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Die neue Welt · 1930-04-04 · Heft 133 (4.4.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 133 (4.4.1930)
Date
1930-04-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nf. 133 DIE NEUE WELT Sei«« f Ist Hitler noch Antisemit? Berlin, 30. März. (J. T. A.) Am 26. Februar 1930, also vor mehr als vier Wochen, veröffentlichte die Zei* tung „Der Jungdeutsche" ein im „New York Ameri« can" erschienenes Interview des ersten Aüslandskorre« spondenten der Hearstpresse Karl von Wiegand mit Adolf Hitler; zu diesem Interview hat sich Hitler eigens von der International Newsrecl Photo photo* graphieren lassen. Adolf Hitler hatte laut Karl von Wie« gand auf dessen Frage, warum er den Antisemitis« m us wieder auf sein Programm geschrieben habe, geantwortet: „Weil das Volk es nicht verstehen würde, wenn ich das nicht täte. Ich bin nicht dafür, daß die Rechte der Juden in Deutschland beschnitten werden, aber ich dränge darauf, daß wir anderen, die wir keine Juden sind, nicht weniger Rechte haben, als die Juden selbst." „Der Jungdeutsche" hatte am 26. Februar die Erwartung ausgesprochen, daß Hitler zu diesem Interview Stellung nehmen würde, hätten doch auf diese Weise 20 Millionen Amerikaner erfahren, daß Hitler gar kein Antisemit sei! Hitler aber ant* wortete nicht, auch der „Völkische Beobachter" schwieg. Jetzt, vier Wochen später, erklärt die Nationalsozialistische Pressckorrespondena:, Adolf Hitler habe keine Zet und wenig Neigung, sich „zu jedem dummen Schnack zu äußern, der irgend wo über ihn in die Welt gesetzt werd e." Die Korrespondenz fügt aber sofort hinzu, daß sie keinen Auftrag habe, das Interview zu dementieren! Die National* sozialistische Pressekorrespondenz versucht weiter die Persönlichkeit Karl von Wiegands herabzusetzen. Sie meint, daß sogar Interviews, die sich „findige" Schmocks für „seriöse" Blätter aus den „schmutzigen Pfo* ten saugen", entstellt wiedergegeben worden seien. „Der Jungdeutsche" weist darauf hin, daß „New York American" in seiner Nummer vom 5. Jänner ausdrücklich feststellte, daß er für diese Aussagen Hitlers das „Copy* ri£ht".hat. „Der Jungdeutsche' 'fährt fort: Karl von Wie* gand soll diffamiert werden, der einer der angesehensten deutsch*amerikanischcn Journalisten ist, der wegen seines Eintretens für Deutschland von den Feinden Deutschlands beschuldigt wurde, im deutschen Dienste zu stehen. Karl von Wiegand, der in dem vom früheren kaiserlichen Kriegspresscamt heraus» gegebenen „Handbuch der Auslandspresse" als der ,,Kö« hjg der Interviews" bezeichnet wird, hat den Kronprinzen, Hindenburg, Tirpitz, Zeppelin, Papst Benedict interviewt. Nachdem Hitler es nicht wagt, zu dementieren, und die nationalsozialistischen Pressestellen sich drehen und winden, gilt für den „Jungdeutschen" Karl von Wiegand, der anerkannte Vertreter von Deutschlands Interessen in,, dp'n rd 1 e W'a.h r*'. heit spricht. Hitler hat, schließt der „Jungdeutsche", den Antisemitismus der amerikanischen Hochfinanz zuliebe über Bord geworfen. Strafe für antisemitischen Wirtschaftsboykott in Deutschland. Berlin, 28. März., In der „C. V.-Zeitung" war die einstweilige Verfügung des Landgerichtes Koburg vom 5. Februar d. J. bekanntgegeben, in der dem Redakteur, dem Drucker und dem Verleger des „Weckruf" jegliche Aufforderungen zum Boykott untersagt wurden. Der „Weckruf" gab diese einstweilige Verfügung wieder. Dabei wurde der beanstandete Zeitungsartikel mit abgedruckt, ja, die in ihm enthaltene Aufforderung: „Deutsche! Kauf t nur bei Deutschen! Deutsche! Verkehrt nur mit Deutschen!" wurde noch besonders durch den Druck hervorgehoben* Anschließend an diese Veröffentlichung folgte ein Artikel, der in auffallendem Druck die Ueberschrift trug: „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter! Geht nicht zu jüdischen Acrzten und Rechtsanwälten!" Wegen dieses Verstoßes gegen die einstweilige Verfügung wurde Straffestsetzung beantragt. Das Landgericht Koburg hat daraufhin gegen den Redakteur, den Drucker und Verleger eine Geldstrafe von je 200 Mark festgesetzt. Von der Jenaer Universität. Frankfurt a. M., 28. März. Die „Frankfurter Zei* tung" berichtet, daß der ehemalige Heidelberger Privat* dozent Dr. Arnold Rüge, dem im Jahre 1910 in Heidel* berg die venia legendi entzogen wurde, weil er in einer Rede die Reichsfarben und seine Kollegen beschimpft hatte, als Kandidat für den ordentlichen Lehrstuhl für Philosophie an der Landesuniversität Jena von den thüringischen Nationalsozialisten und dem Unterrichtsminister Fr ick begünstigt wird. Rüge ist seit 1919 in der völkischen Propaganda tätig und war in die Mordanklage gegen den Studenten Zwcngauer ver* wickelt, einen der Fcmefälle, und ist dabei wegen A u f* reizung zum Mord zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Außerdem hat Frick die Absicht, in Jena eine Professur für ,Ra s s e n k u n d e ein* ' ■■ " ■ f ' zurichten und sie mit ddm Völkischen Dr. Hans Günther zu besetzen. Die 82. Friedhofsschündung in Deutschland. Berlin, 28. März.. Auf dem jüdischen Friedhof in R ö d i n g e n. Kreis Jülich (Rheinland), wurden 14 G r a bsteine umgeworfen, die zum Teil erheblich beschädigt worden sind. Am Abend vor der Tat hatte eine n i ti o n;a 1 |x>z 3 alisWBch \;^rs^mmlur»gV:;i;'• $ta% * OfatApjuAvns können Sie ohne Bedenken mit Kunerol zubereiten. Jeder Strenggläubige kann dieses Fett geniekert, denn dessen Herstellung steht unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattenburg. Kunerol ist reines Kokosnu&feft und kann sowohl für Milchspeisen als auch für Fleischspeisen verwendet werden. NEROL 1003 REINES KOKOSNUSSFETT gefunden. Auf die Ergreifung des Täters dieser 82. Friedhofsschändung sind 200 Mark Belohnung ausgesetzt worden. Stuhlweißenburg kann auch ohne Juden leben. Im Budapester Stadtwäldchen-Theater wird seit einiger Zeit eine sogenannte Parodie unter dem Titel: „Ich kann nicht ohne Juden leben" aufgeführt Es ist das ein echtes Machwerk ä la „Budapester", bei welchem sich die Zuhörer, hauptsächlich Juden, auf Kosten des Judentums belustigen. Der Direktor dieser Bühne Mathias Feld hat nun die Lust empfunden, ausgerechnet S t u h 1 w e i fl e n b u r g, den Hauptsitz der katholisch-klerikalen Propaganda in Ungarn, mit diesem assimilatorisch würdelosen Stück zu beglücken, wahrscheinlich in der Annahme, daß dort ein verständiges Publikum für die Verhöhnung des Judentums zu finden ist. Auf das Ansuchen des Direktors Feld wegen Ueberlassung des Stuhlweißenburger Stadttheaters erhielt dieser einen ablehnenden Bescheid, mit der Begründung, daß der Stadtrat von Stuhlweißenburg, im Gegensatz zu dem Titel des Stückes, der Ansicht ist, daß „man a u c-h o h n ö Jude n g% t 1 e b e n k a n n*V Die Juden Der alte Reschinsky. 1 , Groteske von Louis Berg. (Aus.dem Amerikanischen von O. R.) Mit dem Geld, das Goldberg, der Schneider, sich vom Putzen und Bügeln weggerettet hatte, eröffnete er. einen Greislerladen. Er wollte der Welt entfliehen, die im. Sprich wart";. Warst ein Flicker, bist ein Flicker"* eingeschlossen :|st, aber von Haus aus ein Lamm, ein Nebichl, eine naive und unschuldige Seelen mußte er sich nach rechts und links drehen und die, Geschäfte gingen m weh ist'.njir — Zores! Die Engrossisten gaben Goldberg Ware auf Bqrg und setzten oft ganz unabsichtlich zehn von hundert und mehr auf die Rechnung. Seine Kunden nahmen auf Kredit und vergaßen oft, zu zahlen. Und der arme Mann stand bald mit seiner mageren Barschaft /vor dem Nichts, steckte bald über Hals und Kopf in Schulden, . .. Sein Weib flennte und klagte ohne Unterlaß — sie hajtte ihn gewarnt vor solchen Geschäften. Und als es eines Ta^es wieder flennte und jammerte und Goldberg selbst auch nahe am Flennen war, betrat der alte Reschinsky das Geschäft, gefolgt von der umfangreichen Figur spiner Frau, einem mächtigen Weib mit fettem, ausdruckslosem Gesicht wie der geschwollene Vollmond. Reschinsky selbst war ein Bild von einem Man«. Sein Bart reichte bis zu den Knien. , „Wie geht das Geschäft?" fragte der alte Reschinsky und; begann, wie es seine Art war, sich zu schaffen zu machen, dahin und dorthin seine Hand auszustrecken, jeden Artikel mit wissenschaftlicher Gründlichkeit zu prüfen. „pie Geschäfte sind für die Hölle", platzte Goldberg los, „allen Gojim gesagt", hastig hinzufügend. „So", sagte Reschinsky, „so, und woran fehlts?" und schlängelte gich durch die Greislerwaren behutsam wie ein Gärtner durch seltene Blumenbeete. Jeden Artikel, den er gewählt hatte, steckte er vorsichtig in ciue große Tasche» die er'mit sich führte. Goldberg begann ihm die lange Geschichte seines Mißgeschicks zu erzählen. Seine Gläubiger — Blutsauger, Mörder. Sie plündern ihn aus. Jeder von ihnen wird reich. auf : seine" Koßteq, Nun, da sie ihm den Hals zugeschnürt haben, wollen sie ihm das Geschäft sperren, wenn er die Rechnungen nicht begleicht. Er ist ein ruinierter Mensch* Und Weib und Kinder werden betteln gehen, „Gott wird helfen", sagte Reschinsky teilnahmsvoll nahm ein Ei ^ujs dem Korb unu1 hielt es, zum Licht, uoch eins und noch eins,'bis das halbe Dutzend voll war. ' l" .»Aber ich könnte mich noch herausreißen", sagte C*ldberg sarkastisch „wenn nur einige meiner Kunden mir bezahlen wollten, was sie schuldig sind. Und Sie selbst, Mr. Reschinsky, haben mir seit dem letzten Sukkes noch nicht bezahlt, und auch damals bloß die Hälfte der Rechnung. Und wenn . . ." ■■. ■ „Ich?" sagte Mr. Reschinsky. „Wenn alle Ihfe ' 'Künden; so gut. wären wie ich, Sie würden nicht zu klugen haben. Einen Augenblick. Rechnen Sie aiaamtrM'n, Avas ich hier habe, und sagen Sie mir, was es ausmacht"; .. ' Freudig überrascht machte sich Goldberg, ans Rechnen. „2 Dollar und 52 Cents und 18.10 macht .20 Dollar und 62 Cents. Die 2 Cents verehre .ich -Ihnen ..." „Nein", sagte Reschinsky, „ich zahle auf den Penny. Samstag abend werd' ich hier sein und komplett Verrechnen. Und nun guten Tag, Gott soll Ihnen Glück geben!" : . . ' ■ . . V 1 i; Er schob sich zur Tür, Goldberg fassungslos zurücklassend. Frau Reschinsky* wollte schon ihre mächtige Figur nachschieben, als des Greislers Frau, die sie unausgesetzt beobachtet hatte, hinzusprnng und ihr den Weg verstellte.!;, „Diebin Sie, was haben Sie hinter der Bluse?" Und ohne eine Antwort abzuwarten, griff sie ihr hinein und zog eine Menge Pumpernickel hervor. „Sie Teufelsfratze", schrie Frau Goldberg, „kommen Sie her uns ausrauben, das schwarze Jahr über Sie!" Frau Reschinsky stand starr wie ein Stein. Sie empfand keine Scham und keine Furcht. Aber Mr. Reschinsky, der ob des Lärms und da er sah, wie die Dinge stehen, zurückgekehrt war, war scheints außer sich, Er wandte sich an seine feiste Ehefrau und begoß sie mit einer Flut von Schimpfworteu. „Auswurf, Schlampen", schrie, er. „Du Plage, du Aussatz, du Diebsbankert, willst du Schande über meine grauen Haare bringen?" In sanfterem Ton wandte er sich an Goldberg und setzte ihm auseinander, daß seine Frau sozusagen wieder kindisch geworden sei. Erst neulich habe er in ein Geschäft Sachen zurücktragen müssen, die sie gestohlen habe, ohne daß er davon wußte. Er sei glücklich, daß Frau Gpldberg, diese Perle von einer Frau, es rechtzeitig bemerkt habe. „Gott behüte", rief er aus,,„daß Sie durch mein Unglück zu Schaden kommen." Goldberg aber hatte wenig Grund erbaut zu, sein. „Dann, sind auch Sie wieder kindisch geworden", schoß er los, „Sagen Sie mir, Sie Dieb, Sie Rauber, Sie Meuchelmörder, was haben Sie da in Ihrer Tasche stecken?" , Reschinsky grinste. „Ech, Sie alter Gquef, eh Goldberg,<,$ie haben ein feines Auge. Das Auge von eine» Haftelmacher, so wahr ich leb'." Und er zog au» seiner Rocktasche eine Büchse mit Oliven, eine Dose mit Lachs und, eine Menge Eier. „Goldberg", sagte er, „das soll eine Lektion für Euch sein. Es soll eine Lehre für Euch sein, niemand zu trauen, nicht einmal Eurem besten Freund. Denn, wie sagt doch der Talmud, trau jedem Menschen, als wär' er Rabbi Gamaliel selbst, aber paß auf ihn auf wie auf einen Dieb." ' Goldberg konnte sich nicht beruhigen. „Hört mal an", schrie er, „den Talmud führt er an, Skandal. Sie sind es, der mich bis auf die Knochen aufgefressen hat, aii meinem Blut saugt, ein Krebs soll Ihre Leber fressen. Gemeiner Dieb! Bei unsereinem, einem Juden, zu stehlenl Aber glauben Sie nicht, daß Sie so leicht auskommen! Ich werd' es der ganzen Stadt erzählen, was für Rauber Sie sind. Ich werd* es in die Straßen hinausschreien und in der Betschul erzählen. Ich werd' es —" Er hielt inne, um Atem zu schöpfen. „Was wollen Sie der Stadt erzählen?", sagte Reschinsky, als redete er einem Kind zu. „Daß ich ein Dieb bin? Dann werden Sie Ihr Brot verlieren. Die Stadt weiß es ja ohnehin." „Ich werde, ich werde, ich werde . ♦." Goldberg überschlug sich und verlor seine Stimme. „Scha, scha!" Reschinsky breitete die Hände mit der Geste der Besänftigung aus. „Seid nicht so aufgeregt und hört mich an. Ihr könnt das auf meine Rechnung setzen. Ja. Und wenn Ihr glaubt, ich hab' Euch benachteiligt, ich will Euch eine Chance geben, eine solche Chance, daß Ihr mich bis ans Ende Eurer Tage segnen werdet und Eure Kinder werden mich segnen. Hört zu! Seid einen Augenblick ruhig und hört s.u." Und schließlich gelang es ihm, den Schneider bis zu jenem Punkt zu bekommen, wo er zuzuhören begann. „Ihr sagt, Euer Geschäft geht ein. Nehmt den Rat eines Menschen an, der alt und grau geworden ist in Geschäften. Und versucht nicht, ihn abzulehnen. Gehts gut, dann gut. Gehts schlecht — man schwimmt nicht gegen den Strom. Eure Gläubiger wollen Euch mattsetzen, ausgezeichnet! Tut ihnen den Gefallen l Erklärt Euch selbst bankrott! Nur Ihr könnt dabei profitieren und nicht jene." Er entwickelte kurz seine Methode. In der Nacht bei Grabesstille wird er, Reschinsky, mit einem Streifwagen kommen und alle nichtverderblichen Artikel aus Goldbergs Laden führen und bei sich im Keller verwahren. Dann kann Goldberg seine Gläubiger zusammenrufen und ihnen zeigen, daß er ausgeplündert wurde. Diese hundsföttischen Kerle sollen sich dann nehmen, was zurückgeblieben ist. Goldberg kann sich dann unter dem , Namen seiner Ehefrau ein neues Geschäft aufmächen mit dem Fundus von Waren und ohne Schulden. Goldberg versuchte, Einwände zu machen. Er war von Natur aus ein furchtsamer Mensch und er wußte

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