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Die neue Welt · 1930-04-18 · Heft 135 (18.4.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 135 (18.4.1930)
Date
1930-04-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 133_ Disraeli, Rathenau, Freud, Rabbi Akib», Eger, berühmter Talmudisten usw. 900 Pessach«Haggadoth aus verschiedenen Län« dern sowie besondere Judaica*, Orientalia und andere Sonderkollektionen bereichern die Bibliothek, die in ihrer äußeren Form und ihren Schätzen ein großartiges Wahr* zeichen jüdischer Kulturarbeit in Palästina und im Nahen Osten darstellt. (Ziko.) Eine Jüdin erster weiblicher Hochschulprofessor in Italien. Rom, 12. April. (J. T. A.) Fräulein Dr. Lea M e* rizzi wurde vom italienischen Kultusministerium zum Hochschulprofessor in Rom ernannt. Es ist dies die erste Frau in Italien, der das Amt eines Hoch« schullehrers erteilt wurde. Eine ungünstige Entscheidung für sabbattreue Angestellte in Deutschland. Berlin, 12. April. Vor kurzem hat der oberste Spruchsenat für die Arbeitslosenversiche* r u n g eine Entscheidung gefällt, in der den Arbeits* ämtern die Verpflichtung auferlegt wurde, darauf Be* dacht zu nehmen, daß kein Arbeitsuchender einem Gewissenskonflikt ausgesetzt werde. Wenn ein Arbeitnehmer bei der Arbeitsvermitt* lung geltend mache, er könne die Arbeit am Sonnabend nicht mit seiner religiösen Ueberzeguung vereinbaren, so müsse das Arbeitsamt ihm eine entsprechende Stellung mit freiem Sabbat beschaffen; ansonsten ist die etwaige Entziehung der Arbcitslosenunter* Stützung rückgängig zu machen. Neuerdings hat jedoch der Spruchsenat eine Ent* Scheidung gefällt, die zwar an der Verpflichtung der Arbeitsämter, sich um Stellen mit freiem Sab* bat zu bemühen, nichts ändert, aber klar ausspricht, daß die Verweigerung der Sabbatarbeit nicht als berechtigte Arbeitsverweigerung im Sinne des § 90 des Arbeitslösenversicherungsgesetzes gelten kann. In der Begründung wird u. a. ausgeführt, es sei Aufgabe der religiösen Körperschaften für soziale Fürsorge, die Arbeitslosen durch ihre Arbeitsvermittlung vor Gewissenskonflikten zu bewahren. Eine Synagoge ohne Gemeinde. Berlin, n. April. (J. T. A.) Das „Wochenblatt für den Synagogenbezirk Erfurt" teilt mit: In Güsten (Kreis Bernburg) befindet sich eine Synagoge, die vor vielen Jahren,, als es noch eine große Anzahl israelitischer Familien gab,, erbaut wurde. Da jedoch im Laufe der Jahre die israelitische Gemeinde bis auf eine aus drei Köpfen besteh ende'Familie zusam* mengeschmolzen ist, ist die Synagoge, die be* trächtliche Ausmaße hat, verwaist und mit der Zeit so baufällig geworden, daß die Polizeiverwaltung ihrer vor* gesetzten Behörde gegenüber jede Verantwortung ab* lehnt. Nunmehr beabsichtigt die Stadt, das Grundstück zu «rwerben. Der Magistrat schlägt zu diesem Zweck die Verabschiedung eines Gesetzes durch den anhalti* sehen Landtag vor, nach dem die Eigentumsrechte einer israelitischen Gemeinde auf den Staat übergehen. Ferner müßten durch Gesetz die Satzungen der israelitischen Kultusgemeinde in Güsten ___Ptg NEUE WEtA_ aufgehoben werden, da die Satzungen bestimmen, daß die Synagoge nur dann abgebrochen werden darf, wenn sie durch eine neue ersetzt wird. Frick will die Bibel aus dem Schulunterricht verbannen. Berlin, 10. April. (J. T. A.) Die vom Abg. Straßer herausgegebene Zeitung ..Der Nationale Sozia* list" teilt einige Neuerungen mit, die der thüringische Innen* und Volksbildungsminister Frick - im Gesetz* gebungsausschuß des Thüringer Landtages vorgeschlagen hat: Es seien Verhandlungen mit der Kirche und der Lehrerschaft eingeleitet, um eine Aenderung des Lehr* plans für den Religionsunterricht durchzuführen, bei der die alttestamcntlichen Stoffe stärker zu* rücktreten sollen. Der „Nationale Sozialist" be* merkt: „Die Herausnahme des Alten Testamentes aus dem christlichen Religionsunterricht ist eine der drin* gendsten Maßnahmen auf dem Gebiete des Schul* wesens. Der jüdische Geist des Alten Testamentes hat mit dem Geist des Christentums aber auch nichts gemeinsam." 9 Nur diese ■ £ jf J^Vj*** Schwedenklinge s m MM/b0*W^0^^ macht Rasieren AJr 4r zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke Vom Nationalverband deutscher Offiziere. — Das kleine Einmaleins der Judenfrage. Berlin, 12. April. (J. T. A.) Zu Beginn der Vcr* tretertagung des National Verbandes deut* scher Offiziere sprach Oberstleutnant a. D. Fleischhauer (Erfurt) über die Judenfrage. Der Redner verteilte an die Anwesenden eine im U.*Bodung* Verlag erschienene Schrift: „Das kleine Einmal* eins der Judenfragc" und sprach über ( die „plan* mäßige Entsittlichun g" des deutschen Volkes durch die Juden. Der Marxismus sei nichts anderes als ein Kampfmittel der Hochfinanz im Kampf um die Weltherrschaft. Der Kampf sei vom Judentum plan» mäßig geleitet und der Marxismus als Kampfmittel ein* gesetzt. Je nach den Aufgaben, die die Länder zu er* füllen haben, tritt er äußerlich /verschieden auf: national in England, international in. •Deutschland. Einem Volke, das. man politisch versklaven*-.will,..',.muß man erst seine Seele, nehmen. Die Sozialdemokraten arbeiten nach ein* heitlichem Muster. Der Redner erklärt«, der Kampf gegen den Gottesglauben der Völker sei,$,urch;allc Zeiten Von j üd en g c f1 ü h:rt vir örd-e-n^v^um^die Staatsver* fassungen mit Hilfe der Massen zu stürzen, vor allem die Monarchien zu beseitigen und danach die Macht an sich zu reißen. Der Redner verteilte noch ein Flugblatt „Der Kampf um die deutsche Kultur" und erklärte in der Er* läuterung, der Bolschewismus sei nur ein Mittel zum Zweck, Deutschland restlos zu vernichten. Der politische Kampf sei nur dann zü gewinnen, wenn die Völker wieder artmäßig und blutmäßig denken und handeln lernen. Rassengeschichte ist der Schlüssel zur Weltgeschichte. „Nur wenn wir dafür sorgen", schloß der Redner, „daß kein jüdisches Blut mehr in Seite 3 ©enn eflmeractt... Soöatöttbletten! Xogaf'-tattetten jtob unübertroffen %\\x Seffimpfung ffl*ttniansclt*r, aichttschtr und narvöser S4hfD«rzen, Kopffsctimerien, ErkältungikrailkMIMMl. Söflflt Reibet bie ftarnfäure aus ttnb ßct)t bafjev bireft gut SBurj-it beft UebelS! SBenn Xaufenbe von *»etjten biefe* HRittel oerorbnen, fönnen aud) Sic es öetirdufnßöofl taufen, fragen ©ie Ötjten ftqt! 3n aflen gftothelcn. $rti8 S 2.40. _ 0 83/84 unseren Volkskörper aufgenommen wird, könnten wir hoffen, den Kampf um die Befreiung unseres und der anderen Völker zu gewinnen." Gegenüber diesen Gedankengängen des National; Verbandes deutscher Offiziere ist es interessant festzu* stellen, daß der ideologisch dem N. d. O. nahestehende antisemitische Abg. Graf Ernst zu Reventlow in der letzten Nummer der politischen Monatsschrift „Der Weltkampf" angebliche antisemitische Acuße-s rungen aus den Schriften von Karl Marx zitiert und mit großer Genugtuung feststellt, daß Stalin Trotzky niedergeboxt hat und daß sich der Bolschewis* mus endlich dazu aufgerafft hat, sich von dem 3 ii« di sehen Einfluß zu reinigen. Chancellor und Luke gehen? Jerusalem, 14. April. Der Oberkoinmissär von Palästina, Sir John Chancellor, überreichte dem Londoner Kolonialamt sein R ü c k t r i 11 s g e s u c h. Es ist zwar noch nicht angenommen, aber-das Kolonialanifc verhandelt bereits mit mehreren Kandidaten über die Nachfolgeschaft Chancellors, Gleich"* zeitig ist der Generalsekretär des Oberkommissaviats, Luke, seines Amtes enthoben worden. Damit verlassen die beiden höchsten Beamten der britischen Verwaltung von Palästina ihre Posten. Vor kurzem wurde übrigens auch der Chef der Geheimpolizei, Broadford, enthoben. — Eine amtliche Bestätigung der Nachrichten liegt bis jetzt nicht vor. Mit offenen Augen! Herr M. Großman n, einer der Führer der Organisation der Zionisten» Revisionisten, hat uns diesen Artikel zur . Verfügung gestellt. Er ist um so interessanter, als der Autor gründlicher Kenner der englischüpolitischen Verhältnisse und als politischer Vertreter seiner Gruppo in engster Fühlung mit den führenden politischen Persönlichkeiten Englands steht. Im gegenwärtigen Moment ist das wichtigste: die wahre Bedeutung und die möglichen direkten Folgen aus dem Berichte der Palästina-Untersuchungskommission nicht zu übertreiben, und weder sich, noch den anderen einzureden versuchen, daß eine politische Katastrophe eingetreten sei. Die Gefahr eines hysterischen Tranczustandes liegt Der Kantor Isaak Juda Eberst* Zu Jacques Offenbachs Vaters 150. Geburtstag. In der reichen Periode musikalischer Gestaltung, im 19. Jahrhundert, erscheinen einzelne große Persönlichkeiten, Söhne jüdischer Eltern, unter ihnen Offenbach, Halevy und Goldmark — Söhne von Kantoren und als solche ihre ersten Eindrücke aus der traditionellen Synagogalmusik empfangend. Diese Betrachtung mutet seltsam an bei Jacques Offenbach, den man als den Schöpfer der geistreichmodernen Operette Pariser Coleur bezeichnet; sie erhält aber ihr Fundament, wenn man seine Gestalt aus der Lebensgeschichte seines vor 150 Jahren geborenen .Vaters herausschält. * Der 15jährige Isaak Juda Eberst verläßt seine Heimat Offeubach und begibt sich auf die Wanderschaft durch die Städte des Rheins, wo er bei einem Buchbinder Aufnahme fand. Der Zufair brachte es mit sich, daß der Buchbinder, ein Freund der Musik, eine Violine besaß, die in der Werkstatt hing. Instinktmäßig fühlte sich der junge Eberst zu dem Instrument hingezogen, und als ihm von seinem Chef die Benützung der Violine gestattet wurde, begann er in seinen freien Stunden sich dem Geigenspiel zu widmen und mit einem systematischen Selbstunterricht in Musik einzusetzen. Später machte er sich als Buchbinder selbständig und war dabei in der Lage, selbst Geigenunterricht zu erteilen. Zudem besaß Isaak Juda einen wohlklingenden Tenor, so daß dieser Vorzug zusammen mit dem umfangreichen Wissen in hebräischer Literatur und Talmud ihn zum Kautor qualifizierte, als welchen wir ihn um das Jahr 1800 in Deutz (Deutschland) finden, wo er auch heiratete. Das Jahr 1803 bedeutet für ihn einen Wendepunkt: er wird .von der bedeutenden Religionsgemeinde in Köln engagiert, wo er als Kantor bis an sein Lebensende verbleibt. Gleichzeitig übt er die Funktion eines Rabbiners aus. Sein persönlicher Charme, sein Humor und sein Können sichern ihm Einfluß in der Gesellschaft, die ihn als den Offenbacher bezeichnet. Dieser Beziehungsname ist so populär, daß er sich gezwungen sieht, seinen Familiennamen Eberst gegen Offenbach auszutauschen. Zehn Kinder nennt Isaak Juda Ohlenbach sein eigen: 8 Töchter und 2 Söhne, Jakob, den späteren Jacques, und Julius, den späteren Jules, die als Musiker große Karriere machten. Auch Jakob-Jacques zeigte frühzeitig als Geiger und Liederkomponist, später als Cellist außerordentliches Talent, so daß der Kantor sich entschloß, den Jungen ans Pariser Konservatorium zu bringen. 'Hier überwand das Genie des Knaben die ersten Hindernisse unter dem Wohlwollen Cherubinis, des damaligen Konservatoriumsdirektors, dem Jacques* außerordentliches Talent derart imponierte, daß er ihm die ersten Wege ebnete. Später traf auch Julius-Jules, der Geiger, der Schüler des großen Paganini, in Paris ein. In die Zeit der Pariser Studienjahre trifft auch Jacques' Begegnung mit der zweiten Pariser Berühmtheit, mit dem Komponisten H a 16 v y, dessen Oper „Jüdinan der Opera Comique zur Erstaufführung kam. Des Kantors armer Sohn stahl sieh ins Foyer, um von hjer aus ein paar Töne zu erhaschen, als ihn ein eleganter Herr — es war Franeois Halevy seibat — aufgriff und von nun ab sein Befürworter 'wurde. Von be> sonderer Bedeutung wurde die bisher zu wenig ge* würdigte Korrespondenz zwischen Halevy und Offen* bachsVater Isaak, der sich bereits einen großen Namen als Kantor, Rabbiner, Kanzelredner, Gedichte- und Stückeschreiber, als Kenner der Bibel und der Literatur gemacht hatte: ein überaus beachtenswerter Briefwechsel zwischen zwei Persönlichkeiten, die deutlich zeigen, in welcher Richtung sich die damalige Aufklärung bewegte und welchen geistigen Zustand Moses Mendelssohn mit* .verursacht hatte. Die Mutter erkrankt. Beide, Jacques und Jules, der inzwischen Operndirigent in Bordeaux geworden war, eilen nach Hause. Die Mutter stirbt und läßt den Kantor einsam zurück. Der Ruhm des Sohnes wächst, seine Opern (Operetten) sind das Tagesgespräch von Paris, aus dem Kantorssohn ist eine internationale Berühmtheit geworden. Am 26. April 1850 stirbt Isaak Juda Eberst, der „Offenbacher". * Offeubachs Vaters Manuskripte befinden sich im New Yorker Jewish Institute pf Religion als Geschenk seiner Enkelinnen Fräulein Isabella Grünwald und Frau Redlich. Von besonderem Wert sind darin die sogenannten Nigunim l'jomim nerojim, die Reden, Sprüche, Poeme und Stücke. Was die Kompositionen ritualer Bestimmung anlangt, folgt Isaak in der Melodie den traditionellen Gebetsmotiven und Melodien, wie sie in den Tempelgesängen seiner Zeit lebendig waren, trägt aber gleichzeitig dem Stil Rechnung, dem das Dreigestirn Mozart- Haydn-Beethoven seinen Stempel aufgedrückt hat. Auf diese Weise ergeben sich zwei Linien: a) die Komposition, die der traditionellen Gebetsmelodie gerecht wird; b) die syuagogale Komposition im Stil des Menuetts, der Gavotte usw. mit den 'Merkmalen der zeitgenössischen Musik. Ueberaus interessant sind die von ihm komponierten wie gesungenen Unsano toikef, Michalkel chajim, Kaddisch l'mussaf, Kol nidrej und andere Synagogalgcsänge, die zum Teil die Marke Mozarts und Haydns tragen. Iu der genannten Manuskriptsammlung findet sich auch eine großangelegte Komposition von Jacques Offeubach, betitelt „Viddui" (Bekenntnis) für Jörn Kippur, eine dreivierteltaktige Melodie in F-Dur, die der Vater stets (ab 1842) am Jörn Kippur gesungen hat. Schpu diese Komposition allein bezeugt des Vaters Einfluß auf die musikalische Einstellung des Sohnes, eine Tatsache, deren nähere Begründung dem Musikhistoriker überlassen bleibt.

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