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Die neue Welt · 1930-03-28 · Heft 132 (28.3.1930) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 132 (28.3.1930)
Date
1930-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 132 DIE NEUE WELT Seite 3 aller drei Hochschulen. Gerade diese Tatsache soll den polnischen nationalistischen Hochschülern Anlaß zu Aus« schreitungen in der ganzen Stadt gegeben haben. Gruppen nationaldemokratischer Hochschüler durchzogen die Stadt, wobei eine mehr als 500 Köpfe zählende Gruppe die Scheiben des jüdisch«akademischen Hauses einschlug. Auch wurden Passanten in vielen Straßen mißhandelt. Polizei mußte einschreiten. Die antisemitischen Ausschrei* tungen dauerten bis in die späte Nacht. Pogromartige Ausschreitungen auf einem Jahrmnrkt in der Provinz Posen. Posen, 24. März. (J. T. A.) In Kruszewica, einer kleineren Stadt der Provinz Posen, kam es am 13. März zu pogromartigen Ausschreitungen gegen die jüdischen Kaiifleute und Handwerker, die aus Anlaß des Jahrmarktes in diese Stadt gekommen waren. Mehr als 300 von Agitatoren aufgehetzte Huligans stürzten sich auf die Warenstände und Buden der jüdischen Händler, demolierten sie und raubten, was sie konnten. Mehrere jüdische Händler wurden schwer mißhandelt. Die Ortspolizei war gegen das Treiben ohnmächtig, auch die Feuerwehr, die mit Spritzen gegen die Räuber vorging, konnte wenig ausrichten. Die Huligans zerstreuten sich dann über die ganze Stadt, demolierten mehrere Wohnungen von Juden und raubten sie uus. Der Pogrom dauerte mehr als zwei Stunden. Viele jüdische Kaufleute, solide und angesehene Personen, sowie viele jüdische Handwerker büßten ihr ganzes Hab und Gut ein; sie konnten nichts von den Waren, die sie zum Jahrmarkt zum Verkauf gebracht hatten, retten. Bei einem Versuch, den Pogrom zu erneuern, schritt die Polizei energischer ein und gab auf die Huligans Schüsse ab. Einer der Huligans wurde durch einen Revolverschuß lebensgefährlich verletzt und ist am folgenden Tage im Hospital verstorben. 14 der Räuber wurden verhaftet. Alfred Dreyfus wünscht keine französische Aufführung der „Affäre Dreyfus". Berlin, 22. März. (J. T. A.) Henri Tones, der berühmte Pariser Anwalt und Schriftsteller, der an der Uebersetzung des Rehfisch-Herzogsohen Dramas „Die Affäre Dreyfus" ins Französische arbeitet, telegraphierte über die Meldung der „B. Z. am Mittag" betreffend die Haltung Dreyfus' an seinen Berliner Kollegen Dr. Bruno Weil, dessen Vortrag über die deutschen Akten zur Dreyfus-Affäre überall in der Welt starkes Aufsehen erregte und von dem demnädist eine Broschüre über die Dreyfus-Affäre erscheint: „Es ist richtig, daß der Oberst Dreyfus zum Ausdruck gebracht hat, er sehe die Aufführung der „Affäre" in Frankreich nicht gerne. Aber Dreyfus hat keine Schritte unternommen, unr ein gerichtliches Verbot zu erzielen. Er ist auf Grund der französischen Gesetzgebung hiezu nicht in der Lage, solange das Stück nicht aufgeführt ist und seine Wirkung beurteilt werden kann." Das Stück „Die Affäre Dreyfus" wird also in der Bearbeitung von Torres sehr bald in Paris zur Aufführung gelangen. Das Oberhausmandat Rabbiner Adolf Frankls bestätigt. Budapest, 20. März. (J. T. A.) Bekanntlich 'hat die jüdische Orthodoxie Ungarns den Präsidenten der orthodoxen Landeskanzilei, Herrn Adolf Frankl, der vor einigen Monaten zum Obernabbiner der orthodoxen jüdischen Gemeinde gewählt worden war, als ihren Vertreter im ungarischen Oberhaus designiert. (Im Oberhaus sitzen zwei jüdische Viriliisten, ein Vertreter des neologen und einer des orthodoxen Judentums.) Das Mandat Adolf Frankls wurde ALLER WELT GESCHÄTZT SIND DIESE BEIDEN PRODUKTE PA¬ LÄSTINAS, DIE IN ALLE ERDTEILE VERSANDT WERDEN. KARMEL-WEINE AUS RICHON-LE-ZION SEIT JAHREN EINE INTERNATIONAL ANERKANNTE LEISTUNG JÜDISCHEN WEINBAUES - UND PALÄSTINA MAZZOTH AUS DEM GETREIDE JÜDISCHER FEL¬ DER DER KOLONIEN PALÄSTINAS, DÜRFEN DAHER AUCH BEI UNS IM LANDE NIRGENDS FEHLEN. GROSSVERTRIEB: GUSTAV WILDER IV., BLECHTURMG. 12, TEL. U-43-8-19. TELEGRAMM: KÄRMEL WIEN. tibi?1 i#i ~** i - «. JtiSlf&sffi 0%$^^ HDD StT IffD aber bestritten; man wandte ein, daß die Vertreter der religiösen Gemeinschaften Geistliche sein müssen, daß aber Adolif Frankü bis vor wenigen Mo n a t e n kein R a <b b ii n e r a ni t ib e ik 1 e 1 d e >t e — wenn <jr auch aJs religiöse Autorität einen großen Namen hatte — und sich erst im Hinblick auf das durch das Ableben des Oberra'bbiners Koppe 1-Reiclh freigewordene Oberhiaus-mandat zum Rafobäner wählen ließ. — Heute 'hatte sich der Verifizienwigsanisschuß des ungarischen Oberhauses mit dem Mandat Frankls zu bestihäftägen. Nachdem die vom Unterrichtsininisteriitm und vom Justizministerium eiligefeinde engttfttje fftoffc ALBERT HARDT ^zzr gegr. 119! WIEN I. FREISINGERGASSE 1 Telephon U 20 Z 4I holten Gutachten sieh iür die Verifizierung aussprachen, beschloß der Ausschuß, dem Plenum des Oberhauses vorzuschlagen, das Mandat zu bestätigen. Mau hält es für gewiß, daß das Plenum das Mandat bestätigen wird. Die jüdische Auswanderung im Jahre 1929. Paris, 22. März. Laut dem bei Hias-Ioa-Einigdirect eingegangenen statistischen Material betrügt die allgemeine Zahl der jüdischen Auswanderer im Jahre 1929 45.840, d. h. um etwa 7500 mehr als im Jahre 1928. Von diesen Auswanderern gingen nach den Vereinigten Staaten 13.500, nach Kanada 3680, nach, Argentinien 5986, nach Brasilien 5610, nach Uruguay zirka 2000, nach Palästina 5249, nach Südafrika 2465, nach Australien 350, nach anderen überseeischen Ländern (Kuba, Mexiko, Kolumbien, Venezuela, Peru, Chili usw.) zirka 2000. Nach den westeuropäischen Ländern (Frankreich, Belgien, England usw.) sind nach vorsichtigen Schätzungen über 5000 jüdische Emigranten aus Osteuropa ausgewandert. Die Hauptmasse der jüdischen Auswanderung im Jahre 1929 stammt aus Polen (zirka 25.000), der Rest aus Rußland, Rumänien, Litauen, Lettland und anderen ost- und mitteleuropäischen Ländern. Einwanderungsmöglichkeiten für Juden nach Chile. Paris, 22. März. (J. T. A.) In der südamerikanischen Republik Chile leben etwa 1200 jüdische, unter ihnen rund 200 sephardische Familien. Der größte Teil ist in der Hauptstadt S a n t i a g o d e C h i 1 e und in Jüdische Maranhen im islamitischen Orient. Verschiedene Forschungsreisende haben schon in früheren Zeiten, besonders aber in den letzten Jahren, in den verschiedensten Gegenden des islamitischen Orients bedeutsame Spuren blühender jüdischer Kultur und Ueberreste großer jüdischer Niederlassungen vorgefunden, die jedoch bisher noch nicht zu historischen Publikationen zusammengefaßt werden konnten. Aber S a a r o n i hat recht, wenn er jüngst in einem Aufsatz im „Haaretz" feststellt, daß, wenn man den Staub und Sand des Oriente ordentlich durcheinanderrüttelt und durchsiebt, man ganz sicher unter den Ruinen der Vergangenhejt noch heute glimmende jüdische Kulturreste, sogar bewußt maskierte Juden, eine äußerst charakteristische Art von Maraunentum vorfindet, was dem Historiker viel anregenden Stoff zu bieten vermag. Im ganzen Kaukasus, in Turkestan und in der Krim stoßen wir auf Schritt und Tritt auf jüdische Typen, mit den charakteristischen Judennasen und den semitischen Augen, die aber heute als Armenier, Uswaken, Georgier und Tartaren bekannt sind. Ganze Dörfer in Armenieu haben bis zum heutigen Tag die Tradition ihrer jüdischen Vergangenheit bewahrt. In vielen Häusern kann man hebräische Handschriften finden, die von Generation zu Generation als Heiligtum behütet werden. Unbestritten ist der Judentypus der armenischen Frau, der sich bisher reiu erhalten hat, aber von Uneingeweihten als armenischer Frauentypus hingestellt wird. In der Geschichte des armenischen Volkes haben die Juden eine sehr wichtige Rolle gespielt. Die jüdische Familie Bagartuni gehörte während mehrerer Generationen zu den einflußreichsten Ratgebern des Hofes. In Georgien haben die Juden als erste allgemeine Kultur verbreitet. Aber auch die christliche Mission ging in Georgien von Juden aus. Die Nonne Nina, als eifrigste Missionärin in Georgien bekannt und verehrt, war Jüdin. Ein Zweig der armenisch-jüdischen Familie Bagatuni, der in Georgien lebt, wird auch heute noch zu den angesehensten Notabein in Georgien gezählt. Fast sämtliche Führer der nationalen Gruppen im heutigen Georgien stammen von Juden. In Turkestan gibt es einen Stamm, der äußerlich uud auch in seinen Gebräuchen jüdisch ist. Die Sitten und Gebräuche der muselmanischen Bevölkerung von Turkestan sind mit jüdischen Gebräuchen untermischt. Ganze Städte findet man, in denen die Bevölkerung wichtige Familiensitten und auch religiöse Gebräuche bis heute ungeschwächt bewahrt habeu. In der Stadt Chodschant herrscht auch heute noch die sonderbare Sitte, daß die Frauen am Sabbatvorabend in hiezu dienenden Fässern Sabbatkerzen entzünden. Es wird angenommen, daß diese religiöse Sitte aus der Zeit der allgemeinen Zwangsbekehrung der Juden stammt, und daß die ersten jüdischen Maranneu im islamitischen Orient das Sabbatlicht in Fässern entzündeten, damit ihr Schein nicht nach außenhin sichtbar werde. Nicht weit von Samarkand liegt „Kuschlak- Dschahud", was soviel wie jüdisches Dorf bedeutet. Nach der Ueberlieferung lebten dort einst tausend Juden, von denen die Hälfte niedergemetzelt wurde, während die übrigen die mohammedanische Religion annahmen. Fast in jedem Kreis dieser Gegend stoßen wir auf Dorfbeneunungen wie „Dorf der 40 Juden" oder bezeichnenderweise Dorf der „40 kleinen Juden", und an anderer Stelle wieder „Dorf der 40 großen Juden". In der Umgebung von Buchara führt ein Eingeborenenstamm bis zum heutigen Tag den Namen „J a h u d i". Außerdem gibt es eine große Gemeinde von etwa 10.000 Seelen, die „Tarbuschjuden" genannt werden. Diese Gemeinde besteht aus Ueberresten von Marannen, die sich bis zum heutigen Tage nicht ganz assimiliert haben. Sie heiraten nur untereinander, gelten in den Augen der Muselmanen als Juden, während die Juden sie als Mohammedauer betrachten. Nach dem Umsturz äußersten sie den Wunsch, auch öffentlich zum Judentum zurückzukehren, was ihnen bisher unmöglich gemacht wurde. Diese Menschen wurzeln so tief im traditionellen Judentum, daß sie sogar ihre Lieblingsblumen und Bäume nach Juden benennen. Am bekanntesten ist der jüdische „Kirschbaum". An der Grenze von Afghanistan wird — wie auch au dieser Stelle aus einem anderen Anlaß bereits festgestellt wurde — ein Teil der Bergzüge „judäische Berge" genannt. Anläßlich der allgemeinen Volkszählung in Rußland, nahm ein im Kreise Aschabat in Turkmeuieu arbeitender Beamte die Familiendaten einer turkmenischen Familie auf. Plötzlich fragte der Aelteste der Familie den Beamten: „Bist du Jude?" — „Ja" — antwortete der Beamte. „Dann sag uns doch, wann wirst du uns endlich nach Jerusalem bringen?" — fragte der alte Turkmene den Beamten, der allerdings darauf die Antwort schuldig blieb. Aber aus dem weiteren Gespräch konnte der Beamte entnehmen, daß diese Familie sowie auch andere turkmenische Familien sich auf Grund der Familienüberlieferung als Juden betrachten, viele jedoch bereits ihren Ur-

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