erschien, ist uns vom Autor freundlich zur Verfügung gestellt worden. Wir, meine Familie und ich, verlebten den Winter 1903—04 in R o m, von wo ich für einige Tage nach Wien zurückfahren mußte. Theodor Herzl war sehr begierig, Einzelheiten über den damals neuen Papst Pius X. zu erfahren, der, entgegen dem Verhalten seiner Vorgänger Pius IX. und Leo XIII., die sich voll* ständig als freiwillige Gefangene im Vatikan zurückhielt ten, Verbindung mit dem Volke der italienischen Haupt« Stadt zu erhalten suchte. Und da auch er, an die Fiktion der Gefangenschaft gebunden, nicht zu den Bewohnern Roms hinaus konnte, ließ er diese zu sich kommen. Und sie kamen zu Tausenden und Abertausenden. Herzl verlangte eine immer genauere D a r s t e 1* 'Togal rasch und sicher wirkend bei ^Rheumatischen Gichtischen und nervösen Schmerzen, Kopfschmerzen, Erkältungskrankheiten. Scheidet die Harn« säure ausl Ober 6000 Arzte «Gutachten! Absolut unschädlich. Fragen Sie Ihren Arzt. I u 11 g seines Wesens, wie es mir in einer Predigt oder richtiger Ansprache im San Damnsusliof erschienen w a r. Sehr interessiert horchte Herzl auf, als ich ihm von einer blinden Holländerin erzählte, die neben uns zuhörte. Sic hatte, angezogen durch die liebenswürdige Persönlichkeit des Papstes, eine Audienz erbeten, um dem Heiligen Vater das Leid ihrer Blindheit zu schildern, um bei ihm Trost zu finden. Pius X. verwies sie auf die Tröstungen der Religion. — „Aber ich bin Protestan« tin", entgegnete die arme Frau. „Dcn Trost, den Sic brauchen, finden Sic in jeder Religion", war die seltsam schöne Entgegnung. Ich erzählte Theodor Herzl des weiteren, daß eine jüdische Familie namens J a c u r ihn besucht hatte, die er nicht nur aus seiner Zeit als Patriarch in Venedig kannte, sondern auch als Vikar in einem Dorfe Vene* tiens, wo diese Familie begütert war, Ihre Wohltätigkeit hatte sie mit dem katholischen Geistlichen verbunden. Dieses Entgegenkommen des neuen Papstes machte auf Herzl großen Eindruck, doch ließ er besondere Ge* danken oder Absichten vorläufig nicht merken. Einige Wochen später, als wir in Rom von einem Ausflug heim* kehrten, lief uns das kleine Mädchen des Portiers freudig gestikulierend entgegen. Sie sprach ganz aufgeregt in der lebhaften Art der italienischen Kinder: „Es wartet ein Herr auf Sie in Ihrer Wohnung. Ein sehr schöner, großer Herr mit einem sehr, sehr langen Bart." Und dabei zog sie mit beiden Händen eine Linie von den Schläfen über die Brust so charak* teristisch geformt, daß ich rief: „Das kann nur Dok« tor Herzl sein." Herzl war gekommen, um den König und den neuen Papst für sein Projekt des Judenstaates in Palästina zu gewinnen. Er brauchte diplomatische Hilfe in Konstantinopel und man hatte ihm gesagt, daß ohne die Zustimmung des Vatikans die katholischen Staaten seinem Wunsche nicht entsprechen würden. Der König von Italien hörte ihn äußerst wohl* wollend an, wußte sehr viel über jüdische Verhältnisse, meinte aber, daß die jüdischen Bürger Italiens den Zionismus nicht nötig hätten, weil es einen Unterschied zwischen Juden und Christen in Italien absolut nicht gäbe und in jeder Regierung zumindest ein Jude seinen Platz finde. Aber er empfahl dennoch Herzl an den Minister des Aeußern Tittoni. Recht betrüblich hingegen war der Ausgang der Audienz beim Papst. Er wurde einige Tage früher vom Kardinal, Staatssekretär M cr ry dcl Val empfan* gen, von dessen gewinnender Persönlichkeit damals Rom fast ebensoviel sprach wie vom neuen Papst. Eine jugendlich elegantere Erscheinung war selten im Kar» dinalskollegium und seine ganz ungewöhnliche weit* männische Liebenswürdigkeit wurde bewundert. Es ist selbstverständlich, daß die gewinnende Art des päpstli* chen Diplomaten auch auf Dr. Herzl ihren Zauber übte. Herzl stimmte meiner Beurteilung des neuen Herrn auf dem Stuhle Petri zu, obgleich dieser von einer Besiedlung','Palästinas durch die Juden unter keiner Bedingung etwas wissen wollte. Er sagte wörtlich: „Wir könnten, die Juden nicht hindern, zu kommen, aber wir dürfen es nie begünstigen, daß die Erde Jerusalems, geheiligt durch das Leben Jesu, von ihnen besiedelt werde, die ihn als Messias nicht an* erkannt haben." Herzl führte viele wichtige Argumente an, doch der Papst blieb dabei, daß er als Haupt der katholischen Kirche nichts anderes sagen dürfe. Er fügte hinzu: „Es waren erst vor wenigen Tagen mehrere Juden bei mir, denn es gibt außer der Religion noch andere Beziehung gen, Höflichkeit und Wohltätigkeit, aber Ich darf Ihnen nicht helfen, die Juden nach Jeru* salemzu führen." Herzl führte auch als Argument an, daß die christliche Tradition eine Versammlung der Juden in Palästina vorsehe, worauf der Papst als letztes Wort erwiderte: „Wenn sie nach Jerusalem kommen werden, dann wollen wir Priester bereit halten, um sie alle zu taufen/^ Da auch der Kardinal Aehnliches angedeutet hatte, schied Herzl mit sehr schwerem Herzen aus dem Vatikan. Aber er hatte trotzdem die besten Eindrücke vom Wesen dieser Herren empfangen. Dies formulierte er wie folgt: „Wir beurteilen den Vatikan vorurteilsvoll, anstatt an dieser ältesten und dauerhaftesten Organisation unserer CiMiuaiIii iMfcaw des Jugendu. Verbandheimes C Iii WC 11111119 der demokratischen Zlonlsten t