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Die neue Welt · 1930-04-25 · Heft 136 (25.4.1930) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 136 (25.4.1930)
Date
1930-04-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nf. m Dlß NEUE WELT Seite t * während Jn der nächsten Umgebung von New York, in den am Hudson«Fluß gelegenen kleineren Gemeinden mehr als ein Viertel Million Juden angesiedelt sind, so daß in Groß*New York heute über zwei Millionen Juden leben. So stellt New York heute die größte jüdische Gemeinschaft der viele tausend Jahre alten Geschichte dar. Bedenkt man, daß die größte jüdische Gemeinde in Europa, in Warschau rund 300.000 jüdische Seelen zählt und daß die nächsten größten Judengemeinden Wien und Budapest nicht einmal diese Zahl er« reichen, nimmt man ferner zur Kenntnis, daß außerhalb New York in den Vereinigten Staaten noch eine Anzahl großer jüdischer Zentren, wie zum Beispiel Chikago mit über 300.000 Juden, Philadelphia mit einer Judensiedlung von 270.000 Seelen vorhanden sind, so wird man erkennen, daß heute das Schwergewicht jüdischer Betätigung auf allen Gebieten des Lebens in den Vereinigten Staaten von Nordamerika liegt. Bei den Nachforschungen zur Erlangung des Datenmaterials wurden auch sehr bezeichnende Merk* male jüdischen Lebens zutage gefördert. Zunächst ein* mal die nicht unwichtige Tatsache, daß die Zahl der jüdischen Bevölkerung trotz der strengen, einer völligen Absperrung gleichkommenden Einwanderungs* gesetze einen natürlichen Zuwachs erfahren hat und daß im jüdischen, gesellschaftlichen, religiösen und kultu* rellen Leben nunmehr, da von außen her kein neuer Zu* ström kommt, auch in den bereits amerikanisierten Schichten der jüdischen Bevölkerung ein Aufschwung zu beobachten ist. Instinktiv wehrt sich hier eine große jüdische Gemeinschaft gegen die Abschnürung des Blutlaufes in ihrem sonst lebensfähigen Körper. Sie übernimmt die Rolle, die einst die jährlich zu Tausenden ins Land strömenden „Grüne n" in der Entwicklung des Judentums in Amerika gespielt haben. Bedeutete früher die Einwanderung von Juden aus den k o n s e r» vativsten Ländern Europas eine Art Trans* fusion frischen, belebenden Blutes im physischen Sinne, vollzieht sich jetzt eine Art psychische Regenerierung des auf sich angewiesenen Judentums in Amerika. Viel beigetragen zu diesem Umschwung hat die jüdischnationale Erziehung der Zioni* s t e n, aber auch der innere Stolz der Juden, der sich gegen das Aufflackern des gesellschaftlichen Antisemitismus und gegen die innerhalb des Judentums aufgetauchte Panikstimmung wehrt, in wel* eher viele jüdische Unternehmungen gleich* falls eine Art Numerus clausus für jüdische Arbei» t e r und Angestellte einzuführen begannen. Zu gleicher Zeit hat sich aber der Kreis der Be* schäftigungen, denen sich jüdische Arbeiter zuwenden, stark vergrößert. Es ist heute längst überholt, davon zu sprechen, daß die Juden in Amerika bloß „ein Volk von Schneidern" seien. Die Juden leisten heute schwere Arbeit in Metallgießereien, es gibt bereits sehr viele Arbeiter in den Minen, jüdische Eisenarbeiter und Elektriker werden bereits in vielen Fällen bevorzugt. Die Degradation des Juden Dreyfüs. Aus dem in Kürze im Verlage Doktor Walter Rothschild in Berlin erscheinen* den Buch: „Der Prozeß des Haupt» m a n n s D r e y f u s" von Dr. Bruno Weil. In diesem Buche wird die Affäre auf Grund der Akten des deutschen Außenmini* steriums, der französischen Gerichtsakten und anderer neuer Quellen abschließend dar» gestellt. Samstag, 5. Jänner 1895. Die Degradation ist auf frühmorgens festgesetzt. 7 Uhr 20. Eine Schwadron der republikanischen Garde unter dem Kommando des Hauptmanns Lebrun« Renault reitet nach dem Gefängnis Cherche*Midi, um Dreyfus abzuholen. Zwei Gendarmen bringen ihn zur Gefängnisschreiberei und durchsuchen ihn. „Ist das nötig?" fragt Dreyfus. „Befehl!" antwortet der Offizier« Dann legt man ihm Handschellen an. „Ist auch das Be» fehl?" Keine Antwort. Nur eine befehlende Hand* bewegung des Kapitäns. „Sie sehen, Herr Hauptmann", sagt er, „alle- Streifen an meiner Uniform sind schon aufgetrennt. Sie hängen nur noch an Fäden. Auch die Knöpfe und die Litzen. Darf ich Sie bitten, den Wacht* meister zu ersuchen, schnell zu machen, wenn wir da draußen sind?" Keine Antwort. „Ich sehe Ihnen ins Gesicht. Sie sehen es wohl, Herr Hauptmann, und wenn ich wage das zu tun, so darum( weil ich unschuldig bin. Meine Verurteilung ist das größte Verbrechen dieses Jahrhunderts." 7 Uhr 45. Der Zug verläßt das Militärgefängnis. Zwei Reiter der republikanischen Garde, Revolver in der Faust, an der Spitze. Ein Zug folgt. Der Hauptmann, der die Schwadron führt, reitet vor dem Zellenwagen mit seinen vier Pferden, in dem Dreyfus zwischen zwei Gendarmen sitzt. Der Wagen rechts und links von Reitern umgeben. Ein zweiter Zug schließt sich hinten an. 7 Uhr 50. Ankunft in der Militärschule. Dreyfus wartet eine Stunde lang in einem Dienstzimmer. „Wäh* rend dieser langen Minuten raffte ich alle Kräfte meines Daseins zusammen. Die Erinnerung an all die herben Monate, welche hinter mir lagen, kam in mein Gedächtnis und in abgerissenen Sätzen murmelte ich vpn dem letzten Besuche, den mir Major Paty de Garn in meinem. Gefängnis gemacht hatte," , 8 Uhr 50. Vier Artilleristen treten an. „Hier sind die Leute, die Sie abholen, Herr Dreyfus", sagte der Kapitän Lebrun. „Gut, Herr Hauptmann. Ich folge. Aber ich wiederhole Ihnen, ich bin unschuldi g." Zwi* sehen vier Mann und einem Unteroffizier in die Mitte des Paradeplatzes geführt. General Darras kommandiert -hoch zu Pferd die Exekutionsparade. „Dreyfus, Sie sind unwürdig, die Waffen zu tragen. Im Namen des französischen Volkes degradieren wir Sie!" Dreyfus hebt die beiden Arme gegen den Himmel und ruft mit starker Stimme: „Ich bin un* schuldig, ich schwöre, daß ich unschuldig bin! Es lebe Frankreich!" „An den Galgen mit ihm!" antwortet draußen die Volksmenge. In dem Augenblick, in dem der Wachtmeister Hand an ihn legt und ihm Streifen und Litzen, die Abzeichen seiner Würde, abreißt, protestiert Dreyfus von neuem: „Beim Haupte meiner Frau und meiner Kinder schwöre ich. daß ich unschuldig bin. Ich schwöre es! Es lebe Frankreich!" „A mortl A mort!" antwortete die Menge. Der Wachtmeister zerbricht den Degen und wirft ihm die Stücke vor die Füße. Wieder ruft Dreyfus: „Man degradiert einen Unschuldigen!" Dann wird er zwischen zwei Unteroffiziere im Viereck herum an der Front der Truppen vorbeigeführt. Immer noch ruft das Publikum „Zum Tode!" Als er an das Gitter ankommt, das den Hof von der Straße trennt, sieht ihn die Menge besser. Das Schreien wird lauter, vervielfältigt sich. Und Dreyfus antwortet „Ich bin un* schuldig! Es lebe Frankreich!" Seinen Ruf kann die Menge nicht verstehen. Aber sie sieht Dreyfus sich gegen sie wenden und den Mund öffnen. Ein gräßliches Pfeif* konzert ist die Antwort. Dann hört man wie einen Auf* schrei der ganzen Menge immer wieder das Unerbitt» liehe: „Zum Tode! Zum Tode!" Nur mühsam können die Polizeiagenten die Menge abhalten, in die Militärschule hineinzustürzen und im Sturm vom Parade* NEU (ERÖFFNET Streng orth. D llllllllllllllllllllllllllllllllllllll.il BAD ISCHL FAMILIEN-PENSION ERSTEN RANOES, BÄDER IM HAUS OROSSER SCHATTIGER OARTEN, VORZÜOL. RESTAURANT Auch Diätküche / Mäßige Preise / Kulanteste Bedienung PENSION JUPITER // BES. B. LEBOVITS Lindauslräßel8, TeU60/Iv SCHWESTERHAUS ERÖFFNUNG AM 15. MAI PENSION STERN, ABBAZIA platz' Besitz zu ergreifen, um nach ihrer Weise Justiz zu üben. Dreyfüs märschiert weiter/ Jetzt steht er vor der Gruppe der Pressevertreter.. „Sagen Sie Frank» reich, daß ich unschuldig biit!" „Sei, ruhig, Elender!' antwortet man ihm, während' andere rufen: „Feigling! Verräter! Judas!" Dreyfus. begehrt auf. „Sie haben nicht das Recht, mich zu beleidigen!!" Eine einzelne Stimme löst sich aus der Gruppe: „Sie wissen wohl, daß Sie nicht unschuldig sind." „Es lebe Frankreich!" „Schmutziger Jude!" Dann marschiert er weiter. Sein Anblick ist trostlos. Wo sonst die Streifen auf der Uniform saßen, hängen lange Zwirnfäden herab. Die Mütze ist formlos geworden. Endlich ist der Leidens» weg zu Ende, das Viereck umschritten. Dreyfus wird zwei Gendarmen übergeben, die seine Streifen aufgelesen und die Stücke seines Degens aufgesammelt haben. 9 Uhr: Der Degradierte steigt in den Gefängnis* wagen. Die Pferde ziehen an. Degradierung und Ze* remonie haben gerade zehn Minuten gedauert. ßeriiarcl Shaw und die jüdische Frau. Georg Bernard Shaw hat für die vom Verlag „Mizpah" in Tel-Awiw veranstaltete hebräische Uebersetzu'ng seines „Wegweisers für die intelligente Frau'zum Sozialisinus und Kapitalismus" folgendes Vorwort geschrieben; Ist die intelligente Frau eine Tochter Jerusalems, so muß sich der heidnische Autor darüber klar sein, wessen er sich zu versehen hat, wenn er sich ihr nähert, um ihr seine Führung anzubieten. Ich gebe mich darüber keinen Illusionen hin, wie ich in den Augen des auserwahlten Volkes dasiehe: ein Ding von gestern, ein Barba r, im besten Falle ein Geschöpf, in dessen ungeschlachte Hand Jehowa eine Augenblicksgewalt gegeben hat als Züchtigung für die Jüdin, der es ihr Stolz nicht erlaubt, selbst neben ihrem Gotte demütig zu wandeln. Wie könnte ich erwarten, daß sie demütig neben mir hergeht und midi zum Führer auf den Wegen der Weisheit nimmt! So beeile ich mich denn zu versichern, daß ich, mich schuldig wissend, eine solche Erwartung nicht hege. Ich biete mich ihr als Führer an, genau so, wie der elendste Beduiue sich in aller Demut der Königin von Saba als Führer durch i-ine fremde Wüstengegend augeboten haben mochte. Ich bin ein Ire, und für den Durchschnittsireu ist der Jude ein U n g 1 ä u b i g e r, der seinen Heiland barbarisch ermordet hat und dafür in die Hölle kommen muß. Wenn man den Iren daran erinnert, daß der erschlagene Heiland selbst ein Jude war, ist er betroffen; denn es ist ihm noch nie ein Zweifel darüber aufgestiegen, daß Jesus ein rechter irischrömischer Katholik war. ich, der ich kein Durchschuittsire bin, gebe mich solchen Illusionen nicht i"-r 1 1 111 % I I I-\ Nach ÄGYPTEN und PALÄSTINA mit den Luxusdampfern 144 ir „nvv Vinn „ Rundfahrten Im Mittelmaer Genua ~ Neapel — Sizilien — Aegypten — Palästina — Syrien — Zypern — Konstantinopel — Athen — Neapel — Marseille — Genua zu besonders ermäßigten Preisen Auskünfte: .Sltmar*, I. Kärntnerring 18 (Ecke Schwarzenbergplatz) Telephon U-45009 1Ü ■■ >■.......iBfflS1......I........I.....Ii .......ÜÜlLLjüBSBSBBBB hin. Vor allen Dingen glaube ich nicht daran, daß Jesus in irgend etwas mehr oder weniger göttlich ist als Moses oder ich. Und da diese Anschauung heute nntej den Führern dos englischen Geisteslebens weit vej breitet ist, frage ich diese Frührer des Öfteren, wori sie sich denn von den Juden unterscheiden, wo doc der übernatürliche Charakter Jesus" die einzige Glaubenslehre ist, in der die Getauften und die Beschnittenen auseinandergehen. Jesu« ist jetzt unter den Propheten, kein moderner, kultivierter Jude schmäht den „Bastard Jesu s", noch spricht oder denkt — selbst in Deutschland! — irgend ein kultivierter Christ von den Juden als vpn den „Gottesmördern". Richtig ist, daß es noch das Gesetz und die Riten gibt, um derentwillen die Juden davor zuriidegescheut waren, den Weg des heiligen Paulus zu gehen. Aber das ist nichts Grundlegendes. Es gibt innerhalb der Christen in diesen Dingen Unterschiede, die ebenso grofl sind wie die zwischen Christen und Juden. Sobald wir aber auf das Gebiet des Sozialismus kommen, wird die Unterscheidung vollends absurd. Von Karl Marx und Ferdinand Lassalle bis zu Walten Rathenau und den Pionieren des russischen Kominunis-! mus war der Jude Anreger, Führer und Anwalt der; europäischen Bewegung für Kollektivismus. Ich wurdö als junger Mann durch Karl Marx zum Sozialismus bekehrt; und die Geistigkeit RaWienaus und seine Art der Lebensbetrachtung waren meiner Geistigkeit und meiner Art weit weniger fremd als die der antisemitischen Staatsmänner, die in den Krieg hineinschlitterten« Zion wird sinken oder mit dem Strom der modem nen Zivilisation, schwimmen; die Juden können sich nun retten, wenn sie die Heddenvölker retten und Anteil nehmen an ihrer Erlösung. Darum sende ich mein Buch in die Zelte Sems mit dem gleichen Ernst wie in die Bibliotheken der Philister. * Der jüdischen Leserin zur Beaclw tungl Es ist das größte Vergnügen, Bernard Shaw zit lesen. Aber man muß sieh hüten, ihn immer ernsteunehmen. Sonst lacht Bernard Shaw! Der unbarmherzige Verspötter der modernen Zivilisation empfiehlt sie der Jüdin als Allheilmittel. Er spricht vom Kollektivismus und Sozialismus als seiner Heilslehre und schwärmt für Mussolini! An die Freunde und Leser des Blattes! Wenn Sie der Ansicht sind, daß die „Neue Welt" ein empfehlenswertes Blatt ist, geben Sie uns freundlichst die Adressen von Freunden nnd Bekannten an. Wir werden denselben die „Neue Welt" durch mehrere Wochen zur Probe gratis zukommen lassen. Wenn wir uns bei der Werbung auf Sie berufen dürfen, bitte dies ausdrücklidi zu bemerken. Aus der Zusendung erwachsen weder Ihnen noch den Empfängern irgend welche Verpflichtungen. Die Verwaltung der „Neuen Welt". Wochen-Kalender April 1930 P\> jmn IJar 5690 25 Freitag . 2.7-P Sabbateingang 6.55 26 Samstag M-re Sabbatausgang 7.42 -in •ny.rjom'pon 27 Sonntag 29-:*3 28 Montag n-b y'h vm-rörn 'a 29 Dienstag l-N tenn mn '2 SO Mittwoch 1-3 1 Donnerstag IM

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