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Die neue Welt · 1930-03-21 · Heft 131 (21.3.1930) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
4 (1930)
Issue
Heft 131 (21.3.1930)
Date
1930-03-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 131 Dlfi NEUE WELT Seite 9 Polen. hat vor einiger Zeit eine Konferenz im Unterrichtsministerium stattgefunden, an der die Präsidenten der größten jüdischen Gemeinden Polens teilnahmen. Nach einer sachlichen Aussprache kam in dieser Konferenz zum Ausdruck, daß es Sache der Regierung sei, diese Angelegenheit zu regeln. Das Unterrichtsministerium soll bereits einen GegeiientWürf fertiggestellt haben, wonach diese Angelegenheit für alle polnischen Universitäten geregelt wird. Der Proteststreik der jüdischen Kaufmannschaft und Handwerkerschaft. Warschau, 11. März. (J. T. A.) Der vom Jüdischen Purlamentsklub als Protest gegen den auf der jüdischen Kaufmannschaft und Handwerkerschaft lastenden übermäßigen Steuerdruck für Dienstag, den 11. März proklamierte Streik wurde in allen Städten Polens in imposanter Weise durchgeführt. Die jüdischen Geschäfte waren geschlossen, die Handwerker feierten, stark besuchte Protestkundgebungen wurden abgehalten. Der Zentralverband der jüdischen Kaufmannschaft, der Verband der jüdischen Kleinhändler und der Zentralverband der jüdischen Handwerker haben gemeinsam mit dem Zentralverband der christlichen Kleinhändler und dem Verband der polnischen Handwerker einen offenen Brief an die Regierung, den Sejm und die gesamte Oeffentlichkeit gerichtet, in welchem auf die verzweifelte Lage der Händler und Handwerker als Folge des Steuerdrucks hingewiesen und an die Regierung wie an den Sejm appelliert wird, besonders die unerträgliche Umsatzsteuer zu vermindern, weil sonst das Wirtschaftsleben in eine Katastrophe gerät, deren Entwicklung unabsehbar ist. Auch in Wilna fand ein solcher Proteststreik statt. Das jüdische Schulwesen in Rumänien. Interpellation in der Kammer. Bukarest, 9. März. (J. T. A.) In der letzten Sitzung der rumänischen Kammer richtete der jüdische Deputierte aus Kischincw, Dr. Michael L a n d a u, eine Interpellation an den Unterrichtsminister, in der er u. a. ausführte: Die Situation der jüdischen Schulen aller Grade ist unerträglich geworden. Alle bisherigen Schritte der jüdischen Parlamentarier bei der Regierung, um einen Wechsel in der Politik den jüdischen Schulen gegenüber zu erzielen, waren vergeblich. Bei Beginn der nationalzaranistischen Regierung hoffte man, daß der von den früheren Regierungen im Kultusministerium hinterlassene judenfeindliche Geist verschwinden, wird. In der Praxis ist aber alles beim alten geblieben. Selbst wenn der Unterrichtsminister Forderungen der jüdischen Schulen in günstiger Weise erledigt, bleiben diese Erledigungen tote Buchstaben in den Schubladen der Ministerialbüros. Das war der Fall bei der Intervention des jüdischen Parlamentsklubs für die Wiedereröffnung der vom früheren liberalen Unterrichtsminister Angeheleco geschlossenen staatlichen jüdischen Volks- und Mittelschulen. Die Tragödie unserer Schulen darf nicht weiter andauern. Der reaktionäre Geist im Gesetze für den Privatunterricht und die reaktionäre Auslegung von Art. 7 des Volksschulgesetzes und von Art. 11 des Mittelscbulgesetzes haben zum völligen Ruin der jüdischen Schulen geführt. Die hebräische Sprache wird in den jüdischen Schulen als fremde Sprache betrachtet. Das Gesetz hindert die Juden an der Errichtung eigener Lehrerbildungsanstalten, während gleichzeitig von den Lehrern an jüdischen Schulen die Absolvierung einer solchen Anstalt verlangt wird. Die Lehrer sind fortwährend Vexationen ausgesetzt. Die jüdischen Schulen erhalten nicht das Oeffentlichkeitsrecht, wodurch ihre pädagogische Autorität untergraben wird. Das Ministerium verbietet die Abhaltung von Kursen für Erwachsene in Hebräisch. Die Anordnungen des Gesetzes über den Mittelschulunterricht, die ganz klar die Errichtung von KatheoVrn für jüdischen Religionsunterricht vorsehen, sind bis heute noch nicht zur Anwendung gelangt. — Die Interpellation wird in Kürze beantwortet werden. Das jüdische Volk im letzten Jahrhundert. Die Vorbedingungen für Umsiedlung und Umschichtung. I. Dem Kulturhistoriker und dem Sozialpolitiker' bietet das 19. Jahrhundert ein überaus interessantes Problem: die Entwicklung des jüdischen Volkes, welche zwei Prozesse, Umsiedlung und Umschichtung entscheidend bestimmt haben. Aus der Umsiedlung ergab sich für das jüdische Volk seine Expansion und - Konzentration; aus der Umschichtung das. Erstehen'J neuer Klassen und die Klassendifferenzierung. Ueber diese, beiden Prozesse, die das Bild, des : jüdischen Volkes im letzten Jahrhundert in prägnante-J s'ter Weise charakterisieren, stellt der sozialpolitischen Publizist Jakob Lestschiusky im „Weltwirtschaft--; liehen Archiv" eine umfassende, mit reicher Statistik;, belegte Betrachtung an, deren Resultaten wir in ihren | wesentlichen Linien folgen. Lestschiusky sieht in der Revolution der Technik und Industrie den VorbotenJ der nahenden Umwälzung im Leben des am Anfang des^ 19. Jahrhunderts kleinen jüdischen Volkes, in seines1. raschen quantitativen Wachstums, seiner Weltverbrei* tuug und seiner sozialen Umgestaltung. Er erkennt» daß der Zusammenbriföb des alten Wirtschaf tssy steinst de* Aufschwung des Kapitalismus in Mitteltä|^ Q^jfüropd die jüdischen Massen zwingt, sowohl ihri&f g^o g r n* zu halte«. Die-V'ü^\i^y%cM#*S^MtfHi dW-gnn« zen Welt von Gr^j.a||^^iier1ctiM Zentrum des Wirt* scnaftlichen Lebens vomi Äaciieu Land in die Stadt verlegte, Bewirkte die Ausbreitung der J federt Über die gäUze* Welt/ ihre Vefstädtuiig (Üfbanisierung) und ihre Konzentration in kompakten Massen. Die Judön, das älteste Volk Europas, in Städten konzentriert, haben nun die Möglichkeit, ihre1 finanziellen und kommerziellen Fähigkeiten wirksam zu machen und sich für ihre geistige Regsamkeit ein ausgedehntes Betätigungsfeld zu finden. Nadi Hunderten von Jahren findet sich das jüdische Volk, bis jetzt ein wanderndes Vermittlervolk mit-' ten unter bodenständigen Völkern, im 19. Jahrhundert in der modernen Stadt. Und nun steigen seine verachteten Erwerbsquellen und Beschäftigungen, um derentwillen es der Verachtung und dem Leiden ausgesetzt war, zu wertvollen Funktionen empor — eine neue Wirtschaft ist entstanden. Erst in der Atmosphäre der neuen städtischen differenzierten Gesellschaft, an deren Leistungen der Jude in außerordentlichem Maß beteiligt war, korinten in ihm das Gefühl der bürgerlichen und klassenmäßigen Gleichstellung aufkommen. Bisher stand ihm die eine Klasse zu hoch, die andere zu tief. Da der Jude keinen Platz innerhalb der Klassen fand, schob er sich z w ischen sie ein. Die jüdische Nation wurde zu einem Klassen einschiebsei und seine soziale Ausnahmslage bewirkte den. tragischen. Charakter des j ü d i s c h e n D a s e i n s : ein Fremdkörper in sozialer, politischer und kultureller Beziehung zu sein. Das Aufkommen neuer produktiver Klassen bei den Juden schuf die Basis für ihre ökonomische Annäherung an die umgebende Bevölkerungsmehrheit. Dabei behielten diese Klassen gewissermaßen noch ihre Eigenart, die in ihrer Entstehung sozial bedingt .war. Während auf dem Hintergrund des . erstarrten statischen, agrarischbäuerlichen Lebens die dynamische Figur des handeltreibenden Juden einen aufreizenden und beunruhigenden Eindruck machte, war sie. im Getriebe der, Großstadt eine harmonische Erscheinung, und alles ringsum war bestrebt, ihr ähnlich zu werden. Die Tragik löste sich zumindest im sozialen Sinne. Gewiß ist die soziale, Exklusivität der Juden auch heute noch nicht überwanden.! Aber ihre, krasse Form, wie sie noch am Anfang des,vorigen Jahrhunderts für den jüdischen Organismus charakteristisch war, existiert nicht mehr. Die Fremdartigkeit der Juden (im Vergleich zur Umwelt), die sie zu einer Gruppe von Krämern und Händlern machte, die „physischen" Beschäftigungen als ihrer unwürdig und erniedrigend ansah und ihnen Haß und Verfolgung zutrug, gehört der Vergangenheit an. Der Gegensatz hob sich auf: Die umgebende Welt wurde immer „jüdischer", d. h. sie zweigte mehr und mehr städtische Klassen, kaufmännische und Vermittlerelemente, ab; die jüdische Welt dagegen wurde „unjüdischer", indem arbeitende, produzierende Schichten entstanden, statische Grundklassen. Aus diesem Prozeß der sozialen Angleichung an andere Völker erklären sich die nationalen und sozialen Bewegungen im Lauf des ' letzten Jahrhunderts. Aus diesen noch nicht zum Abschluß gelangten Prozessen erklären sich, in der Darstellung Jakob Lestschinskys, d|r , seelisch-historische Elemente unberücksichtigt läßt, die Assirailatioustendenzen der ^5£^S^S<^J des mit dem Zeichen der streng rituellen Erzeugung versehene Kunerol. Das Verschlußsiegel bürgt Ihnen dafür, daß Kunerol von jedem StrengglSubigenohneBedenken genossen werdenkonn. Kunerol ist reines Kokosnufefett und kann sowohl zur Zubereitung von M i 1 c h s p e i s e n als auch zur Zubereitung von Fleischspeisen verwendet werden. NEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT jüdischen Großbourgeoisie, die zionistischen Bestrebungen des jüdischen Mittel- und Kleinbürgertums (die der jüdischen Großindustrie und des Großkapitalismus berührt Lestschinsky nicht), der Kampf der jüdischen Arbeiterklasse um gleiche nationale Rechte und Werte neben dem gemeinsamen Kampf mit den anderen Arbeitern um.ihre soziale Position. Aus einem kleinen, drei Millionen Seelen zählenden, in unzähligen Dörfern und Städtchen zerstreuten Volk entwickeln sich die Juden innerhalb eines Jahrhunderts zu einem Fünfzehnmillionenvolk. Das Weltjudentum entsteht! 15 Millionen sind in der ganzen Welt, in 60 Staaten verbreitet. Fast ein Drittel des jüdischen Volkes lebt in den 15 größten Städten der Kulturwelt. Hauptsächlich slawisch nach ihrer Staatszugehörigkeit, ländlich-kleinstädtisch nach ihrem Wohnsitz, krämerisch und kleinhändlerisch nach ihren Berufen, fristeten fast 90 Prozent des jüdischen Volkes noch vor 100 Jahren ihr Leben in Not und Armut, ein Ghettoleben, das sie von der Kultur der Umwelt absdiloß, ohne jeden Zusammenhang mit irgendwelchen Klassen der umgebenden Völker. Der Rest wohnte in Deutschland, bestehend aus einer dünnen Schicht von Bankiers und Großhändlern, die bald abfielen — teils durch Auflösung, teils durch Taufe — und aus Kleinhändlern, die politisch rechtlos und den Quellen der tausendjährigen Ueberlieferung bereits entrissen waren. Das Schicksal der englischen, französischen und italienischen Juden war noch kläglicher, da sie nicht einmal durch den Zustrom neuer jüdischer Massen aus Osteuropa zu jüdischem Volksleben wiedererweckt werden konnten und im übrigen an Zahl sehr gering waren. Unzulänglichkeit an Quantität — so lautet Lestschinskys Theorie — bedingt Unzulänglichkeit an Qualität. Für alle Völker, seien sie eigenstaatlich oder staatenlos, namentlich wo es sich um soziale und politische Tat handelt, gilt das Gesetz: Je größer und stärker ein Volk, desto reicher und schöpferischer. Die Zahl ist es schließlich, die das Schicksal eines jeden Kollektivums besiegelt! (Also der Majoritätsbegriff, wie wir ihn auf Palästina anwenden!) (Ein zweiter Artikel folgt) m Was ist mit dem Päiästitia^Hilfsfonds geschehen? Allgemeine Hilfsarbeit* — Fürsorge för Invaliden. — Aufbau von Hebron und Safed. Der Ge samtbetra g, der - vom Hilfsfonds bei £ d|jn Juden in allen' Ländern, einschließlich.Palästina,) gesammelt wurde, belauft sich; auf: Pf und 520.000.Bisher | sind nach Palästina Pfund 205.000 überwiesen worden.'; Der Hilfsfonds betrachtet es als seine Aufgabe,; der jüdischen Bevölkerung Palästinas bei der Ueber-! windung der durch die Unruhen entstandenen Schwierigkeiten zur Seite,zu stehen; und bei der Wiedererrichtung der zerstörten Siedlüngspunkte und Positionen zu helfen. Dabei galt als Prinzip, Hilfe nur denen zuteil werden zu lassen, die von den Unruhen unmittelbar gelitten haben. Bei aller Sympathie für die Institutionen, die .durch Verminderung ihrer Einnahmen indirekt durch die Unruhen gelitten haben, kann der Hilfsfonds ihnen kein Anredit auf die von ihm verwalteten Mittel einräumen.; i. Unmittelbar na,ch den Unruhen konzentrierten sich die Bemühungen des Hilfsfonds auf die allgemeine" Ri l f s a r b e i t. ' Für 12.000 Flüchtlinge mußte Verpflegung, Wohnung, Bekleidung usw. sichergestellt werden. ■ ••. - v : .; Zunächst mußte der Hilfsfonds, eingreifen, um (Jen Flüchtlingen eine JJnterkunn zu verschaffen, ihnqn.. JCleidung zu geben und möblierte Wohnungen zur Ver-, fttjjuiig zu stellen. Der Hilfsfonds war bemüht, diese Art Unterstützung so schnell als möglich einzustellen, indem; .er») 4e» Flüchtlingen Anleihen zum Wiederbezug der*; verlassenen Wohnungen oder zum definitiven Bezug, neuer Wohnräume gewährte. Mit der Einstellung der' Tätigkeit dieser Hilfskomitees erhielten die Flüchtlinge aus Safed, Hebron und den zerstörten Siedlungen Geldbeträge,- die für ihren Unterhalt bis Ende März genügen werden. Die für diese Unterstützung erforderliche Summe wird schließlich Pfund 45.000 betragen. In dieser Summe ist die Hilfe an die J es ch i w a h in Hebron, die Pfund 4200 erhalt enhat, inbegriffen. Die Ausgaben fürdieärztliche Hilfe betrugen zirka Pfund 8000. Eine umfangreiche Tätigkeit wurde aus den Mitteln des Hilfsfonds auch für die Kinder der Flüchtlinge geleistet. Die verausgabte Summe belauft sich auf Pfund 2100. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Fürsorge für Witwen und Waisen geschenkt. Sie erhielten Wohnungen, Kleider, Ernährung und Hilfe in verschiedenen anderen Formen; ein Betrag von Pfund 25.000 wurde für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. Audi die Fürsorge für di© Invaliden fällt in das Bereich der Tätigkeit des Hilfsfonds, Ein Teil der Verletzten wird erst nach einigen Monaten oder nach einem Jahre die Arbeit wieder aufuehmeu können. Bis dahin werden sie aus Mitteln des Hilfsfonds unterstützt. Annähernd tausend Anleihen wurden durch den Hilfsfonds an Kaufleute und Handwerker gegeben, die durch die Unruhen gelitten haben und eine Auszahlung* von Entschädigungen durch die Regierung erwarten. Der Betrag dieser Anleihen belauft sich auf zirka Pfund 40.000. Darlehen im Betrage von zirka Pfund 15,000 wurden an H ü n d 1 e r, J n. a u s t r i e 11 e und Handwerker, die durch die Unruhen mittelbar gelitten haben, gegeben. Für Rechtshilfe war ein Betrag von Pfund 7500 im Zusammenhang mit der Vertretung . von Katschadjiguogsforderungen usw. erforderlich. Fw die Errichtung von zen t r a 1 en W ohnfebäuden, Sperrzäunen, Straßenbauten, elephonen in den Siedlungen wurde ein Be-

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