Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 4 (1930)
- Issue
- Heft 129 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711736-2711747--1699-2714933- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seile 1 ^~ m NEUE WELT Nr. 129 WIEN Vit.. KAlSERSTRASSE 123 IX.. ALSE «STR ASSE 6 FßRNSPftSCHßN B-äS-CMS könnten. Um diese geistige und moralische Erpressung geht es Herrn Prof. Rauchberg. Der Vorschlag des Statistischen Amtes hat in jüdi« sehen Kreisen begreif liehe Erbitterung und da* Extempore des sonst liberalen „Prager Tagblatt", dag seine Leftartlkelspalte den fn praxi reaktionären Ausfüh« Hingen Rauchbergs öffnete, größte Empörung hervor» gerufen. Wir glauben mit aller Bestimmtheit sagen zu dürfen, daß die Sache ganz ander» geregelt werden wird als das Statistische Amt vorgesehlagen hat und als ea Herr Prof. Rauchberg gerne möchte. Denn die Tschechen werden eine Verunglimpfung ihrer Verfassung nicht zuj fassen und dürften fernerhin sehr wenig Ursache haben, den Deutschen auf Kosten einer wichtigen Minorität ent« gegen zu kommen. Die beiden jüdischen Abgeordneten werden Ueberfftlle, auch wenn sie ex kathedra kommen, zu verhindern wissen. Ein Mitglied der französischen Regierung für jüdische Einwanderung In Prankreich. Paris, 28. Februar. (J. T. A.) Deputierter Charles Lambert, Unterstaatssekretär für Kriegs- Wesen in der neuen Regierung Chautemps (die inzwischen zurückgetreten ist), hielt in einer Versammlung des jüdischen Redeklubs eine Ansprache, in.der er aus* führte, die französische Regierung und dos französische Volk haben ein Interesse an einer jüdischen Einwanderung. Die Juden, schloß Lambert, passen sich sdmell den französischen Verhältnissen an, die Juden Frankreichs sind ein Teil der französischen Familie. Gedenkfeier für einen Nichtjuden in der Grodnoer großen Synagoge. Warschau, 2. März. (J. T. A.) Mehr als 2000 Bürger der jüdischen Gemeinde von Grodno versammelten sich in der Großen Synagoge zu einer Trauergedenkfeier für den vor kurzem in Lemberg verstorbenen (ehemaligen Chef des Militärstabes von Grodno Oberst Kszyszek. Die Gedenkrede hielt der Heeresrabbiner Hauptmann S t e i n b e r g. Die Zuhörerschaft war sehr bewegt. Oberst Kszyszek war ein .großer Menschenfreund und ein Beschützer der Grodnoer Judenschaft in Zeiten der Not Bei Uebernahme der großen Tabakfabrik Szereszewsky in Staatsmonopol hat er sich dafür eingesetzt, daß ein großer Teil der jüdischen Arbeiterschaft auf ihrem Platz belassen werde. So ist es gekommen, daß die Grodnoer Tabafabrik noch 40 Prozent jüdische Arbeiter zählt, während an allen anderen staatlichen Tabakfabriken Polens die frühere Belegschaft bis auf wenige Reste auf die Straße gesetzt wurde. Das Schächtverbot in Baden abgelehnt. — Antischächtbetchluß in Bayreuth rnigfiltig. Berlin, 2. Marz. Der Rechtspflegeausschuß des badU sehen Landtags hat den nationalsozialistischen Antrag auf Verbot des Schächtens der Schlachttiere mit den Stimmen des Zentrum», der Sozialdemokraten und der Demokraten gegen die Stimmen der Antragsteller und der Bauernpartei bei Stimmenthaltung der Deutschen Volkspartei abgelehnt. Bericht« erstatter des Ausschusses war Abg. Kühn (Zentrum). Begründer den Antrags war der Nationalsozialist Kraf*. — In der sehr lebhaften Aussprache brachten die Ver» tretcr der Sozialdemokratie und des Zentrums zum Aus» druck, daß ihre Fraktionen in dem Antrag antisemi« tische Tendenzen und Beschränkung der religiösen Freiheit erblicken. Die Meinungen darüber, ob das Schachten Tierquälerei sei, gingen unter den Sachver» standigen auseinander. Auch die deutsche Militärver* waltung habe vor dem Kriege für die Herstellung der Konserven das Schächten, der Tiere gefordert. — Wie aus Bayreuth mitgeteilt wird, werden dort nach wie vor im Schlachthof für den einzigen' am Platze ansässigen jüdischen Metzger Schächtungen vorgenommen. Das Schächtverbot des Stadtrates wurde von der Regierung, als im Widerspruch zu den Landesgesetzen stehend, nicht bestätigt und tritt somit nicht in Wirk* samkelt. Mordbeschuldigung gegen fünf Juden in Litauen. — Gefährliche Juden hetze im Kreis Schauten. Kowno, 28. Februar. (J. T. A.) In dem Städtchen Scheimei, Kreis Schnulen, wurde in der Nacht der tote Körper des Tierarztes Avischenis in einem Brunnen aufgefunden. Bald verbreitete sich das Gerücht, daß die jüdischen Schlächter Avischenis in den Brunnen geworfen haben. Es stand fest, daß Avischenis in der kritischen Nacht den Weg nach demSchlacht» haus genommen hatte, aber dort nicht mehr ankam. Fünf jüdische Schlächter namens Mosche Lekusonek, Mana, Abraham Fleischmann, Abraham Schneider und M. Leku» sonek wurden unter Mordbeschuldigung ver» haftet, obwohl sie als fromme, ruhige Und geschäftlich einwandfreie Bürger bekannt sind und obwohl sie be« teuern, daß Sie an dem > Tode des. Tierarztes nicht die ge» ringate Schuld tragen und es wohl denkbar sei, daß Avischenis zu dunkler Nachtzeit, in der noch dazu Glatt* eis war, in den sehr niedrig umfriedeten Brunnen gefallen und der Tod durch diesen Unfall erfolgt sei. In Scheimei und der ganzen Umgebung Wird von Agitatoren eine wüste Hetze geg en die Ju denschaf t im Zu« sammenhang mit dem Tod des . Avischenis geführt, es wird mit Exzessen gedroht. Während die Verhafteten schweren Folterungen unterworfen werden, weil man sie zu einem Mordgeständnis bringen will, lebt die ganze jüdische Bevölkerung der Qegen^ infolge der Hetze und der bestehenden Erregung in einer schweren Panik. das Bett der degenwart und Zukunft!!! Schlaffautoull«, mit einem Griff als Bett verwendbar *sr Josef Röblitz & Sohn wü£Ä/l 2 s In Aroma und Geschmack vorzüglich | s Prof so t § 19.— I Kitte, enthaltend 80, 60. 78 oder 90 Stttok stait S nur S 5 f Klate, enthaltend 100, 120, JBG orler *2gL r 3 180 StUok statt S ktunur S s 3 Ortglnalpaket, enthaltend if$.; 23 Oft s 2 oder 28 Stttak statt 8 7.40 nur S ViOll 5 I sowie Original Palästina*Wewie! | S 8e«tetluitff«h auch nach Haute In Originalpackung zustellbar 5 i Samuel Halpern 1 3 Wien, llM Förstergass« 6 / Tel.-Nr. R-40-4-12 5 TltllflltlllltlllllllllllllllfffIIItllflfflllllllllllllfllllllllltllllfllll^ Ein Schwein in der Synagoge. Berlin, 27. Februar. (J. T. A.) Der Synagogenneubau in Plauen wurde zweimal geschändet. In der Nöcht zum 12. Februar wurde die Synagoge, die vollständig unter Dach und Fach ist, erbrochen und ein verendetes Ferkel im Innern niedergelegt In der Nacht zum 17. Februar wurden 14 Fensterscheiben des Neubaues zertrümmert. Eine traurige Statistik. In der vom Statistischen Reichsamt herausgegebenen Zeitschrift „W irtschaft und Statistik" werden im ersten Februarheft die Hauptergebnisse der Reichsgebrechlichen-Zählung veröffentlicht Als Grundlage der Gebrechlichen-Zählung im Deutschen Reich diente eine im Rahmen der Personenstandserhebung 192? vorgenommene besondere Erhebung der Gebrechlichen. Ein Abschnitt der Veröffentlichung behandelt die Religionszugehörigkeit der Gebrechlichen. Er lautet: Auf je 10.000 Angehörige der einzelnen Religionsbekenntnisse kommen: ev. kath. isr. sonst. Blinde 5,5 4,8 6,3 2,7 Taubstumme 5,4 5,8 8,3 1,6 Ertaubte 1,6 1,4 1,7 1,0 Körperlich-Schwergebrechliche 49,9 44,4 23,8 41,9 Körperlich-Leichtgebrechliche 19,8 21,2 8,9 19,8 Geistig-Gebrechliche 35,8 37,6 48,7 11,1 ' Auffallend ist' der verhältnismäßig große Anteil der Israeliten bei den Geistig-Gebrechlichen, aber auch bei den Blinden und Taubstummen. Verband demokratischer Zionisten Mittwochversammlung am 12. März entfällt! Am 13. Mär», halb 0 Uhr abends, im Cafe Produktenbörse, II., TaborstraBe Purimfeier und so sind wir allmählich ohne ein Buch geblieben, mit leeren Regalen. Dasselbe ist mit den Zeitungen und Zeitschriften geschehen. Trug ein Zionist die „Volkszeitung" vom Tisch weg, kam ein Bundist und nahm den „Hajnt" an sich; kamen sie beide und verschleppten den „Moment"; kamen die „Poale zinikes" und räumten das Organ der Arbeiterjugend „Freiheit" ab, worauf die Mitglieder der Arbeiterjugend kamen und das Organ der Zeire Zipn „Der najer Weg" verschwinden ließen; kamen die Genossen vom „Jugendbund" und beseitigten die „Judische Stimme", das Organ der „Poale Agudas Isroel": kamen die Revisionisten und vertilgten den bundistischen „Wecker", so kamen die Kommunisten und nahmen alles miteinander weg ohne Ende, ohne Ziel . . .! So hatten wir ein wahres Chat-Gadja. Alle sind wie ohne Zeitungen geblieben, die Tische sind ao nackt geblieben, wie die Mutter uns geboren hat. Dasselbe geschah mit den Wänden. Auch da spielte sich die gleiche Demagogie und Demoralisation ab: nimmt der Jiddischist Bialiks Porträt herunter, kommt ein Hebraist und schleppt Perez weg mitsamt Asch; kommt ein Dritter, schleppt beide weg und hängt Marx auf; kommt ein Poale Zionist, nimmt alle Porträts herunter und hängt Srebuwel mit Nachmia LeblknopE auf; kommt ein allgemeiner Zionist, schleppt Srebuwel weg und hängt Balfour mit Chaim Weizmann auf; kommt ein Revisionist, reißt Balfour mit Weizmann herunter und hängt Jabotinsky mit Trumpeldor anf; kommt ein Kommunist und reißt sie alle miteinander herunter und hängt Lenin auf mit Litwakpw. Und so hat man sich hereingelegt in das Abreißen der Bilder, bis auch die Wände leer genlieben sind. Es sieht so aus wie die Geschichte von dorn älteren Herrn, der zweimal geheiratet hat eine Alte und eine Junge. Die Alte hat ihm seine schwarzen Haare herausgerissen, die Junge — seine grauen Haare, bis der Mann mit einem Kahlkopf zurückgeblieben int. In dieser Weises, mein. Freund, sind alle: unsere Parteien auf dem Boden unserer Bibliothek -„zum leuchtenden Strahl" tätig gewesen, und jetzt haben wir das, was Sie sehen: ein -»Schlachtfeld. Wirklich keine Spur mehr zurückgeblieben!" Das Unikum von einer Bibliothek. Hannigun. ,. (Geselschaft zur Förderung jüdischer Musik.) Vor mehreren Monaten wurde in Tel« A wi w (Pa» iästina) eine neue Gesellschaft gegründet (Vorstand: Prof. David Sc hör, S. Rosowsky und Dr. Rosen stein), die sich neben der Erforschung orientalischer Musik im allgemeinen, die Förderung und Verbreitung jüdischer im besonderen zum Ziele gesetzt hat. Der Verein in Tel« Awiw zählt bereits 150 Mitglieder, ein Zweigvcrcin in Je» rosalem ist ebenfalls gegründet worden. Die, „Hannigun"* Gesellschaft, die sich als direkte Nachfolgerin der Peters» burger „Gesellschaft zur Förderung jüdi» sehet Musik" betrachtet, will sich nicht auf Palästina allein beschränken, sondern soll der Ausgangspunkt zu einem Weltverband werden. Beabsichtigt ist, weiteste Kreise heranzuziehen, überall Mitglieder zu werben und Zweiggruppen zu bilden. Die Aufgaben einer derartigen Gesellschaft sind natürlich mannigfaltiger Art: Heraus» gäbe von jüdischen Musikwerken, Unterstützung junger jüdischer Komponisten, Veranstaltung von Propaganda« konzerten und vor allem die Schaffung einer finanziellen Basis für das weitere Bestehen des einzigen jüdischen Musikverlages „Juwal". Unter wenig verheißungsvollen äußeren Umstünden, aber mit viel Mut und großer Begeisterung wurde kurz nach dem Kriege in Berlin der Musikverlag ins Leben ge» rufen. Inzwischen hat er einen langen Leidensweg zurück» legen müssen. Niemand, der nicht mit der Tätigkeit dieses jüdischen Verlages zu tun hatte, kann die Schwierigkeiten ermessen, mit denen zu kämpfen war und ist. Die Mittel einzelner Personen, die direkt am Unternehmen beteiligt waren, sind erschöpft. Die vielen Opfer und das weit» gellendste Entgegenkommen seitens der Komponisten konnten die Existenz des Verlages nicht mehr sichern. Seit Jahren wird nichts Neues gedruckt. Viele Werke, die ver» griffen sind, können nicht nachgedruckt werden. Darf diese Situation noch länger anhalten? Nein! Das Bestreben eines eigenen Musikverlages ist für die gesamte Entwick» hing der jüdischen Musik von eminenter Bedeutung. Der :.Verlag, der Mittler ist zwischen dem schaffenden Musiker und dem konsumierenden Publikum, wird zum eigentlichen Träger unserer Bewegung. Ein leistungsfähiger Verlag hat die weitgehendsten Möglichkeiten, die Musik zu fördern, eine regelmäßige Berührung zwischen dem Musiker und dem Publikum herzustellen, da nur auf diesem Wege die Werke ins Volk gelangen können. Ein solches Unterneh* men wird seine ideellen Bestrebungen jedoch nur dann durchführen können, wenn die finanzielle Grundlage gesi« chert ist. Mit der Drucklegung eines Werkes wird das Risiko des Verlages enorm. Ganz besonders in diesem Falle, da ja der Absatz der jüdischen Musik noch keinesfalls garan« •tiert ist, da das Interesse im Volke ziemlich gering ist. Die Kluft zwischen dem Künstler und der Masse wird jetzt besonders fühlbar. Das ganze Verhältnis zur Musik be» darf beim jüdischen Volke einer neuen Orientierung. In Verbindung mit der neu aufflammenden eigenen Welt» und Lebensanschauung muß auch eine neue, fruchtbare Kunst« vanschaüung in den Mittelpunkt dieser Wandlung rücken. Vor allem müssen unsere Massen überhaupt zur Kunst, zur Kunstmusik erzogen werden. Die Musik muß e i n e I e b e n d i g e Angelegenheit des ganzen Volkes werden. Wenn der begonnene Renaissance» prozeß des jüdischen Volkes sich auch auf musikalischem [Gebiete voll und ganz auswirken soll, so müssen wir alles daransetzen, um den Bestand und den Aushau des M u» aikvsrlages zu ermöglichen,