Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 135 (18.4.1930)
- Date
- 1930-04-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 155 DIE NEUE WELT Seite 7 landwirtschaftliche Arbeiter. In diese Zahl sind die im Tale Jezreel und im Jordan-Tale beschäftigten Bauarbeiter nicht eingerechnet. Im September 1926 gab es in den Kolonien im ganzen 4582 landwirtschaftliche Arbeiter. * Die Tendenz, den billigen arabischen Arbeiter durch jüdische Arbeiter zu ersetzen, ist durch die Augustunruhen verstärkt worden. Die jüdische Feuerwehr- Organisation in New York. In New York fand dieser Tage die Vollversammlung und gleichzeitig Werbeversammlung der Organisation der jüdischen Feuerwehrleute statt, die, so paradox es auch klingen mag, den hebräischen Namen „N er Tamid" (Ewiges Licht) führt. Eigentlich hat ja eine Feuerwehrorganisation den entgegengesetzten Zweck, als ewig Licht brennen zit lassen. Wie immer die Sache auch sei, der Name stammt vom Rabbiner Liflmann, der es sich im allgemeinen zur Aufgabe gestellt hat, die jüdischen Kommunalangest e 111 c u von New York nach Fachgruppen in Bruderschaften zu orgunisieren. Ihm ist auch das Zustandekommen der Organisation der bei der Straßensäuberung von New York angestellten jüdischen Mannschaften und Beamten zu danken. Ueber die „Agudath Haschomrim", die Organisation der jüdischen Polizisten von New York, wurde an dieser Stelle wiederholt geschrieben. Die Organisation der jüdischen Feuerwehrmänner „Ner Tamid" wurde vor vier Jahr, wie gesagt, vom Rabbi Eduard Lißmann gemeinsam mit dem jüdischen Bataillonschef Jakob Levy, dam einzigen Juden in so hoher Stellung bei der Feuerwehr, gegründet. Den eigentlichen Ansporn zu dieser separaten Gründung der jüdischen Feuerwehrbruderschaft gab der Umstand, daß die unter den Feuerwehrmännern der Stadt New York bestehenden allgemeinen Organisationen keinen Juden a u f n a h m e n, weil sie schon von Haus aus, wie ihr Name „H o 1 y Groß" (Heiliges Kreuz) bekundet, einen zu stark religiösen Charakter haben, und als geistigen Führer einen Feldkaplan besitzen, der auch von der Stadtgemeinde New York anerkannt und besoldet wird. Bisher konnte die jüdische Organisation „Ner Tamid" sich dieses gleiche Recht nicht erwirken. Erst in den letzten Wochen wurde „Ner Tamid" vom Magistrat der Stadt New York anerkannt und als j U d i s c h e r K a p 1 a n Rabbi Läflmann bestellt, der nunmehr von der Stadtgemeinde besoldet wird. Zur Zeit der Gründung des „Ner Tamid" vor vier Jahren zählte der Verband im ganzen 40 Mitglieder. Heute ist die Zahl der Mitglieder bereits auf 150-angewachsen! Bataillonschef Levy rechnet mit Bestimmtheit, daß binnen kurzem sämtliche 300 jüdischen F e u4 rw e h r m ä uner und Beamte sich der Organisation anschließen werden. Im übrigen kann die Zahl der jüdischen Feuerwehrmänner nicht genau angegeben werden, da es ja eine Zählung nach Konfessionen in Amerika nicht gibt, und viele Juden in öffentlichen Aemtern vermeiden es, sich als Juden zu bekennen. Mit Stolz erzählt Bataillonschef Levy, daß die jüdischen Feuerwehrmänner in allen Rängen sich bei den gefährlichsten Bränden, wie sie besonders in der Ostseite vorzukommenpflegen, wahre Selbstaufopferung und staunenerregende Waghalsigkeit und Geschicklichkeit nn den Tag legen. In der Ehrenliste für hervorragende Dienstleistungen nehmen die jüdischen Feuerwehrleute einen weit über ihren Prozentsatz reichenden Platz ein. Deshalb nimmt auch niemand Anstoß daran, daß Juden in dem Feuerdepartement der Stadt New York in verhältnismäßig großer Zahl in führender, verantwortlicher Stellung anzutreffen sind. Levy selbst konnte sich zu seinem gegenwärtigen hohen Amt eines Bataillonchefs auf der Ostseite nur durch seine mutige Haltung bei vielen gefährlichen Bränden emporarbeiten. Aber auch als Organisatoren haben die Juden im Feuerdepartement von New York Ersprießliches geleistet. Und man begreift die innere Genugtuung des Bataillonschefs Levy, wenn er Pressevertretern gegenüber hervorhebt, daß seitdem er Chef seines aus sechs Kompagnien bestehenden Bataillons ist, kein einziger Feuerwehrmann bei einem Brand ums Leben gekommen ist. Interessant ist, daß Juden erst seit nicht allzu langer Zeit als Feuerwehrmanner tätig und anerkannt sind. Der Einwanderer aus dem Osten Europas konnte sich gar nicht vorstellen, daß er als Feuerwehrmann in New York sein Leben fristen solle, obgleich viele von ihnen ja in ihrer alten Heimat selbst freiwillige Feuerlöscher waren und auch dort großen Mut an den Tag legten. Genau so, wie noch vor zwei Jahrzehnten in den jüdischen Gassen der Ostseite kein^ anderer Polizist als ein Insuman denkbar war, hat auch niemand daran gedacht, daß Juden sich als Feuerwehrmänner beruflich betätigen werden. Nur zögernd wurden Juden im Feuerdepartement aufgenommen und zögernd meldete sich hie und da ein Jude für diesen Beruf. Aach heute noch sind es zumeist bereits amerikanisierte Einwanderer, die als Feuerwehrmänner zu dauernder Stellung zu kommen trachten. Jüdische Mormonen. In der Mormonenstadt S a 11 - L a k e City im Staate Utah in Amerika herrscht heute nicht mehr, wie noch vor einiger Zeit, der Mormonismus in absoluter Form. Vor wenigen Jahren noch stand das Mor? monentum mit seiner Vielweiberei und den stark kritisierten religiösen Zeremonien und Einrichtungen im Mittelpunkt der allgemeinen Diskussion, und in Amerika selbst haben fast sämtliche Religionen und Sekten — und es gibt deren in den Vereinigten Staaten wahrlich nicht wenige — einen förmlichen Ver» nichtungskampf gegen das Mormonentum geführt, da es den Anschein hatte, daß die damals noch junge Sekte wegen ihres geheimnisvoll verlockenden Kults in den weitesten Volkskreisen Proselyten machen könnte. Diese Aera ist nunmehr überwunden, denn die Mormonen bilden heute in ihrer eigenen Hochburg Salt*Lake City bloß 6o Prozent der 135.000 Seelen betragenden Gesamtbevöl* kerung. Missionäre haben mit Erfolg gearbeitet und eine hübsche Anzahl von sogenannen Urmormonen in eine der christlichen Kirchen entführt. Die Juden, deren Zahl etwa 1600 beträgt, spielen in der Mormonenstadt keine geringe Rolle. Das kommt zunächst daher, daß die Mormonen nach ihrer Lehre sich für E p h r a i m i s t e n, für Abkömmlinge des jüdischen Stammes Ephraim halten, und sich als das „Vettern* Volk" der Juden, die von Juda stammen, betrachten. Dementsprechend nennen sich alle Führer der Mormonen „Söhne Israels" und bei ihren religiösen Zusammenkünften und Veranstaltungen kann der Fremde fast in •uajoi{ m{3cjs|" jjojyv sHp uapuo3«JiJO^ sap azjBg uiapaf Das Verhältnis zwischen den Mormonen und Juden war daher stets freundlich. Die Mormonen erblickten in den Juden immer nicht nur den ethnischen Verwandten, son» dern auch das gleich den Mormonen verfolgte Volk und erhofften von ihm Unterstützung in dem Kampf um freie Betätigung. Eine ganze Bibliothek mormonischer Litera« tur ist bereits über das Verhältnis zwischen Mormonen und Juden von mormonischer Seite herausgegeben worden und der Aelteste der Mormonen, B. H. Roberts, das Haupt der Mormonenmission in den östlichen Staa« ten, prägte in einer seiner Predigten das Wort „Die Zeit ist nun gekommen, da Juda nicht mehr Ephraim verleugnen und Ephraim nicht mehr Juda quälen wird". Diese Missionstätigkeit der Mormonen, welche auch die Monatsschrift „The Redeemed Hebrew" gewidmet ist, hat auch se^ion, eine Anzahl vcin, Juden nicht nur in Sält<Lake City, sondern iauch in .Chikago und New York sowie in anderen Städten des Ostens ins Netz gelockt und hat auch zu Mischehen zwischen Mormonen und Juden geführt. \ ' In letzterer Zeit hat die Missionstätigkeit der Mormonen unter den Juden in SaIt*Lake City selbst auf* gehört, da die Mormonen sich jetzt aus taktischen Gründen im Abwehrkampf gegen die christlichen Missionäre mit den Juden gut verhalten wollen. Diese Taktik hat übrigens schon im Jahre 1917 dazu geführt, daß gerade im Staate Utah der erste Jude in den Vereinigten Staaten, Simon Bamberg er, zum Gouverneur des Staates gewählt wurde. Die Nominierung- Barns bergers erfolgte von demselben Haupt der Mormonensekte Roberts und wurde von allen Mormonenführern mit Erfolg gefördert. Dieselbe Taktik veranlaßte die Mormonen anläßlich der letzten blutigen Vorfälle in Palästina in Proklamationen und Protestkund* gebungen für die Juden und gegen die Araber SteU lung zu nehmen. Im übrigen werden von der Bnai Brith Loge in Salt*Lake City mehrere jüdische soziale und Kultureinrichtungen erhalten und auch an der Utah« Universität wirken Juden als Professoren. Die christliche Mission, die langsam, aber sicher stetig Boden unter den Mormonen gewinnt, verhält sich zu den Juden gleichfalls gut, um sie auf solche Weise zur Neutralität im Missionskampf zu bewegen. Thealer, Kunst und iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin £,i$£]*cif iji* Vittorio Weinberg, Als Mitglied der Mailänder Scala, des Hortes altitalienischer Gesangs- und Musiktradition, fühlte sich der „Palästinenser" Vittorio Weinberg verpflichtet, dieser gerecht zu werden und stellte seinen Bariton in den Dienst einer uns etwas fremden Kompositions weit; fremd schon durch die mitgebrachte Einstellung gegenüber einem Sänger, dessen Gefühls- und Empfindungskreis ostjüdische und palästinensische Elemente einschließen sollte. Die Majorität des Publikums, die Juden also, wollten in Vittorio Weinberg nicht einen italienischen Bclkanto-Bariton begrüßen, sondern einen jüdischen Künstler, der sich die Aufgabe zuteilt, die neue jüdische Musik durch das Medium seiner eigenen Persönlichkeit zu reproduzieren. Diese nicht erfüllte Voraussetzung war allerdings im selben Augenblick zurückgelegt, da Vittorio Weinberg zu singen begann. Allsogleich offenbart'« sich die Qualität eines Sängers, dem dir trc-h'jischrn Mittel nur die Basis für die große, ewige, au keine Sprache und keinen M u s i k s t i 1 gebundene Kunst, sind. Was Weinberg vor allen anderen Opernsängern auszeichnet, ist das ungehemmte Streben, jeder musikalischen Figur zu der ihr eigenen Stimmung und Gefühlstendenz zu verhelfen, die Phrase bis zur äußersten Pointe aufzubauen und sich niemals mit einem* Kompromiß nach de* Seite der Wirkung zu begnügen: Darum wirkt sein Künstlertum echt, ohne jed* Komödiantenpose, ohne jede Starmanier. Seltene Feinheit zeigt sein Mezza Voce, in dessen Nuancierung er von kostbarem Reichtum ist. Seine überströmende Gefiihlswärme dokumentierte sich insbesondere bei Gustav Mnhlers „Lieder eines fahrenden Gesellen", die mit großer Genugtuung als Lieder deutscher Fraktur bezeichnet werden; Weinbergs Interpretation deckte ihren jüdischen Gefühlsinhalt restlos und überzeugend auf. Aber obwohl das offizielle Programm von italienischen Liedern und Opernarien voll war und den Sänger auf diese Werte festlegte, schlug schließlich, als das bis an den Rand enthusiasmierte Publikum Zugaben forderte, Weinbergs jüdisches Herz durch. Er feierte seinen höchsten Triumph, als er, sich selbst am Klavier improvisatorisch akkompagnierend, einen synagogalen Gesang (natürlich hebräisch) mit einer Inbrunst zelebrierte, deren nur ein von national jüdischem Gehalt erfüllter Künstler fähig ist. Weinbergs erstes Wiener Auftreten war also eine Sensation zweifacher Art. Sein unbestrittener Erfolg und die im Sturm gewonnene Sympathie geben die Möglichkeit, im nächsten Programm der Stimme seines Kehlkopfes und seines Herzens zu folgen. or. Jüdischer Liederabend Hilda Dulickaja. Sonntag, den 20; April, halb 9 Uhr abends, findet im Hotel Continental der einzige Liederabend der bekaunten Künstlerin Hilda Dulickaja statt. Hilda Dulickaja ist von einer sehT erfolgreichen Konzertournee zurückgekommen und bleibt nur kurze Ze# in Wien, da sie für eine {ranze Reihe von Konzerten verpflichtet ist. Der diesjährige Abend wird der Künstlerin wieder Gelegenheit geben, Perlen der jüdischen Volkskunst in ihrer meisterhaften Art zu interpretieren. Hilda Dulickaja ist in Wien als beste jüdische Sängerin bekannt. Das Wiener Publikum wird sie herzlich begrüßen. Jubiläumskonzert des Wiener Jüdischen Gesangs Vereines. Samstag den 26. April findet im Saale des Indu« striehauses, III., Schwarzenbergplatz 4, anläßlich des zehnjährigen Bestandes, ein Festkonzert unter Lei« tung des Chormeisters A. Dzimitrowsky statt. Als Hauptnummern des Programmes gelangen zur Auffüh* rung: „Unesaneh Tokef" und Psalm XIII für Tenorsolo und gemischten Chor von Milner, ferner jüdische Volks« lieder, bearbeitet von Erdstein, Braslavsky, Beck, Engel u. a., Werke für Violine und Klavier. — Mitwirkende Solisten: Professor Em. Scharfberg, Violine;. Ober* kantor G. Margolies,' Tenor; Ing. F. jKohn, Baß; I. Glück, Bariton; Gisa Blüh, Sabine Vogel, Sopran; Grete Körner, Rosa Reiß, Alt. — Harmonium und Kla* vierbegleitung: Yella Peßl und Kapellmeister Rudolf Beck. Neue jüdische Musik. Die „Vier jüdischen Tanzstücke" für Klavier von Joachim S t u tschewsky, die bei ihrer Uraufführung durchschlagenden Erfolg hatten, sind soeben in der „Universal Edition' erschienen. Ehrenahend. In den „Jüdischen Künstlerspiele n" findet Dienstag, den 22. April ein Ehren- Wochen-Kälender April 1930 . snn Nissan 5690 18 Freitag 20-d Sabbateingang 6.45 19 Samstag 21-«3 Sabbatausgang 7.32 cPTwn Tip ,noD 7 ... 20 Sonntag 22-33 T3TD .TOD ' 21 Montag 23-w :r\ noa 22 Dienstag 24-H3 23 Mittwoch M-ro 24 Donnerstag 26-13 ■ - . t" Donnertiag, den 24. April 1930, 8 Uhr abend), im Catc" Arkaden (Souterrain), I., Univentiätiitra^e JÜDISCHER HOCHSCHULAUSSCHUSS Vortrag; Die materialistische Geschichtsauffassung uder Klassenkampf im Zionismus; Referent: Dr. LEO GOLDHAMMER. KoUetfen, erKaetai «ahlrctth 1 CUUie willkommen.