Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 134 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 134 DIE NEUE WELT Seife 5 Die Leiden der türkischen Juden, Brief unseres Konstantinoplcr Korrespondenten. S t a m b u 1, Anfang April. Line Wolke von Haß. Verleumdung und Verfolgung hat sieh auf türkische Judentum gesenkt. Noch immer hält jene Stimmung au, die ihren Ausgangspunkt von der Mordaffüre des Jahres 1927 genommen hat. Damals ist bekanntlieh ein achtzehnjähriges jüdisches Mädchen von einem ungefähr 60 Jahre alten Türken, einem gewesenen Offizier, in brutalster Weise durch mehiere Messerstiche zerfleischt worden. Diese Mordtat ereignete sich um hellichten Tage in einer der belebtesten Galatastraßen Konstantinopels, in der sogenannten Bankenstraße, die durch eine elektrische Straßenbahnlinie Stambul mit Pera verbindet. Die Ursache des Mordes war die Weigerung des Mädchens, dem Willen des Türken gefügig zu sein. Das Mädchen selbst genoß den Ruf einer sdiöuen, anstündigen, beruflich überaus talentierten Dame. Es war nur selbstverständlich, daß der Beerdigung eine kolossale Menschenmenge beiwohnte. Der Zug bewegte sidi notwendigerweise durch die Straße, in der der Mord geschah. Als ein Lastauto die mit den Trauergästen gefüllte Straße passieren wollte, entstand ein heftiger Wortwechsel, der eine Stauung zur Folge hatte, bis endlich der Begräbnisgang seine Fortsetzung nahm. Um die allgemeine Aufmerksamkeit von dem blutigen Vorfall abzulenken, griffen die türkischen Zeitungen die Affäre auf, provozierten eine Hetze gegen die Juden durch falsche Beschuldigungen, wo bei sie außerdem die Photographien der Ermordeten und des Mörders veröffentlichten und die Eltern des Mädchens mit größtenteils erfundenen Interviews belästigten. Die malilose Hötzc füllte zur Folge, daß die Polizei — drei Tage nach dem Begräbnis — von unbekannter Seite den Auftrag or'iieii, einen Teil der Juden, die bei dem am Begräbnistage stattgefundenen „Zwischenfall", der längst vergessen war, anwesend waren, zu verhaften! Schuldige sollten gefunden werden. Da Uber den harmlosen Zwischenfall naturgemäß kein Protokoll vorhanden war, setzte man einfach eine Liste mehrerer in der Bankenstraße wohnhafter Juden auf, die nun tatsächlich verhaftet wurden: es waren dies teils solche,--die seinerzeit im Ausland waren, teils sich am Bestattungstag außerhalb der Stadt befanden. Zehn jüdische Bürger wurden verhaftet und saßen 3 2 T a g e m i t Dieben und Mördern im Kerker. Der Prozeß ergab nichts, alle Verhafteten mußten freigelassen werden. Damit wäre der während der Verhaftung von der Regierung abgewinkten Hetze ein Ende gemacht worden, hätte nicht der ehrgeizige junge Staatsanwalt aus Prestige- und Karrieregründen Berufung eingelegt und die nochmalige Anklageerhebung gegen dieselben zehn Juden durchgesetzt. Diesmal lactete die Klage, um ihr eine neue Basis zu geben, auf •— „Beleidigung der türkischen Nation". Eine neue Variante zur Inszenierung der Judenhetze! Dieser Wiederaufnahmsprozeß dauerte fast drei Jahre. Inzwischen hatte der junge Staatsanwalt wegen einer eigenen Verurteilung in einer Strafsache seinen Dienst quittiert und auch der Präsident des seinerzeitigen Gerichtshofes war versetzt worden. So kamen die Angeklagten vor einen neii zusammengesetzten Senat, dessen Vorsitzender die Akten nur flüchtig durchsehen konnte, da sich das Dossier des ersten Prozesses beim Kassationhof befand. Im ersten Prozeß waren als Belastungszeugen Journalisten und Polizeibeamte aufgeboten, deren Aussagen durchaus widersprechend, widersinnig und unlogisch waren, während durch die Entlastungszeugen, darunter etwa hundert nichtjüdische, das Alibi der Angeklagten lückenlos nachgewiesen wurde. Auch befand sich in dem drei Tage nach der Bestattung des ermordeten Mädchens von der Polizei aufgenommeneu Protokoll nicht ©in Wort der Erwähnung einer „Beleidigung der türkischen Nation". Trotz dieses Tatbestandes und obwohl ein krasser Widersprudi zwischen den ersten und zweiten Zeugenaussagen bestand (diesmal wurden nur ^ie Belastungszeugen vernommen), geschah das Unerhörte: von den zehn Angeklagten wurden vier zu einem Jahr Kerker verurteilt. Inzwischen wurde der Mörder enthaftet und bummelt frei in aller Gemütsruhe durch die Straßen Konstantinopels. Die vier Verurteilten sind durchwegs angesehene Konstantinoplcr Juden. Es sind dies: David B o 11 o n, Großkaufmanu, zur Zeit des Vorfalles Präsident der sephardischen Gemeinde von Galata, Pera und Ghichli, Schulrat des jüdischen Lyzeums „Bne Brith*' und Administrator des bekannten Bankhauses „Petits-Prets". Benoit Jeni, eiu geachteter, ehrenwerter Großhändler. N. L e y t e s, Mitglied der „Helios"-Gesellschaft, eines der größten elektrischen Unternehmen in Koastantinopel. Der vierte ist ein türkischer Soldat jüdischer Stammeszugehörigkeit. Den Verurteilten bleibt nunmehr die einzige Hoffnung," daß der Kassationshof das Urteil des zweiten Gerichtes aufheben werde. Natürlidi könnte die Wiederherstellung des Rechtes in einem einzelnen Fall nicht viel helfen. Die Juden fühlen sich in der Türkei unsicher, seitdem durch die antijüdisehe Hetze eine Atmosphäre von Beunruhigung geschaffen worden ist. WTas hilft es, der loyalste Staatsbürger zu sein, wenn die unsinnige Denunziation wegen „Beleidigung der türkischen Nation" einen Juden auf die Anklagebank bringt f Diesem Zustand kann nur durch eine eindeutige Erklärung der maßgebenden Stellen ein Ende gemacht werden. Ein deutscher Minister. Weimar, 8. April. Der derzeitige thüringische Innen- und Kultusminister Dr. F r i c k hat in seiner Eigenschaft als nationalsozialistischer Reichstagsabgeordneter folgenden Ergänzungsantrag zum Republikschutzgesetz eingebracht: „Wer es unternimmt, die natürliche Fruchtbarkeit des deutschen Volkes zu schädigen und diese künstlich zu hemmen, oder in Wort, Schrift, Druck und Bild oder in anderer Weise solches fördert, oder wer durch Vermischung mit Angehörigen der jüdischen Blutsgemeinschaft oder einer farbigen Rasse zur rassischen Verschlechterung und Zersetzung des deutschen Volkes beiträgt oder beizutragen droht, wird wegen Rasseverrats mit Zuchthaus bestraft." Blutlegenden in Litauen. K o w no, 6. April. (.1. T. A.) Wie in Polen hat auch in Litauen die Saison der Blutlegenden begonnen. Aus mehreren Städten trafen Nachrichten ein über verschollene christliche Kinder, die angeblich von Juden zu rituellen Zwecken getötet wurden. In allen Fällen hatten sich die verschollenen Kinder wieder auf» gefunden, aber inzwischen lebte die jüdische Bevölke* rung infolge der Ritualmordhetze in Panik. In Kowno ist eine Abordnung der jüdischen Be« völkerung in Darschunischok eingetroffen, die sich über ungeheuren Terror der Bevölkerung durch Huligans beklagt. Kein Jude wagt es, die Gasse zu betreten. Mehrere jüdische Bürger wurden fürchterlich mißhandelt. Die Polizei ist untätig. Stephen S. Wises 65. Geburtstag Wie uns aus New York berichtet , wird,, war Stephen S. Wise anläßlich seines 65. Geburtstages Ge* genstand zahlreicher Ehrungen. An einem ihm gewid* meten Festabend, den die Dozenten und alten Herren des Jüdischen Instituts für Religions* forschung (Jewish Institute, of Religion) veranstalte* ten, wurde dem Jubilar eine Gabe von 75.000 Dollar für den Ausbau des genannten Instituts überreicht. Damit sollte in erster Linie dem Präsidenten und Gründer des Instituts der Dank für seine jahrelange Arbeit ausge* sprochen werden. Stephen S. Wise genießt weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten den Ruf eines ausgezeichneten Redners und Propagators, der es verstanden hat, weite Kreise Amerikas für den Zionismus zu g c» Winnen.' Auf zahlreichen Kongressen war er die z e n< trale Figur des amerikanischen Zionis* mus, zu dessen Bedeutung er ein Vierteljahrhundert lang sehr viel beigetragen hat. Die jüngste Blamage der ungarischen Assimilationsjuden. Unter den Tisch gefallene jüdische Helden. Aus Budapest wird uns geschrieben: Die offiziellen Feierlichkeiten aus Anlall des zehnjährigen Amtsjubiläums des Reichsverwesers Nikolaus Horthy sind nunmehr verrauscht. Auch die Juden hatten überall im Lande ihren Anteil an diesen schablonenhaften Öffentlichen Feiern in mehr als ausgiebigem Maße. Wie in der guten alten Monarchistenzeit versicherten Kultusvorsteher und Oberrabbiner der einzelnen Gemeinden Nikolaus von Horthy, in dessen Diktatorenzeit die traurigsten Kapitel der neueren tmmmmmmmmmmmmmmammmmmmmmmmmHmmmnmmmmmmm KÖRPERLICHE UND GEISTIGE FRISCHE sind die kostbarsten Güter des Lebens in der Jugend wie insbesondere im Alter Bewahren und mehren Sie diese Schätze durch ständige sorgsame Pflege Ihres ' Körpers. Das beste Mittel für alle Zwecke der Körperpflege — Einreibungen Packungen (Umschläge), Mundwasser usw. — ist DIANA FRANZBRANNTWEIN Mit Hcnthol Achten Sie genau auf die Marke „Diana", — Weisen Sie alle Nachahmungen energisch zurück. — Ein Versuch überzeugt. UBERALL ERHÄLTLICH I Siegel'öuAjgt Ihnen dafür, dafc Sie das damit verschlossene Speisefeit Kunerol ohne Bedenken zur Zubereitung von Osterspeisen verwenden können. Kunerol ist reines Kokosnuß* fett und wird in den Kunerolwerken, Wien, unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners 5. Ehren* feld zu Nattersburg erzeugt ÜNER0L 100% REINES KOKOSNUSSFETT Geschichte des ungarischen Judentums mit blutroten Lettern für die Ewigkeit aufgezeichnet wurden, ihrer „homagialcn" Ehrfurcht und Dankbarkeit dafür, daß unter seinem Regime Ungarn sich zu neuem Widerstand und zur Erkämpfung der alten ungarischen Freiheit zusammengeschlossen habe. Gewissermafien zur Rechtfertigung vor dem Ausland und vielleicht auch vor dem eigenen Gewissen, wurde von jüdischer Seite die Nachricht lanciert, daß Horthy und seine Regierung tatsächlich entschlossen seien, das zehnjährige Jubiläum zu einem Marksteinin de r Geschichte Ungarns gestalten wollen, indem nicht nur eine weitherzige Amnestie platzgreifen, soudern auch eine Versöhnung mit dem ungarischen Judentum herbeigeführt werden soll. Nach diesem Cerücht, das schon als feststehende Tatsache vorweggenommen worden war, sollte auch den Juden eine Amnestie besonderer Art gewährt werden, nicht etwa durch die Aufhebung des N u m e r u s clausüs an den Schulen, durch welches hunderte junger Juden über die Grenze getrieben werden, sondern dadurch, daß die Tapferkeit der jüdischem Soldaten'während des Krieges, die in allen Tonarten bisher in verletzendster Weise in Abrede gestellt wurde, anerkannt und durch einen großen Weiheakt offiziell bestätigt werden sollte. Dieser Weiheakt hätte in der Ernennung von vier jüdischen Soldaten, die sich während des Krieges durch besondere Tapferkeit und Heldenmut ausgezeichnet hatten, zu Mitgliedern des „H e 1 d e n k a p i t e 1 s" erfolgen sollen. Dieses Heldenkapitel kam seinerzeit zu dem Zweck zustande, die christliche Beamten- und Gentrykaste mit landwirtschaftlichem Boden zu beschenken, der durch Konfiskation erworben wurde. Aus diesem Heldenkapitel waren die Juden als Nutznießer ihrer Tapferkeit bisher ausgeschlossen. Hingegen wurden sie bei der Beschaffung von „Helden gut" für die christlichen Heiden oft in ganz ungesetzlicher Form in Kontribution gesetzt. Die Juden mußten auf diese Weise eine nicht unbeträchtliche Steuer leisten, die sich als echte Judenstrafsteuer erwies, wobei der großen ungarischen Volksmasse noch vor Augen geführt werden sollte, daß auch Hie ungarische Regierung sich der Anschauung der antisemitischen Hetzpolitiker, wonach die Juden sich im Kriege als feige Drückeberger verächtlich gemacht hätten, durch die offizielle Haltung in der Frage des Heldenkapitels vollinhaltlich anschließe. Es hat daher unter den breiteren Schichten des Judentums nicht geringe Freude und Genugtuung hervorgerufen und Hoffnungen für eine bessere Zukunft erweckt, als „Egyenlöseg", das Organ der ungarischen Assimilanten und Zionistenfresser, in großer Aufmachung auf der ersten Seite mit der Nachricht hervortrat, daß Reichsverweser Nikolaus von Horthy sich entschlossen habe, anläßlich seines Jubiläums vier Juden, die als Soldaten außergewöhnliche Tapferkeit, Heldenmut und todesverachtenden Patriotismus bewiesen haben, in Abänderung des bisherigen Standpunktes zu Mitgliedern des Heldenkapitels zu ernennen. „Egyenlöseg" war sogar in der Lage, die Namen dieser vier jüdischen Soldaten und ihre Verdienste bekanntzugeben. Die Konduitenliste dieser vier jüdischen Kriegssoldaten ist in der Tat imposant: Sämtliche erreichbaren Auszeichnungen, ununterbrochener Frontdienst trotz schwerer Verletzungen, Rettung aus schwierigen Situationen durch eigene' Initiative und Einsetzung des eigenen Lebens sind in der Tat Empfehlungen, deren sich nur sehr wenige christliche Kriegsteilnehmer, 'die. es sich bereits/seit Jahren auf jüdischen Grundbesitzern -geraubt ein, Boden als ausgezeichnete Helden gütlich tun, kaum rühmen können. Aber die ungarischen Juden werden immer bescheidener. Sie demonstrieren am unrichtigen Platz. Sie haben das fünfzigjährige Bestandsjubiläum ihres Organs „Egyenlöseg", das zeitlich mit